Mit der Métro ins Mittelalter

Die Schöne hat für ihn einen großen Makel. „Es ist, als ob ihr ein Arm oder ein Bein amputiert wurde“, sagt Luc Fauchois. Der 65-Jährige steht vor der Kathedrale von Saint-Denis nördlich von Paris. Rechts ein Glockenturm, links aber Leere: Seit eineinhalb Jahrhunderten fehlt der Basilika der zweite, einst viel höhere Kirchturm samt seiner Spitze. Fauchois kämpft dafür, dass er wieder erbaut wird. Nicht irgendwie. Sondern mit Bau-Techniken wie im Mittelalter.

In der Innenstadt sind Plakate mit der Aufschrift „Folgen Sie der Kirchturmspitze“ zu sehen. Fauchois ist Vorsitzender des gleichlautenden Vereins „Suivez-la-flèche“, und diese Plakate werben für den Wiederaufbau. Wird der wahr, bekommt Frankreich eine der außergewöhnlichsten Kathedralenbaustellen.

Rechts die wahre Kathedrale ohne Nordturm, links auf dem Plakt der Traum von der Zukunft

Rechts die wahre Kathedrale ohne Nordturm, links auf dem Plakt der Traum von der Zukunft

Der frühere Leiter der Kommunikationsabteilung der 100.000-Einwohner-Stadt in der Banlieue von Paris setzt sich in die Bar Le Basilic und bestellt sich ein Bier. Dann schwärmt er von der historischen Bedeutung der Kathedrale. Geweiht ist sie dem heiligen Dionysius, dem ersten Bischof von Paris. Dionysius erlitt 250 den Märtyrertod. Die Legende erzählt, dass er in der Zeit der Christenverfolgung auf dem Montmartre in Paris enthauptet wurde. Danach soll er seinen Kopf genommen haben und bis zum Standort der heutigen Basilika marschiert sein, wo er tot umfiel und begraben wurde.

„Während des Mittelalters war Saint-Denis der Sitz der religiösen wie auch politischen Macht“, sagt Fauchois, der einst Geschichte studierte. Im 5. Jahrhundert war der Bau zunächst eine Klosterkirche und Teil einer mächtigen Benediktinerabtei. Im 12. Jahrhundert hat der einflussreiche Abt Suger die ersten spitzbogigen Kreuzrippengewölbe einbauen lassen – deshalb gilt die Kathedrale als eine der Gründungsbauten der Gotik. Zudem wurde sie zum bevorzugten Bestattungsort der französischen Herrscher. 42 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen und Prinzessinnen sind hier begraben. Es sei traurig, dass nur 160 000 Menschen im Jahr dieses außergewöhnliches Kulturerbe besichtigen, während 13 Millionen in die Pariser Notre-Dame strömten, meint Fauchois.

Er hofft, dass der Turmbau die Massen anlockt. Der nördliche Kirchturm war 1219 fertig gewesen, 86 Meter war er hoch. „Die Turmspitze war von weiten in der ganzen Pariser Region sichtbar“, erinnert Fauchois. Man wollte Notre-Dame in Paris Konkurrenz machen. Mehr als 600 Jahre später, 1837, schlägt ein Blitz in den Turm ein. Kurze Zeit später rütteln schwere Stürme am Bauwerk. Weil er dabei gefährlich beschädigt wird, lässt fast zehn Jahre später der berühmte Architekt Viollet-le-Duc den Turm abbauen. Sorgfältig lässt er die Steine nummerieren, macht genaue Skizzen vom Rückbau. Sein Plan: Der Turm soll wieder aufgebaut werden, wenn die Fassade und der Rest der Kathedrale restauriert und gefestigt wären. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Er kämpft für den Turm: Luc Fauchois vor dem Rathaus in Saint-Denis

Er kämpft für den Turm: Luc Fauchois vor dem Rathaus in Saint-Denis

Seit den 1970er Jahren träumen immer wieder zahlreiche Dionysiens, wie die Einwohner von Saint-Denis genannt werden, vom Wiederaufbau. Mal gibt es Petitionen, mal Briefe an die Regierung, mal Demonstration mit Lasershow vor der Kathedrale. 1989 gibt sogar der sozialistische Kultusminister Jack Lang sein Einverständnis – aber der Staat will keinen einzigen Franc dazugeben. Kein Geld, kein Turm.

Dann gerät die Kathedrale wieder aus dem Blickfeld, denn Saint-Denis bekommt eine neue Sehenswürdigkeit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: das Stade de France. 1998 wird es zur Fußball-Weltmeisterschaft eingeweiht. Alle schauen auf das Endspiel in Saint-Denis. Frankreich wird Weltmeister.

Nun bekommt das Turmwunder eine neue Chance. Nicht nur, weil ein hochkarätiges Unterstützerkomitee für den Bau wirbt. „Sondern weil etwas Spannendes in den vergangenen Jahren in Frankreich passiert ist“, sagt Fauchois. Er meint damit die Lust der Franzosen auf Mittelalter-Baustellen.

Zum einen wird derzeit im Burgund eine mittelalterliche Burg erbaut namens Guédelon – mit den Techniken und Werkzeugen von früher. Mit Steinen aus dem Steinbruch von nebenan. Mit Ziegeln, die mit Tonerde vor Ort gebrannt werden wie im 13. Jahrhundert. Mit Arbeitern in Hamsterrädern, mit denen das Material nach oben gezogen wird. Finanziert wird das alles durch den Eintritt der Besucher. Und die kommen in Scharen: rund 300 000 im Jahr.

Einen ähnlichen Erfolg hatte der Wiederaufbau der französischen Fregatte „Hermione“ in Rochefort. Das Schiff, mit der einst Marquis de La Fayette 1780 nach Boston segelte, um den Unabhängigkeitskampf zu unterstützen, wurde 1997 bis 2014 nachgebaut.

Auch Saint-Denis setzt auf diese Zeitreisen-Lust der Franzosen. 20 Millionen Euro würde das Projekt in Saint-Denis kosten. Eine Anschubfinanzierung für die Projektstudien würden private Unternehmen sichern, den Rest komme durch die Eintritte herein, sagt Fauchois.

Die Métrolinie 13 bringt einen aus Paris ganz schnell nach Saint-Denis

Die Métrolinie 13 bringt einen aus Paris ganz schnell nach Saint-Denis

Geplant ist eine einzigartige Mittelalter-Baustelle mit Steinmetzen, Schmieden, Zimmermännern. Lastenkarren sollen rollen, Seilwinden schnurren. An der Kathedrale soll eine Atmosphäre herrschen wie damals – mit Händlern, Gauklern, geschäftigem Treiben. Anders als in Guédelon sollen sich die Handwerker und Arbeiter zwar nicht in mittelalterlicher Kleidung auf der Baustelle aufhalten. Aber für Schulklassen und andere Interessierte soll es genauso Workshops geben: Steinmetze erklären dann ihr Handwerk den Jugendlichen aus den Vierteln, Architekten sprechen über Statik und Geometrie. „Man kann von Paris aus mit der Métro ins Mittelalter fahren.“

Ein gigantisches Gerüst soll es den Besuchern ermöglichen, den Fortschritt des Turmbaus aus der Nähe mitzuverfolgen. Ein Aufzug brächte sie auf eine Höhe von 90 Metern: freier Blick auf Saint-Denis und gen Paris. Und dann kann man per Treppen rund um den Turm wieder nach unten laufen.

Der Staat ist Eigentümer der Kathedrale und entscheidet, ob der Turm Wirklichkeit wird oder nicht. Nach einem Besuch im vergangenen Herbst gab Staatspräsident François Hollande dem Projekt seine Zustimmung. Auch die offizielle Starterlaubnis aus dem Kultusministerium für die wichtigen finanziellen, juristischen und technischen Studien ist vor kurzem eingetroffen. Wunschtermin für den Baubeginn ist das Frühjahr 2017.

Doch es gibt heftigen Widerstand gegen das Projekt. Die Kunstzeitschrift „La Tribune de l’art“ etwa warnte vor Vandalismus und bezeichnete die Pläne als grotesk. Den Verantwortlichen gehe es nicht um das Bauwerk, sondern um eine Attraktion à la Disneyland. Die Kritiker berufen sich auf die Charta von Venedig, eine internationale Richtlinie zur Denkmalpflege aus dem Jahr 1964. Die verlangt unter anderem, dass Baudenkmäler nicht auf Vermutungen basierend oder willkürlich verändert werden sollen. Luc Fauchois wehrt sich dagegen: „Wir verstoßen nicht dagegen, denn wir haben schließlich noch die detaillierten Pläne von einst.“ Er verweist auf den erfolgreichen Aufbau der Dresdner Frauenkirche.

Frisch renoviert - aber ohne Nordturm: la basilique.

Frisch renoviert – aber ohne Nordturm: la basilique.

„Es ist schon eine sehr eine verrückte Idee“, sagt der Chef des Tourismusbüros der Stadt, Régis Cocault. Klar sei aber: Dieses Projekt würde Arbeitsplätze, Touristen und ein besseres Image bringen. Saint-Denis hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent, einen hohen Migranten-Anteil, viele soziale Probleme. Im November vergangenen Jahres wurde die Stadt doppelt traumatisiert. Erst hatten sich am Stade de France drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt , wenige Tage später stürmten Spezialkräfte bei einem Anti-Terror-Einsatz inmitten des Stadtzentrums ein Haus, in dem sich Terroristen verschanzt hatten. Der Kirchturmbau soll der ganzen Stadt Elan geben – und die Bewohner einen.

Internet: suivezlafleche.fr

Anreise von Paris: Mit der Métro (Linie 13) bis zu Haltestelle „Basilique de Saint-Denis“.

Der Dauer-Ausnahmezustand

Ausnahmezustand. Er wird nun weitere sechs Monate dauern bis Ende Januar 2017. Seit November 2015 lebt Frankreich bereits damit. Denn das Land befindet sich offiziell im Krieg. Auf den sogenannten Islamischen Staat, Staatsfeind Nummer eins, reagiert man nicht nur mit Jagdbombern über Syrien, sondern auch mit Maßnahmen an der Heimatfront.

Streetart in Paris.

Streetart in Paris mit Kritik am Ausnahmezustand

Vor den jüngsten Anschlägen in Paris war der „état d’urgence“ bereits einmal während der Vorstadtunruhen 2005 verhängt worden, damals jedoch nur in vereinzelten Départements. Den Ausnahmezustand für das gesamte Land rief der Präsident bereits in der Nacht nach den Anschlägen vom 13. November aus. Das gab es zuletzt während des Algerienkriegs vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Erst wurde der Ausnahmezustand am 19. November 2015, dann am 16. Februar 2016 verlängert, ab 26. Mai dann zum dritten Mal um zwei Monate bis zum Ende der EM und der Tour de France. Das müsse sein, um die Sicherheit bei diesen sportlichen Großereignissen gewährleisten zu können, sagte damals die Regierung. Die Gefahr ist, dass der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass die Regierung den Ausnahmezustand im Januar beenden wird: Dann befindet sich Frankreich nämlich inmitten des Wahlkampfs.

Das Gesetz des Ausnahmezustands stammt vom 3. April 1955: Wenn eine „unmittelbare Gefahr durch schwere Bedrohungen der öffentlichen Ordnung“ besteht oder „im Fall von Ereignissen, die wegen ihrer Art und ihrer Schwere eine öffentliche Katastrophe darstellen“, kann der Ministerrat zusammentreten und unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten den Ausnahmezustand verhängen.

Im Alltag bekommen die Franzosen und die ausländischen Touristen die Folgen des Ausnahmezustands gar nicht so mit. Sie merken in diesen Tagen vor allem die zahlreichen Polizisten und Soldaten in den Straßen und die Taschenkontrollen an den Eingängen. All das sind aber Maßnahmen des Anti-Terror-Plans Vigipirate, der schon seit Jahren gilt, oder der Opération Sentinelle, bei der 10000 Soldaten im ganzen Land patrouillieren. Es sind vor allem die Sicherheitsbehörden, Geheimdienste und Ermittler, die durch den Ausnahmezustand mehr Spielraum bekommen. Sie erhalten bedeutende Sonderrechte, sie können die bürgerlichen Rechte und Freiheiten stark beschränken.

Bei der Bewegung "Nuit debout" wurde der Ausnahmezustand immer wieder kritisiert (Aufnahme vom Mai)

Bei der Bewegung „Nuit debout“ wurde der Ausnahmezustand immer wieder kritisiert (Aufnahme vom Mai)

Konkret heißt dies: Der Innenminister und die Präfekten können Veranstaltungssäle vorübergehend schließen lassen, Versammlungen sowie Demonstrationen verbieten. Nach dem 13. November 2015 fanden in Paris für einige Tage keine Theateraufführungen und Konzerte mehr statt, städtische Einrichtungen wie Schulen und Schwimmbäder hatten zu, Märkte fielen aus. Während der Klimakonferenz COP 21 wurden die geplanten Großdemonstrationen für den Klimaschutz in den französischen Städten verboten. Allerdings schritten die Behörden trotz des Ausnahmezustands nur selten ein bei der antikapitalistischen Protestbewegung „Nuit debout“, wo sich in ganz Frankreich wochenlang vor allem junge Leute auf Plätzen versammelten. Auch die Fanmeilen während der EM und die Demos gegen die Arbeitsmarktreform wurden nicht untersagt. Nach dem Anschlag in Nizza hat die Präfektur in Paris allerdings nun Freiluftkinos und einen autofreien Tag auf den Champs-Élysées absagen lassen, weil deren Sicherung nicht gewährleistet werden kann.

Die Präfekten können auch den freien Verkehr von Personen oder Fahrzeugen an bestimmten Orten und Uhrzeiten verbieten. Sie können Schutzzonen einrichten, zum Beispiel um Plätze und Gebäude. Sie können auch Personen verbieten, sich in bestimmten Regionen aufzuhalten, wenn vermutet wird, dass diese die „öffentliche Gewalt behindern wollen“.

Präfekten können während des Ausnahmezustands auch ohne richterliche Zustimmung Hausarreste verhängen. Hausdurchsuchungen am Tag und in der Nacht können ohne Beschluss eines Richters durchgeführt werden – dieses Sonderrecht war bei der dritten Verlängerung ausgeklammert worden, weil die meisten „identifizierten Orte“ bereits durchsucht wurden. Computer und Smartphones können nun auch beschlagnahmt und sofort ausgewertet werden. Neu ist auch, dass die Gendarmen den Kofferraum eines Autos und Gepäckstücke durchsuchen dürfen – ohne richterliche Anordnung. Das durften bisher nur Zöllner. Wer sich dagegen wehrt, muss mit einer Gefängnis- oder Geldstrafe rechnen (drei Monate oder 3750 Euro).

Die Ermittler machten von diesen enormen Möglichkeiten reichlich Gebrauch – vor allem in den ersten Monaten. Bei einer Bilanz zum Ausnahmezustand Ende Mai sprach der Innenminister von fast 3600 Hausdurchsuchungen. Sichergestellt wurden 756 Waffen (das können auch Säbel sein), darunter 75 Kriegswaffen. 400 „mutmaßliche Gefährder“ waren unter Hausarrest gestellt worden, heute sind es noch 77. Bei 950 Personen haben die Anti-Terror-Behörden Ermittlungen aufgenommen. Mehrere Moscheen wurden geschlossen. 28000 Personen wurden bei den Grenzkontrollen daran gehindert, nach Frankreich einzureisen.

Plakate auf der Place de la République im Mai bei Nuit debout

Plakate auf der Place de la République im Mai bei Nuit debout

Schon seit Anfang des Jahres gibt es Kritik am Ausnahmezustand. Amnesty International zweifelt an der Verhältnismäßigkeit der Vorgehensweise der französischen Regierung. Die französische ai-Sektion forderte in einem Bericht bereits im Februar die französische Regierung auf, den Ausnahmezustand zu beenden. Konkrete Ergebnisse zur Terrorverhinderung gäbe es nur wenige. Doch durch die Hausdurchsuchungen und Arreste würden viele Menschen stigmatisiert, diskriminiert, traumatisiert, einige von ihnen hätten sogar ihre Arbeit verloren. Menschenrechte würden verletzt, Polizei und Sicherheitsbehörden nur wenig kontrolliert, sagte der Europa-Chef von Amnesty International, John Dalhuisen.

Auch die Vereinten Nationen kritisierten vor Monaten bereits den Ausnahmezustand und das weitreichende Gesetz zur Überwachung der Telekommunikation in Frankreich als unangemessen. Selbst Umweltaktivisten seien unter Hausarrest gestellt worden. Die Mehrheit der Eingriffe betreffe zudem Franzosen muslimischen Glaubens, sagte Izza Leghtas von Human Rights Watch. Diese würden sich dadurch mehr und mehr Bürger zweiter Klasse fühlen. Anwälte kritisierten, dass Mandanten seit Monaten unschuldig unter Hausarrest stünden – weil den Nachrichtendiensten falsche Daten vorlägen.

Die Zeitung „Le Monde“ berichtete mehrmals darüber, wie einige der Durchsuchungsaktionen der Behörden abgelaufen sind – und welche zahlreichen „Kollateralschäden“ für Unschuldige sie mit sich zogen. Immer wieder gingen die Einsatzkräfte bei Hausdurchsuchungen brutal vor, verwüsten unnötig Wohnungen, beleidigen die Bewohner. Sind die Polizisten abgezogen ohne einen einzigen Beweis für eine Straftat, bleiben manche Betroffene nicht nur auf Reparaturkosten sitzen, sondern leiden unter Angstzuständen. Anwälte sprechen bereits von „Ausnahmezustands-Opfern“,  viele Aktionen führten zu keinem Ergebnis, sie wirkten vielmehr strategielos und willkürlich. Man erlebe eine Zeit, wo allein ein Verdacht ausreiche für eine Hausdurchsuchung.

Eine groß geführte Debatte über diesen monatelangen Ausnahmezustand gibt es in Frankreich kaum. Das liegt sicher an der Schockstarre nach den grausamen Attentaten und dem großen Bedürfnis nach Sicherheit. Immer wieder verkündet die Regierung ja auch, dass angeblich zahlreiche geplante Attentate vereitelt wurden – etwa auf eine Kirche bei Paris. „Die Regierung sagt, wir nehmen Euch ein paar Freiheiten, aber es geht um Eure Sicherheit. Die Umfragen bestätigen, dass die Leute damit einverstanden sind“, sagt der Pariser Soziologe Manuel Cervera-Marzal. Doch selbst Innenminister Cazeneuve sagte nach Nizza: Der Ausnahmezustand dürfe nicht zum Dauerzustand werden.

L’extase

Die Sportzeitung L´ Équipe titelt heute: „L´EXTASE“. Das trifft es sehr gut. Der Jubel nach dem Sieg der Franzosen über la Mannschaft war grenzenlos. Ekstase auf den Champs-Elysées. Autokorsos und Fahnenjubel überall. Als die Métro einfährt in die Station Place de Clichy, fußballhupt der Zugführer mehrmals und der ganze Bahnsteig jubelt. Oberirdisch auf der Kreuzung muss ein Busfahrer hupen, weil ein Auto ihm den Weg versperrt. Als das Auto weg ist, hupt der Busfahrer einfach weiter und grinst die Passanten an. Die öffentlichen Verkehrsmittel leisten ordentlich ihre Kommentare zum Sieg.

Fußballparty in der Bar Kiez im 18. Arrondissement in Paris. Da stand es noch 0:0.

Fußballparty in der Bar Kiez im 18. Arrondissement in Paris. Da stand es noch 0:0.

In der RER-Station Étoile stehen sich Fans auf beiden Seiten der Gleise gegenüber, feuern sich an, singen die Marseillaise, tanzen, bis eine Durchsage die Menge zur Vorsicht aufruft und der Zug einfährt. Kaum ist der Zug weg, geht es weiter.

Und in all dieser Verzückung auch solche Szenen: Als auf einem  Métro-Bahnsteig eine Gruppe deutscher Mädchen in Mannschaft-Trikots und mit Schwarz-Rot-Gold-Wangen eintrifft, deutlich frustriert, fangen fünf Franzosen an, sie freundlich zu beklatschen. Will heißen: Respekt, alles in allem. Oder in der Linie 2: Da schreit ein Franzose „Huh, Huh, Huh“ – ein Landsmann geht auf ihn zu und sagt: „Ja, wir sind im Finale – aber Du kannst nicht so einfach den Schlachtruf der Isländer benutzen, das geht nicht.“ Im Sieges-Wahn muss trotzdem alles seine Ordnung haben.

Stunden zuvor trafen sich ein paar Hundert Deutsche und Franzosen im Kiez, einer deutschen Kneipe im 18. Arrondissement. Die Fans passen alle gar nicht rein, der Großteil steht auf der Straße und schaut auf drei kleine Bildschirme. Deutsches Bier in Strömen, Currywurst und Brezeln. Drinnen wirft der Beamer die deutsche Übertragung auf die Wand. Nach fünf Minuten Totalausfall, kein Bild mehr – es kommt Panik auf. Aber zwei Minuten später macht der Beamer wieder, was er soll.

Deutsche Zeitungen titelten vor dem Spiel, dass man jetzt den gallischen Hahn grillen würde. Hier ist er. Nicht gegrillt, vor dem Kiez.

Deutsche Zeitungen titelten vor dem Spiel, dass man den gallischen Hahn grillen würde. Hier ist er nach dem Spiel: nicht gegrillt, sondern flauschig.

Die Franzosen singen immer wieder die Marseillaise, die Deutschen kontern mit „Auf geht’s Deutschland schieß ein Tor“. Als sich draußen die Müllabfuhr durch die Masse zwängt, klatschen Fans den Müllmann ab und der freut sich. „Allez les bleus“.

Unklar ist: Fühlt sich der Sieg der Franzosen hier in der deutschen Enklave Kiez umso grausamer an? Oder erträgt man ihn leichter? Jedenfalls hält eine junge deutsche Frau ihren jungen deutschen Freund, weil er weint.

„Naja, die Deutschen werden wohl mal wieder gewinnen“, hatte der Nachbar noch einen Tag vor dem Spiel gesagt. Fernsehsender wiederholten das Halbfinalspiel Deutschland-Frankreich von 1982 in Sevilla, bei dem Deutschland trotz Rückstands von 1:3 in der Verlängerung noch ausglich und beim Elfmeterschießen schließlich gewann. Das Spiel mit „Rümmenigg et Braitnär“ noch einmal anzuschauen, war eine Möglichkeit für die Franzosen, noch mal am Trauma zu arbeiten. Und jetzt: Les Bleus sind befreit von der malédiction, von dem Fluch, stellt Le Monde nach dem Sieg fest.

Am Tag danach hat man den Eindruck, als ob endlich die Depression verflogen wäre, die die Franzosen in den vergangenen Jahren doch so eifrig gehegt und gepflegt haben. Schon analysieren die ersten Politik-Experten, ob diese Euphorie dem Präsidenten Hollande bessere Umfragewerte beschaffen könnte.

Ekstase, jetzt schon. Was passiert dann erst am Sonntag, wenn Frankreich Europameister wird?

Vielleicht hätten die Deutschen gewonnen bei einem Spielfeld in der Vertikalen?

Vielleicht hätten die Deutschen gewonnen bei einem Spielfeld in der Vertikalen?

Auf der Place statt auf der Couch

Manuel Cervera-Marzal steht auf der Place de la République. Der Pariser Soziologe beobachtet seit Anfang an die Protestbewegung „Nuit debout“. Hier sitzen die Leute auf dem Boden und diskutieren über alle möglichen Themen. Die Proteste gegen die Reformpläne zum Arbeitsrecht der sozialistischen Regierung waren einst der Auslöser. Doch längst hat sich Nuit debout thematisch geöffnet.

Seit dem 31. März trifft man sich. An manchen warmen Tagen tagen Dutzende der 80 Kommissionen auf dem grauen Steinboden. Dann sitzen locker verteilt Gruppen im Kreis, in der Mitte liegt ein Karton, auf dem das Thema steht: Antikapitalismus, Feminismus, Europa, Flüchtlinge, Tierschutz, Generalstreik. Die Métro rattert im Untergrund. Jeder darf ans Megafon oder ans Mikro und seine Meinung äußern. Statt zu klatschen wackelt man mit erhobenen Händen, um auf dem lauten Platz nicht noch mehr Lärm zu machen und den Redner nicht zu unterbrechen.

Nicht mehr am Boden, sondern aufrecht und bereit zum Kampf: Demonstranten auf der Place de la République beim Fotoshooting

Nicht mehr am Boden, sondern aufrecht und bereit zum Kampf: Demonstranten auf der Place de la République beim Fotoshooting

„Nuit debout ist das Gegenteil von Schlaf oder Dahindämmern“, sagt Cervera-Marzal. Was im Französischen die Nacht durchmachen heißt, kann man mit die Nacht der Aufrechten übersetzen. Längst sind aus den Nachtaktiven auch Tages-Aufrechte geworden. Sie diskutieren schon am Nachmittag über Politik und die Welt. Wettern gegen die Regierung, die Reichen, das System, die Ungerechtigkeiten. Manche kommen regelmäßig, manche gehören zum festen Kern, viele sind Passanten oder Schaulustige. Ein Rentner sagt, wie froh er sei über diese Bewegung: „Sie zeigt, dass die Jugend nicht nur konsumorientiert und politikverdrossen ist, wie manche glauben.“

Man ist links, antikapitalistisch, gegen Neoliberalismus und Hierarchien. Man ist jeden Alters, aber die Jungen überwiegen. „Vor allem das akademische Prekariat, Leute aus dem Kleinbürgertum, die keine Arbeit finden oder ein Praktikum nach dem anderen machen oder sich mit befristeten Verträgen herumschlagen, kommen hierher“, sagt Cervera-Marzal, der soziale Bewegungen erforscht. Doch Frustration reiche nicht aus, um zu erklären, was hier passiert. In einer Zeit der Individualisierung hätten diese Leute es geschafft, den Fernseher auszuschalten und der Couch adieu zu sagen. Für ein Gemeinschaftsgefühl, für das Signal, dass es so nicht mehr weitergehen darf. Dafür, dass man Lust hat, mit anderen zu diskutieren und Visionen zu entwerfen.

Wer in den Arbeitsgruppen auf dem lauten Platz verstanden werden will, braucht diese Technik

Wer in den Arbeitsgruppen auf dem lauten Platz verstanden werden will, braucht solche Technik

Auch Arthur Thomas sieht das so. Der 21-jährige angehende Erzieher ist aus Grenoble angereist, wo wie in zahlreichen anderen französischen Städten Nuit debout Fuß gefasst hat. 2012 hat er François Hollande und die Sozialisten gewählt, heute ist er entsetzt. „Ich habe den Eindruck, dass die Welt der Unternehmen uns regiert und nur Rentabilität zählt.“ Ohnmächtig habe er sich gefühlt. Bei Nuit debout könne er sich mit anderen darüber austauschen. „Die politische Klasse missachtet uns, die Eliten sind in ihrer Blase.“ Als vor kurzem der frühere konservative Präsident Nicolas Sarkozy sagte, die Leute auf der Place de la République hätten „nichts im Hirn“, war das für viele hier nur eine Bestätigung dafür, wie weit die da oben sich von denen da unten entfernt haben.

Einige der Aufrechten nennen sich auch die Empörten, in Anspielung auf die spanischen Indignados, die am 15. Mai 2011 in Madrid mit ihren Protesten begonnen hatten. Daraus ist die Partei Podemos entstanden. Ähnlichkeiten dazu und zu Occupy sind deutlich: das Besetzen öffentlicher Plätze, die Forderung nach mehr Demokratie.

Doch Cervera-Marzal findet einen Vergleich schwierig. Die Arbeitslosigkeit in Spanien war doppelt so hoch wie derzeit in Frankreich. Die politischen Eliten waren wegen Korruptionsaffären stärker diskreditiert, im Zweiparteiensystem gab es ein Vakuum, das Podemos nutzen konnte. Er glaubt nicht, dass in Frankreich mit seiner vielfältigen Linken eine neue Partei entstehen wird. „Aber wer weiß?“

Eine der Kommissionen auf der Place de la République bei der Arbeit

Eine der Kommissionen auf der Place de la République bei der Arbeit

Nuit debout kennt seine Schwächen. Etwa die, dass man kaum die Arbeiterschicht erreicht. Auch das Anbandeln mit den sozial schwächeren Schichten in den wenigen Kilometer entfernten Vorstädten klappt nicht. Zwar gibt es inzwischen auch dort Veranstaltungen. „Aber in der Banlieue müssen sich die Menschen ums Überleben kümmern“, sagt Cervera-Marzal. Da habe man kaum Zeit, um zu demonstrieren und zu debattieren.

Jagd auf Flüchtlinge

Die Attacken spielen sich meist ähnlich ab: Ein dunkles Fahrzeug taucht auf, bewaffnete, schwarz gekleidete Männer steigen aus und gehen auf Flüchtlinge los. Verprügeln sie mit Eisenstangen, Schlagringen und Schlagstöcken, manchmal stechen sie auch mit Messern zu.

Diese Angriffe geschehen in Nordfrankreich, bei Calais und dem sogenannten Dschungel.  In diesem Slum-Lager voller Zelte und Hütten aus Spanplatten und Plastikplanen hausen immer noch Tausende Flüchtlinge unter elenden Zuständen – ein Teil des Camps soll nun geräumt werden. Die meisten Flüchtlinge und Migranten aus dem Lager wollen durch den Eurotunnel nach Großbritannien: entweder mit Hilfe von Schleppern oder indem sie auf einen der Laster aufspringen, der als Ziel die britische Insel hat.

Vereinzelte rassistische und rechtsextreme Übergriffe in und um Calais gab es in den vergangenen Jahren immer wieder, aber in jüngster Zeit nahmen die Angriffe zu. In Loon-Plage bei Dunkerque nahm die Polizei sieben Männer im Alter von 24 bis 44 Jahren fest, die vermummt und mit Eisenstangen bewaffnet auf vier irakische Kurden losgegangen waren. Es war wohl nur eine Bande von mehreren.

Einige der Angreifer sollen aus Calais und Umgebung stammen, manche sollen einer ausländerfeindlichen Gruppe namens Calais idéoscope angehören – sie bezeichnen sich als Patrioten und Widerstandskämpfer. Mitglieder dieser Gruppe wurden Anfang Februar während einer verbotenen Pro-Pegida-Demonstration in Calais festgenommen. Etwa 150 Unterstützer der deutschen Vereinigung Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) waren vor den Bahnhof von Calais gekommen – trotz eines Demonstrationsverbots. Sie riefen Parolen wie „Migranten raus!“ und schwenkten französische Flaggen.

Am 12. Februar haben neun Flüchtlinge bei der Staatsanwalt von Boulogne-sur-Mer Anzeige erstattet: gegen fünf Polizisten wegen gewalttätiger Übergriffe – wobei unklar ist, ob die Täter wirklich Polizisten waren oder sich die Täter als Beamte verkleidet hatten. Vier Anzeigen gab es gegen unbekannte Zivilisten. Eine Anlaufstelle für juristische Hilfe im „Dschungel“ unterstützte die Flüchtlinge dabei. Deren Mitarbeiter sprachen von insgesamt 50 Flüchtlingen, die allein Anfang Januar angegriffen wurden. Auch die Ärzte in Calais stellen immer wieder fest, dass viele Verletzungen von gewalttätigen Übergriffen stammen. Manche Opfer hatten schwere Knochenbrüche erlitten und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die „Médecins du monde“ protokollieren Zeugenaussagen. Es scheint, dass organisierte Gruppen Flüchtlinge manchmal mehrmals pro Woche angreifen würden. Und das, obwohl Calais einer der überwachtesten Orte Frankreichs ist: 1700 Polizisten und Gendarmen sind dort derzeit eingesetzt.

Wo die Grammys Victoires heißen

Auch die Franzosen haben ihre Grammys. Sie heißen Victoires de la musique, die wichtigsten französischen Musikpreise. Wer wieder mal wissen möchte, welche Bands und Sänger die Franzosen derzeit in ihren Pop-Himmel heben, der muss sich nur die Liste der Preisträger anschauen.

Je drei Nominierte pro Preiskategorie sangen am Freitag in der riesigen Konzerthalle Zenith in Paris. Das Ganze ging eigentlich recht brav und unspektakulär über die Bühne, wohl auch weil die Moderatoren ihren Humor und Biss zuhause gelassen hatten. Da war man schon froh, wenn Frankreichs gefeierter Rapper Nekfeu zwei Motorräder auf die Bühne holte und als einer der wenigen an dem Abend auch mal ein paar politische Worte in den Mund nahm statt nur die üblichen Charme- und Glücksdankeschöns.

Gleich zweimal abgeräumt hat – wie bereits im vergangenen Jahr – Christine and the Queens. Sie konnte die V-Trophäe für ihre tolle Tanzperformance zu ihrem Song „Christine“ (bester Video-Clip) und für ihre gefeierte Zénith-Tournée mitnehmen. Hinter dem Künstlernamen verbirgt sich keine mehrköpfige Band, sondern die junge Französin Héloïse Letissier aus Nantes.

Die Victoires im Fernsehen. Hier singen gerade Feu Chatterton

Die Victoires im Fernsehen: Hier singt gerade die Band „Feu ! Chatterton“ ihren Hit „Boeing“.

Als bester männlicher Künstler hat Vianney gewonnen, der während der Show 25 Jahre alt wurde. Als beste Künstlerin wurde die französisch-israelische Sängerin Yael Naim ausgezeichnet.

Die nicht nur in Frankreich gefeierte Louane (Schauspielerin und Sängerin in „Verstehen Sie die Béliers?“/La famille Bélier“) konnte für ihre Debütalbum „Chambre 12“ die Victoire für das beste Newcomer-Album mit nach Hause nehmen.

Es lohnt sich natürlich auch, nicht nur die Sieger, sondern auch die anderen nominierten Künstler auf Youtube anzuhören, die es dieses Jahr nicht geschafft haben. Jeanne Added etwa mit ihrem Song „Look at them“ oder die in Toulouse geborene Sängerin Jain mit dem Lied „Come“.

Auf France Inter kann man die Show Stunde für Stunde nachhören: http://www.franceinter.fr/emission-victoires-de-la-musique-2016-12-fevrier

Ausschnitte der Show: http://www.lesvictoires.com/

Hier die Liste aller nominierten Künstler: http://www.france2.fr/emissions/les-victoires-de-la-musique-varietes/liste-des-nommes-2016_449512

Und das sind die Sieger:

Artiste masculin:
Vianney

Artiste féminine:
Yael Naim

Album révélation:
„Chambre 12“, de Louane

Révélation scène:
Hyphen Hyphen

Album de chansons:
„De l’amour“, de Johnny Hallyday

Album rock:
„Mandarine“, des Innocents

Album de musiques urbaines:
„Feu“, de Nekfeu

Album de musiques du monde:
„Homeland“, de Hindi Zahra

Album de musiques électroniques ou dance:
„The Wanderings of the Avener“, de The Avener

Chanson originale:
„Sapés comme jamais“, de Maître Gims

Spectacle musical/Tournée/Concert:
Christine and the Queens pour sa tournée des Zéniths

Vidéo-Clip:
„Christine“, de Christine and the Queens

Terrorsorge und Regierungstipps

Die Französin schwärmt nach dem Weihnachtskonzert von der neuen Pariser Philharmonie. „Was für eine tolle Akkustik!“ Ihr Mann stimmt ihr zu, während er den Wagen in Richtung Ringautobahn steuert. „Eigentlich wollte er gar nicht mitkommen, nach den Anschlägen“, fügt sie an. Dazu sagt ihr Mann jetzt nichts, vermutlich ist es ihm unangenehm, dass sie das erzählt. „Aber wir dürfen keine Angst haben“, schiebt sie noch hinterher. ––

In der Rue de Charonne herrscht Unsicherheit, was den Silvesterabend angeht. In dem Restaurant, wo am 31. Dezember seit vielen Jahren nach dem Menü vor dem Tresen immer getanzt wird, muss die Bedienung erst den Chef fragen, ob man dieses Jahr den Abend veranstaltet wie immer. „Naja, wegen der Anschläge bleiben die Touristen aus“, sagt sie. Nur wenige hundert Meter entfernt liegt eine der Bars, die von den Terroristen beschossen wurde. Am 13. November starben dort 19 Menschen. Der herbeigerufene Chef sagt: „Ja, klar machen wir unser Silvestermenü.“ In seinem großen Kalenderbuch sind gerade mal sieben Reservierungen für den Silvesterabend vermerkt – bei Dutzenden von Tischen. ––

Ratschläge für den Fall einer Terrorattacke: Es gibt beruhigendere Plakate als dieses...

Entkommen, verstecken, warnen: Ratschläge für den Fall einer Terrorattacke.

Im Bahnhof Gare de Lyon strömen die Reisenden zum TGV nach Marseille, als die Monitore dessen Abfahrtsgleis anzeigen. Doch ganz am Anfang des Bahnsteigs werden sie aufgehalten: Drei Mitarbeiter des Bahnunternehmens SNCF wollen die Tickets sehen und scannen. Die Schlange ist lang, Familienangehörige ohne Ticket dürfen nicht mit auf den Bahnsteig, um Adieu zu sagen. Verwunderung überall, doch die Reisenden sind geduldig. In diesen Tagen akzeptiert man es sogar, wenn man im kleinen Supermarkt um die Ecke seine Tasche für den Sicherheitsmann öffnen muss. ––

Am Rande der Bahnhofshalle hängt in einem Ständer ein neues Plakat, herausgegeben von der Regierung: mit gezeichneten Tipps wie man reagieren soll bei einer Terrorattacke. Für den Fall, dass man fliehen kann. Für den Fall, dass nicht. Die meisten Leute beachten es nicht. ––

http://www.gouvernement.fr/reagir-attaque-terroriste

Zurück auf die Terrasse

Mit jedem weiteren Tag wird Paris wieder lebendiger. Kinos und Konzertsäle öffnen wieder, die Bars sind wieder voller. Alexandre und Eliott trinken etwas im Le Pause Café in der Rue de Charonne. Sie zieht sich hinter der Place de la Bastille gen Nordosten. Gerade die jungen Pariser, aber auch die Touristen lieben diese Straße: Wegen ihrer Mischung aus Boutiquen, Kneipen und Restaurants. Kein Glitzer-Paris, sondern ein einstiges Werkstattviertel, inzwischen eher bourgois mit vielen Hipstern in den hübschen Hinterhöfen. Nicht weit entfernt vom Le Pause Café befindet sich einer der Anschlagsorte, wo die Terroristen am 13. November aus einem dunklen Seat heraus 19 Menschen in einer Bar erschossen.

Die beiden 21-jährigen Studenten diskutieren. Im Vergleich zu den Anschlägen vom Januar habe sich etwas stark verändert. „Damals haben die Terroristen Journalisten, Polizisten und jüdische Franzosen gezielt ausgewählt, jetzt schossen sie wahllos in die Menge, um möglichst viele Menschen zu töten“, sagt Alexandre. Er sitzt an einem Bistrotisch auf der Terrasse hinter dem Windschutz. „Wir würden uns auch in die erste Reihe setzen direkt an die Straße, aber heute ist es etwas frisch“, betont er. „Wir haben keine Angst.“

Kerzen, Blumen, Mahnwache: auf der Place de la République

Trotz Versammlungsverbots treffen sich jeden Abend hunderte von Menschen auf der Place de la République. Sie legen Blumen nieder, zünden Kerzen an, singen die Marseillaise, trauern.

Die Terrasse. Einer der wichtigsten Orte in Paris, an dem man sich trifft, am Vormittag zum Kaffee, am Mittag auf eine Plat du jour, nach dem Arbeiten zum Aperitif. Draußen sitzen mit Zigarette und Weinglas, reden, Leute schauen – das zweite Wohnzimmer der Pariser. Auf mehrere Terrassen der Stadt hatten die Attentäter ihre Patronensalven abgefeuert. Nein, die Terrasse würden sich die Pariser nie nehmen lassen, so verwundbar diese Orte an den Boulevards nun plötzlich auch geworden sind. „Wir müssen wir bleiben“, ist die Devise.

Alexandre und Eliott sagen das, was viele Pariser denken: „Dieser Anschlag galt allen hier im Westen.“ Die Ziele der Attentäter: Fußballstadion, Kneipe, Musikclub. Man zielte nicht nur auf Menschen, sondern auf unsere freiheitliche, demokratische Lebensweise, auf die Toleranz. Attackierte den Spaß am Sport, die Liebe für Musik, für gutes Essen und Alkohol. Dort, wo sich die Pariser am liebsten entspannen und vergnügen, dort wo sie sich am einfachsten in ihrem Alltag freundschaftlich begegnen können. Die Titelseite der neuen Ausgabe von Charlie Hebdo zeigt einen von Kugeln durchsiebten Franzosen, der Champagner trinkt und aus dessen Einschusslöcher der edle Alkohol herausläuft: „Sie haben die Waffen. Wir den Champagner“, steht dabei.

Keine Angst haben, ist die Devise. Sonst hätten die Terroristen erreicht, was sie wollen.

Keine Angst haben, ist die Devise. Sonst hätten die Terroristen erreicht, was sie wollen.

Gestern waren die Staus auf den Straßen und der Ringautobahn so schlimm wie schon lange nicht mehr. Viele Pariser wollen anscheinend noch nicht die Metro nehmen – aus Angst. „Ich werde mein Leben nicht ändern“, sagt Alexandre trotzig. „Es lebt sich schön in Paris.“ Natürlich sei da jetzt wie im Januar wieder ein Druck zu spüren, eine ängstliche Atmosphäre, aber je mehr Zeit nach einem Anschlag verstreiche, desto mehr verliere sich das wieder, „nach Charlie Hebdo ist das auch so gewesen“. Eliott dagegen merkt, dass er sich schon lange anders durch die Stadt bewegt. „Ich habe Angst, wenn ich in der Metro einen Gegenstand sehe, der einfach so herumsteht, ein Paket oder eine Tasche. Das hatte ich früher nicht.“

Die Pariser Gastronomen versuchen, der Angst der Menschen etwas entgegenzusetzen. Freilich auch, weil ihre Umsätze derzeit in den Keller gehen. Deswegen forderten sie die Franzosen unter dem Slogan „Tous au bistrot“ und „Je suis au bistrot“ auf, ihre Angst zu überwinden und am Dienstagabend demonstrativ wieder in die Brasserien der Stadt zu gehen. Während des Essens gibt es auch um 21 Uhr eine Schweigeminute.

Der kleine Bohnenunterschied

Hier die häufigsten Reaktionen, die ich auf meine Ankündigung gehört habe, dass ich nach Paris ziehe:

  1. „Paris! Wahnsinn. Ich beneide Dich!“ (Der Frankreichurlauber.)
  2. „Oje, Paris. Was für eine stressige Stadt. Habt Ihr Euch das wirklich überlegt?“ (Franzosen, die in Deutschland leben).
  3. „Paris, soso. Recht museal, nicht? Avantgarde sieht anders aus.“ (Berliner.)
  4. „Toll, wir kommen Euch mit dem TGV besuchen!“ (Freiburger.)
  5. „Was für eine tolle Stadt. Aber mal ehrlich: Guten Kaffee kann man in Paris nicht trinken.“ (Cafébesitzerin in Freiburg).

Über Punkt 5 habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder nachgedacht. Frankreich ist für Deutsche kein einfaches Kaffeeland. Nicht nur, was Probleme beim Bestellen angeht. Tatsächlich schmeckt der Kaffee oft nicht so gut. Irgendwie bitterer. Zumindest anders.

Warum ist das so? Ich treffe Aleaume Paturle von der kleinen Kaffeerösterei Lomi im 18. Arrondissement. Er nennt sich Artisan torréfacteur, er versteht also das Handwerk des Röstens. Vorne im gemütlichen Kaffeeraum sitzen Pariser beim Frühstück, in einem Regal stehen die Lomi-Cafés zum Verkauf. In einem hinteren Raum dreht sich die Röstmaschine, ein Computer steuert die Hitze. Seine Kaffeesorten verkauft er an bessere Hotels, Restaurants, Cafés.

bei seiner Röstmaschine.

Aleaume Paturle bei seiner Röstmaschine.

Er nennt einen interessanten Grund dafür, dass manche Deutsche mit dem französischen Kaffee Schwierigkeiten haben: „Die Kolonialgeschichte unseres Landes beeinflusst den Kaffeegeschmack noch heute“, sagt er und legt eine kleine Karte auf den Tisch.

Frankreich hat früher aus seinen Kolonien Kaffee importiert – etwa aus Ländern in Westafrika und Vietnam (damals Französisch-Indochina). In diesen Ländern wächst wegen der geologischen Gegebenheiten und des Klimas nur eine besonders widerstandsfähige, robuste Kaffeesorte: der Robusta. Robusta-Bohnen kann man auch in niedrigen Lagen anbauen, auf einer Höhe von 0 bis 1000 Meter. Sie ertragen eine hohe Luftfeuchtigkeit und eine höhere Temperatur. Diese Sorte hat dadurch mehr Koffein und schmeckt zudem kräftiger, bitterer, erdiger im Vergleich zum teureren Arabica-Kaffee, der anderen großen Kaffeesorte. Arabica braucht höhere Lagen (600 bis 2000 Meter) und ein gemäßigtes Klima, hat einen subtileren Geschmack und enthält weniger Koffein.

Über Jahrzehnte wurde also Robusta aus den Kolonien nach Frankreich importiert. Auch während des Zweiten Weltkriegs wurde für die Essensmarken nur Robustakaffee ausgegeben. „Das hat in Frankreich den Geschmack von Generationen geprägt“, sagt Paturle. Auch wenn heute größtenteils zahlreiche Kaffeemischungen aus Robusta und Arabica in den Bars verwendet werden, ist der Anteil von Robusta oft höher als etwa in Deutschland.

Im Café Lomi im 18. Arrondissement

Im Café Lomi im 18. Arrondissement

Neben der Bohnensorte führt der Pariser-Röstexperte noch einen anderen Grund dafür an, warum manche Touristen vom Kaffee in Paris enttäuscht sind – und dabei spart er nicht mit Kritik an seinen Landsleuten. Franzosen liebten zwar den Kaffee als Verdauungshilfe am Ende einer Mahlzeit oder als kleinen Begleiter zur Zigarette. Im Durchschnitt trinken sie zwei Tassen am Tag. Aber leider sei der Kaffee oft schlecht, weil viele Baristas schlecht ausgebildet seien und nicht wüssten, wie man ihn gut mache. Viele Bars würden zudem ihre Kaffeemaschinen nicht gut reinigen – auch das beeinflusse das Brühergebnis stark. „Im unserem Land, das so viel Wert legt auf gute Gastronomie, ist das ein Trauerspiel.“

Café Lomi: Im 18. Arrondissement, weit entfernt vom Touristenparis. Der Kaffee ist den Weg wert. Adresse: 3 ter, rue Marcadet, 18. Arr., cafelomi.com, tägl. 10-19 Uhr, Métro: Marcadet-Poissoniers.

Der Turmbau von Paris

London ist für die Pariser nicht weit entfernt. In nur zweieinhalb Stunden rauscht der Eurostar von der Gare du Nord in Paris nach London St. Pancras. London ist deshalb seit jeher für Paris auch eine Stadt, mit der man sich gerne vergleicht. Gerade auch beim Thema Städtebau, der in beiden Metropolen nicht unterschiedlicher sein könnte.

London baut gern in die Höhe. In seiner Amtszeit erteilte der Londoner Bürgermeister Boris Johnson bisher 200 Hochhaus-Baugenehmigungen. Und Paris? Dort stellen die französischen Medien regelmäßig die Frage: „Warum sind wir so allergisch gegen Wolkenkratzer?“

60 Prozent der Pariser wollen in ihrem Stadtzentrum keine neuen Hochhäuser, so Umfragen. Es ist die Angst, dass sie die historische Stadtsilhouette zerstören, dass diese vertikalen Einschnitte der einst von Baron Haussmann gestalteten, als harmonisch empfundenen Stadt großen Schaden zufügen könnten. Selbst ein Umbau des traditionsreichen, seit Jahren geschlossenen Luxus-Kaufhauses Samaritaine an der Seine, aus dem ein Hotel und Wohnungen werden sollen, wurde zu einem Kraftakt mit Gerichtsprozessen.

Doch einige Stadtplaner und Bürger fragen immer wieder, ob London nicht zukunftsgerichteter ist als Paris. Wenn man sich mutigen Neubauten verweigere, verschrecke man Investoren und Architekten, warnen sie. Es gehe gar nicht darum, London nachzueifern, sondern man wolle nur an einigen ausgewählten Orten Akzente setzen. Selbst Stararchitekt Jean Nouvel warnt seine Landsleute, Paris würde noch einbalsamiert enden. Wie die historischen Bauwerke gehörten zu Paris eben auch kühne Neu- und Umbauten.

Die Tour Montparnasse - Traumaverursacher der Pariser

Die Tour Montparnasse – Trauma-Auslöserin der Pariser

Der Eiffelturm muss sich jedenfalls – was die Höhe angeht – keine Konkurrenzsorgen machen. In der Pariser Innenstadt ist die Zahl der Gebäude, die wirklich an den Wolken kratzen, überschaubar, jeder Tourist kennt sie. Eiffelturm: 324 Meter. Tour Montparnasse: 210 Meter. Nun hat der Pariser Stadtrat entschieden, dass ein neues, hohes Wahrzeichen entstehen darf. Die Tour Triangle wird 180 Höhenmeter messen.

2020 soll dieser Dreiecksturm mit seinen 42 Etagen Paris prägen. Einziehen werden vor allem Büros, aber auch eine Krippe, ein Kultur- und Konferenzzentrum, ein großer Coworking-Space, ein Vier-Sterne-Hotel mit 120 Zimmern. Eine Sky-Bar, ein Panorama-Restaurant und Panorama-Aufzüge sollen den Parisern phantastische Blicke auf die Stadt gewähren. Der gläserne Bau wird im 15. Arrondissement an der Porte de Versailles beim Messegelände entstehen. Die Form des Dreiecks soll verhindern, dass zu viele Anwohner im Schatten des Gebäudes leben.

In fünf Jahren wird das auch „Tour Pyramide“ genannte Dreieck am südwestlichen Rand der Stadt leuchten – die Fassade aus Glas wird diesen Effekt ermöglichen. Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo spricht von einer neuen Attraktion, gar einem neuen Kunstwerk in der Stadt. Noch im November musste sie fürchten um das Projekt. Denn bei einem ersten Votum stimmte die Mehrheit gegen den Glasbau. Nachdem in den neuen Plänen nun ein Teil der Bürofläche für anderes zur Verfügung steht, ging die zweite Abstimmung mit 87 zu 74 Stimmen zugunsten des Neubaus aus.

Die Widerstände waren enorm. Anwohner tauften den Turm um in „Tour Toblerone“. Viele kritisierten, dass die Stadt keine neue Büroflächen brauche, schon heute gäbe es davon eine Million Quadratmeter und gleichzeitig stünden Büros leer, während viele Pariser keinen bezahlbaren Wohnraum mehr fänden. Andere bezeichneten das Projekt als Luxusarchitektur von Investoren für Reiche. Selbst ein Vertreter der Unesco warnte vor dem Hochhaus, denn Paris sei eine der seltenen erhaltenen horizontalen Städte.

Da die Grünen gegen den Bau dieses „energiefressenden“ Hochhauses waren, musste Hidalgo bei der bürgerlichen Opposition werben – mit Erfolg. Denn viele sehen in dem Bau auch eine wichtige wirtschaftliche Komponente für die Stadt. Der Bau werde 5000 Menschen beschäftigen, 5000 weitere Arbeitsplätze würden geschaffen, wenn die Tour Triangle fertig ist. Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron (von ihnen stammt auch die umstrittene Elbphilharmonie in Hamburg) entwarf das Dreieck (Kosten: 520 Millionen Euro) für den Privatinvestor Unibail-Rodamco.

Wolkenkratzer vor den Toren von Paris: Die Bürostadt La Défense

Wolkenkratzer vor den Toren von Paris: Die Bürostadt La Défense (vom Bois de Boulogne aus gesehen).

Fest steht: Das Ja für den neuen Pariser Turm nach zehn Jahren Debatte ist ein Einschnitt in der Architekturgeschichte der Stadt. Fast 40 Jahre lang durfte kein solcher Wolkenkratzer mehr entstehen. Wer Skylines sehen will wie in London oder in Frankfurt, der muss in Paris schon hinausfahren in die Vorstadt La Défense. Die Schuld für die Hochhaus-Phobie der Pariser schieben die meisten auf ein Trauma, das die Stadt wegen eines Wolkenkratzers erlitten hat: durch den Bau der Tour Montparnasse. 1973 erbaut, entstellt der verhasste Bau für viele Pariser das Gesicht ihrer jahrhundertealten Stadt. Schockiert von seinen Dimensionen und seiner Wucht, wurde 1977 entschieden, dass Neubauten im Zentrum eine Höhe von 37 Metern nicht überschreiten dürfen. Fast 200 Gebäude in Paris, die höher sind als 50 Meter, wurden vor dieser Zeit errichtet oder beschlossen. Seit 2010 dürfen nach einem neuen Beschluss des Stadtrats Wohnhäuser wieder eine Höhe von 50 Metern erreichen, an der Peripherie erhielten einige Bürokomplexe die Erlaubnis für 180 Meter.

Unter anderem sind noch zwei weitere Türme für die Pariser Innenstadt vorgesehen: ein Turm-Duo des Architekten Jean Nouvel im 13. Arrondissement (180 und 115 Meter) und ein Neubau für die Justizbehörden (160 Meter) an der Porte de Clichy. Die Tour Triangle wird ganz sicher ein Hingucker werden. Doch viele Pariser sind sich unsicher, ob damit ihr Trauma bewältigt oder verschlimmert wird.

Bilder von der Tour Triangle: http://tour-triangle.com