Der Engel aus der Loge

Jemand hat Werbeprospekte in den Eingang zum Innenhof gelegt. Natalia Syed hebt sie auf und wirft sie in eine der grünen Mülltonnen. Sie schaut durch das schwere Eisengitter auf die Rue Oberkampf. Der Zeitungsausträger grüßt, sie nimmt ein Exemplar von „Le Monde“ entgegen für einen Bewohner im Haus.

Natalia Syed ist Concierge in Paris. Mit der Zeitung in der Hand geht sie zurück zu ihrer Loge, so nennt man in Frankreich die Wohnungen der Hausmeister. Ihre liegt im Erdgeschoss am Fuße des u-förmigen Gebäudes, für das sie zuständig ist.

„Kaum einer nennt mich noch Concierge“, sagt sie. Diese ältere Bezeichnung weckt bei den Franzosen das Bild einer strengen, überwachenden, neugierigen, ruppigen Dame aus dem vergangenen Jahrhundert, wie sie in vielen Filmen und Romanen vorkommt. Natalia Syeds Beruf trägt heute offiziell den Namen „Gardien“. Dass sie ihn einmal ausüben würde, hätte sie nie gedacht – obwohl ihre Mutter auch eine Gardienne ist.

Natalia Syed bei der Arbeit. Alle Fotos: Raphael Zubler, Zürich, http://www.raphaelzubler.com

„Ursprünglich wollte ich in der Modebranche arbeiten“, sagt die 39-Jährige, deren Eltern aus Portugal stammen. Doch nach ihrem Modestudium merkte sie beim Arbeiten im luxuriösen Prêt-à-porter-Geschäft, dass diese Glitzerwelt nichts für sie ist. „Unfreundliche Chefs, Arbeitszeiten ohne Ende.“ Als ihre Cousine hier im 11. Arrondissement von Paris aufhörte, als Concierge zu arbeiten, übernahm Natalia die Stelle samt Loge. Sie wollte das dann eigentlich nur drei Jahre lang machen. Heute lebt Natalia schon seit 17 Jahren mit ihrem pakistanisch-stämmigen Mann und ihren drei Kindern (19, 12 und 8 Jahre alt) eng gedrängt auf 30 Quadratmetern.

„Haben Sie ein Paket für mich?“, fragt ein Mitarbeiter eines Büros aus dem Haus. Natalia Syed geht in ihr kleines Wohnzimmer, wo im Fernsehen eine Intrigen-Serie läuft, und holt es. Päckchen annehmen, Post verteilen, Treppen putzen, den Innenhof kehren, Mülltonnen rausstellen, Glühbirnen wechseln: Das ist ihr Alltag. Sie ruft Handwerker, wenn es in einem Appartement Probleme gibt. Und sie macht auch Dinge, die eigentlich nicht in ihrem Vertrag stehen: Blumen gießen, wenn jemand im Urlaub ist. Bei Senioren an die Tür klopfen, wenn sie diese längere Zeit nicht gesehen hat. Ersatzschlüssel aufbewahren für den Fall, dass sich jemand raussperrt. Streit schlichten, wenn sich zwei Parteien angiften. Manche kommen auch zu ihr, weil sie ihr einfach ihr Herz ausschütten wollen. Sie sei Putzfrau, Hausmeisterin, Psychologin, sagt Syed. „Und Vermittlerin, ich kümmere mich um das soziale Miteinander.“ Für 1000 Euro netto plus Loge.

Und Natalia wacht, am Tag und in der Nacht. Einbrecher haben es hier schwer. An der Loge kommt jeder vorbei, der ein oder ausgeht. Als Vollzeit-Concierge muss sie von 7 bis 12 und von 16 bis 19 Uhr zur Verfügung stehen. Und nachts hier schlafen. Sie sei Gardienne auch im Schlaf, sagt sie. „Ich habe die Augen geschlossen, aber die Ohren offen.“ Sie kennt Kolleginnen, die stets am Fenster hängen würden und alles mitkriegen wollen, was im Hof geredet wird. „Das ist doch ein bisschen krankhaft, das ist wie bei den Concierges vor 30 Jahren, so bin ich nicht.“

Sie hat schon Diebe vertrieben, zwei Selbstmordversuche von Mieterinnen erlebt, eine tote Seniorin aufgefunden. Und Herz gezeigt gegenüber Obdachlosen. Als der Winter so bitterkalt war vor drei Jahren, wollte einer im Kellereingang schlafen. „Ich durfte ihm das nicht erlauben, aber ich gab ihm etwas Warmes zu essen und zu trinken.“ Syed ließ ihn neben den Mülltonnen schlafen bis zum Morgen. Solange das kein Besitzer sehe, ginge das schon mal.

Wohnen im Hinterhof: die Loge von Natalia Syed und ihrer Familie

70 Parteien wohnen in dem Gebäude mit der Klinkerfassade, fast alle sind Wohnungsbesitzer. 70 Parteien, das sind auch 70 Chefs. „Die meisten sind sehr nett“, sagt Natalia Syed, aber es gebe immer jemanden, der von oben auf sie herabsehe. Der sagt: Concierge? Die braucht man doch nicht.

Lange Zeit dachten viele Eigentümer so. Fast 30.000 Concierge-Stellen wurden in Frankreich in den vergangenen drei Jahrzehnten gestrichen, 52.000 gibt es noch. Es stand nicht gut um die Zukunft des Berufs. Denn die Eigentümer zogen es vor, Logen zu verkaufen oder zu vermieten, wenn die Concierge in Rente ging, oder einfach einen Fahrrad-Abstellraum daraus zu machen. Ein Zahlencode an der Haustür, eine Videokamera für die Überwachung und externe Reinigungsfirmen ersetzten die Concierge. Das ist billiger.

Inzwischen bereuen das viele. Nicht nur, weil eine Concierge einem oft Gefallen tut und für gute Atmosphäre sorgt. „Viele Bewohner fühlen sich sicherer, wenn sie wissen, da hat jemand ein Auge auf alles“, sagt Philippe Dolci von der nationalen Hausmeistergewerkschaft Snigic. Gerade in diesen Zeiten der Anschlagsgefahr und des Ausnahmezustands im Land. Viele Eigentümer in Luxusgebäuden wollen gerne ihre Concierge wieder, aber oft ist es zu spät. „Ist die Loge erst einmal verkauft oder vermietet, ist das selten möglich.“

Natalia Syed und ihr Sohn in der Loge

Hatte es bisher Tradition in Paris, dass vor allem zugewanderte Portugiesen diese Jobs übernahmen, interessieren sich in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit auch immer mehr Franzosen für einen Gardien-Job. „Concierge wird man nicht unbedingt, weil man diesen Beruf schon immer machen wollte“, sagt Dolci. „Sondern weil man arbeitslos ist, eine Wohnung braucht oder es die eigene Mutter schon gemacht hat.“ Für viele Concierges – zwei Drittel sind Frauen – ist der Beruf sehr stressig. „Schon allein deshalb, weil man ständig dort lebt, wo man arbeitet.“

Wie wichtig die Präsenz einer Concierge in Sachen Sicherheit sein kann, zeigte die Terrornacht vom 13. November 2015 in Paris. Damals hatten mehrere Gardiennes ihre Innenhöfe geöffnet, damit sich Anschlagsopfer und Verängstigte dorthin flüchten konnten. Auch Natalia. Ihr Wohnblock liegt direkt neben dem Konzerthaus Bataclan, wo drei Attentäter 90 Menschen töteten und Hunderte verletzten.

„An jenem Abend wollte ich mit meiner Familie eigentlich in die Bar des Bataclan, um dort Fußball zu schauen“, sagt sie. Das Konzert der US-Band Eagels of Death Metal mit 1500 Besuchern lief schon. Ihre Tochter brauchte mal wieder mehr Zeit zum Schminken, während Natalia vor dem Haus wartete. Plötzlich hörten sie Knallgeräusche. „Da die Rue Oberkampf ja eine beliebte Ausgehstraße ist, dachte ich erst, es sind Knallkörper“. Doch es waren Schüsse.

Sie sah Menschen aus der Richtung des Bataclan durch die Straßen rennen, dann Einsatzfahrzeuge heranrasen. Sanitäter fragten, ob sie ihren Innenhof nutzen könnten. Kaum hatte sie das Eisengitter geöffnet, flüchteten sich Leicht- und Schwerverletzte hinein, manche blutüberströmt. Zeitweise bis zu 80 Menschen fanden im Hof Zuflucht, sagt Natalia. Irgendwann mussten sie das Eisentor schließen, weil es zu voll wurde. Sogar in ihre eigene kleine Wohnung brachte Familie Syed die Verletzten. Vor allem die, die völlig panisch waren oder unter Schock standen, „damit sie den Horror im Hof nicht anschauen mussten. Hier konnten sie sich ein bisschen sicherer fühlen“. Auf ihrem Sofa lag ein Polizist einer Eliteeinheit. Ihm fehlte ein Finger.

Wichtig im Alltag einer Concierge: les clés.

Der Innenhof, normalerweise ein Ort der Ruhe, war bis drei Uhr morgens die Hölle. „Ein Kriegslazarett, wo Ärzte Not-Operationen machten.“ Die Wände sind sehr hoch, die lauten Schreie der Verletzten hallten wider. Natalia, ihr Mann und ihre beiden älteren Kinder halfen zusammen mit Nachbarn, so gut es ging. Sie beruhigten Verletzte, sagten den Sanitätern, um wen es besonders schlimm stand, gaben den Opfern Wasser. Drückten Kissen, T-Shirts, Verbandsmaterial auf stark blutende Schusswunden. „Wissen Sie, Verletzungen durch Kalaschnikow-Schüsse sind sehr schlimm“, sagt Syed. Im Haus wohnt ein Ärztepaar, Natalia Syed rief an und bat, erste Hilfe zu leisten. „Die Ärztin war – obwohl sie in einem Krankenhaus arbeitet – so geschockt von dem, was hier passierte, dass sie nicht weiterarbeiten konnte und zurück in ihre Wohnung ging.“

Morgens um halb fünf, als der Hof wieder menschenleer war, fing Natalia bereits das Putzen an. Entfernte das viele Blut, die Spritzen. Sammelte Personalausweise, Konzertkarten, Geldbeutel ein, die die Opfer verloren hatten. Die meisten Kinder im Haus hätten von den Ereignissen der Nacht doch nichts mitbekommen, sagt Natalia. „Ich wollte, dass sie sich nicht beunruhigen am Morgen, wenn sie aus dem Haus gehen.“

Wenn Natalia von diesem furchtbaren Terror-Abend erzählt, wirkt sie ruhig, klar, gefasst, wie eine nüchterne Beobachterin. Normalerweise sei sie keine starke Frau, sagt sie. Aber an diesem Abend sei das wie ein Reflex gewesen, ihr war sofort klar: Sie muss helfen. Funktionieren, damit Menschen überleben. Wie verarbeitet man das, diese Bilder, das Wissen, dass in diesem Hof Menschen starben? „Meine Therapie ist, darüber zu sprechen“, sagt sie. Und ihre Kinder? Der Achtjährige hat geschlafen und nichts mitbekommen von dem Grauen wenige Meter entfernt. Die Großen, die mithalfen, hätten es scheinbar gut verkraftet, glaubte sie zunächst.

Neben den Keksen die Auszeichnungen für die mutige Gardienne

Doch dann kam der erste Jahrestag im vergangenen November. Die Syeds wurden eingeladen zu einem Treffen der Terror-Opfer und deren Familien. Zwei Opfer, die im Hof Schutz gefunden hatten, haben bei dem Treffen ihre 19-jährige Tochter wiedererkannt und mit ihr gesprochen. Danach ist sie zusammengebrochen und hat den ganzen Tag geweint.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat mehrere Concierges für ihren Einsatz als Anges-Gardiens, Engels-Hausmeister, bezeichnet und sie für ihre Hilfe ausgezeichnet – auch Natalia. Die zeigt ihre Medaille mit der Aufschrift „Sie schwankt, aber geht nicht unter“, dem Motto der Stadt Paris. Ihr Berufsstand sei dadurch geehrt worden, sagt sie. „Doch solches Metall ist mir recht egal“, sagt sie, „aber ich freue mich, wenn gelegentlich ein Opfer von damals bei mir vorbeikommt und sagt, dass es ihm wieder gut geht.“

Etwa die beiden Mädchen aus Lyon, die Natalia in einem TV-Beitrag wiedererkannten und zu ihr fuhren, um danke zu sagen. Oder Julien und Jerôme. Natalia holt einen kleines Stück Karton hervor, den am Jahrestag des Anschlags die beiden jungen Männer an ihre Tür steckten, weil sie nicht zuhause war. Darauf bedankt sich Julien, dass Natalia seinem Freund Zuflucht gewährt hat. Und Jerôme schreibt: „Das Leben ist mal mehr, mal weniger schön, aber das Leben ist da. Keep dreaming and loving.“

Nicht alles, aber vieles ist anders geworden für die Syeds seit dem 13. November 2015. Sie sei wachsamer geworden, sagt Natalia. Die Stadt Paris bietet den Gardiens inzwischen Erste-Hilfe-Kurse an – mit Blick auf zukünftige Anschläge. Das Attentat habe ihr die Augen geöffnet. Sie habe gelernt, bewusster zu leben, das Leben mehr zu genießen, „es kann von einem Tag auf den anderen komplett zusammenbrechen und anders sein“. Sie sei auch politischer geworden, sagt sie. Bei den französischen Präsidentschaftswahlen ging  sie das erste Mal wählen, denn Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National mache ihr Angst. Sie wolle auch ihre Kinder politischer erziehen. Sie achte mehr darauf, was sie im Internet anschauten, welche Computerspiele sie spielten.

Nur wenige Schritte von Natalia Syeds Zuhause, gegenüber vom Bataclan: eine Gedenktafel. Inzwischen ist sie ersetzt worden.

Ihr Einsatz hat ihr viel Lob eingebracht – aber auch Anfeindungen. Sie ist Katholikin, ihr Mann Gabriel Muslim. Er kennt die misstrauischen Blicke ihm gegenüber schon seit den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt im Januar 2015. Nach dem Terror vom November habe das noch einmal zugenommen, sagt sie, dieser Generalverdacht gegenüber Muslimen. Nachdem Natalia in einem TV-Beitrag gewesen war, hat sie ein älteres Paar auf dem Gehweg angesprochen. „Toll, was Sie gemacht haben“, sagte die Dame. „Aber warum sind Sie denn als Katholikin mit einem Muslim verheiratet? Verlassen Sie ihn, bevor es zu spät ist. Muslime sind alle gleich.“

Natalia Syed war schockiert. Genauso über radikale Muslime, die sie kritisierten, weil sie gesagt hatte, die Attentäter seien keine Muslime, sondern Barbaren. „Solche Leute machen mir Angst.“ Plötzlich habe ihre Familie das Gefühl gehabt, vorsichtig sein zu müssen, was sie sage. Dabei sei Paris für sie immer eine kosmopolite Stadt gewesen, die zeige, wie das Zusammenleben der Menschen verschiedener Herkunft und Religionen funktioniere – trotz mancher Schwierigkeiten. Ihre eigene Ehe sei ein bestes Beispiel dafür. Um ein Zeichen zu setzen, half sie mit, eine interreligiöse Veranstaltung auf der Place de la République zu organisieren.

Es klopft, wieder will jemand bei Natalia ein Paket abholen. Sie steht auf vom Sofa, auf dem neuerdings eine weiße Decke liegt, um die hartnäckigen Blutflecken vom 13. November zu verbergen. Dann sagt sie noch: „Jeder sollte jeden Tag ein klein wenig tun für das gute Miteinander. Wir müssen stärker sein als dieser Hass.“

Ich danke dem Zürcher Fotografen Raphael Zubler für die Fotos. http://www.raphaelzubler.com

Gedenken am Mittelmeer

Frankreichs Region Okzitanien ist beliebt bei Touristen – vor allem die Küste an der spanischen Grenze. Nur wenige wissen, dass die Gegend im vergangenen Jahrhundert Hundertausende von Flüchtlingen aufgenommen hat. Lange Zeit herrschte Schweigen darüber, denn nicht immer haben die Franzosen die Flüchtlinge gut behandelt. Doch inzwischen werben die Tourismusverbände im Département Pyrénées-Orientales damit, sich Zeit zu nehmen für dieses schwierige Kapitel der französisch-spanischen Geschichte. Die Ausstellungen haben in Zeiten der Flüchtlingskrise eine große Aktualität. Hier eine Auswahl von  Gedenkstätten – auch mit einem Blick über die Grenze nach Spanien:

ARGÈLES-SUR-MER / LAGER AM STRAND

Noch ist es ruhig am Strand von Argelès-sur-Mer, die Saison geht erst noch los. Ein kühler Wind kommt vom Meer, Wolken ziehen über die Pyrenäen, die Grenze zu Spanien ist nur 30 Kilometer entfernt. Der französische Ort am Mittelmeer unweit von Perpignan ist beliebt bei Campern. 60 Campingplätze gibt es hier. Wenn die alle voll sind im Hochsommer, zählt der Ort 250 000 Menschen statt der üblichen 11 000.

Hier lebten einst Flüchtlinge in unwürdigen Zuständen: Der Historiker Grégory Tuban am Strand von Argelès-sur-Mer.

Grégory Tuban steht am Strand und zeigt nach Norden. „Hier zog sich das Lager entlang, aber es gibt keine Spuren mehr davon“, sagt der Historiker aus Perpignan. Dort, wo sich bald wieder die Urlauber sonnen, wurden einst spanisch-republikanische Flüchtlinge in ein Lager gepfercht.

Der Bürgerkrieg in Spanien (1936 bis 1939) löste mehrere Flüchtlingswellen nach Frankreich aus. Als Barcelona fiel und die Republikaner vor den Truppen des faschistischen Generals Franco flüchteten, überquerte im Februar 1939 fast eine halbe Million Menschen die Grenze in La Jonquera und Portbou.

Die Behörden waren völlig überfordert von dieser „Retirada“ (Rückzug), wie dieser Flüchtlingsstrom genannt wird. Sie brachten die Menschen zunächst an Stränden unter, zu allererst in Argelès-sur-Mer. Die ersten, die hier im kalten Februar 1939 ankamen, schliefen im Sand. Sie schützten sich mit Decken oder Planen vor Regen und Sturm. Das Meer war ihre Toilette, sanitärähnliche Einrichtungen gab es erst später. „Es waren unwürdige Bedingungen“, sagt Tuban. Heute erinnert ein Gedenkstein direkt am Strand an dieses Ereignis.

Der Gedenkstein in Argelès, nur wenige Meter vom Strand

100 000 Menschen lebten zeitweise in diesem Internierungslager. Viele Spanier, die für Demokratie und die Republik gekämpft hatten, waren verletzt, ausgehungert und krank. Erst nach und nach wurden Baracken errichtet. Frauen und Kinder wurden getrennt von den Männern. Für sie begann ein tristes Leben in hinter Stacheldraht, bis sie nach Monaten woanders in Frankreich untergebracht wurden.

Nicht weit entfernt von dem früheren Lagerort steht Jacqueline Payrot auf einem kleinen Grundstück zwischen den Strandhäusern neben einem Grabstein. 240 Flüchtlinge sind hier begraben. Payrot ist Vorsitzende des Vereins Ffreee, der sich für das Gedenken an die Retirada einsetzt. „Vermutlich hat es im Lager von Argelès Tausende Tote gegeben“, sagt sie. Ein kleines Museum in der Stadt erinnert mit Fotos und Zeugenaussagen an den Lageralltag. Urlauber und auch viele Spanier kämen immer wieder hierher, um sich an das Schicksal dieser Menschen damals zu erinnern.

LA JONQUERA / VON BÜRGERKRIEG UND KÜNSTLERN

Nur sechs Kilometer hinter der Grenze liegt La Jonquera. Ein spanisches Grenzgänger-Einkaufsparadies, etwa für preiswerte Alkohol und Schokolade. Während der Retirada marschierten 200000 Republikaner durch diesen Ort über die Grenze nach Frankreich. Heute befindet sich mitten im Ort das Museum „Memorial de l’Exili“ mit einer ständigen Ausstellung zu dieser schwierigen spanisch-französischen Geschichte.

Eine Fotowand aus dem MUME in La Jonquera

Die Decke des Saals sieht aus wie aus Sand – mit Abdrücken von Fußspuren. Eine Anspielung auf die Flüchtlinge an den französischen Stränden. Zahlreiche Fotos – etwa von dem berühmten Fotografen Agustí Centelles – zeugen von dem Alltag während des Spanischen Bürgerkriegs und dem der Flüchtlinge. „Diese Flüchtlingsbewegung war die erste, die derartig intensiv fotografiert wurde“, sagt Museumsdirektor Jordi Font. Eine ganze Wand ist voller Zeichnungen von Lagerinsassen. In Lagern wie in Gurs oder St. Cyprien lebten viele Künstler, die Alltagsmomente festhielten. Etwa Josep Franch Clapers, der Tintenzeichnungen von Beerdigungen machte.

Das Museum zeichnet die Wege der vertriebenen Republikaner nach, die von Südfrankreich bis nach Nordafrika, Kolumbien, in die Sowjetunion oder die Schweiz und nach Großbritannien flüchteten und um Asyl baten. Oder die sich in Frankreich der Résistance anschlossen. Ein Teil der Ausstellung erzählt auch von der Deportation der 8000 bis 10000 Menschen in das KZ Mauthausen. Manche Republikaner sind in das Spanien Francos zurückgekehrt, wo sie verfolgt, ermordet oder ins Gefängnis geworfen wurden.

COLLIOURE / AM GRAB VON ANTONIO MACHADO

Jemand hat mit Kieselsteinen auf dem Grab ein Herz geformt. Rosen und eine Flagge der spanischen Republik schmücken die Stätte. Auf dem Friedhof des idyllischen französischen Mittelmeerstädtchens Collioure kurz vor der spanischen Grenze befindet sich das Grab des spanischen Dichters Antonio Machado. Ein kleiner Briefkasten steht am Grab, hier werfen seine Verehrer immer noch Zettelchen und Briefe ein.

Pilgerstätte für Spanier und Literaturliebhaber: Grab von Antonio Machado in Collioure

Lange gab es keinen Gedenkort für die Menschen, die die Retirada erlebt hatten. Sie pilgerten also zum Grab des Lyrikers und machten es zu einem symbolischen Ort für die Exilanten. Ab 1931 hatte er die Republikaner unterstützt, im Januar 1939 floh er mit seiner Mutter nach Collioure. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft starb er am 22. Februar 1939 – vermutlich aus Erschöpfung.

Nur wenige Schritte vom Friedhof entfernt sitzen die Touristen in der idyllischen Hafenbucht der Stadt, essen gegrillten Hummer und trinken Weißwein. Über ihnen erhebt sich die Königsburg von Collioure. Wer die Treppen hinaufsteigt, findet im Inneren des Schlosses eine kleine Ausstellung zur Retirada. Mehr als 900 ausländische Flüchtlinge, die als besonders gefährlich galten, waren hier zwischen März und Dezember 1939 in diesem „Camp spécial“ untergebracht. Unter menschenverachtenden Bedingungen, etwa in dunklen Kerkern in den dicken Mauern der Burg, wurden sie interniert. Es gab Hungerstreiks, viele Häftlinge starben. Unter dem Vichy-Regime wurden hier schließlich auch „Verdächtige“ und Kriegsgefangene inhaftiert – auch deutsche.

ELNE / EINE ZUFLUCHT FÜR FLÜCHTLINGSFRAUEN

In den Lagern der Gegend gab es zahlreiche schwangere Frauen. Für sie waren die extremen Wetterbedingungen und die schlimmen hygienischen Zustände besonders unerträglich.

Manche dieser Frauen hatten Glück und erhielten Zuflucht bei Elisabeth Eidenbenz. Die Schweizerin gründete im Dezember 1939 in Elne, nur wenige Minuten vom Flüchtlingslager Argelès gelegen, ein Entbindungsheim, die Maternité suisse d’Elne. Mit der Erlaubnis der Behörden nahm sie schwangere Frauen aus den Internierungslagern auf, aber auch unterernährte Kinder.

Ein Ort der Hoffnung in dem damaligen Flüchtlingselend: Das Entbindungsheim in Elne

Viele Schwangere kamen in Elne völlig erschöpft an, hatten Flöhe, die Krätze oder Tuberkulose. Eidenbenz und ihre Helferinnen pflegten die Flüchtlinge, gaben ihnen ein sauberes Bett. Hier bekamen sie im Gegensatz zu den Lagern sauberes Wasser, Seife und Medikamente. Die meisten Frauen wurden hier gesund gepflegt.

In Elne wurden fast 600 Babys geboren, die meisten Mütter waren Spanier, aber insgesamt waren 15 Nationalitäten vertreten, auch einige Deutsche. Tausend Frauen und tausend Kinder erhielten hier Fürsorge.

Waren die Frauen stark genug, halfen sie bei der Arbeit im Garten und in der Küche mit, sie fühlten sich wieder nützlich – und als Frau und Mutter.

Elisabeth Eidenbenz (1913-2011) hatte ein Herz und missachtete Vorschriften der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung. 1944 merkten die Nationalsozialisten, dass Eidenbenz auch jüdischen Müttern half. Die Klinik musste schließen. 50 Jahre lang verfiel das Gebäude, niemand sprach darüber. Heute kann das restaurierte Gebäude besichtigt werden. Eine kleine Ausstellung mit bewegenden Fotos zeigt den Alltag von damals und erinnert an die mutigen Frauen, die den Flüchtlingsfrauen deren Würde zurückgaben.

RIVESALTES / LAGER DER UNERWÜNSCHTEN

Nur wenige Kilometer weiter liegt Rivesaltes, die Stadt, wo der bekannte süße Muskatwein herkommt. Am Rande des Ortes drehen sich Windräder bei einem kleinen Industriegebiet. Dahinter befindet sich ein weites Gelände voller Ruinen. Auf einem asphaltierter Rundweg laufen Touristen durch eine verfallene Baracken-Landschaft. Unkraut erobert die zerbröselnden Betonböden und Latrinen. Auch hier war ein Lager – mit einer einzigartigen Geschichte der Flüchtlingsbewegung in Spanien, des Zweiten Weltkriegs und der Folgen des Algerienkrieges.

Rundgang durch die Lager-Ruinen neben dem Mémorial in Rivesaltes

Heute liegt inmitten dieser Ödnis eine Gedenkstätte, das Mémorial du Camp de Rivesaltes. „Die Lagerinsassen hier hatten eines gemeinsam: Sie alle waren unerwünscht“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte, Agnès Sajaloli. Architekt Rudy Ricciotti hat den imposanten rechteckigen Flachbau zwischen die verfallenden Lagerbauten gesetzt. Ein Monolith, 220 Meter lang und 20 Meter breit, liegt quasi im Erdreich, er beginnt unter Bodenniveau und erhebt sich langsam nach oben. Nie ist der orangebraune Bau höher als die Lagerruinen.

Angelegt wurde das Lager von Rivesaltes einst als Militärlager. Doch während der Retirada wurde es zum Durchgangslager für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge. 1941 wurden Hunderte Sinti und Roma aus Elsass-Lothringen hier interniert, und schließlich deutsche Juden, darunter auch badische Juden, die vorher im südfranzösischen Gurs waren. Schließlich wurde das Camp ab 1942 zum überregionalen Sammellager für Juden und der französische Staat begann unter dem Vichy-Regime mit der Deportation: Von Rivesaltes aus fuhren neun Deportationszüge mit 2289 Männern, Frauen und Kindern über Drancy bei Paris nach Auschwitz.

Nach dem Krieg wurde dieser Ort des Elends weiter genutzt: für Vichy-Kollaborateure, und von 1945 bis 1948 für deutsche und österreichische Kriegsgefangene. Nach dem Algerienkrieg wurde das Camp ein Auffanglager für Harkis – so nennt man die algerischen Hilfssoldaten, die sich während der Unabhängigkeitskriege auf die Seite Frankreichs gestellt hatten. Kurz vor der endgültigen Schließung des Lagers 2007 war es zuletzt noch ein Abschiebegefängnis. Noch heute grenzt die Gedenkstätte an ein Militärgelände.

„Die lokalen und regionalen Widerstände gegen dieses Mémorial waren groß“, erinnert sich Agnès Sajaloli. 18 Jahre haben Politiker und Vereine dafür gekämpft, dass diese Erinnerungsstätte Wirklichkeit wird, 2015 wurde sie endlich eröffnet. Es ist eine Stätte gegen das Vergessen.

Die Gedenkstätte – wie eingegraben im Erdreich. Drumherum die Lagerbaracken.

Die Besucher erwartet die Dauerausstellung „Die Unerwünschten“ über das Lager und das Leben der Internierten und Flüchtlinge. Sie ist in Zeiten der Flüchtlingskrise von bedrückender Aktualität. „Was sich damals hier ereignet hat ist ein Spiegel dessen, was wir auch heute erleben“, sagt Sajaloli.

Besucher finden Standtafeln mit der Geschichte des Lagers vor, aber auch kleinere Bildschirme mit Berichten von Zeitzeugen sowie eindrucksvolle Fotos und Gegenstände von damals. Karten zeigen europäische Flüchtlingsbewegungen von 1914 bis 2015 und erinnern daran, dass bereits das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Flüchtlinge war.

 

Exponate im Mémorial du Camp de Rivesaltes

 

Mémorial du camp d’Argeles-sur-Mer

26, avenue de la Libération, 66700 Argelès-sur-Mer (Neueröffnung Mitte Juni). Der Gedenkstein findet sich am Strand in der Rue des Dunes, der Friedhof der Spanier in der Avenue de la Retirada.

Museu Memorial de l’Exili (MUME)

Calle Major 43-47, 17700 La Jonquera / Spanien, Di bis Sa 10 bis 18 Uhr (im Sommer bis 19 Uhr), So 10 bis 14 Uhr. http://www.museuexili.cat

Château royal de Collioure

Im Ortszentrum von 66190 Collioure. Geöffnet 10 bis 19 Uhr (Hochsaison, 15. und 16.8. geschlossen). http://www.ledepartement66.fr/98-chateau-royal-de-collioure.htm

Maternité Suisse d´Elne

Château d’en Bardou, Route de Montescot, 66200 Elne. Täglich 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr (Hochsaison). http://www.maternitesuissedelne.com

Mémorial du Camp de Rivesaltes

Avenue Clément Ader, 66600 Rivesaltes. Von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, danach Di bis So 10 bis 18 Uhr. http://www.memorialcamprivesaltes.eu

Die meisten Texte in den Museen sind in französischer und englischer Sprache, im Mume auch auf Spanisch, im Mémorial von Rivesaltes teils auf Deutsch.

Die (Nicht-) Wahl der Jugendlichen

Gäbe es in Frankreich eine „Enthaltungspartei“, viele junge Franzosen würden sie vermutlich wählen. Denn gerade mal 52 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben vor, am 23. April in die Wahlkabine zu gehen, wenn der erste Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen stattfindet. Bei der Wahl 2012 waren es noch 70 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschungsinstituts Ifop für die französische nationale Jugendorganisation Anacej.

Warum sind die jungen Franzosen so wahlmüde? Die am häufigsten genannte Antwort in der Umfrage: „Weil kein Kandidat meine Ansichten repräsentiert.“ Viele finden sich also nicht wieder in den Wahlprogrammen der Kandidaten. Ein weiterer wichtiger Grund: Viele glauben nicht daran, dass sich nach der Wahl etwas an ihrer eigenen Situation oder generell in der Gesellschaft ändert.

An dritter Stelle der Enthaltungsargumente steht die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Regierung und der Parteien. Viele junge Wahlberechtigte in Frankreich haben inzwischen ein großes Misstrauen gegenüber Politikern. „Die Jugendlichen scheinen größeren Wert als ältere Wähler auf Ehrlichkeit, Transparenz und auf Respekt vor dem politischen Engagement zu legen“, sagt Simon Berger von der Jugendorganisation Anacej.

Übrigens: Viele Jugendliche wählen auch nicht, weil sie angeblich an dem Wahlsonntag verhindert oder in den Ferien sind.

Und die, die wählen gehen? Die Umfrage zeigt, dass sich ihre Wahlentscheidungen denen der älteren Franzosen immer mehr annähern: An erster Stelle stünde beim ersten Wahlgang die Kandidatin Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National mit 29 Prozent. Zum Zeitpunkt der Umfrage in der ersten Märzhälfte lagen die 18- bis 25-Jährigen damit sogar noch vor dem Umfragewert für alle Wählerschichten (26,5 Prozent). Aber: Würde es Marine Le Pen in den zweiten Wahlgang schaffen, verlöre sie bei den Jugendlichen – egal wie ihr Gegner heißt.

Partei-Marketing-Strategie von Marine Le Pen: Der Name Le Pen taucht bei Wahlkampf-Auftritten kaum mehr auf. Alles dreht sich um „Marine“.

Die Französin Nathalie Oreskovic ist eine junge Frau, die Marine Le Pen vom Front National wählen will. Sie steht in der Arènes-Halle von Metz und wartet auf den Wahlkampf-Auftritt von Marine Le Pen. Eigentlich ist sie eine junge Vorzeige-Europäerin: Sie hat kroatische Wurzeln, lebt bei Forbach an der Grenze zu Deutschland, studiert Pflege in Saarbrücken, spricht sehr gut Deutsch.

Für die 20-Jährige steht Le Pen für mehr Sicherheit. Die Anschläge und vereitelten Anschlagsversuche machen ihr Angst. Dass zum Beispiel der Berliner Attentäter durch ganz Europa reisen konnte, auch über die französische Grenze, das sei nicht normal, sagt sie.

Aber braucht es bei diesen Gefahren nicht eher mehr Zusammenarbeit und Absprache in Europa? Ist die Lösung wirklich, dass Frankreich sich einigelt, wieder Tausende von Zöllnern an Frankreichs Grenzen stellt, wie Le Pen es vorhat? Kann jemand, der von den Vorteilen einer Grenzregion und der Reise- und Studierfreiheit profitiert, für eine Kandidatin  sein, die den Euro abschaffen, die Schlagbäume wiedererrichten und den Frexit will?

Die Studentin sagt Sätze wie: „Marine will ja nicht raus aus Europa, sondern aus der EU.“ Und: „Ich vertraue Marine“ – viele Le-Pen-Fans sagen längst nur den Vornamen, als wäre die Chefin des Front National eine gute Freundin. Ja, sie fühle sich wie eine Europäerin, eine Französin, eine Lothringerin, sagt Nathalie. Sie erinnert sogar an Robert Schuman, einen der Gründervater der EU. Das sei damals eine gute Sache gewesen, aber die EU habe sich falsch entwickelt. Die EU versage beim Thema Sicherheit. Und sie sei keine Union der Völker, sondern der Banken.

Sie verspricht Ordnung für Frankreich: Le-Pen-Wahlplakat in einem Vorort von Paris

Die Parolen der ausländerfeindlichen populistischen Kandidatin gefallen der jungen Frau. Marine Le Pen verstehe nun mal die Sorgen der Franzosen, sagt sie. Sie sei auch nicht wie ihr rechtsextremer Vater Jean-Marie, sondern eine eigene Persönlichkeit. „Frankreichs Interessen zuerst“, darauf komme es an, dafür sorge Le Pen.

Und dass die deutsch-französische Freundschaft mit ihrer Wunschpräsidentin vermutlich erst mal auf Eis liege würde, macht ihr das keine Sorgen? Auch dafür hat Nathalie eine Antwort parat: Kanzlerin Merkel habe doch auch Donald Trump besucht. So schlimm, wie die Medien das alles darstellen, werde das nicht werden. Sie vergleicht es mit ihrem zukünftigen Job als Krankenschwester: „Auch wenn ich einen Patienten mal nicht so mag, muss ich ihm trotzdem helfen.“ Wenn Merkel professionell sei, würde sie auch mit Marine Le Pen zusammenarbeiten. Und dann verschwindet sie in den Saal, wo gleich Le Pen auftreten und gegen die EU, Deutschland und Flüchtlinge schimpfen wird.

Der Großteil der Jugendlichen wählten aber wohl eher aus Protest als aus Liebe zu ihrem Programm Marine Le Pen, sagt Simon Berger von Anacej. Die 18- bis 25-Jährigen beschäftigen die gleichen Sorgen wie den Rest der Franzosen, es gibt keine speziellen „jungen Themen“. Auf Platz eins: das Thema Arbeit. Kein Wunder: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich beträgt fast zehn Prozent, jeder vierte Jugendliche ist auf der Suche nach einer Stelle. Das Thema Kaufkraft/Lebenshaltungskosten steht auf Platz zwei vor Ausbildung/Erziehung, dann die Gesundheit. Von dem neuen Präsidenten wünschen sich die Jugendlichen, dass er für Sicherheit sorgt – generell, aber auch vor dem Terrorismus. Die Verlängerung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen im November 2015 ausgerufen wurde, ist eine der Forderungen der Präsidentschaftskandidaten, die die jungen Wähler am meisten unterstützen.

Einen größeren Unterschied im Vergleich zu den älteren Wählern gibt es: „Die Jugendlichen scheinen etwas fortschrittlicher zu sein, was soziale Entwicklungen angeht“, sagt Simon Berger. So sind sie kritischer gegenüber den Forderungen mancher Präsidentschaftskandidaten, die Homo-Ehe wieder abzuschaffen. Außerdem stünde die Mehrheit der jungen Wähler zur EU – mehr als der Rest der französischen Bevölkerung.

Bei den Fillon-Fans

Hätte ein Regisseur ein fiktives Drehbuch für ein solches Präsidentschaftswahl-Drama vorgelegt, wäre er vermutlich ausgelacht worden. Die Story: Ein Politiker in Frankreich, fast schon ausrangiert, gewinnt die Vorwahl der konservativen Republikaner, wird der neue Star der Partei, gilt bei super Umfragewerten schon als sicherer zukünftiger Präsident – und stürzt dann über eine Scheinbeschäftigungs-Affäre. Er will aber nicht aufgeben, hält am Kandidatenstatus fest und könnte seine Partei nun in den Abgrund reißen – oder doch noch der strahlende Sieger werden. Völlig übertrieben, völlig unrealistisch? Genau das erleben die Franzosen mit François Fillon.

In sechs Wochen wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Kaum jemand spricht über Inhalte, über Arbeitslosigkeit, Ausnahmezustand und Zukunftsvisionen. Alles sprechen vom Fall François Fillon, den Ermittlungen der Justiz, der zerrissenen Partei, den Abtrünningen, die Fillon wegen seines Verhaltens in der Affäre davonlaufen.

Der Wahlkampf steht im Schatten der Justiz. Fillon ist ein Präsidentschaftskandidat, der Ehefrau und Kinder scheinbeschäftigt haben soll. Es geht um eine Summe von fast einer Million Euro Steuergeld für die Seinen. Fillon scheint die Richter nicht von seiner Unschuld überzeugen zu können, nächste Woche wird es wohl zur Anklageerhebung kommen. Der Politiker spricht von einem Komplott der Medien, der Justiz und der sozialistischen Regierung und gar von einem „politischem Mordversuch“.

Fillon stilisiert sich als Opfer, attackiert die Untersuchungsrichter, die nur ihre Arbeit tun. Er agiert, wie Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National es schon lange tut. Manche fühlen sich gar an Donald Trump erinnert.

Kann so jemand noch Präsident?

Das politische Kommitee der Republikaner hat nun beschlossen: Er soll weitermachen. Und das, obwohl viele Konservative sich von ihm abwenden und sogar der zuletzt als Ersatz-Kandidat gehandelte Alain Juppé ihm Sturheit vorwarf. Anders sehen das natürlich die Fillon-Fans. Auf seinen Veranstaltungen hört man immer wieder diesselben Argumente, warum er bleiben soll – und manche lassen einen erstaunen:

„Fillon-président“-Rufe: seine Wähler bei einer Veranstaltung in Aubervilliers

„Nur er kann Frankreich reformieren“: Umfragen deuten darauf hin, dass die Republikaner mit Fillon an der Spitze nicht in den zweiten Wahlgang einziehen würden. Es wäre das erste Mal in der V. Republik. Die Partei würde implodieren, fürchten viele. Auch Dominique Lataillade. „Ich bin ratlos“, sagt die Pariser Ärztin, die es zu einer Veranstaltung von François Fillon vor wenigen Tagen nach  Aubervilliers im Norden der Hauptstadt gezogen hat. „Aber wenn er geht, was wird dann aus seinem Programm?“ Kein anderer Kandidat werde Frankreich so stark reformieren, wie es das Land nötig habe.

Das sagen auch viele Unternehmer. Sie haben so große Hoffnungen gesetzt auf den Kandidaten mit dem sehr liberalen Wirtschaftsprogramm. Kein anderer würde den Unternehmen so viele Erleichterungen verschaffen wie er. Doch was ist mit dem nicht gehaltenen Versprechen von Fillon? Dass der Präsidentschaftskandidat vor kurzem noch gesagt hat, er werde bei einer Anklageerhebung nicht Präsidentschaftskandidat bleiben, denn das sei eine Frage der Moral? Kann man so jemandem glauben, dass er seine Wahlversprechen einhält?

„Die anderen machen sowas ja auch“: Dass Fillon sich vielleicht strafbar gemacht hat mit seinem Verhalten, sehen viele nicht. Immer wieder heißt es: Er ist ein ehrenhafter Mann. Andere Abgeordnete hätten auch Familienangehörige angestellt. Das stimmt, und das ist auch legal – wenn Ehefrauen und Kinder denn wirklich für das Geld arbeiten. Die Untersuchungsrichter bezweifeln das bei der Familie Fillon.

„Es tat das aus Liebe zur Familie“: Viele Katholiken und Anhänger der Bewegung gegen die Homoehe („Manif pour tous“) unterstützen Fillon. Der bisherige Saubermann Fillon hält die Familie als großen Wert hoch. „Er hat das doch nur für seine Familie getan“, sagt eine ältere Dame.

„Die Medien stecken dahinter“: Ein Herr ist sich sicher: Dass die Medien François Fillon weg- und den sozialliberalen Kandidaten Emmanuel Macron herbeischreiben. Der Grund: Hollande habe für Journalisten große steuerliche Erleichterungen geschaffen – und deswegen würden sie jetzt seinen Schützling Macron in der Berichterstattung bevorzugen, sagt er. Und was ist mit der Tatsache, dass die Medien in den vergangenen Jahren kaum ein gutes Haar an François Hollande gelassen haben? „Aber da war Hollande ja selbst Schuld daran.“

Die Satirezeitung Charlie Hebdo zeichnet Fillon und Le Pen auf den Titel, wie sie sich gemeinsam eine lockerere Justiz wünschen.

„Wer diesen Gegenwind übersteht, der hat das Zeug zum Präsidenten“: Ein Präsident müsse etwas aushalten, Rückgrat zeigen, nicht klein beigeben bei der ersten Schwierigkeit, hört man immer wieder. Und Fillon beweise in diesen Tagen, dass er das könne.

„Lieber die eigene Frau statt eine Geliebte“: Im französischen TV sagt ein älterer Herr, dass es doch gut gewesen sei, dass Fillon seine Frau bezahlt habe statt eine externe Assistentin, mit der er dann vielleicht noch eine Liebesaffäre angefangen hätte… Er lächelt, während er das sagt, aber er scheint das tatsächlich ernst zu meinen.

Viele Anhänger Fillons drohen offen damit, Marine Le Pen zu wählen, wenn Ihnen ihr konservativer Kandidat genommen wird. Der rechtsextreme Front National kann sich sowieso freuen. Über die Gefahr des Programms der Rechtspopulisten für ganz Europa spricht derzeit kaum einer. Le Pens stetiger Vorwurf, dass die Eliten alle korrupt seien, scheint sich dagegen für viele Wähler mal wieder zu bewahrheiten. Le Pens eigene Korruptionsaffären schaden ihr derweil nicht. Ihre Anhänger scheinen es gut zu finden, dass sie EU-Geld in die eigenen Partei-Taschen gesteckt haben soll und dass sie darauf pfeift, vor den Untersuchungsrichtern zu erscheinen. Ihre Umfragewerte bleiben stabil, der Einzug in den zweiten Wahlgang scheint sicher.

Paris-Tipp: Kuchen bei La Bossue

Das Leben ist zu kurz, um keinen Kuchen zu essen. Nur essen die Franzosen ihn oft als Nachtisch zum Mittag- oder Abendessen und nicht wie wir Deutschen gerne gegen drei oder vier Uhr am hellerlichten Nachmittag. Kaffeekränzchen in Paris, das geht zwar, man muss nur wissen, wo.

Neulich sah ich in der blauen Stunde auf dem Montmartre durch ein Schaufenster in ein angenehm erleuchtetes Café. Ich ging näher ran, und entdeckte im Innern einen Tresen voller Rührkuchen, Madeleines, Financiers, Scones, und eine Art doppelte Ischler Törtchen mit zwei Löchern, „lunettes“ genannt.

Am Ende eines langen Nachmittags sind die Kuchen kürzer geworden (ich bekenne mich mitschuldig).

Am Ende eines langen Nachmittags sind die Kuchen kürzer geworden (ich bekenne mich mitschuldig).

„La Bossue“ heißt diese Pâtisserie, und das warme Licht lockte mich gleich ins Innere. Ein schmaler Vintage-Teesalon, runde Marmortische und ein länglicher Holztisch, alte Holzstühle und mit Fell überzogene kleine Hocker. Spiegel aus dem vergangenen Jahrhundert an den Wänden und Blumenampeln an der Decke, alte Schwarzweiß-Familienfotos, grüne Tapete mit Baummuster. Hier soll es sein wie bei Oma. Diese Retro-Orte lieben die Franzosen ja sehr. Wohl gerade auch in dieser Zeit, in der die Globalisierung – die le Nachbar „mondialisation“ nennt – es ihrer Wirtschaft schwer zu schaffen macht. Freundinnen führen hier Mädchengespräche, Väter spendieren am späten Nachmittag ihren Kindern das berühmte französische „goûter“, eben einen kleinen Kuchen, damit die Kleinen durchhalten bis zum Abendessen.

Viele Plätze gibt es hier nicht. Vorne am Tresen wird nach dem Eintreten erst mal Halt gemacht, gesichtet, was heute vernaschbar ist, und man wartet, dass man gesetzt wird. (Manche Besucher lassen sich Kuchen auch zum Mitnehmen einpacken.) Im hinteren Teil ist seitlich die Backstube, in der die junge Besitzerin Caroline gerade den Rührteig für einen Schokokuchen in eine Form streicht. „La bossue“ bedeutet die Bucklige. Dieses Oma-Kaffee mit großer Teeauswahl führt aber keine Oma, sondern eben zwei junge Franzosen, die auf saisonale und lokale Zutaten Wert legen.

Welcher Kuchen heute verdrückt werden kann, hänge von der Jahreszeit, vom Wetter und davon ab, wie die Sterne stünden, steht in der Karte. Das zeigt: Wer Kuchen liebt, hat auch Humor. Und wer Humor hat, der schneidet einem auch ein ordentliches Stück ab. Mein saftiges Pamplemousse-Kuchenstück ist fast fünf Zentimeter breit. 3 Euro dafür und für den Darjeeling 4,50 Euro, heissa, für den Montmarte sind das Preise, wo man sich doch gleich noch ein Stück am Tresen zu erbitten traut.

Am Ende der Rue des Abesses auf dem Montmartre: La Bossue

Am Ende der Rue des Abesses auf dem Montmartre: La Bossue

Hier verkehren Pariser. Denn die Touristen, die das Viertel ja gerne überrennen, biegen schon an der Kreuzung vorher ab, um in der Rue Lepic ins „Café des Deux Moulins“ zu stürmen, das durch den Amélie-Poulain-Film große Berühmtheit erlangte. Im Bossue dagegen wollen die Einheimischen Oma-Wärme tanken. Schon zum Frühstück, oder mittags bei Salaten, Quiches, Croque-Monsieurs oder Suppen. Am Wochenende drängt man sich hier zum Brunch, vor 15 Uhr kriegt man deswegen keinen Platz.

La Bossue, pâtisserie-comptoir

Mittwoch bis Freitag 8.30-19 Uhr, Samstag und Sonntag 10.30-19 Uhr

9, rue Joseph de Maistre, 75018 Paris, Metro: Blanche, Abesses

www.labossue.com, https://www.facebook.com/labossue/