Die (Nicht-) Wahl der Jugendlichen

Gäbe es in Frankreich eine „Enthaltungspartei“, viele junge Franzosen würden sie vermutlich wählen. Denn gerade mal 52 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben vor, am 23. April in die Wahlkabine zu gehen, wenn der erste Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen stattfindet. Bei der Wahl 2012 waren es noch 70 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschungsinstituts Ifop für die französische nationale Jugendorganisation Anacej.

Warum sind die jungen Franzosen so wahlmüde? Die am häufigsten genannte Antwort in der Umfrage: „Weil kein Kandidat meine Ansichten repräsentiert.“ Viele finden sich also nicht wieder in den Wahlprogrammen der Kandidaten. Ein weiterer wichtiger Grund: Viele glauben nicht daran, dass sich nach der Wahl etwas an ihrer eigenen Situation oder generell in der Gesellschaft ändert.

An dritter Stelle der Enthaltungsargumente steht die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Regierung und der Parteien. Viele junge Wahlberechtigte in Frankreich haben inzwischen ein großes Misstrauen gegenüber Politikern. „Die Jugendlichen scheinen größeren Wert als ältere Wähler auf Ehrlichkeit, Transparenz und auf Respekt vor dem politischen Engagement zu legen“, sagt Simon Berger von der Jugendorganisation Anacej.

Übrigens: Viele Jugendliche wählen auch nicht, weil sie angeblich an dem Wahlsonntag verhindert oder in den Ferien sind.

Und die, die wählen gehen? Die Umfrage zeigt, dass sich ihre Wahlentscheidungen denen der älteren Franzosen immer mehr annähern: An erster Stelle stünde beim ersten Wahlgang die Kandidatin Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National mit 29 Prozent. Zum Zeitpunkt der Umfrage in der ersten Märzhälfte lagen die 18- bis 25-Jährigen damit sogar noch vor dem Umfragewert für alle Wählerschichten (26,5 Prozent). Aber: Würde es Marine Le Pen in den zweiten Wahlgang schaffen, verlöre sie bei den Jugendlichen – egal wie ihr Gegner heißt.

Partei-Marketing-Strategie von Marine Le Pen: Der Name Le Pen taucht bei Wahlkampf-Auftritten kaum mehr auf. Alles dreht sich um „Marine“.

Die Französin Nathalie Oreskovic ist eine junge Frau, die Marine Le Pen vom Front National wählen will. Sie steht in der Arènes-Halle von Metz und wartet auf den Wahlkampf-Auftritt von Marine Le Pen. Eigentlich ist sie eine junge Vorzeige-Europäerin: Sie hat kroatische Wurzeln, lebt bei Forbach an der Grenze zu Deutschland, studiert Pflege in Saarbrücken, spricht sehr gut Deutsch.

Für die 20-Jährige steht Le Pen für mehr Sicherheit. Die Anschläge und vereitelten Anschlagsversuche machen ihr Angst. Dass zum Beispiel der Berliner Attentäter durch ganz Europa reisen konnte, auch über die französische Grenze, das sei nicht normal, sagt sie.

Aber braucht es bei diesen Gefahren nicht eher mehr Zusammenarbeit und Absprache in Europa? Ist die Lösung wirklich, dass Frankreich sich einigelt, wieder Tausende von Zöllnern an Frankreichs Grenzen stellt, wie Le Pen es vorhat? Kann jemand, der von den Vorteilen einer Grenzregion und der Reise- und Studierfreiheit profitiert, für eine Kandidatin  sein, die den Euro abschaffen, die Schlagbäume wiedererrichten und den Frexit will?

Die Studentin sagt Sätze wie: „Marine will ja nicht raus aus Europa, sondern aus der EU.“ Und: „Ich vertraue Marine“ – viele Le-Pen-Fans sagen längst nur den Vornamen, als wäre die Chefin des Front National eine gute Freundin. Ja, sie fühle sich wie eine Europäerin, eine Französin, eine Lothringerin, sagt Nathalie. Sie erinnert sogar an Robert Schuman, einen der Gründervater der EU. Das sei damals eine gute Sache gewesen, aber die EU habe sich falsch entwickelt. Die EU versage beim Thema Sicherheit. Und sie sei keine Union der Völker, sondern der Banken.

Sie verspricht Ordnung für Frankreich: Le-Pen-Wahlplakat in einem Vorort von Paris

Die Parolen der ausländerfeindlichen populistischen Kandidatin gefallen der jungen Frau. Marine Le Pen verstehe nun mal die Sorgen der Franzosen, sagt sie. Sie sei auch nicht wie ihr rechtsextremer Vater Jean-Marie, sondern eine eigene Persönlichkeit. „Frankreichs Interessen zuerst“, darauf komme es an, dafür sorge Le Pen.

Und dass die deutsch-französische Freundschaft mit ihrer Wunschpräsidentin vermutlich erst mal auf Eis liege würde, macht ihr das keine Sorgen? Auch dafür hat Nathalie eine Antwort parat: Kanzlerin Merkel habe doch auch Donald Trump besucht. So schlimm, wie die Medien das alles darstellen, werde das nicht werden. Sie vergleicht es mit ihrem zukünftigen Job als Krankenschwester: „Auch wenn ich einen Patienten mal nicht so mag, muss ich ihm trotzdem helfen.“ Wenn Merkel professionell sei, würde sie auch mit Marine Le Pen zusammenarbeiten. Und dann verschwindet sie in den Saal, wo gleich Le Pen auftreten und gegen die EU, Deutschland und Flüchtlinge schimpfen wird.

Der Großteil der Jugendlichen wählten aber wohl eher aus Protest als aus Liebe zu ihrem Programm Marine Le Pen, sagt Simon Berger von Anacej. Die 18- bis 25-Jährigen beschäftigen die gleichen Sorgen wie den Rest der Franzosen, es gibt keine speziellen „jungen Themen“. Auf Platz eins: das Thema Arbeit. Kein Wunder: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich beträgt fast zehn Prozent, jeder vierte Jugendliche ist auf der Suche nach einer Stelle. Das Thema Kaufkraft/Lebenshaltungskosten steht auf Platz zwei vor Ausbildung/Erziehung, dann die Gesundheit. Von dem neuen Präsidenten wünschen sich die Jugendlichen, dass er für Sicherheit sorgt – generell, aber auch vor dem Terrorismus. Die Verlängerung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen im November 2015 ausgerufen wurde, ist eine der Forderungen der Präsidentschaftskandidaten, die die jungen Wähler am meisten unterstützen.

Einen größeren Unterschied im Vergleich zu den älteren Wählern gibt es: „Die Jugendlichen scheinen etwas fortschrittlicher zu sein, was soziale Entwicklungen angeht“, sagt Simon Berger. So sind sie kritischer gegenüber den Forderungen mancher Präsidentschaftskandidaten, die Homo-Ehe wieder abzuschaffen. Außerdem stünde die Mehrheit der jungen Wähler zur EU – mehr als der Rest der französischen Bevölkerung.

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