Paris-Tipp: Mal Höhenangst, mal Heiratsantrag

Für Menschen aus aller Welt geht ein Traum in Erfüllung, wenn sie den Eiffelturm besteigen. Aber wie ist es, wenn man täglich auf dieser Top-Sehenswürdigkeit arbeitet? Wilhelm Dubelloy stammt aus Mantes-la-Jolie westlich von Paris, hat eine deutsche Mutter und einen belgischen Vater, und arbeitet als Aufzugsführer und am Einlass des Turms.

Sie arbeiten seit 30 Jahren auf einem Sehnsuchtsort vieler Menschen. Ist das inzwischen für Sie eine ganz normale Aufzugskabine oder immer noch ein außergewöhnlicher Arbeitsort?

Zwischen Himmel und Paris: Willhelm Dubelloy im Eiffelturm-Aufzug

Warnt vor Taschendieben: Wilhelm Dubelloy im Eiffelturm-Aufzug, seinem täglichen Arbeitsplatz.

Wie bei jeder Arbeit wird auch die auf dem Eiffelturm mit der Zeit zur Gewohnheit. Aber trotzdem weiß ich, dass ich Glück habe, auf diesem einzigartigen Monument mein Geld zu verdienen. Egal, in welches Land man geht: Wenn man von Frankreich spricht, kommen die Leute gleich auf Paris und den Eiffelturm. Der Eiffelturm ist das Aushängeschild Frankreichs. Er ist einfach etwas Besonderes: seine Struktur, sein Alter, seine Geschichte. Er zieht einen an. Wenn ich ihn betrachte, denke ich: Wie kann es sein, dass er sich so gut erhalten hat? Weil er gut instand gehalten wird, weil viele Menschen für ihn arbeiten.

Bleibt Ihnen überhaupt noch Zeit, während Ihrer Arbeit den Ausblick zu genießen?

Hier ist viel Bewegung und Gedränge, da muss ich aufmerksam auf die Leute schauen. In verschiedenen Sprachen gebe ich Hinweise. Ich mag den Kontakt zu den Leuten. Wir haben hier einen melting pot von Menschen aus aller Welt, aus allen Religionen und Kulturen. Ich bitte die Touristen mit Rucksäcken, sie abzunehmen. Nicht nur, weil es andere Leute oft stört, sondern weil Taschendiebe dann leichtes Spiel haben. Aber mir bleibt immer wieder etwas Zeit, um auf das Pariser Häusermeer hinunter zu schauen. Paris von oben, das ist großartig. Mit den Jahreszeiten ändert sich die Stadt. Den Herbst mag ich am liebsten, wenn die Bäume rund um den Eiffelturm bunt werden, die Sonne scheint und das Laub fällt.

Was fragen die Touristen Sie häufig?

Wie viele Etagen es auf dem Turm gibt, wie die alten Hydraulikaufzüge funktionieren, ob es Pannen gibt. Manchmal stellen die Leute auch dumme Fragen: etwa wenn Leute auf der Spitze des Eiffelturms einsteigen und fragen, ob der Aufzug nach oben oder nach unten fährt. Aber ich kann das verstehen: Dieses außergewöhnliche Bauwerk bringt einen schon ein wenig durcheinander.

Jeder Tourist überlegt, wann wohl der beste Zeitpunkt ist, um den Eiffelturm zu besuchen. Was raten Sie?

Tipp Nummer 1: Wenn kann, der sollte die Treppe nehmen!

Eiffelturm intensiv: Wenn kann, der sollte die Treppe nehmen.

Kommen Sie früh am Morgen. Allerdings hängt das sehr von der Jahreszeit ab. Im Sommer sollte man schon eine Stunde vor der Öffnungszeit da sein, in der kälteren Jahreszeit reicht auch eine halbe Stunde. Aber auch zu den anderen Zeiten können Sie Glück oder Pech haben, das hängt stark vom Wetter ab. Wenn es regnet, sind die Schlangen nicht so lang. Samstags ist meistens sehr viel los. Im Winter, wenn keine Ferien sind, ist es immer ruhiger. Früher waren der November und der Januar immer recht ruhige Monate. Aber auch das ist vorbei. Rechnen Sie einfach immer mit einer langen Schlange.

Sollte man nicht eher abends hochsteigen? Man kann ja im Sommer sogar noch um Mitternacht hoch.

Eiffelturm am Tag oder am Abend – das sind zwei sehr verschiedene Erlebnisse. Wenn ich Tourist wäre, würde ich zweimal hochsteigen. Tagsüber haben Sie einen tollen Blick auf die Stadt. Abends sehen Sie das beleuchtete Paris und den beleuchteten Eiffelturm, dessen 20 000 Lichter zur vollen Stunde fünf Minuten lang glitzern. Abends geht es den Leuten natürlich oft um romantische Gefühle, da sehe ich viele verliebte Paare im Aufzug: Manche wollen den Sonnenuntergang erleben, sich auf dem Turm verloben oder sich sogar einen Heiratsantrag machen. Andere wiederum wollen auf der Spitze an der Champagnerbar ein Glas miteinander trinken.

Haben Sie auch manchmal sehr unangenehme Leute im Aufzug?

Selten. Manche sind ein wenig betrunken.

Trotz der Enge und der Massen bleiben Sie und Ihre Kollegen sehr freundlich. Das ist sicher nicht immer einfach, oder?

Zwischen Stahlträgern und Seine - auf dem Weg nach oben.

Unten die Seine: Auf dem Weg nach oben lohnt sich auch der Blick zurück.

Das gehört sich so. Es gibt schließlich auch Leute, die Angst vor dem Aufzug haben. Oder die denken, dass sie oben Angst bekommen werden – Höhenangst etwa. Diese Menschen werden noch ängstlicher, wenn ich gestresst und unhöflich bin. Mein Job ist doch auch, ihnen ein sicheres Gefühl zu geben. Manche fragen mich, ob sie ganz allein im Aufzug hochfahren dürfen, weil sie Platzangst haben. Das ist leider nicht möglich bei den vielen Menschen, die wir hier transportieren.

Und wie ergeht es diesen Leuten oben?

Manchen Menschen ist es auf der Spitze tatsächlich mulmig oder sogar schwindelig, sie gehen nicht bis nach vorne an das Gitter, sondern halten sich eher ein wenig an der Turmwand fest. Aber wenn sie wieder runterfahren, sind sie alle sehr stolz, dass sie oben waren. Sie kommen vielleicht nur einmal im Leben hierher und wollen ihrer Familie sagen: Ich war dort, ich habe es getan, ich war oben. Ich sehe das den Leuten im Aufzug an: Vorher haben viele ein ernstes, bleiches Gesicht. Danach schauen sie zufrieden und entspannter. Viele finden übrigens die neuen Glasböden in der ersten und zweiten Etage, durch die man nach unten in die Tiefe sehen kann, unheimlicher als die Turmspitze.

Was kann man tun, um möglichst viel vom Turm mitzubekommen?

Die Glasböden: Blick in die Tiefe von der ersten Etage.

Die Glasböden: Blick in die Tiefe von der ersten Etage.

Wer kann, sollte ihn wirklich besteigen und die Treppe benutzen bis zu zweiten Etage. Oder mit dem Aufzug hochfahren, aber dann über die Treppe wieder hinuntergehen. Man sieht den Turm mit ganz anderen Augen. Man sieht die Leere, kann anhalten und in die Ferne schauen, sieht die filigrane Struktur, die vielen Nieten, die Architektur. Man kann sich Zeit nehmen, Fotos machen.

Ärgern sich die Leute, wenn die Turmspitze im Nebel steckt?

Wenn es oben neblig und die Sicht stark eingeschränkt ist, dann werden die Besucher unten über die Anzeigentafeln darauf hingewiesen. Manche wollen gerade deswegen nach oben, weil es ein besonderes Erlebnis ist, in einer Wolke zu sein. Andere haben eben nur an diesem Tag Zeit, den Turm zu besteigen.

Was wäre Paris ohne den Eiffelturm?

Paris ohne Eiffelturm wäre nicht Paris. Andersherum gilt dasselbe. Als Gustave Eiffel den Turm baute, fanden ihn viele Pariser schrecklich und haben ihn bekämpft. Wenn die Kritiker in ihren Gräbern wüssten, dass er immer noch da ist, würden sie ihre Meinung ändern. Der Eiffelturm ist einzigartig in der Welt. Zwar gibt es in vielen Ländern Kopien von ihm, aber wir haben den echten.

(Das Interview stammt aus dem Fettnäpfchenführer Paris, dort gibt es auch weitere Tipps für den Besuch und Fakten zum Eiffelturm.)

Am Ende ganz oben im Himmel über Paris.

Am Ende ganz oben im Himmel über Paris.

2 Gedanken zu „Paris-Tipp: Mal Höhenangst, mal Heiratsantrag

  1. Danke! Ich stehe hier im kleinen Darmstadt an der Bushaltestelle und war kurz ganz weit oben über Paris!
    Du verstehst die Kunst, einen mit auf Reisen zu nehmen !

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