Gedenken am Mittelmeer

Frankreichs Region Okzitanien ist beliebt bei Touristen – vor allem die Küste an der spanischen Grenze. Nur wenige wissen, dass die Gegend im vergangenen Jahrhundert Hundertausende von Flüchtlingen aufgenommen hat. Lange Zeit herrschte Schweigen darüber, denn nicht immer haben die Franzosen die Flüchtlinge gut behandelt. Doch inzwischen werben die Tourismusverbände im Département Pyrénées-Orientales damit, sich Zeit zu nehmen für dieses schwierige Kapitel der französisch-spanischen Geschichte. Die Ausstellungen haben in Zeiten der Flüchtlingskrise eine große Aktualität. Hier eine Auswahl von  Gedenkstätten – auch mit einem Blick über die Grenze nach Spanien:

ARGÈLES-SUR-MER / LAGER AM STRAND

Noch ist es ruhig am Strand von Argelès-sur-Mer, die Saison geht erst noch los. Ein kühler Wind kommt vom Meer, Wolken ziehen über die Pyrenäen, die Grenze zu Spanien ist nur 30 Kilometer entfernt. Der französische Ort am Mittelmeer unweit von Perpignan ist beliebt bei Campern. 60 Campingplätze gibt es hier. Wenn die alle voll sind im Hochsommer, zählt der Ort 250 000 Menschen statt der üblichen 11 000.

Hier lebten einst Flüchtlinge in unwürdigen Zuständen: Der Historiker Grégory Tuban am Strand von Argelès-sur-Mer.

Grégory Tuban steht am Strand und zeigt nach Norden. „Hier zog sich das Lager entlang, aber es gibt keine Spuren mehr davon“, sagt der Historiker aus Perpignan. Dort, wo sich bald wieder die Urlauber sonnen, wurden einst spanisch-republikanische Flüchtlinge in ein Lager gepfercht.

Der Bürgerkrieg in Spanien (1936 bis 1939) löste mehrere Flüchtlingswellen nach Frankreich aus. Als Barcelona fiel und die Republikaner vor den Truppen des faschistischen Generals Franco flüchteten, überquerte im Februar 1939 fast eine halbe Million Menschen die Grenze in La Jonquera und Portbou.

Die Behörden waren völlig überfordert von dieser „Retirada“ (Rückzug), wie dieser Flüchtlingsstrom genannt wird. Sie brachten die Menschen zunächst an Stränden unter, zu allererst in Argelès-sur-Mer. Die ersten, die hier im kalten Februar 1939 ankamen, schliefen im Sand. Sie schützten sich mit Decken oder Planen vor Regen und Sturm. Das Meer war ihre Toilette, sanitärähnliche Einrichtungen gab es erst später. „Es waren unwürdige Bedingungen“, sagt Tuban. Heute erinnert ein Gedenkstein direkt am Strand an dieses Ereignis.

Der Gedenkstein in Argelès, nur wenige Meter vom Strand

100 000 Menschen lebten zeitweise in diesem Internierungslager. Viele Spanier, die für Demokratie und die Republik gekämpft hatten, waren verletzt, ausgehungert und krank. Erst nach und nach wurden Baracken errichtet. Frauen und Kinder wurden getrennt von den Männern. Für sie begann ein tristes Leben in hinter Stacheldraht, bis sie nach Monaten woanders in Frankreich untergebracht wurden.

Nicht weit entfernt von dem früheren Lagerort steht Jacqueline Payrot auf einem kleinen Grundstück zwischen den Strandhäusern neben einem Grabstein. 240 Flüchtlinge sind hier begraben. Payrot ist Vorsitzende des Vereins Ffreee, der sich für das Gedenken an die Retirada einsetzt. „Vermutlich hat es im Lager von Argelès Tausende Tote gegeben“, sagt sie. Ein kleines Museum in der Stadt erinnert mit Fotos und Zeugenaussagen an den Lageralltag. Urlauber und auch viele Spanier kämen immer wieder hierher, um sich an das Schicksal dieser Menschen damals zu erinnern.

LA JONQUERA / VON BÜRGERKRIEG UND KÜNSTLERN

Nur sechs Kilometer hinter der Grenze liegt La Jonquera. Ein spanisches Grenzgänger-Einkaufsparadies, etwa für preiswerte Alkohol und Schokolade. Während der Retirada marschierten 200000 Republikaner durch diesen Ort über die Grenze nach Frankreich. Heute befindet sich mitten im Ort das Museum „Memorial de l’Exili“ mit einer ständigen Ausstellung zu dieser schwierigen spanisch-französischen Geschichte.

Eine Fotowand aus dem MUME in La Jonquera

Die Decke des Saals sieht aus wie aus Sand – mit Abdrücken von Fußspuren. Eine Anspielung auf die Flüchtlinge an den französischen Stränden. Zahlreiche Fotos – etwa von dem berühmten Fotografen Agustí Centelles – zeugen von dem Alltag während des Spanischen Bürgerkriegs und dem der Flüchtlinge. „Diese Flüchtlingsbewegung war die erste, die derartig intensiv fotografiert wurde“, sagt Museumsdirektor Jordi Font. Eine ganze Wand ist voller Zeichnungen von Lagerinsassen. In Lagern wie in Gurs oder St. Cyprien lebten viele Künstler, die Alltagsmomente festhielten. Etwa Josep Franch Clapers, der Tintenzeichnungen von Beerdigungen machte.

Das Museum zeichnet die Wege der vertriebenen Republikaner nach, die von Südfrankreich bis nach Nordafrika, Kolumbien, in die Sowjetunion oder die Schweiz und nach Großbritannien flüchteten und um Asyl baten. Oder die sich in Frankreich der Résistance anschlossen. Ein Teil der Ausstellung erzählt auch von der Deportation der 8000 bis 10000 Menschen in das KZ Mauthausen. Manche Republikaner sind in das Spanien Francos zurückgekehrt, wo sie verfolgt, ermordet oder ins Gefängnis geworfen wurden.

COLLIOURE / AM GRAB VON ANTONIO MACHADO

Jemand hat mit Kieselsteinen auf dem Grab ein Herz geformt. Rosen und eine Flagge der spanischen Republik schmücken die Stätte. Auf dem Friedhof des idyllischen französischen Mittelmeerstädtchens Collioure kurz vor der spanischen Grenze befindet sich das Grab des spanischen Dichters Antonio Machado. Ein kleiner Briefkasten steht am Grab, hier werfen seine Verehrer immer noch Zettelchen und Briefe ein.

Pilgerstätte für Spanier und Literaturliebhaber: Grab von Antonio Machado in Collioure

Lange gab es keinen Gedenkort für die Menschen, die die Retirada erlebt hatten. Sie pilgerten also zum Grab des Lyrikers und machten es zu einem symbolischen Ort für die Exilanten. Ab 1931 hatte er die Republikaner unterstützt, im Januar 1939 floh er mit seiner Mutter nach Collioure. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft starb er am 22. Februar 1939 – vermutlich aus Erschöpfung.

Nur wenige Schritte vom Friedhof entfernt sitzen die Touristen in der idyllischen Hafenbucht der Stadt, essen gegrillten Hummer und trinken Weißwein. Über ihnen erhebt sich die Königsburg von Collioure. Wer die Treppen hinaufsteigt, findet im Inneren des Schlosses eine kleine Ausstellung zur Retirada. Mehr als 900 ausländische Flüchtlinge, die als besonders gefährlich galten, waren hier zwischen März und Dezember 1939 in diesem „Camp spécial“ untergebracht. Unter menschenverachtenden Bedingungen, etwa in dunklen Kerkern in den dicken Mauern der Burg, wurden sie interniert. Es gab Hungerstreiks, viele Häftlinge starben. Unter dem Vichy-Regime wurden hier schließlich auch „Verdächtige“ und Kriegsgefangene inhaftiert – auch deutsche.

ELNE / EINE ZUFLUCHT FÜR FLÜCHTLINGSFRAUEN

In den Lagern der Gegend gab es zahlreiche schwangere Frauen. Für sie waren die extremen Wetterbedingungen und die schlimmen hygienischen Zustände besonders unerträglich.

Manche dieser Frauen hatten Glück und erhielten Zuflucht bei Elisabeth Eidenbenz. Die Schweizerin gründete im Dezember 1939 in Elne, nur wenige Minuten vom Flüchtlingslager Argelès gelegen, ein Entbindungsheim, die Maternité suisse d’Elne. Mit der Erlaubnis der Behörden nahm sie schwangere Frauen aus den Internierungslagern auf, aber auch unterernährte Kinder.

Ein Ort der Hoffnung in dem damaligen Flüchtlingselend: Das Entbindungsheim in Elne

Viele Schwangere kamen in Elne völlig erschöpft an, hatten Flöhe, die Krätze oder Tuberkulose. Eidenbenz und ihre Helferinnen pflegten die Flüchtlinge, gaben ihnen ein sauberes Bett. Hier bekamen sie im Gegensatz zu den Lagern sauberes Wasser, Seife und Medikamente. Die meisten Frauen wurden hier gesund gepflegt.

In Elne wurden fast 600 Babys geboren, die meisten Mütter waren Spanier, aber insgesamt waren 15 Nationalitäten vertreten, auch einige Deutsche. Tausend Frauen und tausend Kinder erhielten hier Fürsorge.

Waren die Frauen stark genug, halfen sie bei der Arbeit im Garten und in der Küche mit, sie fühlten sich wieder nützlich – und als Frau und Mutter.

Elisabeth Eidenbenz (1913-2011) hatte ein Herz und missachtete Vorschriften der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung. 1944 merkten die Nationalsozialisten, dass Eidenbenz auch jüdischen Müttern half. Die Klinik musste schließen. 50 Jahre lang verfiel das Gebäude, niemand sprach darüber. Heute kann das restaurierte Gebäude besichtigt werden. Eine kleine Ausstellung mit bewegenden Fotos zeigt den Alltag von damals und erinnert an die mutigen Frauen, die den Flüchtlingsfrauen deren Würde zurückgaben.

RIVESALTES / LAGER DER UNERWÜNSCHTEN

Nur wenige Kilometer weiter liegt Rivesaltes, die Stadt, wo der bekannte süße Muskatwein herkommt. Am Rande des Ortes drehen sich Windräder bei einem kleinen Industriegebiet. Dahinter befindet sich ein weites Gelände voller Ruinen. Auf einem asphaltierter Rundweg laufen Touristen durch eine verfallene Baracken-Landschaft. Unkraut erobert die zerbröselnden Betonböden und Latrinen. Auch hier war ein Lager – mit einer einzigartigen Geschichte der Flüchtlingsbewegung in Spanien, des Zweiten Weltkriegs und der Folgen des Algerienkrieges.

Rundgang durch die Lager-Ruinen neben dem Mémorial in Rivesaltes

Heute liegt inmitten dieser Ödnis eine Gedenkstätte, das Mémorial du Camp de Rivesaltes. „Die Lagerinsassen hier hatten eines gemeinsam: Sie alle waren unerwünscht“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte, Agnès Sajaloli. Architekt Rudy Ricciotti hat den imposanten rechteckigen Flachbau zwischen die verfallenden Lagerbauten gesetzt. Ein Monolith, 220 Meter lang und 20 Meter breit, liegt quasi im Erdreich, er beginnt unter Bodenniveau und erhebt sich langsam nach oben. Nie ist der orangebraune Bau höher als die Lagerruinen.

Angelegt wurde das Lager von Rivesaltes einst als Militärlager. Doch während der Retirada wurde es zum Durchgangslager für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge. 1941 wurden Hunderte Sinti und Roma aus Elsass-Lothringen hier interniert, und schließlich deutsche Juden, darunter auch badische Juden, die vorher im südfranzösischen Gurs waren. Schließlich wurde das Camp ab 1942 zum überregionalen Sammellager für Juden und der französische Staat begann unter dem Vichy-Regime mit der Deportation: Von Rivesaltes aus fuhren neun Deportationszüge mit 2289 Männern, Frauen und Kindern über Drancy bei Paris nach Auschwitz.

Nach dem Krieg wurde dieser Ort des Elends weiter genutzt: für Vichy-Kollaborateure, und von 1945 bis 1948 für deutsche und österreichische Kriegsgefangene. Nach dem Algerienkrieg wurde das Camp ein Auffanglager für Harkis – so nennt man die algerischen Hilfssoldaten, die sich während der Unabhängigkeitskriege auf die Seite Frankreichs gestellt hatten. Kurz vor der endgültigen Schließung des Lagers 2007 war es zuletzt noch ein Abschiebegefängnis. Noch heute grenzt die Gedenkstätte an ein Militärgelände.

„Die lokalen und regionalen Widerstände gegen dieses Mémorial waren groß“, erinnert sich Agnès Sajaloli. 18 Jahre haben Politiker und Vereine dafür gekämpft, dass diese Erinnerungsstätte Wirklichkeit wird, 2015 wurde sie endlich eröffnet. Es ist eine Stätte gegen das Vergessen.

Die Gedenkstätte – wie eingegraben im Erdreich. Drumherum die Lagerbaracken.

Die Besucher erwartet die Dauerausstellung „Die Unerwünschten“ über das Lager und das Leben der Internierten und Flüchtlinge. Sie ist in Zeiten der Flüchtlingskrise von bedrückender Aktualität. „Was sich damals hier ereignet hat ist ein Spiegel dessen, was wir auch heute erleben“, sagt Sajaloli.

Besucher finden Standtafeln mit der Geschichte des Lagers vor, aber auch kleinere Bildschirme mit Berichten von Zeitzeugen sowie eindrucksvolle Fotos und Gegenstände von damals. Karten zeigen europäische Flüchtlingsbewegungen von 1914 bis 2015 und erinnern daran, dass bereits das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Flüchtlinge war.

 

Exponate im Mémorial du Camp de Rivesaltes

 

Mémorial du camp d’Argeles-sur-Mer

26, avenue de la Libération, 66700 Argelès-sur-Mer (Neueröffnung Mitte Juni). Der Gedenkstein findet sich am Strand in der Rue des Dunes, der Friedhof der Spanier in der Avenue de la Retirada.

Museu Memorial de l’Exili (MUME)

Calle Major 43-47, 17700 La Jonquera / Spanien, Di bis Sa 10 bis 18 Uhr (im Sommer bis 19 Uhr), So 10 bis 14 Uhr. http://www.museuexili.cat

Château royal de Collioure

Im Ortszentrum von 66190 Collioure. Geöffnet 10 bis 19 Uhr (Hochsaison, 15. und 16.8. geschlossen). http://www.ledepartement66.fr/98-chateau-royal-de-collioure.htm

Maternité Suisse d´Elne

Château d’en Bardou, Route de Montescot, 66200 Elne. Täglich 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr (Hochsaison). http://www.maternitesuissedelne.com

Mémorial du Camp de Rivesaltes

Avenue Clément Ader, 66600 Rivesaltes. Von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, danach Di bis So 10 bis 18 Uhr. http://www.memorialcamprivesaltes.eu

Die meisten Texte in den Museen sind in französischer und englischer Sprache, im Mume auch auf Spanisch, im Mémorial von Rivesaltes teils auf Deutsch.

Die (Nicht-) Wahl der Jugendlichen

Gäbe es in Frankreich eine „Enthaltungspartei“, viele junge Franzosen würden sie vermutlich wählen. Denn gerade mal 52 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben vor, am 23. April in die Wahlkabine zu gehen, wenn der erste Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen stattfindet. Bei der Wahl 2012 waren es noch 70 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschungsinstituts Ifop für die französische nationale Jugendorganisation Anacej.

Warum sind die jungen Franzosen so wahlmüde? Die am häufigsten genannte Antwort in der Umfrage: „Weil kein Kandidat meine Ansichten repräsentiert.“ Viele finden sich also nicht wieder in den Wahlprogrammen der Kandidaten. Ein weiterer wichtiger Grund: Viele glauben nicht daran, dass sich nach der Wahl etwas an ihrer eigenen Situation oder generell in der Gesellschaft ändert.

An dritter Stelle der Enthaltungsargumente steht die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Regierung und der Parteien. Viele junge Wahlberechtigte in Frankreich haben inzwischen ein großes Misstrauen gegenüber Politikern. „Die Jugendlichen scheinen größeren Wert als ältere Wähler auf Ehrlichkeit, Transparenz und auf Respekt vor dem politischen Engagement zu legen“, sagt Simon Berger von der Jugendorganisation Anacej.

Übrigens: Viele Jugendliche wählen auch nicht, weil sie angeblich an dem Wahlsonntag verhindert oder in den Ferien sind.

Und die, die wählen gehen? Die Umfrage zeigt, dass sich ihre Wahlentscheidungen denen der älteren Franzosen immer mehr annähern: An erster Stelle stünde beim ersten Wahlgang die Kandidatin Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National mit 29 Prozent. Zum Zeitpunkt der Umfrage in der ersten Märzhälfte lagen die 18- bis 25-Jährigen damit sogar noch vor dem Umfragewert für alle Wählerschichten (26,5 Prozent). Aber: Würde es Marine Le Pen in den zweiten Wahlgang schaffen, verlöre sie bei den Jugendlichen – egal wie ihr Gegner heißt.

Partei-Marketing-Strategie von Marine Le Pen: Der Name Le Pen taucht bei Wahlkampf-Auftritten kaum mehr auf. Alles dreht sich um „Marine“.

Die Französin Nathalie Oreskovic ist eine junge Frau, die Marine Le Pen vom Front National wählen will. Sie steht in der Arènes-Halle von Metz und wartet auf den Wahlkampf-Auftritt von Marine Le Pen. Eigentlich ist sie eine junge Vorzeige-Europäerin: Sie hat kroatische Wurzeln, lebt bei Forbach an der Grenze zu Deutschland, studiert Pflege in Saarbrücken, spricht sehr gut Deutsch.

Für die 20-Jährige steht Le Pen für mehr Sicherheit. Die Anschläge und vereitelten Anschlagsversuche machen ihr Angst. Dass zum Beispiel der Berliner Attentäter durch ganz Europa reisen konnte, auch über die französische Grenze, das sei nicht normal, sagt sie.

Aber braucht es bei diesen Gefahren nicht eher mehr Zusammenarbeit und Absprache in Europa? Ist die Lösung wirklich, dass Frankreich sich einigelt, wieder Tausende von Zöllnern an Frankreichs Grenzen stellt, wie Le Pen es vorhat? Kann jemand, der von den Vorteilen einer Grenzregion und der Reise- und Studierfreiheit profitiert, für eine Kandidatin  sein, die den Euro abschaffen, die Schlagbäume wiedererrichten und den Frexit will?

Die Studentin sagt Sätze wie: „Marine will ja nicht raus aus Europa, sondern aus der EU.“ Und: „Ich vertraue Marine“ – viele Le-Pen-Fans sagen längst nur den Vornamen, als wäre die Chefin des Front National eine gute Freundin. Ja, sie fühle sich wie eine Europäerin, eine Französin, eine Lothringerin, sagt Nathalie. Sie erinnert sogar an Robert Schuman, einen der Gründervater der EU. Das sei damals eine gute Sache gewesen, aber die EU habe sich falsch entwickelt. Die EU versage beim Thema Sicherheit. Und sie sei keine Union der Völker, sondern der Banken.

Sie verspricht Ordnung für Frankreich: Le-Pen-Wahlplakat in einem Vorort von Paris

Die Parolen der ausländerfeindlichen populistischen Kandidatin gefallen der jungen Frau. Marine Le Pen verstehe nun mal die Sorgen der Franzosen, sagt sie. Sie sei auch nicht wie ihr rechtsextremer Vater Jean-Marie, sondern eine eigene Persönlichkeit. „Frankreichs Interessen zuerst“, darauf komme es an, dafür sorge Le Pen.

Und dass die deutsch-französische Freundschaft mit ihrer Wunschpräsidentin vermutlich erst mal auf Eis liege würde, macht ihr das keine Sorgen? Auch dafür hat Nathalie eine Antwort parat: Kanzlerin Merkel habe doch auch Donald Trump besucht. So schlimm, wie die Medien das alles darstellen, werde das nicht werden. Sie vergleicht es mit ihrem zukünftigen Job als Krankenschwester: „Auch wenn ich einen Patienten mal nicht so mag, muss ich ihm trotzdem helfen.“ Wenn Merkel professionell sei, würde sie auch mit Marine Le Pen zusammenarbeiten. Und dann verschwindet sie in den Saal, wo gleich Le Pen auftreten und gegen die EU, Deutschland und Flüchtlinge schimpfen wird.

Der Großteil der Jugendlichen wählten aber wohl eher aus Protest als aus Liebe zu ihrem Programm Marine Le Pen, sagt Simon Berger von Anacej. Die 18- bis 25-Jährigen beschäftigen die gleichen Sorgen wie den Rest der Franzosen, es gibt keine speziellen „jungen Themen“. Auf Platz eins: das Thema Arbeit. Kein Wunder: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich beträgt fast zehn Prozent, jeder vierte Jugendliche ist auf der Suche nach einer Stelle. Das Thema Kaufkraft/Lebenshaltungskosten steht auf Platz zwei vor Ausbildung/Erziehung, dann die Gesundheit. Von dem neuen Präsidenten wünschen sich die Jugendlichen, dass er für Sicherheit sorgt – generell, aber auch vor dem Terrorismus. Die Verlängerung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen im November 2015 ausgerufen wurde, ist eine der Forderungen der Präsidentschaftskandidaten, die die jungen Wähler am meisten unterstützen.

Einen größeren Unterschied im Vergleich zu den älteren Wählern gibt es: „Die Jugendlichen scheinen etwas fortschrittlicher zu sein, was soziale Entwicklungen angeht“, sagt Simon Berger. So sind sie kritischer gegenüber den Forderungen mancher Präsidentschaftskandidaten, die Homo-Ehe wieder abzuschaffen. Außerdem stünde die Mehrheit der jungen Wähler zur EU – mehr als der Rest der französischen Bevölkerung.

Bei den Fillon-Fans

Hätte ein Regisseur ein fiktives Drehbuch für ein solches Präsidentschaftswahl-Drama vorgelegt, wäre er vermutlich ausgelacht worden. Die Story: Ein Politiker in Frankreich, fast schon ausrangiert, gewinnt die Vorwahl der konservativen Republikaner, wird der neue Star der Partei, gilt bei super Umfragewerten schon als sicherer zukünftiger Präsident – und stürzt dann über eine Scheinbeschäftigungs-Affäre. Er will aber nicht aufgeben, hält am Kandidatenstatus fest und könnte seine Partei nun in den Abgrund reißen – oder doch noch der strahlende Sieger werden. Völlig übertrieben, völlig unrealistisch? Genau das erleben die Franzosen mit François Fillon.

In sechs Wochen wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Kaum jemand spricht über Inhalte, über Arbeitslosigkeit, Ausnahmezustand und Zukunftsvisionen. Alles sprechen vom Fall François Fillon, den Ermittlungen der Justiz, der zerrissenen Partei, den Abtrünningen, die Fillon wegen seines Verhaltens in der Affäre davonlaufen.

Der Wahlkampf steht im Schatten der Justiz. Fillon ist ein Präsidentschaftskandidat, der Ehefrau und Kinder scheinbeschäftigt haben soll. Es geht um eine Summe von fast einer Million Euro Steuergeld für die Seinen. Fillon scheint die Richter nicht von seiner Unschuld überzeugen zu können, nächste Woche wird es wohl zur Anklageerhebung kommen. Der Politiker spricht von einem Komplott der Medien, der Justiz und der sozialistischen Regierung und gar von einem „politischem Mordversuch“.

Fillon stilisiert sich als Opfer, attackiert die Untersuchungsrichter, die nur ihre Arbeit tun. Er agiert, wie Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National es schon lange tut. Manche fühlen sich gar an Donald Trump erinnert.

Kann so jemand noch Präsident?

Das politische Kommitee der Republikaner hat nun beschlossen: Er soll weitermachen. Und das, obwohl viele Konservative sich von ihm abwenden und sogar der zuletzt als Ersatz-Kandidat gehandelte Alain Juppé ihm Sturheit vorwarf. Anders sehen das natürlich die Fillon-Fans. Auf seinen Veranstaltungen hört man immer wieder diesselben Argumente, warum er bleiben soll – und manche lassen einen erstaunen:

„Fillon-président“-Rufe: seine Wähler bei einer Veranstaltung in Aubervilliers

„Nur er kann Frankreich reformieren“: Umfragen deuten darauf hin, dass die Republikaner mit Fillon an der Spitze nicht in den zweiten Wahlgang einziehen würden. Es wäre das erste Mal in der V. Republik. Die Partei würde implodieren, fürchten viele. Auch Dominique Lataillade. „Ich bin ratlos“, sagt die Pariser Ärztin, die es zu einer Veranstaltung von François Fillon vor wenigen Tagen nach  Aubervilliers im Norden der Hauptstadt gezogen hat. „Aber wenn er geht, was wird dann aus seinem Programm?“ Kein anderer Kandidat werde Frankreich so stark reformieren, wie es das Land nötig habe.

Das sagen auch viele Unternehmer. Sie haben so große Hoffnungen gesetzt auf den Kandidaten mit dem sehr liberalen Wirtschaftsprogramm. Kein anderer würde den Unternehmen so viele Erleichterungen verschaffen wie er. Doch was ist mit dem nicht gehaltenen Versprechen von Fillon? Dass der Präsidentschaftskandidat vor kurzem noch gesagt hat, er werde bei einer Anklageerhebung nicht Präsidentschaftskandidat bleiben, denn das sei eine Frage der Moral? Kann man so jemandem glauben, dass er seine Wahlversprechen einhält?

„Die anderen machen sowas ja auch“: Dass Fillon sich vielleicht strafbar gemacht hat mit seinem Verhalten, sehen viele nicht. Immer wieder heißt es: Er ist ein ehrenhafter Mann. Andere Abgeordnete hätten auch Familienangehörige angestellt. Das stimmt, und das ist auch legal – wenn Ehefrauen und Kinder denn wirklich für das Geld arbeiten. Die Untersuchungsrichter bezweifeln das bei der Familie Fillon.

„Es tat das aus Liebe zur Familie“: Viele Katholiken und Anhänger der Bewegung gegen die Homoehe („Manif pour tous“) unterstützen Fillon. Der bisherige Saubermann Fillon hält die Familie als großen Wert hoch. „Er hat das doch nur für seine Familie getan“, sagt eine ältere Dame.

„Die Medien stecken dahinter“: Ein Herr ist sich sicher: Dass die Medien François Fillon weg- und den sozialliberalen Kandidaten Emmanuel Macron herbeischreiben. Der Grund: Hollande habe für Journalisten große steuerliche Erleichterungen geschaffen – und deswegen würden sie jetzt seinen Schützling Macron in der Berichterstattung bevorzugen, sagt er. Und was ist mit der Tatsache, dass die Medien in den vergangenen Jahren kaum ein gutes Haar an François Hollande gelassen haben? „Aber da war Hollande ja selbst Schuld daran.“

Die Satirezeitung Charlie Hebdo zeichnet Fillon und Le Pen auf den Titel, wie sie sich gemeinsam eine lockerere Justiz wünschen.

„Wer diesen Gegenwind übersteht, der hat das Zeug zum Präsidenten“: Ein Präsident müsse etwas aushalten, Rückgrat zeigen, nicht klein beigeben bei der ersten Schwierigkeit, hört man immer wieder. Und Fillon beweise in diesen Tagen, dass er das könne.

„Lieber die eigene Frau statt eine Geliebte“: Im französischen TV sagt ein älterer Herr, dass es doch gut gewesen sei, dass Fillon seine Frau bezahlt habe statt eine externe Assistentin, mit der er dann vielleicht noch eine Liebesaffäre angefangen hätte… Er lächelt, während er das sagt, aber er scheint das tatsächlich ernst zu meinen.

Viele Anhänger Fillons drohen offen damit, Marine Le Pen zu wählen, wenn Ihnen ihr konservativer Kandidat genommen wird. Der rechtsextreme Front National kann sich sowieso freuen. Über die Gefahr des Programms der Rechtspopulisten für ganz Europa spricht derzeit kaum einer. Le Pens stetiger Vorwurf, dass die Eliten alle korrupt seien, scheint sich dagegen für viele Wähler mal wieder zu bewahrheiten. Le Pens eigene Korruptionsaffären schaden ihr derweil nicht. Ihre Anhänger scheinen es gut zu finden, dass sie EU-Geld in die eigenen Partei-Taschen gesteckt haben soll und dass sie darauf pfeift, vor den Untersuchungsrichtern zu erscheinen. Ihre Umfragewerte bleiben stabil, der Einzug in den zweiten Wahlgang scheint sicher.

Paris-Tipp: Kuchen bei La Bossue

Das Leben ist zu kurz, um keinen Kuchen zu essen. Nur essen die Franzosen ihn oft als Nachtisch zum Mittag- oder Abendessen und nicht wie wir Deutschen gerne gegen drei oder vier Uhr am hellerlichten Nachmittag. Kaffeekränzchen in Paris, das geht zwar, man muss nur wissen, wo.

Neulich sah ich in der blauen Stunde auf dem Montmartre durch ein Schaufenster in ein angenehm erleuchtetes Café. Ich ging näher ran, und entdeckte im Innern einen Tresen voller Rührkuchen, Madeleines, Financiers, Scones, und eine Art doppelte Ischler Törtchen mit zwei Löchern, „lunettes“ genannt.

Am Ende eines langen Nachmittags sind die Kuchen kürzer geworden (ich bekenne mich mitschuldig).

Am Ende eines langen Nachmittags sind die Kuchen kürzer geworden (ich bekenne mich mitschuldig).

„La Bossue“ heißt diese Pâtisserie, und das warme Licht lockte mich gleich ins Innere. Ein schmaler Vintage-Teesalon, runde Marmortische und ein länglicher Holztisch, alte Holzstühle und mit Fell überzogene kleine Hocker. Spiegel aus dem vergangenen Jahrhundert an den Wänden und Blumenampeln an der Decke, alte Schwarzweiß-Familienfotos, grüne Tapete mit Baummuster. Hier soll es sein wie bei Oma. Diese Retro-Orte lieben die Franzosen ja sehr. Wohl gerade auch in dieser Zeit, in der die Globalisierung – die le Nachbar „mondialisation“ nennt – es ihrer Wirtschaft schwer zu schaffen macht. Freundinnen führen hier Mädchengespräche, Väter spendieren am späten Nachmittag ihren Kindern das berühmte französische „goûter“, eben einen kleinen Kuchen, damit die Kleinen durchhalten bis zum Abendessen.

Viele Plätze gibt es hier nicht. Vorne am Tresen wird nach dem Eintreten erst mal Halt gemacht, gesichtet, was heute vernaschbar ist, und man wartet, dass man gesetzt wird. (Manche Besucher lassen sich Kuchen auch zum Mitnehmen einpacken.) Im hinteren Teil ist seitlich die Backstube, in der die junge Besitzerin Caroline gerade den Rührteig für einen Schokokuchen in eine Form streicht. „La bossue“ bedeutet die Bucklige. Dieses Oma-Kaffee mit großer Teeauswahl führt aber keine Oma, sondern eben zwei junge Franzosen, die auf saisonale und lokale Zutaten Wert legen.

Welcher Kuchen heute verdrückt werden kann, hänge von der Jahreszeit, vom Wetter und davon ab, wie die Sterne stünden, steht in der Karte. Das zeigt: Wer Kuchen liebt, hat auch Humor. Und wer Humor hat, der schneidet einem auch ein ordentliches Stück ab. Mein saftiges Pamplemousse-Kuchenstück ist fast fünf Zentimeter breit. 3 Euro dafür und für den Darjeeling 4,50 Euro, heissa, für den Montmarte sind das Preise, wo man sich doch gleich noch ein Stück am Tresen zu erbitten traut.

Am Ende der Rue des Abesses auf dem Montmartre: La Bossue

Am Ende der Rue des Abesses auf dem Montmartre: La Bossue

Hier verkehren Pariser. Denn die Touristen, die das Viertel ja gerne überrennen, biegen schon an der Kreuzung vorher ab, um in der Rue Lepic ins „Café des Deux Moulins“ zu stürmen, das durch den Amélie-Poulain-Film große Berühmtheit erlangte. Im Bossue dagegen wollen die Einheimischen Oma-Wärme tanken. Schon zum Frühstück, oder mittags bei Salaten, Quiches, Croque-Monsieurs oder Suppen. Am Wochenende drängt man sich hier zum Brunch, vor 15 Uhr kriegt man deswegen keinen Platz.

La Bossue, pâtisserie-comptoir

Mittwoch bis Freitag 8.30-19 Uhr, Samstag und Sonntag 10.30-19 Uhr

9, rue Joseph de Maistre, 75018 Paris, Metro: Blanche, Abesses

www.labossue.com, https://www.facebook.com/labossue/

Alltag mit Patrouillen

In diesen Zeiten nach Frankreich reisen? Auch Familie Salge diskutierte diese Frage vor einigen Wochen. Jetzt stehen Mutter Stefanie, Vater Peter und ihre zwei Töchter im Pariser Ostbahnhof. Sie warten darauf, dass auf den Monitoren das Abfahrtgleis für ihren TGV nach Deutschland angezeigt wird, der Urlaub geht zu Ende.

Nach dem Anschlag in Nizza grübelte die Familie, ob Paris das richtige Reiseziel sei. Genau wie viele andere Touristen fragten sie sich: Was erwartet uns vor Ort? Was hat sich in Frankreich verändert? Sind wir dort wirklich sicher? Am Ende waren es die Töchter, die vehement für Frankreichs Hauptstadt plädierten und sich schließlich durchsetzten. „Ein Anschlag kann ja überall passieren, auch in Deutschland“, sagt Peter Salge.

Die Familie aus Hildesheim hat ihre Entscheidung nicht bereut. Ein schönes Hotel mit Roof-Top-Bar auf Montmartre, der Blick vom Eiffelturm auf das Pariser Häusermeer. In Niedersachsen hatte man ihnen noch empfohlen, die Eiffelturm-Tickets schon vorab im Internet zu buchen, um Zeit zu sparen. „Doch als wir nachmittags dort ankamen, war es ziemlich leer vor den Kassen“, erinnert sich Peter Salge. Beim späteren Flanieren durch die Gassen von Paris waren die Anschlagssorgen irgendwann fast verschwunden.

Soldaten am Jardin du Luxembourg

Soldaten am Jardin du Luxembourg

Und doch ist die Angst vor dem Terror im öffentlichen Stadtbild präsent. „Vor allem durch die vielen Polizisten und Soldaten, die patrouillieren“, sagt Stefanie Salge. Was in Frankreichs Städten für Sicherheit sorgen und Einwohner wie Touristen beruhigen soll, hat auf manche Touristen eher die gegenteilige Wirkung.  „Wenn ich die Maschinengewehre sehe, habe ich eher ein Gefühl von Bedrohung“, sagt Stefanie Salge.

Was für Franzosen längst Alltag ist, irritiert vor allem deutsche Touristen, schließlich ist der Einsatz des Militärs für Polizeiaufgaben in Deutschland nur in wenigen Ausnahmefällen erlaubt. In Frankreich sind dagegen 10.000 Soldaten für die sogenannte Opération Sentinelle mobilisiert worden – vor allem in den Städten, aber auch in den ländlichen Gebieten mit touristischen Highlights.

Frankreich, Patrouillenland. Manchmal sorgt das für skurrile Momente. Wer etwa im Urlaubsmonat August eine Kanufahrt auf der Dordogne machte, die Burgen am Flussufer bestaunte und langsam vorbeipaddelte an La Roque-Gageac, dem idyllischen 500 Einwohner-Dörfchen am Fuß einer hoch aufragenden Felsklippe, der sah an manchen Tagen am Ufer Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren im Anschlag.

Wer in Saint-Jean-de-Luz im Baskenland auf einer Terrasse seine moules marinières mit Fritten aß und aufblickte, auch der sah kräftige Soldaten in schusssicheren Westen und mit strengem Blick vorbeilaufen. Und wer in Paris durch die Gänge des Metrosystems irrt, trifft auch in diesem Herbst hin und wieder auf Grüppchen von bewaffneten Sicherheitskräften.

Manchmal werden sie sogar ins Showprogramm eingebaut. Straßenkünstler William bekommt Applaus von den Touristen, die seine Kopfstände und Akrobatik unterhalb der Basilika Sacré-Cœur betrachten, als drei Soldaten vorbeilaufen. „Das sind meine Bodyguards“, sagt er und die Leute lachen, selbst die Soldaten schmunzeln. Beatrix (59) und Roland (62) aus Saarbrücken sitzen auf den Stufen und blinzeln in die Nachmittagssonne. Sie sind schon zum achten Mal in Paris, übernachten in einer kleinen Ferienwohnung. Dieses Mal wollen sie sich das Weinfest Fête des Vendanges auf dem Montmartre anschauen. „Wir fühlen uns wie in jedem anderen Jahr auch und haben keine Angst“, versichert Beatrix. Roland ergänzt: „Und wir lassen uns das Reisen nicht vergällen.“

Straßenkünstler unterhalb von Sacré-Coeur - und seine "Bodyguards"

Unterhalb von Sacré-Coeur

Beide waren sogar zu Silvester 2015 zu Besuch in ihrer Lieblingsstadt, obwohl Paris noch traumatisiert war von den Anschlägen des 13. November. Damals schauten sie bei der Marianne-Statue auf der Place de la République vorbei, wo die Pariser all der Opfer gedachten, Kerzen aufgestellt hatten, gemeinsam trauerten. „Das hat uns sehr bewegt.“ Und sie sind dennoch wiedergekommen.

Mit dieser Jetzt-erst-recht-Haltung haben die beiden Deutschen viel gemein mit den Franzosen. Gelassenheit. Die lieb gewonnenen Freiheiten nicht einschränken lassen. Der Unkalkulierbarkeit des Lebens trotzen. Die Terroristen nicht gewinnen lassen. „Ich habe keine Angst“, sagen manche Pariser mit fester Stimme, wenn man sie fragt, ob sich etwas verändert hat nach den Anschlägen. „Il faut vivre avec“, man muss mit der Bedrohung leben.

Und doch ist Parisern wie Touristen klar: Frankreich ist nach wie vor Ziel Nummer eins der islamistischen Terroristen. Natürlich ist das ein Grund zur Sorge. Deswegen hört man von Franzosen, wenn man ein bisschen nachfragt, eben auch Sätze wie diese: „Ich schaue genau, wer neben mir in der Métro ist.“ „Mir ist mulmig, wenn ich einen herrenlosen Koffer sehe.“ „In Konzertsälen will ich wissen, wo die Notausgänge sind.“ Normalität hört sich anders an.

Seit Beginn des Sommers gab es laut France Info ein Dutzend Verhaftungen von Jugendlichen, die sich in kurzer Zeit radikalisiert hatten und angeblich Anschläge verüben wollten oder zumindest in Kontakt zum sogenannten „Islamischen Staat“ hatten. Drei Frauen planten, ein Auto voller Gasflaschen beim Bahnhof Gare de Lyon im Südosten von Paris zur Explosion bringen. Der Anschlag konnte – genau wie zahlreiche weitere seit 2015 – verhindert werden. Es gilt weiterhin der Ausnahmezustand, der Ermittlern weitgehende Befugnisse ermöglicht, ohne dass Richter ihre Zustimmung geben müssen.

Frankreichs Regierung erinnert immer wieder daran, dass sich das Land im Krieg befindet. Terrorexperten machen deutlich, dass es nicht die Frage ist, ob es wieder einen Anschlag geben wird, sondern wann und wo. Sie warnen vor Anschlägen mit Autobomben, aber auch vor „Low-Cost-Anschlägen“, solche mit einfachsten Mitteln. So wollte vor Kurzem ein Jugendlicher auf der Fußgängerpromenade Coulée verte – östlich der Bastille auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie – mit einem Messer auf Menschen einstechen. Er wurde verhaftet, bevor er die Tat begehen konnte.

An diesem Schild kommt man in Frankreich ständig vorbei: Es gilt der Plan Vigipirate

Typisches Dreieck in Frankreich: Im Land gilt der Plan Vigipirate

Sicherheit und Wachsamkeit sind Dauerthema in den Medien und in der Politik. Die Präfekten müssen vor allem kurz nach einen Attentat abwägen, welche große Veranstaltung abgesagt wird, weil die Sicherheit der Menschen nicht gewährleistet werden kann. So geschehen mit der beliebten Grande Braderie in Lille, einem der größten Volksfeste und Trödelmärkte des Landes, das normalerweise Anfang September von mehreren Millionen Menschen besucht wird.

Doch die meisten Veranstaltungen fanden bereits kurze Zeit nach dem Terroranschlag in Nizza wieder statt. Der Marathon du Médoc in der berühmten Weingegend Südfrankreichs etwa. Bei dieser Sportveranstaltung im September nahmen 8.500 Menschen aus über 70 Nationen teil. „Das war schwer zu organisieren, aber letztlich wurde alles gut gemeistert“, sagt Yasmine Delia Greifenstein vom Tourismusverband Aquitaine.

Genau wie das beliebte Straßenkunstfestival Fest‘ Arts in Libourne im Département Gironde. Zwischen Gauklern, Straßenkünstlern und Musikern standen auch vereinzelt Soldaten mit Maschinengewehren. Das sei zwar ein seltsamer Anblick gewesen, sagt Greifenstein. „Aber wer will sich von Daech (so nennt man in Frankreich den IS) das Lachen und Spaß haben verbieten lassen?“

Auch die Badesaison ist ohne große Zwischenfälle an den Stränden vorübergegangen – abgesehen von der Burkini-Debatte. In mehreren Badeorten am Atlantik zog man eine positive Bilanz, was die Zusammenarbeit von Police Nationale, Gendarmerie, Militärs und Rettungsschwimmern angeht. Zahlreiche Polizei-Bademeister trugen diesen Juli und August erstmals eine Waffe in einer Gürteltasche am Körper. Auch nächstes Jahr solle das so gehandhabt werden, fordern viele.

Eine offizielle Saisonbilanz lässt noch auf sich warten, doch viele Hoteliers klagen schon heute. Trotz der Fußballeuropameisterschaft im Juni und Juli kamen weniger Touristen nach Frankreich als noch im Jahr 2015. Vor allem Amerikaner, Asiaten und Russen verzichteten auf ihren Frankreichurlaub. All das sind Warnsignale für die Tourismusbranche. Allein im Großraum Paris hängen 500.000, an der Côte d’Azur immerhin 75.000 Arbeitsplätze vom Tourismus ab.

Nach dem Anschlag von Nizza blieben kurzfristig zehn Prozent der Touristen der Côte d’Azur fern, der Küstenstreifen verzeichnet seit Jahresbeginn einen Umsatzeinbruch von 20 bis 25 Prozent. Betroffen waren vor allem die Hotels der mittleren und höheren Preisklasse. Ein Krisenstab wurde eingerichtet, eine Million Euro für den Tourismus zur Verfügung gestellt. „Wir haben sehr schnell damit begonnen, ein positives Image von der Côte d’Azur zu vermitteln – etwa mit dem Hashtag #CotedAzurNow“, sagt Florence Lecointre vom Tourismusverband Côte d’Azur. Werbeplakate landesweit, TV-Spots, Sondertarife in ausgewählten Hotels.

Das Schloss Chambord an der Loire meldete gerade erst einen Besucherrückgang von 6 Prozent. Hier sind es vor allem Japaner, die nicht mehr anreisen. Die Deutschen hingegen halten ihrem beliebten Reiseland die Treue. „Allerdings sind Familien mit kleinen Kindern momentan etwas zögerlicher, nach Frankreich zu reisen“, sagt Monika Fritsch von der französischen Tourismus-Marketing-Organisation Atout France in Frankfurt am Main. Allen, die Sorgen um ihre Sicherheit haben, empfiehlt sie einen Urlaub in der französischen Provinz und verspricht: „Dort stellt sich ein ganz normales Urlaubsgefühl ein.“

Buchungsrückgänge von 50 Prozent direkt nach den Anschlägen verzeichnete auch Julie Fortney, die mit ihrem Mann seit sechs Jahren kulinarische Touren durch Paris anbietet. „Sind wir denn in Sicherheit, wenn wir kommen?“, fragen die Touristen in ihren Mails. Doch wer in westlichen Ländern kann in diesen Zeiten darauf schon mit einem sicheren Ja antworten? „Wir versuchen sie zu beruhigen und sagen, dass die Polizei viel präsenter ist als früher.“

Die Bevölkerung in den großen Städten hat sich mittlerweile an all die Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt, klaglos lässt sie unzählige Kontrollen an Eingängen über sich ergehen. Vor großen Kaufhäusern, Museen, Ämtern und Präfekturen, vor Konzerthäusern und Theatern schauen Sicherheitsleute in Handtaschen, Rucksäcke, Tüten. Der Blick ist jedoch oft so kurz und oberflächlich, dass man Zweifel an der Wirksamkeit solcher Kontrollen haben darf. „Wer sich weigert, seinen Koffer auf unseren Wunsch zu öffnen, dem können wir den Zutritt zum Einkaufszentrum Forum des Halles verwehren“, sagt ein Wachmann in der beliebten und frisch restaurierten Shoppingmall im Herzen von Paris.

Handtaschenkontrollen sind allerdings nicht die Folge der jüngsten Anschläge, sie haben nur deutlich zugenommen. Angeordnet wurden sie als Teil des Antiterrorplans Vigipirate. Ein schwarzes Dreieck mit roter Fläche und dem Hinweis „Alerte Attentat“ (Attentatswarnung) hängt an vielen Eingängen. Über 300 verschiedene Sicherheitsvorschriften umfasst dieser Plan. Er entstand Ende der 1970er Jahre als Reaktion auf einen palästinensischen Terroranschlag am Flughafen Orly. Seitdem und wurde der Plan immer wieder verschärft – etwa nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und 2005 in London.

Der Plan Vigipirate soll vor allem die Wachsamkeit der Bürger erhöhen. Durchsagen in Bahnhöfen und Flughäfen bitten die Reisenden, keine Gepäckstücke zu vergessen oder herrenlose Taschen und Koffer sofort zu melden. Werden dennoch herrenlose Gepäckstücke gesichtet, sogenannte colis suspects, rückt der Minenräumdienst an – und die Bahn bleibt erst einmal stehen. Wer in Paris mit der Métro oder der S-Bahn RER unterwegs ist, muss sich deshalb auf so manche Verzögerung einstellen.

All diese Maßnahmen zeigen Wirkung: Die Franzosen sind aufmerksamer als noch vor einem Jahr. Laut dem Metrobetreiber RATP meldeten sie im Juni 2016 sechs Vorfälle pro Tag, das sind 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch an Flughäfen und Bahnhöfen meldeten Franzosen seit 2015 viel häufiger herrenlose Gepäckstücke und Taschen. Die meisten entpuppten sich als harmlos. 2015 mussten lediglich zehn von rund 2.200 verdächtigen Fundstücken in den Pariser Flughäfen kontrolliert gesprengt werden.

Ticketkontrollen auf dem Bahnsteig an der Gare de Lyon: Nur wer einen Fahrschein hat, darf zum Zug

Ticketkontrollen auf dem Bahnsteig an der Gare de Lyon: Nur wer einen Fahrschein hat, darf zum Zug

Wer innerhalb Frankreichs den TGV etwa von Paris nach Lyon oder Marseille benutzt, muss sein Ticket den Mitarbeitern der Französischen Bahngesellschaft SNCF oft schon am Anfang des Bahnsteigs vorzeigen. Angehörige können also nicht mehr mit zum Zug gehen, um etwa an der Zugtür noch ein Abschiedsküsschen zu geben. „Die Police Nationale macht sporadisch auch Kofferkontrollen auf dem Bahnsteig vor dem Einsteigen“, sagt eine SNCF-Mitarbeiterin an der Gare de Lyon.

Jedes Gepäckstück muss zudem mit einem Adressanhänger versehen sein. Wer im Bahnhof Gare du Nord den Thalys in Richtung Belgien oder Deutschland nimmt, sollte mindestens 30 Minuten vor Abfahrt am Gleis sein. Seit dem vereitelten Anschlag in einem Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris im August 2015 gibt es eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Und zu guter Letzt sollen in manchen TGV-Zügen ab sofort auch zivile bewaffnete Zugbegleiter mitfahren, sogenannte train marshalls, die im Fall eines Amoklaufes eingreifen könnten.

Wegen solcher verstärkten Kontrollen ist es ratsam, einen Sicherheits-Zeitpuffer bei der Anreise zu französischen Flughäfen oder Bahnhöfen einzuplanen. Manchmal gibt es an den Flughäfen bereits an den Eingangstüren zu den Terminals Taschenkontrollen – ähnlich wie in anderen Ländern.

Der Plan Vigipirate hat manchmal auch Auswirkungen auf das Programm der Schulklassen, die ihre Austauschklassen besuchen. So dürfen Klassen im Großraum Paris nicht mit der RER nach Paris fahren. Schüler und Lehrer müssen oft selbst organisierte Reisebusse statt öffentliche Verkehrsmittel nehmen.

Die gute Nachricht: Das Leben wird weiter genossen.

Die gute Nachricht: Das Leben wird weiter genossen.

Natürlich trüben solche Sicherheitsmaßnahmen keinen Urlaub – sie kosten nur hin und wieder etwas Zeit und Nerven. In anderen westlichen Ländern erlebt man Ähnliches. Aber fragt man in französischen Office de Tourisme oder an Infoschaltern in Bahnhöfen nach einem offiziellen Faltblatt, auf dem solche Veränderungen und Verhaltenstipps zusammengefasst sind, schaut man bei den Mitarbeitern in verwunderte Gesichter. Frankreich scheint sich schwer damit zu tun, die Touristen offen über neue Sicherheitsvorkehrungen aufzuklären und ihnen Tipps zu geben, worauf sie sich während ihres Aufenthaltes einstellen müssen.

Hinweise zur Sicherheitslage und zu den Folgen des Plan Vigipirate sind auch auf Tourismuswebsites nur mit viel Geduld zu finden, meist richten sie sich an Reiseveranstalter oder Journalisten. Selbst die französische Botschaft in Berlin hat auf ihrer Website für Reisende nur einen Kurztext aus dem Jahr 2014 parat. Immerhin wird dort auch der Plan Vigipirate erläutert. Was er jedoch für konkrete Auswirkungen haben kann, bleibt unbeantwortet.

Vielleicht fürchten die zuständigen offiziellen Stellen und Ministerien, dass Ratschläge und Hinweise die Urlauber zu sehr verunsichern könnten. Dabei ist das Leben in Frankreich normaler, als es sich viele Touristen vorstellen. Während einer TV-Debatte nach dem Anschlag von Nizza erläuterte ein Sicherheitsexperte, wie die Franzosen den sogenannten Krieg gegen den Terror führen sollten: „Normal weiterleben, auf Terrassen ein Glas Wein trinken, in Konzerte gehen, seine Freiheit von den Terroristen nicht einschränken lassen.“ Genau daran halten sich die Franzosen. Und Millionen Touristen mit ihnen.