Französischer Garten verpflichtet

Sie wühlten neben dem Winter. Die Wildschweine kamen in der Nacht, rissen mit ihren Schnauzen Löcher in den gepflegten Rasen direkt neben der Gartenstatue aus dem 17. Jahrhundert, die mit Holz in der Hand die kalte Jahreszeit symbolisiert. Jetzt klaffen dunkle Erdwunden im hellem Rasengrün.

Patrick Borgeot bremst sein Elektromobil und betrachtet den Schaden. Die Wildschweine kämen vor allem im Herbst nachts aus dem Wald, sagt der Chefgärtner von Vaux-le-Vicomte. Sein Gärtnerteam wird anrücken müssen, um dieses Rasen-Massaker zu beseitigen. „Das ist demoralisierend“, sagt er. Denn man wisse: Die Tiere kommen wieder, auch wenn einer der Schlossbesitzer sie hin und wieder jage.

Im Garten von Vaux-le-Vicomte

Borgeot fährt weiter, vorbei an Buchskegeln und am Brunnen der zentralen Mittelachse des Gartens. Sein „Club Car“ summt, unter den breiten Reifen knirscht der Kies der Parkwege. Es ist kurz nach acht Uhr, der 50-Jährige mit grauem Haar macht seine Schlossgarten-Kontrolltour mit Sonnenbrille und Elektrozigarette, in braun-grüner Outdoor-Jacke, Jeans und schwarzen Turnschuhen. Nächster Stopp: das Blumenparterre.

In knapp zwei Stunden werden die ersten Besucher und Schulklassen eintreffen in Vaux-le-Vicomte, dem berühmten Schloss 50 Kilometer südöstlich von Paris. Bis dahin muss er wissen, ob in dem Barockgarten alles der strengen Ordnung entspricht. Am Tag zuvor war es stürmisch und regnerisch. Borgeot hält an und wetzt zu den Pflanzen. Dahlien, Kosmeen, Wiesensalbei, Hibiskus, Fleißiges Lieschen: Sie stehen da exakt in Reihen und diagonal, aber nicht alle wie eine Eins. Manche hat der Wind umgeknickt.

10.000 Pflanzen ordern die sieben Gärtner von Vaux-le-Vicomte im Jahr. Viel kreativen Gestaltungsspielraum haben sie nicht. „Wir haben strikte Vorgaben“, sagt Borgeot, „in einem französischen Garten ist unsere Rolle eher die der Pflege.“ Doch hier bei den Blumenbeeten dürfe sein Team Akzente setzen, was Farbe und Höhe der Pflanzen angehe. Blaue, rosa und weiße Blüten dominieren dieses Jahr. Borgeot steckt die Hand in das Erdreich, um zu testen, ob er die Bewässerungsanlage einschalten muss. Dann säubert er sie am morgenfeuchten Rasen, springt auf sein Club Car und nimmt mit seinem Smartphone auf: „Kosmeen umgeknickt, müssen wir austauschen.“

Als junger Mann hat Borgeot einst in der Pariser Region eine Landwirtschaftschule besucht. Bereits sein Vater war Gärtner, nach der Ausbildung arbeitete er in dessen Landschaftspflege-Betrieb mit. Später leitete er selbst 20 Jahre so einen Betrieb, bevor er wegen der schlechten Auftragslage diesen aufgab und 2007 seine jetzige Stelle annahm. Für Vaux-le-Vicomte zu arbeiten, das erfülle ihn mit Stolz, sagt er. Dieser Garten sei schließlich eine wichtige Etappe in der Geschichte der Gartenkunst gewesen.

Es war der damalige Oberintendant der Finanzen unter dem jungen König Ludwig XIV., Nicolas Fouquet (1615-1680), der sich mit Vaux-le-Vicomte im 17. Jahrhundert einen prachtvollen Traum verwirklichte. Er versammelte die großen Künstler seiner Zeit, um dieses Anwesen von 1656 bis 1661 zu erschaffen: den Architekten Louis Le Vau, den Maler und Dekorateur Charles Le Brun et den Gärtner und Landschaftsarchitekten André Le Nôtre.

Chefgärtner Patrick Borgeot mit Garten auf der Sonnenbrille

Dieses Trio hatte damals das, wovon Architekten meist nur träumen können: einen Auftraggeber, der ihnen für dieses Gesamtwerk freie Hand ließ. Sie erschaffen ein harmonisches, prachtvolles Ensemble von Schloss und Garten, an dem sich die Mächtigen in ganz Europa orientierten. Das Vaux-Trio unterwarf Anfahrt, Schloss, Nebengebäude und Garten einer nie dagewesenen strengen, an einer Achse orientierten Ordnung. Sicher: Terrassen, Alleen, Brunnen, Parterres, Perspektiven, Grotten, Wasserkünste – all diese Gartenelemente gab es schon vorher. Aber Le Nôtre fügt sie für Vaux-le-Vicomte zu einem Gesamtbild zusammen.

Sagenumwoben ist das opulente Fest am 17. August 1661: Gast König Ludwig XIV. ist so begeistert, dass er die selben drei Männer für den Bau des Schlosses und der Gartenanlage in Versailles verpflichtet. Vorher lässt er Fouquet nach einem Komplott zu lebenslanger Haft verurteilen. „Ohne Vaux-le-Vicomte wäre Versailles nicht das, was es ist“, sagt Patrick Borgeot.

Natürlich weiß er: Versailles ist eine ganz andere Schlossgarten-Liga. Während dort rund 80 Gärtner tätig sind, komme sein Sechs-Mann-Team kaum hinterher, der Natur Grenzen aufzeigen. Am Morgen hat Borgeot den Kollegen bereits im Technik-Hangar ihre Aufgaben zugewiesen. Ein Viererteam schneidet seitdem die weißen Granville-Rosen im Innenhof des Besuchergebäudes, sie lassen die Blüten hängen. Die anderen beiden sind am Broderie-Parterre vor der Südfassade des Schlosses unterwegs. Mit einem Rasentrimmer stutzt der eine die Rasen-Kanten gerade, der andere jätet Unkraut mit der Hand. „Wir mögen unsere Arbeit, aber wir sehen ständig, dass wir zuwenig Leute sind“, klagt der Chefgärtner.

Ob Ackerwinde, Gänsedistel, Löwenzahn, Gänseblümchen: Unkraut sprießt auf den Kieswegen, es schmiegt sich an die Skulpturen-Podeste, es lässt die Enden der Rasenflächen ausgefranst aussehen. Zum Glück gibt es heute Verstärkung: Borgeot begrüßt drei Frauen, die mit grünen Eimern zu den Broderien am Fuße des Schlosses laufen. Auf ihren Westen steht „Ehrenamtliche“. Die Damen aus dem Verein „Freunde von Vaux-le-Vicomte“ verstärken die Unkraut-Task-Force.

Gemeinsam führen sie den tagtäglichen Kampf, die Natur im Barockgarten zu disziplinieren: Ihrem Wachstum Grenzen aufzuzeigen, ihrer Lust zu wuchern Einhalt zu gebieten oder gemäß bestimmter Formen zu wachsen. „Wir sind die kleinen Ameisen, die täglich ihr Tagwerk tun auf lange Sicht“, sagt Borgeot. In einem französischen Garten gehe es um stetige Basis- und Feinarbeit.

Wildwuchs verboten, klare Formen erlaubt

Aber auch um radikale Schnitte. Auf der Westseite des Gartens an den Hecken übertönt Maschinenlärm das morgendliche Vögelgezwitscher. Auf einer Hebebühne steht ein Mann und schneidet mit einer Motorschere präzise die obere Heckenseite. Ein Traktor fährt den Hecken entlang und schneidet mit einem Heckenscheren-Arm das Blattwerk kerzengerade – ein Laser sorgt für Präzision. Solche größeren Mäh- und Schnittarbeiten haben die Schlossbesitzer schon vor vielen Jahren an eine externe Firma abgegeben. Deren Männer arbeiten konzentriert. Denn ungerade Schnitt-Patzer und Heckenlöcher sind Tabu in einem Barockgarten.

Borgeot zieht an seiner E-Zigarette, er blickt über die Hauptachse an das Ende des 33 Hektar großen französischen Gartens zur goldenen Herkulesstatue. Stress und Stolz liegen für ihn an diesem Arbeitsplatz nah beieinander. Strenge ja, Symmetrie ja, Hierarchie ja. Aber Le Nôtre lasse dennoch in dem Garten keine Monotonie aufkommen. „Er überrascht uns, täuscht unsere Sinne immer wieder, je nachdem, wo wir uns im Garten aufhalten“, sagt er fasziniert. Manche Querkanäle und Seitenachsen werden wegen der Höhenunterschiede der Terrassen für die Besucher erst sichtbar, je weiter sie sich im Garten fortbewegen. Borgeot spricht von der „perspective ralentie“, der perspektivischen Täuschungen. Um der optischen Verkleinerung von Gartenelementen entgegenzuwirken, habe Meistergärtner Le Nôtre zum Beispiel hintere Wasserflächen größer angelegt als die vorderen.

Es ist ein kleines Wunder, dass dieser Garten bis auf wenige Veränderungen noch so ist, wie er einst von André Le Nôtre gestaltet wurde. Jahrzehntelang war das Anwesen dem Verfall anheimgegeben. Doch 1875 ersteigert der reiche Zuckerfabrikant Alfred Sommier Schloss und Garten. Der Kunstliebhaber lässt Vaux-le-Vicomte aufwändig restaurieren und den stark verwilderten Garten retten. Sommiers Sohn Edme und dessen Frau Germaine Casimir-Perier bewahrten dieses Familienerbe.

Heute besitzen die de Vogüés, eine fast 1000 Jahre alte französische Adelsfamilie, dieses „patrimoine“, wie die Franzosen ehrfurchtsvoll Kulturerbe und nationale Denkmäler nennen. Der Urenkel von Alfred Sommier, Patrice de Vogüé, erhielt das Anwesen 1967 als Hochzeitsgeschenk. Ihm wurde klar: Der Unterhalt verschlingt immense Summen. Im Mai 1968 öffnete er deshalb Schloss und Garten für Besucher. Später kommen eine Souvenir-Boutique und ein Restaurant dazu. Aus dem abgeschirmten privaten Familienschloss wird ein Unternehmen mit inzwischen 70 Angestellten.

Einer der Besitzer von Vaux-le-Vicomte, Alexandre de Vogüé

Sohn Alexandre de Vogüé (48) steht in Sneakers und T-Shirt mit Bergmotiv im Vorzimmer des Königs und blickt durch ein Schlossfenster hinaus auf den Garten. Hinter ihm laufen Schlossbesucher vorbei, die die prachtvollen Räume und Antiquitäten bestaunen. Vor fünf Jahren haben er und sein Zwillingsbruder Jean-Charles die Leitung von ihrem Vater Patrice übernommen, etwas später schloss sich ihnen auch ihr Bruder Ascanio an. Sie sind die fünfte Generation der Familie, die sich um das Anwesen kümmert.

Die drei Brüder wuchsen im Schloss auf. Damals wurde das Vorzimmer des Königs noch als Wohnzimmer für die Familie genutzt, hier stand der Fernseher. „Wir mussten ihn immer während der Öffnungszeiten verstecken und auch unsere Spielsachen wegräumen“, erinnert sich de Vogüé. Heute wohnt die Familie im östlichen Wirtschaftsgebäude.

300.000 Besucher kommen im Jahr nach Vaux-le-Vicomte – nach Versailles pilgern siebeneinhalb Millionen. Für Alexandre de Vogüé kein Grund, neidisch zu werden, im Gegenteil. Er spricht von der menschlichen, familiären und überschaulichen Dimension von Vaux-le-Vicomte, welche die Besucher schätzten. „Vaux hat eine Seele“, sagt er.

Und Vaux hat seinen Preis. Das größte private Anwesen in Frankreich, was als historisches Denkmal klassifiziert ist, erfordert hohe Summen für den Unterhalt und hat einen Jahresumsatz von acht Millionen Euro. Allein 1,3 Millionen Euro verschlingen im Durchschnitt jährliche Restaurierungsarbeiten im Schloss und im Garten, weitere 500.000 Euro kostet der Unterhalt des Gartens.

Er und seine Brüder müssen langfristige Restaurierungspläne machen, Mäzene suchen, Subventionen beantragen, Besucher anlocken. Die Schlossherren-Brüder lassen derzeit einen Zustandsbericht für das gesamte Anwesen erstellen, um zu wissen: Wann wird welches Dach, welcher Brunnen oder welche Wasserleitung restauriert werden müssen? All das erfordere viel Disziplin, de Vogüé. Doch seine Eltern hätten ihm beigebracht, dass man als Aristokrat vor allem Pflichten statt Rechte habe.

Das kulturelle und touristische Angebot rund um Paris ist groß, die de Vogüés müssen sich etwas einfallen lassen: Kostümtage, Sommerabende mit 2000 Kerzenlichtern, Abenteuer-Touren für Kinder, Ostereier-Suchen und Weihnachtsevent, Seminare und Schloss-Dîners. Hin und wieder wird das Anwesen verliehen für Hochzeiten und Filmdrehs: Der Stahlmagnat Lakshi Mittal buchte das Anwesen 2004 für die Hochzeit seiner Tochter Vanisha. Szenen für Kinofilme wie „Moonraker“ (James Bond) oder „Der Mann in der eisernen Maske“ mit Leonardo DiCaprio wie auch die Serie „Versailles“ wurden in Vaux-le-Vicomte gedreht.

Stolz eines jeden Barockgartens: die Broderien.

Nicht immer sind die Brüder einer Meinung, wie die Vision für die Zukunft des Anwesens aussehen soll. Aber es gehe ihnen allen darum, um diesen für die Geschichte Frankreichs wichtigen Ort zu erhalten, sagt Alexandre de Vogüé. Empfindet der Schlossherr, der eine Ausbildung auf einer Pariser Managementschule machte und früher als Hochgebirgsführer in Chamonix arbeitete, dieses Erbe nicht als Last auf seinen Schultern? Er selbst habe für sich einen Weg gefunden, mit dieser Last umzugehen, sagt er. Indem er Tag für Tag, Jahr für Jahr plane und arbeite. „Unsere Generation allein kann nicht alles restaurieren und reparieren. Aber wir können der nächsten Generation Vaux-le-Vicomte in einem guten Zustand übergeben.“

Draußen im Garten sorgt sich derweil Chefgärtner Borgeot um den Zustand der kunstvoll geschwungenen Buchsornamente südlich des Schlosses. Diese Broderien sind das prunkvollste Element eines jeden französischen Gartens. Statt saftig grün sind sie an vielen Stellen braun, gar hölzern und voller Lücken. Diese sorgsam geschnittenen Buchs-Hecken sind nicht nur altersschwach, sie leiden seit langem unter einem Schadpilz und den Buchsbaumzünsler-Raupen, die Blätter und Rinde abfressen. Im Frühjahr hätten sie auch noch Frost abbekommen. „Wenn ich die so sehe, macht mich das traurig“, klagt Patrick Borgeot.

260.000 Buchspflanzen wachsen im Garten von Vaux-le-Vicomte. Einmal im Jahr werden sie sorgsam geschnitten. Die Buchspflanzen auszutauschen und neu zu pflanzen, würde allein für die beiden Buchs-Broderien mehr als zwei Millionen Euro kosten. Also versucht man es derzeit mit Pheromonfallen für den Zünsler und wartet darauf, dass Wissenschaftler resistentere Pflanzen oder bessere Behandlungsmöglichkeiten erfinden.

Ein paar Mal im Jahr, wenn Patrick Borgeot während der Arbeit Abstand gewinnen will von Unkraut und Ungeziefer, dann steigt er hoch auf die Kuppel des Schlosses. Von dort blickt er auf die Schönheit des Ensembles, alles Unperfekte ist dann zu klein, um es wahrnehmen zu können.

Es sei lächerlich, zu denken, man könne die Natur im Griff haben, sagt Borgeot. „Wir Gärtner können sie ein bisschen disziplinieren, aber kaum machen wir Pause, ergreift sie sich wieder ihren Raum.“ Dann blickt er über den Garten von Vaux hinweg zum angrenzenden Wald, der zu Zeiten Fouquets noch nicht existierte. In der Ferne am Horizont taucht die Müllverbrennungsanlage des Städtchens Melun auf. Das Leben gehe weiter jenseits des französischen Gartens, sagt Borgeot. Darin herrscht statt strenger Ordnung das alltägliche Durcheinander des 21. Jahrhunderts. Und das beruhige ihn dann ein bisschen.

Ohne Auto ist Vaux-le-Vicomte von Paris aus gut erreichbar mit dem Vorortzug Richtung Provins ab dem Ostbahnhof Gare de l´Est. Von der Station Verneuil l`Etang fahren Shuttle-Busse. Informationen auf der Website http://www.vaux-le-vicomte.com.

Ein großes Dankeschön an den Schweizer Fotographen Raphaël Zubler für die Fotos. Siehe auch: http://www.raphaelzubler.com/2658608

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Paris + Schnee = problème

Das letzte Mal schneite es so viel in Paris vor fünf Jahren. Die Nachbarin warnte damals: „Fahren Sie um Gottes Willen nicht mit dem Auto!“ Ich erwiderte: „Keine Sorge, ich habe Winterreifen.“ „Ja, Sie vielleicht, aber alle andern nicht. Die Pariser sind das Problem, nicht Sie!“

Schnee auf Notre-Dame und Seine-Hochwasser davor

Jetzt ist es wieder passiert. Zwölf Zentimeter Schnee reichen aus, den Großraum Paris ziemlich lahm zu legen. Paris ist noch weißer also sowieso schon. Staurekord 740 Kilometer. Auf einer Landstraße südlich von Paris haben Menschen in ihren Autos überachten müssen, weil nichts mehr ging. Am Mittwoch fuhren keine Busse mehr, Schulen stellten den Unterricht ein, die Präfektur ruft auf, die Autos zu Hause stehen zu lassen. Die Abendnachrichten beginnen nicht mit der wichtigen Rede des Präsidenten auf Korsika, sondern mit dem Thema Schnee.

Spaßvögel fahren den Montmartre-Hügel mit Skiern runter, auf dem Marsfeld sind Langläufer unterwegs. Die Stadt ist herrlich ruhig wie nie. Horden von Fotografen schwirren aus, um diese seltene, einzigartige Stimmung einzufangen – Hochwasser ist ja auch noch. Paris liegt im Pariser Becken, das Klima ist gemäßigt, die Winter eher regnerisch und schneearm. Ein paar Flocken ja, aber ein paar Zentimeter? Damit kann Paris nicht umgehen.

Die Metro fuhr am Mittwoch, die Busse nicht mehr.

In den Zeitungen wird debattiert, warum das so ist. Weil so selten Schnee fällt, haben die Gemeinden nicht sehr viele Räum- und Streufahrzeuge, das rentiere sich nicht. Und die Fahrzeuge, die unterwegs sind, kommen nur langsam voran, weil der Verkehr in Paris so chaotisch ist.

In Frankreich herrscht normalerweise keine Winterreifenpflicht. Die Pariser wollen für diese extra Reifen zudem kein Geld ausgeben – das lohne sich nicht für die paar Durchschnitts-Flocken. Sie wüssten außerdem gar nicht, wo sie die Autoreifen in ihren kleinen Appartements lagern sollten. Kaum schneit es also ein bisschen mehr, beginnt das große Sommerreifen-Schliddern.

Fotos machen kann ja jeder…

Alle wissen: Dauert ja eh nur einen Tag. On s´adapte. Schneeschaufel? Gestern habe ich einen Kioskbesitzer gesehen, der mit einem Stück Plexiglas den Schnee vor seinem Zeitungskiosk wegräumen wollte. Andere werkelten mit Laubrechen und Besen rum.

Letzte Nacht hat es gefroren. Aus Schnee wurde Eis. Bald soll es weiter schneien. Damit hat Paris nicht gerechnet und einige Medien gehen der Fragen nach: Wie machen das eigentlich andere Metropolen wie London oder Moskau, wenn sowas tatsächlich mal im Winter passiert?

Warten auf die Supermetro

Eine provisorische blaue Metallbrücke führt über Bahngleise und eine große Baustelle. Manche Reisende bleiben stehen und blicken in die Tiefe. Auch Jean Delaroche beobachtet die Arbeiten für die neue Metro in seinem Ort Clamart bei Paris: das betonierte neue Gleisbett, auf Gerüsten liegende Stahlträger, die Bagger, die Erdreich wegschaufeln. „Die neue Metro wird unsere Pariser Vorstadt ein bisschen aus der Isolation befreien“, sagt der Rentner.

Der Vorort Clamart liegt wenige Kilometer südlich von Paris. Die neue Pariser Supermetro 15 soll hier vorbeiführen. Arbeiter legen Fundamente für einen neuen Bahnhof, an dem sich Metro und Vorortbahn kreuzen und täglich 50.000 Menschen ein- und aussteigen werden. „Als mein Sohn für sein Studium in den westlichen Pariser Vorort Noisy-Champs wollte, brauchte er von hier aus zwei Stunden“, erinnert sich Delaroche. „Mit dieser neuen Ring-Linie wird die Fahrt nur noch 30 Minuten dauern.“

Die Baustelle in Clamart ist Teil des größten stadtplanerischen Bauprojekts Frankreichs: Paris baut am „Grand Paris“ (Groß-Paris). Die Stadt will sich fit machen für die Zukunft, sich stärker als Großraum definieren, mit den Vorstädten stärker zusammenwachsen und das Nahverkehrsnetz den enormen Anforderungen anpassen.

Sie wird bereits groß angekündigt: Schilder bei Clamart

„Grand Paris Express“ ist zunächst ein großes Infrastruktur-Projekt. So soll in 15 Jahren das Metronetz fast verdoppelt werden von derzeit 220 auf 425 Kilometer. Geplant sind 18 statt bisher 14 Metrolinien sowie 68 neue Bahnhöfe. Drei bisherige Metrolinien sollen verlängert werden. Für besonderes Aufsehen sorgt dabei die Ringlinie 15: Diese regionale vollautomatische Supermetro umrundet Paris in einem Abstand von etwa fünf Kilometer. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen werden all diese neuen Linien täglich nutzen, sie bieten viele Übergangsmöglichkeiten zum bisherigen Metro-, RER-, Bus- und Tramsystem, aber auch zu TGV- und Nahverkehrsbahnhöfen.

1600 Zulieferer, 30 Architekturbüros, 15.000 Arbeitplätze auf Zeit: „Eine Baustelle von solchem Ausmaß hat es seit der Konstruktion der neuen Städte in den 1960er Jahren nicht mehr gegeben“, sagte Philippe Yvin, Präsident der Societé du Grand Paris, die für das Projekt verantwortlich ist. 200 Ingenieure, Beamte und private Experten überwachen den Kauf der 3000 Flächen, auf denen die Bahnhöfe oder Tunnel entstehen. Sie organisieren Bürgerversammlungen, kontrollieren die angelaufenen Arbeiten und deren Vergabe. Außerdem wachen sie über die geplanten Kosten von Grand Paris Express in Höhe von 28 Milliarden Euro.

Der Traum von einem Grand Paris wird schon lange geträumt. Einen wichtigen Anschub bekam das Projekt durch den früheren konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Er kündigte 2007 einen internationalen Architektenwettbewerb an, der Ideen für den zukünftigen Ballungsraum lieferte. Denn Paris ist stark zweigeteilt. Auf der einen Seite die Innenstadt, die am dichtesten bebaute Stadt der Welt. Auf der anderen Seite die Banlieue, die mal reicheren, mal ärmeren Vororte. Zwischen ihnen verläuft wie ein Graben die städtische achtspurige Ringautobahn „Boulevard Périphérique“. Sarkozy wollte, dass Kern-Paris und die Vorstädte wieder mehr miteinander verschmelzen. Immer wieder gab es Rückschläge und Anpassungen des Projekts. Seit dem vergangenen Jahr schürfen nun die Tunnelbohrer und lärmen die Abrissbagger. Grand Paris Express wird Wirklichkeit.

Paris investiert in seine Attraktivität. Im zentralistischen Frankreich ist der Ballungsraum mit seinen 12 Millionen Einwohnern (Kernstadt: 2,3 Millionen Einwohner) das bedeutendste Wirtschaftszentrum Frankreichs. In der Region Île de France werden 31 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, 944.000 Firmen sind hier vor Ort. Die meisten französischen Fernstraßen und Eisenbahnlinien starten oder enden in Paris. Konzerne und Mittelständler schätzen nicht nur die Nähe zu Wirtschaft und Politik, sondern auch die gute Erreichbarkeit in Europa, die beiden größten Flughäfen Frankreichs, gute Logistik-Möglichkeiten und nicht zuletzt auch die Metropole als Forschungsstandort. Doch Einwohner und Unternehmer klagen auch über Nachteile: etwa über überlastete S-Bahn- und Metro-Strecken, staugeplagte Autobahnen und lange Fahrtzeiten. Denn Paris hat ein großes Problem: Um mit der Metro und S-Bahn von einem Vorort in einen anderen zu gelangen, muss man fast immer erst einmal nach Paris hineinfahren. Die gigantische Baustelle sei ein deutlicher Schritt in eine neue Richtung, sagt Marcus Knupp von der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Deutschlands (GTAI). „Man verbindet jetzt nicht mehr nur die Vororte mit dem Pariser Zentrum, sondern die Vororte untereinander.“ Die Banlieue soll stärker ein Teil von Paris werden.

Metro-Baustelle: Oben ein provisorischer Fußgängerübergang, unten der Tunnel im Bau

Die Stadtplaner setzen dabei stark auf die Strahlkraft der neu entstehenden Bahnhöfe. Die Metro-Bahnhöfe sollen bisher eher verlassene Vorstadtareale plötzlich interessant machen. Ein Bauboom setzt ein: So sollen zum Beispiel über dem Bahnhof Clamart rund 100 Wohnungen, Geschäfte und Coworking-Büros entstehen. Auf einigen Brachen oder Feldern im Norden sind Wohn-, Freizeit-, Dienstleistungs- und Einkaufsviertel geplant. Bis 2030 sollen insgesamt 250.000 neue Wohnungen entstehen. Die Societé du Grand Paris rechnet damit, dass die neuen Wohnungen den Pariser Wohnungsmarkt entspannen werden und zweimal preiswerter sind als vergleichbare Appartements im Zentrum.

Grand Paris Express ist aber noch mehr als nur ein Immobilien- und Nahverkehrs-Schub für Frankreichs Metropole: eine Verwaltungsreform. Im Januar 2016 haben sich 131 Kommunen mit Paris zusammengeschlossen zum Verbund Métropole du Grand Paris (MGP). Sie wollen Entscheidungen beim Wohnungsbau, Umweltschutz oder bei der wirtschaftlichen Entwicklung besser koordinieren – das betrifft immerhin 7,5 Millionen Einwohner des Großraums.

Bis alle neuen Strecken in Betrieb gehen, vergehen fast 15 Jahre. Als letzte wird die zukünftige Metrolinie 18 im Südwesten der Stadt fertig werden. Sie soll unter anderem das künftige französische Silicon Valley besser an andere Umlandstädte, die RER und an den Flughafen Orly anbinden. Denn das Grand Paris will sich auch als Forschungsstandort mehr ins Bewusstsein rücken. Im Gebiet von Paris-Saclay im Südwesten entsteht ein Wissenschaftscluster für technische Innovation mit insgesamt 19 technischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Universitäten, was gerade auch für forschungsinteressierte High-tech-Unternehmen interessant sein könnte. Die Universität wurde 2014 gegründet, Frankreich will sie zu einer der 20 weltweit führenden Elite-Universitäten machen. Ob Luftfahrt- und Verteidigungstechnik, Energie, Informations- und Kommunikationstechnologie: Zahlreiche Unternehmen sind schon vor Ort, während die Metro noch auf sich warten lässt.

Ja, aber das wird noch dauern.

Grand Paris Express

Bisher gibt es in Paris 14 Metrolinien. Jetzt werden für das Projekt „Grand Paris Express“ vier neue Strecken für eine „vollautomatische regionale Supermetro“ gebaut (15, 16, 17 und 18). Zudem werden die bereits existierenden Linien 11, 12 und 14 wie auch die S-Bahn-Linie RER E verlängert. So wird zum Beispiel die schnelle bereits jetzt fahrerlose Linie 14 vom Bahnhof St. Lazare nicht mehr wie bisher im Pariser Chinatown enden, sondern am Flughafen Orly im Süden von Paris. Am spektakulärsten wird die komplett unterirdische Linie 15 sein, die auf 75 Kilometern Länge ringförmig um Paris herumführen und auch das Büroviertel La Défense anfahren wird. In den Stoßzeiten soll die vollautomatische Bahn im Zweiminutentakt fahren. Der südliche Teil der 15 soll als erste der neuen Strecken 2022 in Betrieb gehen. Die geplante Linie 17 wird im Norden die Flughäfen Le Bourget und Charles de Gaulle und das Messezentrum Parc des Expositions miteinander verbinden. Und im Südwesten entsteht bis 2030 die Linie 18 von Nanterre über Versailles bis zum Flughafen Orly. Hier kann man einen Plan mit den zukünftigen Strecken anschauen:

https://www.societedugrandparis.fr/projet/la-carte-du-projet

 

Der Engel aus der Loge

Jemand hat Werbeprospekte in den Eingang zum Innenhof gelegt. Natalia Syed hebt sie auf und wirft sie in eine der grünen Mülltonnen. Sie schaut durch das schwere Eisengitter auf die Rue Oberkampf. Der Zeitungsausträger grüßt, sie nimmt ein Exemplar von „Le Monde“ entgegen für einen Bewohner im Haus.

Natalia Syed ist Concierge in Paris. Mit der Zeitung in der Hand geht sie zurück zu ihrer Loge, so nennt man in Frankreich die Wohnungen der Hausmeister. Ihre liegt im Erdgeschoss am Fuße des u-förmigen Gebäudes, für das sie zuständig ist.

„Kaum einer nennt mich noch Concierge“, sagt sie. Diese ältere Bezeichnung weckt bei den Franzosen das Bild einer strengen, überwachenden, neugierigen, ruppigen Dame aus dem vergangenen Jahrhundert, wie sie in vielen Filmen und Romanen vorkommt. Natalia Syeds Beruf trägt heute offiziell den Namen „Gardien“. Dass sie ihn einmal ausüben würde, hätte sie nie gedacht – obwohl ihre Mutter auch eine Gardienne ist.

Natalia Syed bei der Arbeit. Alle Fotos: Raphael Zubler, Zürich, http://www.raphaelzubler.com

„Ursprünglich wollte ich in der Modebranche arbeiten“, sagt die 39-Jährige, deren Eltern aus Portugal stammen. Doch nach ihrem Modestudium merkte sie beim Arbeiten im luxuriösen Prêt-à-porter-Geschäft, dass diese Glitzerwelt nichts für sie ist. „Unfreundliche Chefs, Arbeitszeiten ohne Ende.“ Als ihre Cousine hier im 11. Arrondissement von Paris aufhörte, als Concierge zu arbeiten, übernahm Natalia die Stelle samt Loge. Sie wollte das dann eigentlich nur drei Jahre lang machen. Heute lebt Natalia schon seit 17 Jahren mit ihrem pakistanisch-stämmigen Mann und ihren drei Kindern (19, 12 und 8 Jahre alt) eng gedrängt auf 30 Quadratmetern.

„Haben Sie ein Paket für mich?“, fragt ein Mitarbeiter eines Büros aus dem Haus. Natalia Syed geht in ihr kleines Wohnzimmer, wo im Fernsehen eine Intrigen-Serie läuft, und holt es. Päckchen annehmen, Post verteilen, Treppen putzen, den Innenhof kehren, Mülltonnen rausstellen, Glühbirnen wechseln: Das ist ihr Alltag. Sie ruft Handwerker, wenn es in einem Appartement Probleme gibt. Und sie macht auch Dinge, die eigentlich nicht in ihrem Vertrag stehen: Blumen gießen, wenn jemand im Urlaub ist. Bei Senioren an die Tür klopfen, wenn sie diese längere Zeit nicht gesehen hat. Ersatzschlüssel aufbewahren für den Fall, dass sich jemand raussperrt. Streit schlichten, wenn sich zwei Parteien angiften. Manche kommen auch zu ihr, weil sie ihr einfach ihr Herz ausschütten wollen. Sie sei Putzfrau, Hausmeisterin, Psychologin, sagt Syed. „Und Vermittlerin, ich kümmere mich um das soziale Miteinander.“ Für 1000 Euro netto plus Loge.

Und Natalia wacht, am Tag und in der Nacht. Einbrecher haben es hier schwer. An der Loge kommt jeder vorbei, der ein oder ausgeht. Als Vollzeit-Concierge muss sie von 7 bis 12 und von 16 bis 19 Uhr zur Verfügung stehen. Und nachts hier schlafen. Sie sei Gardienne auch im Schlaf, sagt sie. „Ich habe die Augen geschlossen, aber die Ohren offen.“ Sie kennt Kolleginnen, die stets am Fenster hängen würden und alles mitkriegen wollen, was im Hof geredet wird. „Das ist doch ein bisschen krankhaft, das ist wie bei den Concierges vor 30 Jahren, so bin ich nicht.“

Sie hat schon Diebe vertrieben, zwei Selbstmordversuche von Mieterinnen erlebt, eine tote Seniorin aufgefunden. Und Herz gezeigt gegenüber Obdachlosen. Als der Winter so bitterkalt war vor drei Jahren, wollte einer im Kellereingang schlafen. „Ich durfte ihm das nicht erlauben, aber ich gab ihm etwas Warmes zu essen und zu trinken.“ Syed ließ ihn neben den Mülltonnen schlafen bis zum Morgen. Solange das kein Besitzer sehe, ginge das schon mal.

Wohnen im Hinterhof: die Loge von Natalia Syed und ihrer Familie

70 Parteien wohnen in dem Gebäude mit der Klinkerfassade, fast alle sind Wohnungsbesitzer. 70 Parteien, das sind auch 70 Chefs. „Die meisten sind sehr nett“, sagt Natalia Syed, aber es gebe immer jemanden, der von oben auf sie herabsehe. Der sagt: Concierge? Die braucht man doch nicht.

Lange Zeit dachten viele Eigentümer so. Fast 30.000 Concierge-Stellen wurden in Frankreich in den vergangenen drei Jahrzehnten gestrichen, 52.000 gibt es noch. Es stand nicht gut um die Zukunft des Berufs. Denn die Eigentümer zogen es vor, Logen zu verkaufen oder zu vermieten, wenn die Concierge in Rente ging, oder einfach einen Fahrrad-Abstellraum daraus zu machen. Ein Zahlencode an der Haustür, eine Videokamera für die Überwachung und externe Reinigungsfirmen ersetzten die Concierge. Das ist billiger.

Inzwischen bereuen das viele. Nicht nur, weil eine Concierge einem oft Gefallen tut und für gute Atmosphäre sorgt. „Viele Bewohner fühlen sich sicherer, wenn sie wissen, da hat jemand ein Auge auf alles“, sagt Philippe Dolci von der nationalen Hausmeistergewerkschaft Snigic. Gerade in diesen Zeiten der Anschlagsgefahr und des Ausnahmezustands im Land. Viele Eigentümer in Luxusgebäuden wollen gerne ihre Concierge wieder, aber oft ist es zu spät. „Ist die Loge erst einmal verkauft oder vermietet, ist das selten möglich.“

Natalia Syed und ihr Sohn in der Loge

Hatte es bisher Tradition in Paris, dass vor allem zugewanderte Portugiesen diese Jobs übernahmen, interessieren sich in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit auch immer mehr Franzosen für einen Gardien-Job. „Concierge wird man nicht unbedingt, weil man diesen Beruf schon immer machen wollte“, sagt Dolci. „Sondern weil man arbeitslos ist, eine Wohnung braucht oder es die eigene Mutter schon gemacht hat.“ Für viele Concierges – zwei Drittel sind Frauen – ist der Beruf sehr stressig. „Schon allein deshalb, weil man ständig dort lebt, wo man arbeitet.“

Wie wichtig die Präsenz einer Concierge in Sachen Sicherheit sein kann, zeigte die Terrornacht vom 13. November 2015 in Paris. Damals hatten mehrere Gardiennes ihre Innenhöfe geöffnet, damit sich Anschlagsopfer und Verängstigte dorthin flüchten konnten. Auch Natalia. Ihr Wohnblock liegt direkt neben dem Konzerthaus Bataclan, wo drei Attentäter 90 Menschen töteten und Hunderte verletzten.

„An jenem Abend wollte ich mit meiner Familie eigentlich in die Bar des Bataclan, um dort Fußball zu schauen“, sagt sie. Das Konzert der US-Band Eagels of Death Metal mit 1500 Besuchern lief schon. Ihre Tochter brauchte mal wieder mehr Zeit zum Schminken, während Natalia vor dem Haus wartete. Plötzlich hörten sie Knallgeräusche. „Da die Rue Oberkampf ja eine beliebte Ausgehstraße ist, dachte ich erst, es sind Knallkörper“. Doch es waren Schüsse.

Sie sah Menschen aus der Richtung des Bataclan durch die Straßen rennen, dann Einsatzfahrzeuge heranrasen. Sanitäter fragten, ob sie ihren Innenhof nutzen könnten. Kaum hatte sie das Eisengitter geöffnet, flüchteten sich Leicht- und Schwerverletzte hinein, manche blutüberströmt. Zeitweise bis zu 80 Menschen fanden im Hof Zuflucht, sagt Natalia. Irgendwann mussten sie das Eisentor schließen, weil es zu voll wurde. Sogar in ihre eigene kleine Wohnung brachte Familie Syed die Verletzten. Vor allem die, die völlig panisch waren oder unter Schock standen, „damit sie den Horror im Hof nicht anschauen mussten. Hier konnten sie sich ein bisschen sicherer fühlen“. Auf ihrem Sofa lag ein Polizist einer Eliteeinheit. Ihm fehlte ein Finger.

Wichtig im Alltag einer Concierge: les clés.

Der Innenhof, normalerweise ein Ort der Ruhe, war bis drei Uhr morgens die Hölle. „Ein Kriegslazarett, wo Ärzte Not-Operationen machten.“ Die Wände sind sehr hoch, die lauten Schreie der Verletzten hallten wider. Natalia, ihr Mann und ihre beiden älteren Kinder halfen zusammen mit Nachbarn, so gut es ging. Sie beruhigten Verletzte, sagten den Sanitätern, um wen es besonders schlimm stand, gaben den Opfern Wasser. Drückten Kissen, T-Shirts, Verbandsmaterial auf stark blutende Schusswunden. „Wissen Sie, Verletzungen durch Kalaschnikow-Schüsse sind sehr schlimm“, sagt Syed. Im Haus wohnt ein Ärztepaar, Natalia Syed rief an und bat, erste Hilfe zu leisten. „Die Ärztin war – obwohl sie in einem Krankenhaus arbeitet – so geschockt von dem, was hier passierte, dass sie nicht weiterarbeiten konnte und zurück in ihre Wohnung ging.“

Morgens um halb fünf, als der Hof wieder menschenleer war, fing Natalia bereits das Putzen an. Entfernte das viele Blut, die Spritzen. Sammelte Personalausweise, Konzertkarten, Geldbeutel ein, die die Opfer verloren hatten. Die meisten Kinder im Haus hätten von den Ereignissen der Nacht doch nichts mitbekommen, sagt Natalia. „Ich wollte, dass sie sich nicht beunruhigen am Morgen, wenn sie aus dem Haus gehen.“

Wenn Natalia von diesem furchtbaren Terror-Abend erzählt, wirkt sie ruhig, klar, gefasst, wie eine nüchterne Beobachterin. Normalerweise sei sie keine starke Frau, sagt sie. Aber an diesem Abend sei das wie ein Reflex gewesen, ihr war sofort klar: Sie muss helfen. Funktionieren, damit Menschen überleben. Wie verarbeitet man das, diese Bilder, das Wissen, dass in diesem Hof Menschen starben? „Meine Therapie ist, darüber zu sprechen“, sagt sie. Und ihre Kinder? Der Achtjährige hat geschlafen und nichts mitbekommen von dem Grauen wenige Meter entfernt. Die Großen, die mithalfen, hätten es scheinbar gut verkraftet, glaubte sie zunächst.

Neben den Keksen die Auszeichnungen für die mutige Gardienne

Doch dann kam der erste Jahrestag im vergangenen November. Die Syeds wurden eingeladen zu einem Treffen der Terror-Opfer und deren Familien. Zwei Opfer, die im Hof Schutz gefunden hatten, haben bei dem Treffen ihre 19-jährige Tochter wiedererkannt und mit ihr gesprochen. Danach ist sie zusammengebrochen und hat den ganzen Tag geweint.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat mehrere Concierges für ihren Einsatz als Anges-Gardiens, Engels-Hausmeister, bezeichnet und sie für ihre Hilfe ausgezeichnet – auch Natalia. Die zeigt ihre Medaille mit der Aufschrift „Sie schwankt, aber geht nicht unter“, dem Motto der Stadt Paris. Ihr Berufsstand sei dadurch geehrt worden, sagt sie. „Doch solches Metall ist mir recht egal“, sagt sie, „aber ich freue mich, wenn gelegentlich ein Opfer von damals bei mir vorbeikommt und sagt, dass es ihm wieder gut geht.“

Etwa die beiden Mädchen aus Lyon, die Natalia in einem TV-Beitrag wiedererkannten und zu ihr fuhren, um danke zu sagen. Oder Julien und Jerôme. Natalia holt einen kleines Stück Karton hervor, den am Jahrestag des Anschlags die beiden jungen Männer an ihre Tür steckten, weil sie nicht zuhause war. Darauf bedankt sich Julien, dass Natalia seinem Freund Zuflucht gewährt hat. Und Jerôme schreibt: „Das Leben ist mal mehr, mal weniger schön, aber das Leben ist da. Keep dreaming and loving.“

Nicht alles, aber vieles ist anders geworden für die Syeds seit dem 13. November 2015. Sie sei wachsamer geworden, sagt Natalia. Die Stadt Paris bietet den Gardiens inzwischen Erste-Hilfe-Kurse an – mit Blick auf zukünftige Anschläge. Das Attentat habe ihr die Augen geöffnet. Sie habe gelernt, bewusster zu leben, das Leben mehr zu genießen, „es kann von einem Tag auf den anderen komplett zusammenbrechen und anders sein“. Sie sei auch politischer geworden, sagt sie. Bei den französischen Präsidentschaftswahlen ging  sie das erste Mal wählen, denn Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National mache ihr Angst. Sie wolle auch ihre Kinder politischer erziehen. Sie achte mehr darauf, was sie im Internet anschauten, welche Computerspiele sie spielten.

Nur wenige Schritte von Natalia Syeds Zuhause, gegenüber vom Bataclan: eine Gedenktafel. Inzwischen ist sie ersetzt worden.

Ihr Einsatz hat ihr viel Lob eingebracht – aber auch Anfeindungen. Sie ist Katholikin, ihr Mann Gabriel Muslim. Er kennt die misstrauischen Blicke ihm gegenüber schon seit den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt im Januar 2015. Nach dem Terror vom November habe das noch einmal zugenommen, sagt sie, dieser Generalverdacht gegenüber Muslimen. Nachdem Natalia in einem TV-Beitrag gewesen war, hat sie ein älteres Paar auf dem Gehweg angesprochen. „Toll, was Sie gemacht haben“, sagte die Dame. „Aber warum sind Sie denn als Katholikin mit einem Muslim verheiratet? Verlassen Sie ihn, bevor es zu spät ist. Muslime sind alle gleich.“

Natalia Syed war schockiert. Genauso über radikale Muslime, die sie kritisierten, weil sie gesagt hatte, die Attentäter seien keine Muslime, sondern Barbaren. „Solche Leute machen mir Angst.“ Plötzlich habe ihre Familie das Gefühl gehabt, vorsichtig sein zu müssen, was sie sage. Dabei sei Paris für sie immer eine kosmopolite Stadt gewesen, die zeige, wie das Zusammenleben der Menschen verschiedener Herkunft und Religionen funktioniere – trotz mancher Schwierigkeiten. Ihre eigene Ehe sei ein bestes Beispiel dafür. Um ein Zeichen zu setzen, half sie mit, eine interreligiöse Veranstaltung auf der Place de la République zu organisieren.

Es klopft, wieder will jemand bei Natalia ein Paket abholen. Sie steht auf vom Sofa, auf dem neuerdings eine weiße Decke liegt, um die hartnäckigen Blutflecken vom 13. November zu verbergen. Dann sagt sie noch: „Jeder sollte jeden Tag ein klein wenig tun für das gute Miteinander. Wir müssen stärker sein als dieser Hass.“

Ich danke dem Zürcher Fotografen Raphael Zubler für die Fotos. http://www.raphaelzubler.com

Gedenken am Mittelmeer

Frankreichs Region Okzitanien ist beliebt bei Touristen – vor allem die Küste an der spanischen Grenze. Nur wenige wissen, dass die Gegend im vergangenen Jahrhundert Hundertausende von Flüchtlingen aufgenommen hat. Lange Zeit herrschte Schweigen darüber, denn nicht immer haben die Franzosen die Flüchtlinge gut behandelt. Doch inzwischen werben die Tourismusverbände im Département Pyrénées-Orientales damit, sich Zeit zu nehmen für dieses schwierige Kapitel der französisch-spanischen Geschichte. Die Ausstellungen haben in Zeiten der Flüchtlingskrise eine große Aktualität. Hier eine Auswahl von  Gedenkstätten – auch mit einem Blick über die Grenze nach Spanien:

ARGÈLES-SUR-MER / LAGER AM STRAND

Noch ist es ruhig am Strand von Argelès-sur-Mer, die Saison geht erst noch los. Ein kühler Wind kommt vom Meer, Wolken ziehen über die Pyrenäen, die Grenze zu Spanien ist nur 30 Kilometer entfernt. Der französische Ort am Mittelmeer unweit von Perpignan ist beliebt bei Campern. 60 Campingplätze gibt es hier. Wenn die alle voll sind im Hochsommer, zählt der Ort 250 000 Menschen statt der üblichen 11 000.

Hier lebten einst Flüchtlinge in unwürdigen Zuständen: Der Historiker Grégory Tuban am Strand von Argelès-sur-Mer.

Grégory Tuban steht am Strand und zeigt nach Norden. „Hier zog sich das Lager entlang, aber es gibt keine Spuren mehr davon“, sagt der Historiker aus Perpignan. Dort, wo sich bald wieder die Urlauber sonnen, wurden einst spanisch-republikanische Flüchtlinge in ein Lager gepfercht.

Der Bürgerkrieg in Spanien (1936 bis 1939) löste mehrere Flüchtlingswellen nach Frankreich aus. Als Barcelona fiel und die Republikaner vor den Truppen des faschistischen Generals Franco flüchteten, überquerte im Februar 1939 fast eine halbe Million Menschen die Grenze in La Jonquera und Portbou.

Die Behörden waren völlig überfordert von dieser „Retirada“ (Rückzug), wie dieser Flüchtlingsstrom genannt wird. Sie brachten die Menschen zunächst an Stränden unter, zu allererst in Argelès-sur-Mer. Die ersten, die hier im kalten Februar 1939 ankamen, schliefen im Sand. Sie schützten sich mit Decken oder Planen vor Regen und Sturm. Das Meer war ihre Toilette, sanitärähnliche Einrichtungen gab es erst später. „Es waren unwürdige Bedingungen“, sagt Tuban. Heute erinnert ein Gedenkstein direkt am Strand an dieses Ereignis.

Der Gedenkstein in Argelès, nur wenige Meter vom Strand

100 000 Menschen lebten zeitweise in diesem Internierungslager. Viele Spanier, die für Demokratie und die Republik gekämpft hatten, waren verletzt, ausgehungert und krank. Erst nach und nach wurden Baracken errichtet. Frauen und Kinder wurden getrennt von den Männern. Für sie begann ein tristes Leben in hinter Stacheldraht, bis sie nach Monaten woanders in Frankreich untergebracht wurden.

Nicht weit entfernt von dem früheren Lagerort steht Jacqueline Payrot auf einem kleinen Grundstück zwischen den Strandhäusern neben einem Grabstein. 240 Flüchtlinge sind hier begraben. Payrot ist Vorsitzende des Vereins Ffreee, der sich für das Gedenken an die Retirada einsetzt. „Vermutlich hat es im Lager von Argelès Tausende Tote gegeben“, sagt sie. Ein kleines Museum in der Stadt erinnert mit Fotos und Zeugenaussagen an den Lageralltag. Urlauber und auch viele Spanier kämen immer wieder hierher, um sich an das Schicksal dieser Menschen damals zu erinnern.

LA JONQUERA / VON BÜRGERKRIEG UND KÜNSTLERN

Nur sechs Kilometer hinter der Grenze liegt La Jonquera. Ein spanisches Grenzgänger-Einkaufsparadies, etwa für preiswerte Alkohol und Schokolade. Während der Retirada marschierten 200000 Republikaner durch diesen Ort über die Grenze nach Frankreich. Heute befindet sich mitten im Ort das Museum „Memorial de l’Exili“ mit einer ständigen Ausstellung zu dieser schwierigen spanisch-französischen Geschichte.

Eine Fotowand aus dem MUME in La Jonquera

Die Decke des Saals sieht aus wie aus Sand – mit Abdrücken von Fußspuren. Eine Anspielung auf die Flüchtlinge an den französischen Stränden. Zahlreiche Fotos – etwa von dem berühmten Fotografen Agustí Centelles – zeugen von dem Alltag während des Spanischen Bürgerkriegs und dem der Flüchtlinge. „Diese Flüchtlingsbewegung war die erste, die derartig intensiv fotografiert wurde“, sagt Museumsdirektor Jordi Font. Eine ganze Wand ist voller Zeichnungen von Lagerinsassen. In Lagern wie in Gurs oder St. Cyprien lebten viele Künstler, die Alltagsmomente festhielten. Etwa Josep Franch Clapers, der Tintenzeichnungen von Beerdigungen machte.

Das Museum zeichnet die Wege der vertriebenen Republikaner nach, die von Südfrankreich bis nach Nordafrika, Kolumbien, in die Sowjetunion oder die Schweiz und nach Großbritannien flüchteten und um Asyl baten. Oder die sich in Frankreich der Résistance anschlossen. Ein Teil der Ausstellung erzählt auch von der Deportation der 8000 bis 10000 Menschen in das KZ Mauthausen. Manche Republikaner sind in das Spanien Francos zurückgekehrt, wo sie verfolgt, ermordet oder ins Gefängnis geworfen wurden.

COLLIOURE / AM GRAB VON ANTONIO MACHADO

Jemand hat mit Kieselsteinen auf dem Grab ein Herz geformt. Rosen und eine Flagge der spanischen Republik schmücken die Stätte. Auf dem Friedhof des idyllischen französischen Mittelmeerstädtchens Collioure kurz vor der spanischen Grenze befindet sich das Grab des spanischen Dichters Antonio Machado. Ein kleiner Briefkasten steht am Grab, hier werfen seine Verehrer immer noch Zettelchen und Briefe ein.

Pilgerstätte für Spanier und Literaturliebhaber: Grab von Antonio Machado in Collioure

Lange gab es keinen Gedenkort für die Menschen, die die Retirada erlebt hatten. Sie pilgerten also zum Grab des Lyrikers und machten es zu einem symbolischen Ort für die Exilanten. Ab 1931 hatte er die Republikaner unterstützt, im Januar 1939 floh er mit seiner Mutter nach Collioure. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft starb er am 22. Februar 1939 – vermutlich aus Erschöpfung.

Nur wenige Schritte vom Friedhof entfernt sitzen die Touristen in der idyllischen Hafenbucht der Stadt, essen gegrillten Hummer und trinken Weißwein. Über ihnen erhebt sich die Königsburg von Collioure. Wer die Treppen hinaufsteigt, findet im Inneren des Schlosses eine kleine Ausstellung zur Retirada. Mehr als 900 ausländische Flüchtlinge, die als besonders gefährlich galten, waren hier zwischen März und Dezember 1939 in diesem „Camp spécial“ untergebracht. Unter menschenverachtenden Bedingungen, etwa in dunklen Kerkern in den dicken Mauern der Burg, wurden sie interniert. Es gab Hungerstreiks, viele Häftlinge starben. Unter dem Vichy-Regime wurden hier schließlich auch „Verdächtige“ und Kriegsgefangene inhaftiert – auch deutsche.

ELNE / EINE ZUFLUCHT FÜR FLÜCHTLINGSFRAUEN

In den Lagern der Gegend gab es zahlreiche schwangere Frauen. Für sie waren die extremen Wetterbedingungen und die schlimmen hygienischen Zustände besonders unerträglich.

Manche dieser Frauen hatten Glück und erhielten Zuflucht bei Elisabeth Eidenbenz. Die Schweizerin gründete im Dezember 1939 in Elne, nur wenige Minuten vom Flüchtlingslager Argelès gelegen, ein Entbindungsheim, die Maternité suisse d’Elne. Mit der Erlaubnis der Behörden nahm sie schwangere Frauen aus den Internierungslagern auf, aber auch unterernährte Kinder.

Ein Ort der Hoffnung in dem damaligen Flüchtlingselend: Das Entbindungsheim in Elne

Viele Schwangere kamen in Elne völlig erschöpft an, hatten Flöhe, die Krätze oder Tuberkulose. Eidenbenz und ihre Helferinnen pflegten die Flüchtlinge, gaben ihnen ein sauberes Bett. Hier bekamen sie im Gegensatz zu den Lagern sauberes Wasser, Seife und Medikamente. Die meisten Frauen wurden hier gesund gepflegt.

In Elne wurden fast 600 Babys geboren, die meisten Mütter waren Spanier, aber insgesamt waren 15 Nationalitäten vertreten, auch einige Deutsche. Tausend Frauen und tausend Kinder erhielten hier Fürsorge.

Waren die Frauen stark genug, halfen sie bei der Arbeit im Garten und in der Küche mit, sie fühlten sich wieder nützlich – und als Frau und Mutter.

Elisabeth Eidenbenz (1913-2011) hatte ein Herz und missachtete Vorschriften der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung. 1944 merkten die Nationalsozialisten, dass Eidenbenz auch jüdischen Müttern half. Die Klinik musste schließen. 50 Jahre lang verfiel das Gebäude, niemand sprach darüber. Heute kann das restaurierte Gebäude besichtigt werden. Eine kleine Ausstellung mit bewegenden Fotos zeigt den Alltag von damals und erinnert an die mutigen Frauen, die den Flüchtlingsfrauen deren Würde zurückgaben.

RIVESALTES / LAGER DER UNERWÜNSCHTEN

Nur wenige Kilometer weiter liegt Rivesaltes, die Stadt, wo der bekannte süße Muskatwein herkommt. Am Rande des Ortes drehen sich Windräder bei einem kleinen Industriegebiet. Dahinter befindet sich ein weites Gelände voller Ruinen. Auf einem asphaltierter Rundweg laufen Touristen durch eine verfallene Baracken-Landschaft. Unkraut erobert die zerbröselnden Betonböden und Latrinen. Auch hier war ein Lager – mit einer einzigartigen Geschichte der Flüchtlingsbewegung in Spanien, des Zweiten Weltkriegs und der Folgen des Algerienkrieges.

Rundgang durch die Lager-Ruinen neben dem Mémorial in Rivesaltes

Heute liegt inmitten dieser Ödnis eine Gedenkstätte, das Mémorial du Camp de Rivesaltes. „Die Lagerinsassen hier hatten eines gemeinsam: Sie alle waren unerwünscht“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte, Agnès Sajaloli. Architekt Rudy Ricciotti hat den imposanten rechteckigen Flachbau zwischen die verfallenden Lagerbauten gesetzt. Ein Monolith, 220 Meter lang und 20 Meter breit, liegt quasi im Erdreich, er beginnt unter Bodenniveau und erhebt sich langsam nach oben. Nie ist der orangebraune Bau höher als die Lagerruinen.

Angelegt wurde das Lager von Rivesaltes einst als Militärlager. Doch während der Retirada wurde es zum Durchgangslager für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge. 1941 wurden Hunderte Sinti und Roma aus Elsass-Lothringen hier interniert, und schließlich deutsche Juden, darunter auch badische Juden, die vorher im südfranzösischen Gurs waren. Schließlich wurde das Camp ab 1942 zum überregionalen Sammellager für Juden und der französische Staat begann unter dem Vichy-Regime mit der Deportation: Von Rivesaltes aus fuhren neun Deportationszüge mit 2289 Männern, Frauen und Kindern über Drancy bei Paris nach Auschwitz.

Nach dem Krieg wurde dieser Ort des Elends weiter genutzt: für Vichy-Kollaborateure, und von 1945 bis 1948 für deutsche und österreichische Kriegsgefangene. Nach dem Algerienkrieg wurde das Camp ein Auffanglager für Harkis – so nennt man die algerischen Hilfssoldaten, die sich während der Unabhängigkeitskriege auf die Seite Frankreichs gestellt hatten. Kurz vor der endgültigen Schließung des Lagers 2007 war es zuletzt noch ein Abschiebegefängnis. Noch heute grenzt die Gedenkstätte an ein Militärgelände.

„Die lokalen und regionalen Widerstände gegen dieses Mémorial waren groß“, erinnert sich Agnès Sajaloli. 18 Jahre haben Politiker und Vereine dafür gekämpft, dass diese Erinnerungsstätte Wirklichkeit wird, 2015 wurde sie endlich eröffnet. Es ist eine Stätte gegen das Vergessen.

Die Gedenkstätte – wie eingegraben im Erdreich. Drumherum die Lagerbaracken.

Die Besucher erwartet die Dauerausstellung „Die Unerwünschten“ über das Lager und das Leben der Internierten und Flüchtlinge. Sie ist in Zeiten der Flüchtlingskrise von bedrückender Aktualität. „Was sich damals hier ereignet hat ist ein Spiegel dessen, was wir auch heute erleben“, sagt Sajaloli.

Besucher finden Standtafeln mit der Geschichte des Lagers vor, aber auch kleinere Bildschirme mit Berichten von Zeitzeugen sowie eindrucksvolle Fotos und Gegenstände von damals. Karten zeigen europäische Flüchtlingsbewegungen von 1914 bis 2015 und erinnern daran, dass bereits das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Flüchtlinge war.

 

Exponate im Mémorial du Camp de Rivesaltes

 

Mémorial du camp d’Argeles-sur-Mer

26, avenue de la Libération, 66700 Argelès-sur-Mer (Neueröffnung Mitte Juni). Der Gedenkstein findet sich am Strand in der Rue des Dunes, der Friedhof der Spanier in der Avenue de la Retirada.

Museu Memorial de l’Exili (MUME)

Calle Major 43-47, 17700 La Jonquera / Spanien, Di bis Sa 10 bis 18 Uhr (im Sommer bis 19 Uhr), So 10 bis 14 Uhr. http://www.museuexili.cat

Château royal de Collioure

Im Ortszentrum von 66190 Collioure. Geöffnet 10 bis 19 Uhr (Hochsaison, 15. und 16.8. geschlossen). http://www.ledepartement66.fr/98-chateau-royal-de-collioure.htm

Maternité Suisse d´Elne

Château d’en Bardou, Route de Montescot, 66200 Elne. Täglich 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr (Hochsaison). http://www.maternitesuissedelne.com

Mémorial du Camp de Rivesaltes

Avenue Clément Ader, 66600 Rivesaltes. Von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, danach Di bis So 10 bis 18 Uhr. http://www.memorialcamprivesaltes.eu

Die meisten Texte in den Museen sind in französischer und englischer Sprache, im Mume auch auf Spanisch, im Mémorial von Rivesaltes teils auf Deutsch.

Die (Nicht-) Wahl der Jugendlichen

Gäbe es in Frankreich eine „Enthaltungspartei“, viele junge Franzosen würden sie vermutlich wählen. Denn gerade mal 52 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben vor, am 23. April in die Wahlkabine zu gehen, wenn der erste Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen stattfindet. Bei der Wahl 2012 waren es noch 70 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschungsinstituts Ifop für die französische nationale Jugendorganisation Anacej.

Warum sind die jungen Franzosen so wahlmüde? Die am häufigsten genannte Antwort in der Umfrage: „Weil kein Kandidat meine Ansichten repräsentiert.“ Viele finden sich also nicht wieder in den Wahlprogrammen der Kandidaten. Ein weiterer wichtiger Grund: Viele glauben nicht daran, dass sich nach der Wahl etwas an ihrer eigenen Situation oder generell in der Gesellschaft ändert.

An dritter Stelle der Enthaltungsargumente steht die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Regierung und der Parteien. Viele junge Wahlberechtigte in Frankreich haben inzwischen ein großes Misstrauen gegenüber Politikern. „Die Jugendlichen scheinen größeren Wert als ältere Wähler auf Ehrlichkeit, Transparenz und auf Respekt vor dem politischen Engagement zu legen“, sagt Simon Berger von der Jugendorganisation Anacej.

Übrigens: Viele Jugendliche wählen auch nicht, weil sie angeblich an dem Wahlsonntag verhindert oder in den Ferien sind.

Und die, die wählen gehen? Die Umfrage zeigt, dass sich ihre Wahlentscheidungen denen der älteren Franzosen immer mehr annähern: An erster Stelle stünde beim ersten Wahlgang die Kandidatin Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National mit 29 Prozent. Zum Zeitpunkt der Umfrage in der ersten Märzhälfte lagen die 18- bis 25-Jährigen damit sogar noch vor dem Umfragewert für alle Wählerschichten (26,5 Prozent). Aber: Würde es Marine Le Pen in den zweiten Wahlgang schaffen, verlöre sie bei den Jugendlichen – egal wie ihr Gegner heißt.

Partei-Marketing-Strategie von Marine Le Pen: Der Name Le Pen taucht bei Wahlkampf-Auftritten kaum mehr auf. Alles dreht sich um „Marine“.

Die Französin Nathalie Oreskovic ist eine junge Frau, die Marine Le Pen vom Front National wählen will. Sie steht in der Arènes-Halle von Metz und wartet auf den Wahlkampf-Auftritt von Marine Le Pen. Eigentlich ist sie eine junge Vorzeige-Europäerin: Sie hat kroatische Wurzeln, lebt bei Forbach an der Grenze zu Deutschland, studiert Pflege in Saarbrücken, spricht sehr gut Deutsch.

Für die 20-Jährige steht Le Pen für mehr Sicherheit. Die Anschläge und vereitelten Anschlagsversuche machen ihr Angst. Dass zum Beispiel der Berliner Attentäter durch ganz Europa reisen konnte, auch über die französische Grenze, das sei nicht normal, sagt sie.

Aber braucht es bei diesen Gefahren nicht eher mehr Zusammenarbeit und Absprache in Europa? Ist die Lösung wirklich, dass Frankreich sich einigelt, wieder Tausende von Zöllnern an Frankreichs Grenzen stellt, wie Le Pen es vorhat? Kann jemand, der von den Vorteilen einer Grenzregion und der Reise- und Studierfreiheit profitiert, für eine Kandidatin  sein, die den Euro abschaffen, die Schlagbäume wiedererrichten und den Frexit will?

Die Studentin sagt Sätze wie: „Marine will ja nicht raus aus Europa, sondern aus der EU.“ Und: „Ich vertraue Marine“ – viele Le-Pen-Fans sagen längst nur den Vornamen, als wäre die Chefin des Front National eine gute Freundin. Ja, sie fühle sich wie eine Europäerin, eine Französin, eine Lothringerin, sagt Nathalie. Sie erinnert sogar an Robert Schuman, einen der Gründervater der EU. Das sei damals eine gute Sache gewesen, aber die EU habe sich falsch entwickelt. Die EU versage beim Thema Sicherheit. Und sie sei keine Union der Völker, sondern der Banken.

Sie verspricht Ordnung für Frankreich: Le-Pen-Wahlplakat in einem Vorort von Paris

Die Parolen der ausländerfeindlichen populistischen Kandidatin gefallen der jungen Frau. Marine Le Pen verstehe nun mal die Sorgen der Franzosen, sagt sie. Sie sei auch nicht wie ihr rechtsextremer Vater Jean-Marie, sondern eine eigene Persönlichkeit. „Frankreichs Interessen zuerst“, darauf komme es an, dafür sorge Le Pen.

Und dass die deutsch-französische Freundschaft mit ihrer Wunschpräsidentin vermutlich erst mal auf Eis liege würde, macht ihr das keine Sorgen? Auch dafür hat Nathalie eine Antwort parat: Kanzlerin Merkel habe doch auch Donald Trump besucht. So schlimm, wie die Medien das alles darstellen, werde das nicht werden. Sie vergleicht es mit ihrem zukünftigen Job als Krankenschwester: „Auch wenn ich einen Patienten mal nicht so mag, muss ich ihm trotzdem helfen.“ Wenn Merkel professionell sei, würde sie auch mit Marine Le Pen zusammenarbeiten. Und dann verschwindet sie in den Saal, wo gleich Le Pen auftreten und gegen die EU, Deutschland und Flüchtlinge schimpfen wird.

Der Großteil der Jugendlichen wählten aber wohl eher aus Protest als aus Liebe zu ihrem Programm Marine Le Pen, sagt Simon Berger von Anacej. Die 18- bis 25-Jährigen beschäftigen die gleichen Sorgen wie den Rest der Franzosen, es gibt keine speziellen „jungen Themen“. Auf Platz eins: das Thema Arbeit. Kein Wunder: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich beträgt fast zehn Prozent, jeder vierte Jugendliche ist auf der Suche nach einer Stelle. Das Thema Kaufkraft/Lebenshaltungskosten steht auf Platz zwei vor Ausbildung/Erziehung, dann die Gesundheit. Von dem neuen Präsidenten wünschen sich die Jugendlichen, dass er für Sicherheit sorgt – generell, aber auch vor dem Terrorismus. Die Verlängerung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen im November 2015 ausgerufen wurde, ist eine der Forderungen der Präsidentschaftskandidaten, die die jungen Wähler am meisten unterstützen.

Einen größeren Unterschied im Vergleich zu den älteren Wählern gibt es: „Die Jugendlichen scheinen etwas fortschrittlicher zu sein, was soziale Entwicklungen angeht“, sagt Simon Berger. So sind sie kritischer gegenüber den Forderungen mancher Präsidentschaftskandidaten, die Homo-Ehe wieder abzuschaffen. Außerdem stünde die Mehrheit der jungen Wähler zur EU – mehr als der Rest der französischen Bevölkerung.

Bei den Fillon-Fans

Hätte ein Regisseur ein fiktives Drehbuch für ein solches Präsidentschaftswahl-Drama vorgelegt, wäre er vermutlich ausgelacht worden. Die Story: Ein Politiker in Frankreich, fast schon ausrangiert, gewinnt die Vorwahl der konservativen Republikaner, wird der neue Star der Partei, gilt bei super Umfragewerten schon als sicherer zukünftiger Präsident – und stürzt dann über eine Scheinbeschäftigungs-Affäre. Er will aber nicht aufgeben, hält am Kandidatenstatus fest und könnte seine Partei nun in den Abgrund reißen – oder doch noch der strahlende Sieger werden. Völlig übertrieben, völlig unrealistisch? Genau das erleben die Franzosen mit François Fillon.

In sechs Wochen wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Kaum jemand spricht über Inhalte, über Arbeitslosigkeit, Ausnahmezustand und Zukunftsvisionen. Alles sprechen vom Fall François Fillon, den Ermittlungen der Justiz, der zerrissenen Partei, den Abtrünningen, die Fillon wegen seines Verhaltens in der Affäre davonlaufen.

Der Wahlkampf steht im Schatten der Justiz. Fillon ist ein Präsidentschaftskandidat, der Ehefrau und Kinder scheinbeschäftigt haben soll. Es geht um eine Summe von fast einer Million Euro Steuergeld für die Seinen. Fillon scheint die Richter nicht von seiner Unschuld überzeugen zu können, nächste Woche wird es wohl zur Anklageerhebung kommen. Der Politiker spricht von einem Komplott der Medien, der Justiz und der sozialistischen Regierung und gar von einem „politischem Mordversuch“.

Fillon stilisiert sich als Opfer, attackiert die Untersuchungsrichter, die nur ihre Arbeit tun. Er agiert, wie Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National es schon lange tut. Manche fühlen sich gar an Donald Trump erinnert.

Kann so jemand noch Präsident?

Das politische Kommitee der Republikaner hat nun beschlossen: Er soll weitermachen. Und das, obwohl viele Konservative sich von ihm abwenden und sogar der zuletzt als Ersatz-Kandidat gehandelte Alain Juppé ihm Sturheit vorwarf. Anders sehen das natürlich die Fillon-Fans. Auf seinen Veranstaltungen hört man immer wieder diesselben Argumente, warum er bleiben soll – und manche lassen einen erstaunen:

„Fillon-président“-Rufe: seine Wähler bei einer Veranstaltung in Aubervilliers

„Nur er kann Frankreich reformieren“: Umfragen deuten darauf hin, dass die Republikaner mit Fillon an der Spitze nicht in den zweiten Wahlgang einziehen würden. Es wäre das erste Mal in der V. Republik. Die Partei würde implodieren, fürchten viele. Auch Dominique Lataillade. „Ich bin ratlos“, sagt die Pariser Ärztin, die es zu einer Veranstaltung von François Fillon vor wenigen Tagen nach  Aubervilliers im Norden der Hauptstadt gezogen hat. „Aber wenn er geht, was wird dann aus seinem Programm?“ Kein anderer Kandidat werde Frankreich so stark reformieren, wie es das Land nötig habe.

Das sagen auch viele Unternehmer. Sie haben so große Hoffnungen gesetzt auf den Kandidaten mit dem sehr liberalen Wirtschaftsprogramm. Kein anderer würde den Unternehmen so viele Erleichterungen verschaffen wie er. Doch was ist mit dem nicht gehaltenen Versprechen von Fillon? Dass der Präsidentschaftskandidat vor kurzem noch gesagt hat, er werde bei einer Anklageerhebung nicht Präsidentschaftskandidat bleiben, denn das sei eine Frage der Moral? Kann man so jemandem glauben, dass er seine Wahlversprechen einhält?

„Die anderen machen sowas ja auch“: Dass Fillon sich vielleicht strafbar gemacht hat mit seinem Verhalten, sehen viele nicht. Immer wieder heißt es: Er ist ein ehrenhafter Mann. Andere Abgeordnete hätten auch Familienangehörige angestellt. Das stimmt, und das ist auch legal – wenn Ehefrauen und Kinder denn wirklich für das Geld arbeiten. Die Untersuchungsrichter bezweifeln das bei der Familie Fillon.

„Es tat das aus Liebe zur Familie“: Viele Katholiken und Anhänger der Bewegung gegen die Homoehe („Manif pour tous“) unterstützen Fillon. Der bisherige Saubermann Fillon hält die Familie als großen Wert hoch. „Er hat das doch nur für seine Familie getan“, sagt eine ältere Dame.

„Die Medien stecken dahinter“: Ein Herr ist sich sicher: Dass die Medien François Fillon weg- und den sozialliberalen Kandidaten Emmanuel Macron herbeischreiben. Der Grund: Hollande habe für Journalisten große steuerliche Erleichterungen geschaffen – und deswegen würden sie jetzt seinen Schützling Macron in der Berichterstattung bevorzugen, sagt er. Und was ist mit der Tatsache, dass die Medien in den vergangenen Jahren kaum ein gutes Haar an François Hollande gelassen haben? „Aber da war Hollande ja selbst Schuld daran.“

Die Satirezeitung Charlie Hebdo zeichnet Fillon und Le Pen auf den Titel, wie sie sich gemeinsam eine lockerere Justiz wünschen.

„Wer diesen Gegenwind übersteht, der hat das Zeug zum Präsidenten“: Ein Präsident müsse etwas aushalten, Rückgrat zeigen, nicht klein beigeben bei der ersten Schwierigkeit, hört man immer wieder. Und Fillon beweise in diesen Tagen, dass er das könne.

„Lieber die eigene Frau statt eine Geliebte“: Im französischen TV sagt ein älterer Herr, dass es doch gut gewesen sei, dass Fillon seine Frau bezahlt habe statt eine externe Assistentin, mit der er dann vielleicht noch eine Liebesaffäre angefangen hätte… Er lächelt, während er das sagt, aber er scheint das tatsächlich ernst zu meinen.

Viele Anhänger Fillons drohen offen damit, Marine Le Pen zu wählen, wenn Ihnen ihr konservativer Kandidat genommen wird. Der rechtsextreme Front National kann sich sowieso freuen. Über die Gefahr des Programms der Rechtspopulisten für ganz Europa spricht derzeit kaum einer. Le Pens stetiger Vorwurf, dass die Eliten alle korrupt seien, scheint sich dagegen für viele Wähler mal wieder zu bewahrheiten. Le Pens eigene Korruptionsaffären schaden ihr derweil nicht. Ihre Anhänger scheinen es gut zu finden, dass sie EU-Geld in die eigenen Partei-Taschen gesteckt haben soll und dass sie darauf pfeift, vor den Untersuchungsrichtern zu erscheinen. Ihre Umfragewerte bleiben stabil, der Einzug in den zweiten Wahlgang scheint sicher.

Alltag mit Patrouillen

In diesen Zeiten nach Frankreich reisen? Auch Familie Salge diskutierte diese Frage vor einigen Wochen. Jetzt stehen Mutter Stefanie, Vater Peter und ihre zwei Töchter im Pariser Ostbahnhof. Sie warten darauf, dass auf den Monitoren das Abfahrtgleis für ihren TGV nach Deutschland angezeigt wird, der Urlaub geht zu Ende.

Nach dem Anschlag in Nizza grübelte die Familie, ob Paris das richtige Reiseziel sei. Genau wie viele andere Touristen fragten sie sich: Was erwartet uns vor Ort? Was hat sich in Frankreich verändert? Sind wir dort wirklich sicher? Am Ende waren es die Töchter, die vehement für Frankreichs Hauptstadt plädierten und sich schließlich durchsetzten. „Ein Anschlag kann ja überall passieren, auch in Deutschland“, sagt Peter Salge.

Die Familie aus Hildesheim hat ihre Entscheidung nicht bereut. Ein schönes Hotel mit Roof-Top-Bar auf Montmartre, der Blick vom Eiffelturm auf das Pariser Häusermeer. In Niedersachsen hatte man ihnen noch empfohlen, die Eiffelturm-Tickets schon vorab im Internet zu buchen, um Zeit zu sparen. „Doch als wir nachmittags dort ankamen, war es ziemlich leer vor den Kassen“, erinnert sich Peter Salge. Beim späteren Flanieren durch die Gassen von Paris waren die Anschlagssorgen irgendwann fast verschwunden.

Soldaten am Jardin du Luxembourg

Soldaten am Jardin du Luxembourg

Und doch ist die Angst vor dem Terror im öffentlichen Stadtbild präsent. „Vor allem durch die vielen Polizisten und Soldaten, die patrouillieren“, sagt Stefanie Salge. Was in Frankreichs Städten für Sicherheit sorgen und Einwohner wie Touristen beruhigen soll, hat auf manche Touristen eher die gegenteilige Wirkung.  „Wenn ich die Maschinengewehre sehe, habe ich eher ein Gefühl von Bedrohung“, sagt Stefanie Salge.

Was für Franzosen längst Alltag ist, irritiert vor allem deutsche Touristen, schließlich ist der Einsatz des Militärs für Polizeiaufgaben in Deutschland nur in wenigen Ausnahmefällen erlaubt. In Frankreich sind dagegen 10.000 Soldaten für die sogenannte Opération Sentinelle mobilisiert worden – vor allem in den Städten, aber auch in den ländlichen Gebieten mit touristischen Highlights.

Frankreich, Patrouillenland. Manchmal sorgt das für skurrile Momente. Wer etwa im Urlaubsmonat August eine Kanufahrt auf der Dordogne machte, die Burgen am Flussufer bestaunte und langsam vorbeipaddelte an La Roque-Gageac, dem idyllischen 500 Einwohner-Dörfchen am Fuß einer hoch aufragenden Felsklippe, der sah an manchen Tagen am Ufer Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren im Anschlag.

Wer in Saint-Jean-de-Luz im Baskenland auf einer Terrasse seine moules marinières mit Fritten aß und aufblickte, auch der sah kräftige Soldaten in schusssicheren Westen und mit strengem Blick vorbeilaufen. Und wer in Paris durch die Gänge des Metrosystems irrt, trifft auch in diesem Herbst hin und wieder auf Grüppchen von bewaffneten Sicherheitskräften.

Manchmal werden sie sogar ins Showprogramm eingebaut. Straßenkünstler William bekommt Applaus von den Touristen, die seine Kopfstände und Akrobatik unterhalb der Basilika Sacré-Cœur betrachten, als drei Soldaten vorbeilaufen. „Das sind meine Bodyguards“, sagt er und die Leute lachen, selbst die Soldaten schmunzeln. Beatrix (59) und Roland (62) aus Saarbrücken sitzen auf den Stufen und blinzeln in die Nachmittagssonne. Sie sind schon zum achten Mal in Paris, übernachten in einer kleinen Ferienwohnung. Dieses Mal wollen sie sich das Weinfest Fête des Vendanges auf dem Montmartre anschauen. „Wir fühlen uns wie in jedem anderen Jahr auch und haben keine Angst“, versichert Beatrix. Roland ergänzt: „Und wir lassen uns das Reisen nicht vergällen.“

Straßenkünstler unterhalb von Sacré-Coeur - und seine "Bodyguards"

Unterhalb von Sacré-Coeur

Beide waren sogar zu Silvester 2015 zu Besuch in ihrer Lieblingsstadt, obwohl Paris noch traumatisiert war von den Anschlägen des 13. November. Damals schauten sie bei der Marianne-Statue auf der Place de la République vorbei, wo die Pariser all der Opfer gedachten, Kerzen aufgestellt hatten, gemeinsam trauerten. „Das hat uns sehr bewegt.“ Und sie sind dennoch wiedergekommen.

Mit dieser Jetzt-erst-recht-Haltung haben die beiden Deutschen viel gemein mit den Franzosen. Gelassenheit. Die lieb gewonnenen Freiheiten nicht einschränken lassen. Der Unkalkulierbarkeit des Lebens trotzen. Die Terroristen nicht gewinnen lassen. „Ich habe keine Angst“, sagen manche Pariser mit fester Stimme, wenn man sie fragt, ob sich etwas verändert hat nach den Anschlägen. „Il faut vivre avec“, man muss mit der Bedrohung leben.

Und doch ist Parisern wie Touristen klar: Frankreich ist nach wie vor Ziel Nummer eins der islamistischen Terroristen. Natürlich ist das ein Grund zur Sorge. Deswegen hört man von Franzosen, wenn man ein bisschen nachfragt, eben auch Sätze wie diese: „Ich schaue genau, wer neben mir in der Métro ist.“ „Mir ist mulmig, wenn ich einen herrenlosen Koffer sehe.“ „In Konzertsälen will ich wissen, wo die Notausgänge sind.“ Normalität hört sich anders an.

Seit Beginn des Sommers gab es laut France Info ein Dutzend Verhaftungen von Jugendlichen, die sich in kurzer Zeit radikalisiert hatten und angeblich Anschläge verüben wollten oder zumindest in Kontakt zum sogenannten „Islamischen Staat“ hatten. Drei Frauen planten, ein Auto voller Gasflaschen beim Bahnhof Gare de Lyon im Südosten von Paris zur Explosion bringen. Der Anschlag konnte – genau wie zahlreiche weitere seit 2015 – verhindert werden. Es gilt weiterhin der Ausnahmezustand, der Ermittlern weitgehende Befugnisse ermöglicht, ohne dass Richter ihre Zustimmung geben müssen.

Frankreichs Regierung erinnert immer wieder daran, dass sich das Land im Krieg befindet. Terrorexperten machen deutlich, dass es nicht die Frage ist, ob es wieder einen Anschlag geben wird, sondern wann und wo. Sie warnen vor Anschlägen mit Autobomben, aber auch vor „Low-Cost-Anschlägen“, solche mit einfachsten Mitteln. So wollte vor Kurzem ein Jugendlicher auf der Fußgängerpromenade Coulée verte – östlich der Bastille auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie – mit einem Messer auf Menschen einstechen. Er wurde verhaftet, bevor er die Tat begehen konnte.

An diesem Schild kommt man in Frankreich ständig vorbei: Es gilt der Plan Vigipirate

Typisches Dreieck in Frankreich: Im Land gilt der Plan Vigipirate

Sicherheit und Wachsamkeit sind Dauerthema in den Medien und in der Politik. Die Präfekten müssen vor allem kurz nach einen Attentat abwägen, welche große Veranstaltung abgesagt wird, weil die Sicherheit der Menschen nicht gewährleistet werden kann. So geschehen mit der beliebten Grande Braderie in Lille, einem der größten Volksfeste und Trödelmärkte des Landes, das normalerweise Anfang September von mehreren Millionen Menschen besucht wird.

Doch die meisten Veranstaltungen fanden bereits kurze Zeit nach dem Terroranschlag in Nizza wieder statt. Der Marathon du Médoc in der berühmten Weingegend Südfrankreichs etwa. Bei dieser Sportveranstaltung im September nahmen 8.500 Menschen aus über 70 Nationen teil. „Das war schwer zu organisieren, aber letztlich wurde alles gut gemeistert“, sagt Yasmine Delia Greifenstein vom Tourismusverband Aquitaine.

Genau wie das beliebte Straßenkunstfestival Fest‘ Arts in Libourne im Département Gironde. Zwischen Gauklern, Straßenkünstlern und Musikern standen auch vereinzelt Soldaten mit Maschinengewehren. Das sei zwar ein seltsamer Anblick gewesen, sagt Greifenstein. „Aber wer will sich von Daech (so nennt man in Frankreich den IS) das Lachen und Spaß haben verbieten lassen?“

Auch die Badesaison ist ohne große Zwischenfälle an den Stränden vorübergegangen – abgesehen von der Burkini-Debatte. In mehreren Badeorten am Atlantik zog man eine positive Bilanz, was die Zusammenarbeit von Police Nationale, Gendarmerie, Militärs und Rettungsschwimmern angeht. Zahlreiche Polizei-Bademeister trugen diesen Juli und August erstmals eine Waffe in einer Gürteltasche am Körper. Auch nächstes Jahr solle das so gehandhabt werden, fordern viele.

Eine offizielle Saisonbilanz lässt noch auf sich warten, doch viele Hoteliers klagen schon heute. Trotz der Fußballeuropameisterschaft im Juni und Juli kamen weniger Touristen nach Frankreich als noch im Jahr 2015. Vor allem Amerikaner, Asiaten und Russen verzichteten auf ihren Frankreichurlaub. All das sind Warnsignale für die Tourismusbranche. Allein im Großraum Paris hängen 500.000, an der Côte d’Azur immerhin 75.000 Arbeitsplätze vom Tourismus ab.

Nach dem Anschlag von Nizza blieben kurzfristig zehn Prozent der Touristen der Côte d’Azur fern, der Küstenstreifen verzeichnet seit Jahresbeginn einen Umsatzeinbruch von 20 bis 25 Prozent. Betroffen waren vor allem die Hotels der mittleren und höheren Preisklasse. Ein Krisenstab wurde eingerichtet, eine Million Euro für den Tourismus zur Verfügung gestellt. „Wir haben sehr schnell damit begonnen, ein positives Image von der Côte d’Azur zu vermitteln – etwa mit dem Hashtag #CotedAzurNow“, sagt Florence Lecointre vom Tourismusverband Côte d’Azur. Werbeplakate landesweit, TV-Spots, Sondertarife in ausgewählten Hotels.

Das Schloss Chambord an der Loire meldete gerade erst einen Besucherrückgang von 6 Prozent. Hier sind es vor allem Japaner, die nicht mehr anreisen. Die Deutschen hingegen halten ihrem beliebten Reiseland die Treue. „Allerdings sind Familien mit kleinen Kindern momentan etwas zögerlicher, nach Frankreich zu reisen“, sagt Monika Fritsch von der französischen Tourismus-Marketing-Organisation Atout France in Frankfurt am Main. Allen, die Sorgen um ihre Sicherheit haben, empfiehlt sie einen Urlaub in der französischen Provinz und verspricht: „Dort stellt sich ein ganz normales Urlaubsgefühl ein.“

Buchungsrückgänge von 50 Prozent direkt nach den Anschlägen verzeichnete auch Julie Fortney, die mit ihrem Mann seit sechs Jahren kulinarische Touren durch Paris anbietet. „Sind wir denn in Sicherheit, wenn wir kommen?“, fragen die Touristen in ihren Mails. Doch wer in westlichen Ländern kann in diesen Zeiten darauf schon mit einem sicheren Ja antworten? „Wir versuchen sie zu beruhigen und sagen, dass die Polizei viel präsenter ist als früher.“

Die Bevölkerung in den großen Städten hat sich mittlerweile an all die Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt, klaglos lässt sie unzählige Kontrollen an Eingängen über sich ergehen. Vor großen Kaufhäusern, Museen, Ämtern und Präfekturen, vor Konzerthäusern und Theatern schauen Sicherheitsleute in Handtaschen, Rucksäcke, Tüten. Der Blick ist jedoch oft so kurz und oberflächlich, dass man Zweifel an der Wirksamkeit solcher Kontrollen haben darf. „Wer sich weigert, seinen Koffer auf unseren Wunsch zu öffnen, dem können wir den Zutritt zum Einkaufszentrum Forum des Halles verwehren“, sagt ein Wachmann in der beliebten und frisch restaurierten Shoppingmall im Herzen von Paris.

Handtaschenkontrollen sind allerdings nicht die Folge der jüngsten Anschläge, sie haben nur deutlich zugenommen. Angeordnet wurden sie als Teil des Antiterrorplans Vigipirate. Ein schwarzes Dreieck mit roter Fläche und dem Hinweis „Alerte Attentat“ (Attentatswarnung) hängt an vielen Eingängen. Über 300 verschiedene Sicherheitsvorschriften umfasst dieser Plan. Er entstand Ende der 1970er Jahre als Reaktion auf einen palästinensischen Terroranschlag am Flughafen Orly. Seitdem und wurde der Plan immer wieder verschärft – etwa nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und 2005 in London.

Der Plan Vigipirate soll vor allem die Wachsamkeit der Bürger erhöhen. Durchsagen in Bahnhöfen und Flughäfen bitten die Reisenden, keine Gepäckstücke zu vergessen oder herrenlose Taschen und Koffer sofort zu melden. Werden dennoch herrenlose Gepäckstücke gesichtet, sogenannte colis suspects, rückt der Minenräumdienst an – und die Bahn bleibt erst einmal stehen. Wer in Paris mit der Métro oder der S-Bahn RER unterwegs ist, muss sich deshalb auf so manche Verzögerung einstellen.

All diese Maßnahmen zeigen Wirkung: Die Franzosen sind aufmerksamer als noch vor einem Jahr. Laut dem Metrobetreiber RATP meldeten sie im Juni 2016 sechs Vorfälle pro Tag, das sind 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch an Flughäfen und Bahnhöfen meldeten Franzosen seit 2015 viel häufiger herrenlose Gepäckstücke und Taschen. Die meisten entpuppten sich als harmlos. 2015 mussten lediglich zehn von rund 2.200 verdächtigen Fundstücken in den Pariser Flughäfen kontrolliert gesprengt werden.

Ticketkontrollen auf dem Bahnsteig an der Gare de Lyon: Nur wer einen Fahrschein hat, darf zum Zug

Ticketkontrollen auf dem Bahnsteig an der Gare de Lyon: Nur wer einen Fahrschein hat, darf zum Zug

Wer innerhalb Frankreichs den TGV etwa von Paris nach Lyon oder Marseille benutzt, muss sein Ticket den Mitarbeitern der Französischen Bahngesellschaft SNCF oft schon am Anfang des Bahnsteigs vorzeigen. Angehörige können also nicht mehr mit zum Zug gehen, um etwa an der Zugtür noch ein Abschiedsküsschen zu geben. „Die Police Nationale macht sporadisch auch Kofferkontrollen auf dem Bahnsteig vor dem Einsteigen“, sagt eine SNCF-Mitarbeiterin an der Gare de Lyon.

Jedes Gepäckstück muss zudem mit einem Adressanhänger versehen sein. Wer im Bahnhof Gare du Nord den Thalys in Richtung Belgien oder Deutschland nimmt, sollte mindestens 30 Minuten vor Abfahrt am Gleis sein. Seit dem vereitelten Anschlag in einem Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris im August 2015 gibt es eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Und zu guter Letzt sollen in manchen TGV-Zügen ab sofort auch zivile bewaffnete Zugbegleiter mitfahren, sogenannte train marshalls, die im Fall eines Amoklaufes eingreifen könnten.

Wegen solcher verstärkten Kontrollen ist es ratsam, einen Sicherheits-Zeitpuffer bei der Anreise zu französischen Flughäfen oder Bahnhöfen einzuplanen. Manchmal gibt es an den Flughäfen bereits an den Eingangstüren zu den Terminals Taschenkontrollen – ähnlich wie in anderen Ländern.

Der Plan Vigipirate hat manchmal auch Auswirkungen auf das Programm der Schulklassen, die ihre Austauschklassen besuchen. So dürfen Klassen im Großraum Paris nicht mit der RER nach Paris fahren. Schüler und Lehrer müssen oft selbst organisierte Reisebusse statt öffentliche Verkehrsmittel nehmen.

Die gute Nachricht: Das Leben wird weiter genossen.

Die gute Nachricht: Das Leben wird weiter genossen.

Natürlich trüben solche Sicherheitsmaßnahmen keinen Urlaub – sie kosten nur hin und wieder etwas Zeit und Nerven. In anderen westlichen Ländern erlebt man Ähnliches. Aber fragt man in französischen Office de Tourisme oder an Infoschaltern in Bahnhöfen nach einem offiziellen Faltblatt, auf dem solche Veränderungen und Verhaltenstipps zusammengefasst sind, schaut man bei den Mitarbeitern in verwunderte Gesichter. Frankreich scheint sich schwer damit zu tun, die Touristen offen über neue Sicherheitsvorkehrungen aufzuklären und ihnen Tipps zu geben, worauf sie sich während ihres Aufenthaltes einstellen müssen.

Hinweise zur Sicherheitslage und zu den Folgen des Plan Vigipirate sind auch auf Tourismuswebsites nur mit viel Geduld zu finden, meist richten sie sich an Reiseveranstalter oder Journalisten. Selbst die französische Botschaft in Berlin hat auf ihrer Website für Reisende nur einen Kurztext aus dem Jahr 2014 parat. Immerhin wird dort auch der Plan Vigipirate erläutert. Was er jedoch für konkrete Auswirkungen haben kann, bleibt unbeantwortet.

Vielleicht fürchten die zuständigen offiziellen Stellen und Ministerien, dass Ratschläge und Hinweise die Urlauber zu sehr verunsichern könnten. Dabei ist das Leben in Frankreich normaler, als es sich viele Touristen vorstellen. Während einer TV-Debatte nach dem Anschlag von Nizza erläuterte ein Sicherheitsexperte, wie die Franzosen den sogenannten Krieg gegen den Terror führen sollten: „Normal weiterleben, auf Terrassen ein Glas Wein trinken, in Konzerte gehen, seine Freiheit von den Terroristen nicht einschränken lassen.“ Genau daran halten sich die Franzosen. Und Millionen Touristen mit ihnen.

Plauschen über les migrants

Das Haus hat neue Farbe gekriegt, auch die Fensterläden. Die Handwerker sind fertig und ich frage, ob sie einen Kaffee trinken möchten. Volontiers, gerne. Wir plaudern ein bisschen und ein Handwerker merkt an meinem Akzent, dass ich kein Franzose bin. „Das ist wirklich toll, was Ihr Deutschen für die Muslime macht“, sagt er. Er meint die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Er zeigt Respekt für die Hilfsbereitschaft seitens der Deutschen, spricht über das Leid der Syrer und wettert gegen Länder wie Saudi-Arabien, die sich so wenig engagieren würden in dieser Flüchtlingskrise. Wir nippen an unserem Kaffee. Er selbst hat tunesische Eltern, er schimpft gegen Daech, wie der IS in Frankreich genannt wird. Diese Terroristen würden Tunesien schaden, der Stabilität des Landes, dem Tourismus. Und mit dem muslimischen Glauben hätten sie rein gar nichts zu tun. Wie wahr. Dann muss er weiterarbeiten.

Kurze Zeit später treffe ich meinen französischen Nachbarn auf der Straße. Sein Hund geht mit ihm Gassi, denn das Tier ist meistens der dominierende Part von den beiden und hat in der Hundeschule vermutlich richtig schlechte Noten bekommen. Während der Hund hechelt, kommen wir ins Gespräch. Auch le Nachbar spricht mich auf die Flüchtlinge an. Er habe im Fernsehen gesehen, dass Deutschland die Flüchtlinge aufnehme, weil das Land ein demografisches Problem habe. Weil die deutsche Gesellschaft so alt sei. Und die Wirtschaft Arbeitskräfte brauche. Zwischen den Zeilen höre ich das, was man immer wieder in Frankreich hört: dass die Deutschen das aus rein egoistischen, berechnenden Gründen machen.

Ich erzähle ihm von Freunden in Deutschland, die sich ehrenamtlich engagieren, die in den Flüchtlingsheimen helfen, Deutschunterricht geben. Dass es für sie wie für viele Deutsche zunächst einmal ein Gebot der Menschlichkeit ist. Er schaut mich erstaunt an, als ob ich etwas erzähle, was völlig unwahrscheinlich klingt. Dann zieht der Hund ihn weiter, und das Herrchen lässt es geschehen.

Mit der Métro ins Mittelalter

Die Schöne hat für ihn einen großen Makel. „Es ist, als ob ihr ein Arm oder ein Bein amputiert wurde“, sagt Luc Fauchois. Der 65-Jährige steht vor der Kathedrale von Saint-Denis nördlich von Paris. Rechts ein Glockenturm, links aber Leere: Seit eineinhalb Jahrhunderten fehlt der Basilika der zweite, einst viel höhere Kirchturm samt seiner Spitze. Fauchois kämpft dafür, dass er wieder erbaut wird. Nicht irgendwie. Sondern mit Bau-Techniken wie im Mittelalter.

In der Innenstadt sind Plakate mit der Aufschrift „Folgen Sie der Kirchturmspitze“ zu sehen. Fauchois ist Vorsitzender des gleichlautenden Vereins „Suivez-la-flèche“, und diese Plakate werben für den Wiederaufbau. Wird der wahr, bekommt Frankreich eine der außergewöhnlichsten Kathedralenbaustellen.

Rechts die wahre Kathedrale ohne Nordturm, links auf dem Plakt der Traum von der Zukunft

Rechts die wahre Kathedrale ohne Nordturm, links auf dem Plakt der Traum von der Zukunft

Der frühere Leiter der Kommunikationsabteilung der 100.000-Einwohner-Stadt in der Banlieue von Paris setzt sich in die Bar Le Basilic und bestellt sich ein Bier. Dann schwärmt er von der historischen Bedeutung der Kathedrale. Geweiht ist sie dem heiligen Dionysius, dem ersten Bischof von Paris. Dionysius erlitt 250 den Märtyrertod. Die Legende erzählt, dass er in der Zeit der Christenverfolgung auf dem Montmartre in Paris enthauptet wurde. Danach soll er seinen Kopf genommen haben und bis zum Standort der heutigen Basilika marschiert sein, wo er tot umfiel und begraben wurde.

„Während des Mittelalters war Saint-Denis der Sitz der religiösen wie auch politischen Macht“, sagt Fauchois, der einst Geschichte studierte. Im 5. Jahrhundert war der Bau zunächst eine Klosterkirche und Teil einer mächtigen Benediktinerabtei. Im 12. Jahrhundert hat der einflussreiche Abt Suger die ersten spitzbogigen Kreuzrippengewölbe einbauen lassen – deshalb gilt die Kathedrale als eine der Gründungsbauten der Gotik. Zudem wurde sie zum bevorzugten Bestattungsort der französischen Herrscher. 42 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen und Prinzessinnen sind hier begraben. Es sei traurig, dass nur 160 000 Menschen im Jahr dieses außergewöhnliches Kulturerbe besichtigen, während 13 Millionen in die Pariser Notre-Dame strömten, meint Fauchois.

Er hofft, dass der Turmbau die Massen anlockt. Der nördliche Kirchturm war 1219 fertig gewesen, 86 Meter war er hoch. „Die Turmspitze war von weiten in der ganzen Pariser Region sichtbar“, erinnert Fauchois. Man wollte Notre-Dame in Paris Konkurrenz machen. Mehr als 600 Jahre später, 1837, schlägt ein Blitz in den Turm ein. Kurze Zeit später rütteln schwere Stürme am Bauwerk. Weil er dabei gefährlich beschädigt wird, lässt fast zehn Jahre später der berühmte Architekt Viollet-le-Duc den Turm abbauen. Sorgfältig lässt er die Steine nummerieren, macht genaue Skizzen vom Rückbau. Sein Plan: Der Turm soll wieder aufgebaut werden, wenn die Fassade und der Rest der Kathedrale restauriert und gefestigt wären. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Er kämpft für den Turm: Luc Fauchois vor dem Rathaus in Saint-Denis

Er kämpft für den Turm: Luc Fauchois vor dem Rathaus in Saint-Denis

Seit den 1970er Jahren träumen immer wieder zahlreiche Dionysiens, wie die Einwohner von Saint-Denis genannt werden, vom Wiederaufbau. Mal gibt es Petitionen, mal Briefe an die Regierung, mal Demonstration mit Lasershow vor der Kathedrale. 1989 gibt sogar der sozialistische Kultusminister Jack Lang sein Einverständnis – aber der Staat will keinen einzigen Franc dazugeben. Kein Geld, kein Turm.

Dann gerät die Kathedrale wieder aus dem Blickfeld, denn Saint-Denis bekommt eine neue Sehenswürdigkeit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: das Stade de France. 1998 wird es zur Fußball-Weltmeisterschaft eingeweiht. Alle schauen auf das Endspiel in Saint-Denis. Frankreich wird Weltmeister.

Nun bekommt das Turmwunder eine neue Chance. Nicht nur, weil ein hochkarätiges Unterstützerkomitee für den Bau wirbt. „Sondern weil etwas Spannendes in den vergangenen Jahren in Frankreich passiert ist“, sagt Fauchois. Er meint damit die Lust der Franzosen auf Mittelalter-Baustellen.

Zum einen wird derzeit im Burgund eine mittelalterliche Burg erbaut namens Guédelon – mit den Techniken und Werkzeugen von früher. Mit Steinen aus dem Steinbruch von nebenan. Mit Ziegeln, die mit Tonerde vor Ort gebrannt werden wie im 13. Jahrhundert. Mit Arbeitern in Hamsterrädern, mit denen das Material nach oben gezogen wird. Finanziert wird das alles durch den Eintritt der Besucher. Und die kommen in Scharen: rund 300 000 im Jahr.

Einen ähnlichen Erfolg hatte der Wiederaufbau der französischen Fregatte „Hermione“ in Rochefort. Das Schiff, mit der einst Marquis de La Fayette 1780 nach Boston segelte, um den Unabhängigkeitskampf zu unterstützen, wurde 1997 bis 2014 nachgebaut.

Auch Saint-Denis setzt auf diese Zeitreisen-Lust der Franzosen. 20 Millionen Euro würde das Projekt in Saint-Denis kosten. Eine Anschubfinanzierung für die Projektstudien würden private Unternehmen sichern, den Rest komme durch die Eintritte herein, sagt Fauchois.

Die Métrolinie 13 bringt einen aus Paris ganz schnell nach Saint-Denis

Die Métrolinie 13 bringt einen aus Paris ganz schnell nach Saint-Denis

Geplant ist eine einzigartige Mittelalter-Baustelle mit Steinmetzen, Schmieden, Zimmermännern. Lastenkarren sollen rollen, Seilwinden schnurren. An der Kathedrale soll eine Atmosphäre herrschen wie damals – mit Händlern, Gauklern, geschäftigem Treiben. Anders als in Guédelon sollen sich die Handwerker und Arbeiter zwar nicht in mittelalterlicher Kleidung auf der Baustelle aufhalten. Aber für Schulklassen und andere Interessierte soll es genauso Workshops geben: Steinmetze erklären dann ihr Handwerk den Jugendlichen aus den Vierteln, Architekten sprechen über Statik und Geometrie. „Man kann von Paris aus mit der Métro ins Mittelalter fahren.“

Ein gigantisches Gerüst soll es den Besuchern ermöglichen, den Fortschritt des Turmbaus aus der Nähe mitzuverfolgen. Ein Aufzug brächte sie auf eine Höhe von 90 Metern: freier Blick auf Saint-Denis und gen Paris. Und dann kann man per Treppen rund um den Turm wieder nach unten laufen.

Der Staat ist Eigentümer der Kathedrale und entscheidet, ob der Turm Wirklichkeit wird oder nicht. Nach einem Besuch im vergangenen Herbst gab Staatspräsident François Hollande dem Projekt seine Zustimmung. Auch die offizielle Starterlaubnis aus dem Kultusministerium für die wichtigen finanziellen, juristischen und technischen Studien ist vor kurzem eingetroffen. Wunschtermin für den Baubeginn ist das Frühjahr 2017.

Doch es gibt heftigen Widerstand gegen das Projekt. Die Kunstzeitschrift „La Tribune de l’art“ etwa warnte vor Vandalismus und bezeichnete die Pläne als grotesk. Den Verantwortlichen gehe es nicht um das Bauwerk, sondern um eine Attraktion à la Disneyland. Die Kritiker berufen sich auf die Charta von Venedig, eine internationale Richtlinie zur Denkmalpflege aus dem Jahr 1964. Die verlangt unter anderem, dass Baudenkmäler nicht auf Vermutungen basierend oder willkürlich verändert werden sollen. Luc Fauchois wehrt sich dagegen: „Wir verstoßen nicht dagegen, denn wir haben schließlich noch die detaillierten Pläne von einst.“ Er verweist auf den erfolgreichen Aufbau der Dresdner Frauenkirche.

Frisch renoviert - aber ohne Nordturm: la basilique.

Frisch renoviert – aber ohne Nordturm: la basilique.

„Es ist schon eine sehr eine verrückte Idee“, sagt der Chef des Tourismusbüros der Stadt, Régis Cocault. Klar sei aber: Dieses Projekt würde Arbeitsplätze, Touristen und ein besseres Image bringen. Saint-Denis hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent, einen hohen Migranten-Anteil, viele soziale Probleme. Im November vergangenen Jahres wurde die Stadt doppelt traumatisiert. Erst hatten sich am Stade de France drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt , wenige Tage später stürmten Spezialkräfte bei einem Anti-Terror-Einsatz inmitten des Stadtzentrums ein Haus, in dem sich Terroristen verschanzt hatten. Der Kirchturmbau soll der ganzen Stadt Elan geben – und die Bewohner einen.

Internet: suivezlafleche.fr

Anreise von Paris: Mit der Métro (Linie 13) bis zu Haltestelle „Basilique de Saint-Denis“.