Per Kuchen zum König

„Der Jüngste muss unter den Tisch“, sagt Gérard. Die Jüngste ist in dieser Runde schon über 40. Trotzdem: Ab unter den Tisch. Gérard schneidet die Galette des rois auf, den Königskuchen.  Ein lauwarmer, runder, flacher Blätterteig mit Mandelcreme (frangipane) oder wahlweise mit Apfelfüllung drin. Sieht ziemlich unscheinbar aus. Wenn da nicht noch etwas anderes drin wäre…

In der Zeit um den 6. Januar kauft Le Nachbar seine Galette des rois. Aus Tradition. Am Tag der Heiligen drei Könige etwa wollen alle nach einem mehrgängigen Essen in diese Nachspeise beißen. Weil man bei diesem Kuchen mit dem richtigen Biss König werden kann.

Der Bäcker hat nämlich eine „Fève“ in den Teig gesteckt (sprich: Fäw). Fève bedeutet eigentlich dicke Bohne. Heute sind das aber meist (Porzellan-) Figuren: Das kann ein Asterix sein. Oder ein kleiner Eiffelturm. Oder irgendein Tierchen. Längst gibt es in Frankreich zahlreiche Sammler dieser Figuren.

„Warum wollt Ihr Euch bei dieser Nachspeise unbedingt einen Zahn ausbeißen?“, frage ich Gérard. Der antwortet darauf nicht, sondern setzt das Messer an. Wir sind vier am Tisch. Also vier Stücke. Er muss beim Schneiden aufpassen, dass er nicht gerade die Fève erwischt… „Wenn ich sie spüren würde, würde ich vorsichtig daneben schneiden.“ Ein Königskuchenaufschneidprofi.

Die Jüngste unterm Tisch (so wird jegliche Mogelei ausgeschlossen) muss nun entscheiden, wer welches Stück bekommt. Und dann wird gegessen – bis jemand auf die Fève beißt. Es passiert der Jüngsten, die richtig erschrickt, als sie das Ding zwischen die Zähne kriegt. Ein kleiner Schmetterling aus Porzellan. Gérard überreicht ihr die Pappkrone, die einer Galette aus der Bäckerei immer beiliegt. Für einen Tag darf sie nun Königin sein. Einen König aussuchen. Ihn küssen, falls gewünscht. Und wenn sie aus ihrem Glas trinkt, sagen alle: Le roi boit (oder La reine boit) – was lustig holprig klingt, vor allem, wenn einer schon einen sitzen hat.

(Das Problem ist für die, die nicht König geworden sind: Fällt in den nächsten Stunden irgendwelche Hausarbeit an, setzt die Königin die Krone auf und gibt Befehle.)

Leckere Königsmacher

Leckere Königsmacher

Le Nachbar hat übrigens 2012 einen Rekord aufgestellt bei seinen Ausgaben fürs Lotteriespielen. Die Française des jeux hat 12,1 Milliarden Euro eingenommen – über sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor. Es ist wohl diese Spiellust der Franzosen, die sich bei der Galette des rois nun ein Hotelier in Avallon in der Bourgogne zunutze gemacht hat: Er ließ eine kleine Napoleonfigur aus purem Gold im Wert von 300 Euro in eine seiner 500 Galettes (das Stück für zwölf Euro) einbacken, die er im Restaurant verkaufte. So eine goldene, geschäftstüchtige Idee hatte auch mal ein Bäcker in der Provence: Er verkaufte daraufhin 1500 Galettes in drei Tagen.

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