Paris-Tipp: Wie die Pariser ticken

Liebe Leserinnen und Leser von Le Nachbar,

keine Sorge, eigentlich ist dieses Blog eine werbefreie Zone. Aber ausnahmsweise möchte ich auf meinen gerade erschienenen Reiseführer hinweisen: Er heißt „Fettnäpfchenführer Paris – Ein Reiseknigge für die Stadt unterm Eiffelturm“ und erscheint im Conbook Verlag, der unter anderem für seine Fettnäpfchenführer-Reihe bekannt ist.

FNF Paris 300DPI RGBWer als Tourist in Paris ist oder sogar dort lebt, der spürt immer wieder die unausgesprochenen Regeln der Franzosen sowie die geheimen Paris-Codes. Da fühlt man sich – zum Beispiel im Restaurant – oft recht schnell wie ein Außerirdischer.

Mein Reiseknigge soll helfen, mit der Stadt schneller warm zu werden. Er führt an Orte, zu denen die Pariser selbst gerne hingehen. Er gibt Tipps, wie man in dieser teuren Metropole sowohl Geld spart als auch Zeit – etwa bei den großen Sehenswürdigkeiten wie dem Louvre. Wie ticken die Pariser? Wo relaxen sie? Wie verhalte ich mich in der Métro? Wie benutze ich ein Vélib-Rad, ohne viel dafür bezahlen zu müssen?

Ein Liftboy des Eiffelturms gibt Tipps für die Besteigung dieses Sehnsuchtsorts. Ich erzähle Geschichten über die Pariser Friedhöfe, die Streetart in der Stadt, das Büroviertel La Défense, über ruhigere, dörfliche Ecken – aber auch über das Pariser Hochhaustrauma und die Paris-Krankheit vieler Japaner.

Warum lieben die Pariser Flohmärkte? Wo kann man picknicken, wo Boule spielen, wo sind Clubs mit Freiluftterrassen? Warum hat Paris an Silvester keinen Knall? Und wo kann man während der Modewochen die Modeszene mitkriegen, obwohl man als Normalsterblicher nie eine Karte für eine Schau bekommt?

Da Essengehen in Frankreich die perfekte Möglichkeit ist, in zahlreiche Fettnäpfchen zu treten, geht es in zwei Kapiteln ausführlich über die Regeln im Restaurant und die Tücken der Speisekarte. Studenten finden in dem Buch zudem Ratschläge für ein Auslandsstudium in Paris. Und ein früheres Au-pair-Mädchen erzählt, auf was man als angehendes Au-pair achten sollte.

Wer in Paris lebt und hin und wieder mit Heimweh kämpft: Für den gibt es ein eigenes Heimweh-Kapitel mit Adressen, wo man deutsche Bratwurst, deutsche Bundesliga und einen deutschen Biergarten findet.

Ein paar dieser Geschichten und Tipps kommen Ihnen vermutlich bekannt vor… Sie standen und stehen hier in gekürzter Fassung auf Le Nachbar.

Viel Spaß bei der Lektüre!

http://www.conbook-verlag.de/buecher/fettnaepfchenfuehrer-paris

Paris-Tipp: Zwischen Club und Kultur

Nichts verrät diesen besonderen Ort. Draußen, am Quai Jemmapes am Canal Saint-Martin weist nur ein großes Graffiti auf einen Durchgang in einen Hinterhof. Dann ein leuchtender Neonröhrenpfeil, der auf einen unspektakulären Eingang verweist: „Comptoir Général“.

Ein langer Flur mit einem roten Läufer, die Bilder französischer Präsidenten hängen an der einen Wand, und auf der anderen Seite Wahlkampf-T-Shirts aus afrikanischen Staaten. Dann eine Rezeption, auf deren Tresen ein ausgestopftes Äffchen steht. Eine junge Frau sagt, als Eintritt könne ich eine Spende geben in der Höhe, die ich für richtig halte.

Im „Ballsaal“ sitzen Leute in alten Tief-Einsink-Sofas, trinken Bier, reden. An der Wand hängt ein Löwenfell. Draußen in einem kleinen Garten kann man rauchen, ein Aufpasser bittet, wegen der Nachbarn leise zu sein. Unter einer Discokugel tanzen ein paar Leute. Es läuft afrikanische Musik. Das Publikum ist international, man hört viel Englisch. In einem anderen großen Raum, dem „Klassenzimmer“, ist ein kleines Restaurant. Der Caipirinha-Stand ist umringt von Leuten.

Plauschen bei schummrigen Licht

Plauschen bei schummrigem Licht

In den vielen Ecken entdeckt man immer wieder Neues: eine kleine Bibliothek, einen Friseur, einen Café-Tresen, ein „Horrorkabinett“ voller grüner Pflanzen, die teilweise aus dem Parkett herauswachsen. Das Licht ist warm, die Atmosphäre freundlich.

Was ist das hier? Eine Bar? Ein Club? Ein Flohmarkt? Ein Konferenzraum? Oder ein Museum oder Kuriositätenkabinett?

Le Comptoir Général ist alles. „Der Ort hier soll ein wenig geheimnisvoll sein, und die Besucher wissen nie genau, was sie erwartet“, sagt einer der Gründer, Etienne Tron de Bouchony. Die Idee sei, der Ghetto-Kultur einen Raum zu geben, „also allem Marginalen, Unverstandenem, Ungeliebten, Unerforschten – das können auch Pflanzen, Mode oder eben Musik sein“. Tagsüber sitzen hier viele mit Laptop, um zu arbeiten, abends verwandelt sich dieser mysteriöse Ort zu einem Club.

Ein Club, eine Bar, ein Flohmarkt? Man sollte jedenfalls auf sein Fell aufpassen.

Ein Club, eine Bar, ein Flohmarkt?

Früher war hier einmal ein Pferdestall, denn die Boote auf dem Canal Saint-Martin wurden einst mit Pferden gezogen. Danach eine Schreinerei. Heute ist der Comptoir Général Kulturzentrum, eine Ansammlung von Läden, Ateliers, Laufsteg, Radio, Club und Bar. Die meisten Projekte haben mit Afrika zu tun. Hier sollen die Menschen miteinander ins Gespräch kommen, statt wie in anderen Clubs schweigend nebeneinander zu stehen.

Le Comptoir General, 80, quai de Jemmapes, täglich 11-1 Uhr, Metro: République, Goncourt, http://www.lecomptoirgeneral.com

Dieser Paris-Tipp steht auch in meinem „Fettnäpfchenführer Paris“ (Conbook Verlag), der im Frühjahr erscheinen wird

http://www.conbook-verlag.de/buecher/fettnaepfchenfuehrer-paris

 

Paris-Tipp: Kunst in den Straßen

Moment mal, das steht doch normalerweise nicht hier. Im Jardin des Tuileries baut sich vor mir ein überlebensgroßer Bronze-Zyklop auf, über vier Meter ist er hoch. Die Figur könnte aus einem Science-Fiction-Film stammen. Voller Respekt schaut ein kleiner Junge an dem Monstrum hoch. Ein starker Kontrast zum Louvre im Hintergrund. Ein Schild verrät: Der Künstler, der diesen Riesen schuf, heißt Thomas Houseago.

Ein Zyklop in den Tuilerien statt in den Hallen der Kunstmesse

Ein Zyklop in den Tuilerien statt in den Hallen der Kunstmesse

50 Meter weiter liegt auf dem Rasen ein Kunstwerk von Niki de Saint Phalle: „Fontaine aux Nanas“. Und als ich wieder ein paar Schritte weiterlaufe, finde ich am Rande der Tuilerien ein riesiges Gebilde aus Aluminiumkästen. Eine Art Hochhaus, in dessen Kuben Sträucher wachsen. „Many Small Cubes“ hat der japanische Künstler Sou Fujimoto hier hingestellt.

Scheinbar über Nacht fällt moderne Kunst auf Paris. Ständig. Die Stadt ist nicht nur eine Top-Adresse für herkömmliche Museumsgänger, Kunstkäufer, Kunstmessenbesucher oder Galerienabklapperer. Kunst hat längst die Pariser Straßen, Parks, Häuser, Plätze erobert und begegnet einem ständig. Man muss nur die Augen offen halten.

Die temporären Installationen in den Tuilerien haben mit der großen internationalen Messe für Gegenwartskunst (Foire Internationale d’Art Contemporain, Fiac) zu tun, die Ende Oktober im Pariser Grand Palais stattfindet. 200 Galerien aus aller Welt stellen dann dort unter der wunderschönen Palastkuppel Gegenwartskunst aus. Wer nicht die 35 Euro Eintrittsgeld bezahlen will, der bekommt trotzdem etwas davon ab – für umsonst. „Hors des Murs“, also außerhalb der Säle, heißt die Aktion, in der Stadt Kunst zu verteilen. In den Tuilerien, an der Seine oder im Jardin des Plantes stehen dann für den Zeitraum der Fiac Skulpturen und überraschen die Passanten.

Hinten Kunst bei der Fiac, davor Pariserin.

Bei der Fiac: An der Wand Kunst, davor Pariserin.

Doch auch wenn diese Werke  renommierter Künstler wieder abgeräumt sind, entdeckt man ständig neue Kunstwerke – von Streetart-Künstlern. Sie tragen Namen wie Levalet, Horphée und Ken Sortais, Fred Le Chevalier oder C215. Ihr Ausstellungsort ist die Straße, und in Paris werden sie seit 2000 immer umtriebiger. Graffitis, kleine Mosaikfiguren an Hausfassaden, Markierungen auf dem Asphalt, immer wieder die gelbe Grinsekatze des Künstlers Thoma Vuille: Da muss man oft selbst lachen.

Manchmal ist deren Kunst riesig, wie das hauswandgroße Selbstporträt Chuuuttt!!!“ (place Igor Stravinsky) von Jeff Aérosol nur wenige Schritte entfernt vom Museum Centre Pompidou beim Brunnen von Niki de Saint-Phalle. Das war eine Auftragsarbeit der Stadt Paris – 350 Quadratmeter ist sie groß und damit eines der größten Fassadenbilder der Welt. Überhaupt ist die Gegend um das Centre Pompidou sowie das Marais-Viertel bei den Streetart-Künstlern eine beliebte Gegend.

"Chuuuttt!!!“ in der Nähe des Centre Pompidou: Mal kurz still sein, um neue Geräusche zu hören.

„Chuuuttt!!!“ in der Nähe des Centre Pompidou: Mal kurz still sein, um neue Geräusche zu hören.

Berühmt ist Miss.Tic, die schon seit Mitte der 80er Jahre die Straßen mit ihren schablonenhaften Porträts besprüht. Längst widmen ihr sogar namhafte Galerien Ausstellungen. Ein Künstler mit Namen Super-Foetus zeichnet mit einem einfachen weißen, schwarzen oder farbigen Strichen Föten auf den Asphalt. Invader prägt Paris, indem er Charaktere aus dem Spiel Space Invaders als Mosaikbilder verewigt. Über 1000 seiner kleinen pixeligen Werke sind in ganz Paris verteilt. Le Cyclop macht Pfostenenden an Gehsteigen zu kleinen Kreaturen, indem er deren Köpfe mit einem Auge versieht. Gregos klebt lächelnde oder Grimassen schneidende Masken aus bemaltem Gips an die Wand.

Ein anderer Künstler verändert Verkehrsschilder mit wenigen Strichen: Auf dem „Einfahrt-verboten-Schild lässt er ein kleines Männchen den weißen Balken auf rotem Grund wie ein Brett davontragen. Ist das nun Kunst oder Vandalismus? Das Rathaus bekämpft zum einen Tags und illegale Graffitis mit Farbe und Kärcher. 3750 Euro muss zahlen, wer erwischt wird. Gleichzeitig sind in vielen Arrondissements inzwischen die Werke bekannter Streetart-Künstler gern gesehen. So manche Straße wird dadurch schöner.

Keine Hauswand ist sicher...

Keine Hauswand ist sicher …

Wer sich für Graffiti und Streetart interessiert, sollte auch einmal durch das Arbeiter- und Einwandererviertel Belleville flanieren. Hier sind die Mieten noch bezahlbar, die Einwohnerschaft bunt gemischt – das zieht junge Künstler an. Die Rue Dénoyez ist bekannt für seine Straßenkunst an den Fassaden der Häuser. Hier kann man Künstler beim Sprühen ihrer Graffitis betrachten. Selbst Mülleimer werden hier Teil von Kunstwerken, die sich ständig verändern. Die Wände sind übersät mit Schriftzügen oder Zeichnungen.

Als vor Jahren immer mehr Geschäfte dicht machten, eroberten die Künstler die Straße. In der Bar „Aux Folies“ am Beginn der Rue Dénoyez atmen dann die Graffiti-Künstler von ihrer Sprühaktion kurz durch. Ihre Kunst bleibt wird aber nicht lang bestehen. Denn was heute getrocknet ist, wird morgen schon übersprüht.

... und auch kein Schild vor der Streetart.

… und auch kein Schild vor der Streetart.

Auf www.paris-streetart.com findet man eine Karte, in welchen Ecken von Paris besonders viel Streetart zu finden ist.

Paris-Tipp: Das 1×1 des Metrofahrens

Wer jeden Tag in Paris mit der Métro zur Arbeit pendeln muss, der hat es nicht leicht. Fünf Millionen U-Bahn-Nutzer pro Tag, die Enge, das Gedränge in den 16 Linien, im Sommer die Hitze, oft stinkt es nach Kloake. Und als ob das nicht schon genug wäre, drängeln sich auch noch Massen von Touristen durch das viertälteste U-Bahn-Netz der Welt.

Da wo Métro draufsteht, ist auch ne Metro drin.

Da wo Métro draufsteht, ist auch ne Métro drin.

Die Pariser halten sich recht diszipliniert an Métro-Regeln, auch wenn sie nirgendwo in der Métro explizit angeschrieben sind. Den Strom der Massen möglichst wenig behindern, darum geht es. Das geht schon bei den Rolltreppen und Laufbändern los: links gehen, rechts stehen. Man kann ja mal ausprobieren, zu zweit nebeneinander auf einer Rolltreppe stehen zu bleiben. Dann erlebt man, wie verärgert le Nachbar gucken kann oder wie er einem ungeduldig mit strengen Ton „Pardon!“ oder „S´il vous plaît!“ in den Rücken raunt.

Am Eingang der Métro erwarten einen die Drehkreuze (tourniquets): Man steckt vorne sein Métroticket hinein und nimmt es oben wieder heraus, dann kann man durchgehen. Obacht: Einige der Schleusen sind nur für Dauerkarteninhaber – da kann man kein Ticket einstecken. Da nervt man die Pariser, wenn man den Schlitz sucht und einen Stau produziert.

Bei den Drehkreuzen wissen Reisende mit großen Koffern oft nicht, wie sie da durchkommen sollen. Da hilft es, mal an die Seite zu schauen: Oft gibt es dort eine breite transparente Tür. Steckt man daneben sein Ticket ein, öffnet sie sich nach ein paar Sekunden und man kann ganz leicht mit Koffer oder Kinderwagen durchfahren. Gibt es die Tür nicht, dann viel Glück. Wenn man mit großen Koffern im Drehkreuz stecken bleibt, hilft nur eins: Warten, bis James Bond mit seinem Hubschrauber kommt und einen befreit.

Im Untergrund rechts gehen, links stehen.

Im Untergrund rechts stehen, links gehen.

Vorsicht übrigens mit den Métrotickets (tickets de métro): Sie funktionieren manchmal nicht mehr, wenn sie in Berührung mit Metall kommen – etwa mit dem Schlüssel. Dann kann man am Schalter um ein neues Ticket bitten. Auch sollte man das Métro- oder RER-Ticket bis zum Ende der Fahrt aufbewahren. Manchmal muss man es beim Ausgang nämlich noch mal einstecken. Und dann gibt es natürlich ab und zu freundliche Kontrolleure, die in den Gängen auftauchen… Ach ja: Die Tickets gibt es im Zehnerpack (un carnet) übrigens billiger!

Dann wären da noch die strapontins. So heißen die Klappsitze im Eingangsbereich der Waggons. Hier gibt es eine wichtige Regel: Man setzt sich nicht auf die strapontins, wenn die Bahn zu voll ist, denn dann nehmen die ausgeklappten Sitze noch mehr Platz weg. Bei der Rushhour sind die Dinger also tabu – selbst wenn man noch so touristenfutschikago ist.

Wenn die Métro richtig voll ist und man ist direkt an der Tür, dann sollte man auf den Bahnsteig treten, um die Leute rauszulassen. Wenn man jemanden zu nahe kommt oder gar anrempelt: „Pardon“ sagen. Die Franzosen sind wahre Höflichkeitsmeister.

In der Métro sind oft kleine Aufkleber mit einem Hasen drauf, der sich die Pfote einklemmt. Armer Hase, nicht lustig. Wenn das Signal ertönt, dass die Türen schließen, sollte man vor allem bei den Métrolinien mit den Doppeltüren (Tür der Métro + Tür am Bahnsteig) aufpassen: Die Türen schließen schnell und gnadenlos. Immer wieder verletzen sich Fahrgäste, weil sie schnell noch einsteigen wollen und dann eingeklemmt werden. So wie der Hase.

Métrostation Bastille: die Linie 1 hat am Bahnsteig eine Wand mit einer zweiten Tür.

Métrostation Bastille: die Linie 1 hat am Bahnsteig eine Wand mit Türen, die sich bei der Einfahrt der Métro öffnen.

Einmal kam ich mit meinem Métroticket einfach nicht mehr raus, das Drehkreuz wies mich ab. Auf der anderen Seite stand ein Mann, der mir ein Ticket entgegenstreckte – ich solle das nehmen, das würde funktionieren. In meiner Ratlosigkeit nahm ich die Hilfe an. Kaum war ich auf der anderen Seite, verlangte er recht aufdringlich Geld von mir. Die Lösung war: Ich hatte einen Übergang zur teureren S-Bahn RER  als Ausgang nehmen wollen, der Métro-Ausgang war hinter mir die Rolltreppe hoch. Die Typen kennen diese Stellen, wo Touristen plötzlich nicht mehr weiterkommen und versuchen, mit der Hilflosigkeit der Leute Geld zu verdienen.

Weil viele nicht mehr wissen, dass es eine Métro-Etikette gibt, hat der Pariser Métrobetreiber RATP eine kleine Höflichkeitsfibel erstellt. Der „moderne Reisende“ in der Métro macht sein Handy (portable) nicht unerträglich (insupportable) für die anderen, heißt es dort. Also: Lautes Telefonieren nicht erwünscht. Rucksäcke soll man abnehmen, um sie nicht aus Versehen dem Nachbarn ins Gesicht zu drücken. Und was das Flirten angeht: Vorsicht. Den Nachbarn anglotzen und anstarren? Non. Vor allem eine hübsche Frau nicht, selbst „wenn sie den Revolverblick hat“, heißt es in der Fibel. Man lässt sich in Ruhe – bis zur Rückkehr ans Tageslicht.

www.ratp.fr

Paris-Tipp: Schlaaaand im Titon

Halbfinalspiel Deutschland-Frankreich. Mitten in Paris viel Schland in Sicht. Eine kleine Café-Bar, Mega-Andrang. Das germanophile Titon ist ein kleiner Zufluchtsort für Deutsche mit plötzlicher Sehnsucht nach deutschem Fußball (WM oder Bundesliga live), Bier (Tannenzäpfle und Lagerbier) und Essen (Sauerbraten und Haxen) im 11. Arrondissement östlich von der Place de la Bastille.

Körperverletzungswahrscheinlichkeit: Gering. Ein Bekannter sagte zwar vorher zu mir: Geh lieber zu Bier und Würstchen in die Deutsche Botschaft, da bist Du sicher. Na was denn, gilt der deutsch-französische Freundschaftsvertrag denn nicht während der WM? Beim Spiel Algerien-Deutschland gab es allerdings nach dem Match vor dem Café Titon anscheinend ein paar Handgreiflichkeiten…

Bildschirmgröße: Bei diesem besonderen Spiel ein Fernseher vor der Kneipe. Zwei Beamer drin, die das Spiel schön groß auf die Wand werfen. Hier läuft ZDF.

Andrang vor dem Titon auf der Kreuzung. Lahm ist auch da.

Andrang vor dem Titon auf der Kreuzung. Lahm ist auch da.

Die Zuschauer: 60 Prozent Deutsche, 30 Prozent Franzosen und ein internationaler Rest. Mutige Deutsche, die beim Eintreten in die Bar bereits die Deutschlandhymne singen. Selbstbewusste Franzosen, die beim Reinkommen „Allez les Bleus“ rufen. Französische Maß-Trinker neben deutschen Menthe-à-l´eau-Süfflern.

Fanfreundschaften: Viel Bussibussi und Bisesbises. Hier sind allerhand binationale (Ehe-) Paare… So ein Spiel ist sicher eine harte Prüfung für so ein Paar, aber das muss man sich halt vorher überlegen. „Wir sind letztlich für den, der gewinnt – ganz einfach“, sagt ein Franzose, der eine deutsche Frau im Arm hat. Man kann das auch konfliktscheu nennen.

Der lauteste Moment: Na klar: Hummels Tor. Aber auch der Fastausgleich der Franzosen kurz vor Schluss. Und das schadenfreudige deutsche „Ohhhhhhhhhhh-Gebrüll“ kurz vor Abpfiff, als die Kamera traurige Franzosengesichter im Stadion zeigt.

Wie die Sardinen. Bei solchen Top-Spielen werden Tische und Stühle rausgeräumt.

Wie die Sardinen. Bei solchen Top-Spielen werden Tische und Stühle rausgeräumt.

Alkoholpegel: Im Titon gibt es viel deutsches Bier!!! Kein Heineken- oder Stella-Dünnbier, sondern Tannenzäpfle und als „Bière du Moment“ Erdinger. Die Pariser Preise verhindern jegliche Exzesse: halber Liter Erdinger: 7,10 Euro. Ein Fläschchen „Tannen Zapfl“: 5,90 Euro. Draußen auf dem Gehsteig steht eine Zapfanlage. Die Straßenkreuzung ist voller gut gelaunter Leute.

Fanoutfit: Eher zurückhaltend. Viele deutsche Trikots. Die Bedienungen mit Deutschland-T-Shirts und „Weltmeisterschaft 2014“-Aufdruck. Hawaii-Ketten vor allem bei den deutschen Ladys. Einige Damen mit F-D-Wangen. „Hoffentlich haut mir hier keiner auf’s Maul“, sagt ein Franzose mit einer Frankreichfahne über der Schulter.

Nervfaktor: Die Bierpreise. Und die Leute, die beim Bestellen über die Bierpreise jammern. Paris ist halt Paris. Und: Die zu leistende Aufklärungsarbeit während des Spiels. „Bedeutet der Name Schweinsteiger wirklich, dass jemand auf ein Schwein steigt?“, fragt der Franzmann neben mir.

Zitate des Abends: Ein Franzose: „Allez les boches“. (Boches sagen die Franzosen herablassend für Deutsche.) Eine Deutsche: „Ich bin wegen der WM hier und wegen Europa.“

Viel Bussibussi und Bisoubisou

Viel Bussibussi und Bisoubisou

Publikumsliebling: Die vier Ventilatoren. Denn drinnen wird es so warm wie auf dem Spielfeld in Brasilien. Und: Neuer. Neuer. Neuer. Die Deutschen brüllen seinen Namen nicht nur in der 34 Minute bei seiner Glanzparade. „Benzema“- und „Aux armes“ (zu den Waffen) schreiende Franzosen kommen nicht dagegen an.

Trauerfaktor: Bei den Franzosen geringer als gedacht. Nach Abpfiff und auch noch in der Viertelstunde danach stimmen sie immer wieder die Marseillaise an. Man ist stolz auf les Bleus, trotzdem. Der restliche Frust wird ertränkt im deutschen Bier.

Fazit: Ein Ort in Paris, wenns halt mal deutsch zugehen muss (Heimweh, Sauerbratensehnsucht, Bundesliga). WM im Stehen (alle Tische und Stühle werden rausgeräumt) und mit großer Tuchfühlung. Bei einem Spiel wie am 4. Juli ist eine Deutsch-französische Sause garantiert. Identitätsschwierigkeiten auf beiden Seiten: Lust einiger Deutscher, die französische Hymne mitzusingen. Und Franzosen rufen auch mal „Schweinsteiger“. Hoher Angrins- und Flirt-Faktor. Aber ob das bei einem WM-Finale auch noch so nett gewesen wäre?

Café Titon, 34 Rue Titon, 75011 Paris, Métro Rue des Boulets , www.cafetiton.com/

Le couple franco-allemand

Le couple franco-allemand

Paris-Tipp: Hier isst niemand allein

Paris-Tipps, die in fast jedem Reiseführer stehen, sollen hier eigentlich nicht noch mal auftauchen. Weil heute Donnerstag ist, gibt es eine kleine Ausnahme. Und ein paar Worte zum Restaurant Bouillon Chartier.

Eine einfache Mahlzeit für Jedermann: Das Chartier ist  als Monument historique eingestuft.

Eine einfache Mahlzeit für Jedermann: Das Chartier ist als Monument historique eingestuft.

Eine Pariser Institution, eine frühere Suppenküche in einem Hinterhof der Rue de Faubourg-Montmartre. 1896 eröffnet und immer noch so wie einst. Glaskugeln als Leuchten, Ablagen aus Kupfer für die Garderobe zwischen den Tischen. Ein großer Belle-Epoque-Speisesaal für mehr als 300 Gäste. Reservieren kann man hier nicht, oft gibt es endlose Schlangen (gute Chancen oft mittags vor halb eins). Schlichtes, gutes Essen zu vernünftigen Preisen. Das Besondere aber am Chartier ist, dass man hier eigentlich recht leicht mit Menschen ins Gespräch kommen kann – gerade wenn man alleine essen geht.

In französischen Restaurants wählt der Gast nicht selbst den Tisch, sondern er wartet, bis er vom Kellner einen Platz zugewiesen bekommt. Ein noch größerer Fauxpas wäre es, sich einfach zu anderen an den Tisch zu setzen. Anders im Chartier, denn hier werden die Tische voll besetzt. „Hier isst niemand allein“, sagt der Kellner zu mir bei meinem ersten Besuch. Und setzt mich zu einem älteren französischen Paar an einen Vierer-Tisch.

Die Keller tragen weißes Hemd, schwarze Weste, weiße Schürze

Die Kellner tragen weißes Hemd, schwarze Weste, weiße Schürze.

Ich grüße und studiere die Speisekarte. „Wir kommen aus einer Vorstadt von Paris, und wenn wir in Paris sind, essen wir hier öfter“, sagt der Herr. Als er gerade erzählt, dass hier früher die Stammgäste reservierte Schubladen für ihre persönliche Serviette hatten, wird der vierte Platz an unserem Tisch einer jungen Asiatin zugewiesen.

Sie lächelt und wir alle sind erst mal still. Ich entscheide mich für das Faux filet mit Pommes. Das Paar unterhält sich mit sich. „Was machen Sie in Paris?“, frage ich schließlich die junge Frau. Sie kommt aus Südkorea, gönnt sich als Touristin zwei Wochen Paris und bestellt als Vorspeise Schnecken. Mutig, dabei wirkt sie doch so schüchtern. „Das Chartier steht in den asiatischen Reiseführern“, sagt Monsieur neben mir, „und auch, dass die Schnecken hier gut sind – deswegen kommen die gerne hierher.“ Die Koreanerin lächelt und versucht, das Schneckenfleisch mit dem kleinen Gäbelchen herauszuziehen. Es gelingt ihr einfach nicht. Ich muss an die Szene in Pretty Woman denken, wo Julia Roberts genau das gleiche Problem hat und schließlich eine Schnecke durch das Restaurant schießt. Doch der ältere Herr verhindert einen Schneckenflug und zeigt ihr, wie es geht.  „Sehen Sie, ist gar nicht schwer.“

So schnell kann es im Chartier gehen, dass man sich fühlt wie in einer französischen Familie. Einmal diskutierte ich an gleicher Stelle mit einem französischen Lehrer, der auch mal in Mainz unterrichtete, über Frankreichs Schulwesen. So ein Mittagessen kann freilich – je nach Gegenüber – auch sehr anstrengend werden. Neulich bekamen Freunde mit, wie ein Berliner und ein Schweizer Touristenpaar beim Gespräch nicht so recht zueinander finden konnten.

Die Rechnung schreibt der Kellner im Chartier einfach mit dem Kuli auf die weiße Papiertischdecke. Und beim Hinausgehen fragt man sich, welchen Spaß die Tischzuweiser wohl haben, wenn sie die Tische mischen. Und welche Menschen sich hier wohl schon kennengelernt haben – vielleicht auch für länger als nur für ein Menü.

http://www.bouillon-chartier.com

Erinnerungsfoto vor der Ex-Suppenküche: Unscheinbarliegt der Eingang in einem Hinterhof.

Erinnerungsfoto vor der Ex-Suppenküche: Unscheinbar liegt der Eingang in einem Hinterhof.

Paris-Tipp: Mit dem Laptop unterwegs

Glücklich der, der in Paris einfach nur sein kann. Ohne einen Laptop aufklappen zu müssen wegen der Arbeit und der Mails, die einen verfolgen. Was aber, wenn man schreiben, surfen, mailen, bloggen, facebooken und einfach ein paar Stunden im Netz rumdeppeln muss und das nicht im Hotel machen will? Wohin dann?

WLAN heißt in Frankreich Wifi. Viele Brasserien und Cafés haben gratis Wifi und geben das Kennwort raus, wenn man etwas bestellt. Ein Aufkleber an der Tür gibt Auskunft (siehe auch http://www.cafes-wifi.com). Auch auf vielen öffentlichen Plätzen, in Parks, Bahnhöfen, städtischen Gebäuden oder Bibliotheken darf man gratis rein in die Netzwelt. Es erscheint der Hinweis „gratuit“. Eine gute Übersicht gibt auch die Seite der Stadt Paris:

http://quefaire.paris.fr/articles/31

Hier noch zwei Tipps für Orte, wo Menschen mit ihren Rechnern einkehren wie mit guten Freunden.

ORT EINS: Nur wenige Meter entfernt vom Touristentrubel des Montmartre und seinen Rotlichtecken ist der KB Caféshop (53, avenue Trudaine im 9. Arrondissement). Wärmt die Sonne die Stadt, sitzen fünftagesbärtige Studenten und Frischpapas draußen. Drinnen läuft laut Red Hot Chili Peppers – und es wird gearbeitet. Die Hintern wahlweise auf harten Holzdrehstühlen oder weichen Kissen, ein langer Tisch am Fenster mit schönem Blick auf den Platz. Coolness-Faktor: alle Neune.

KB Café: Mensch, Laptop, Fenster, Paris.

KB Caféshop: Mensch, Laptop, Fenster, Paris. Die Métro Pigalle oder Anvers nehmen.

Hier gibt es richtig guten Kaffee – auch in Bohnenform zum Mitnehmen. Mittags Suppe und Sandwichs. Cookies und Kuchen, die einem die Finger und dann die Tasten schön fettig machen. Eine Le Monde liegt aus. Aber die meisten arbeiten. Und jeder schielt mal nach nebenan um zu gucken, woran denn der andere so herumtippt. Wer sich den richtigen Platz im KB aussucht, der bekommt einen Blick geschenkt auf die Kuppel von Sacre Coeur.

Gucken: https://www.facebook.com/CafeShopSouthPigalle

ORT ZWEI: So schön und beliebt das Musée Georges Pompidou in Paris auch ist – die Gegend direkt drumherum ist nicht gerade berauschend. Touristen und Tauben in Massen, Brasserien und Cafés für die Massen. Aber es reicht schon um die Ecke zu biegen in die Rue Quincampoix. Hier ist es ruhiger. In einer Passage ist das Centre de Poesie, wo abends Lesungen stattfinden. Und an einem unscheinbaren Schaufenster steht: „Anticafé“. Anticafé?

Fotografien an den weißen Wänden, vergitterte Dachkippfenster. Ein Regal mit Büchern und Gesellschaftsspielen wie Scrabble und Cluedo. Kleine Sofas, normale und niedrige Tische, überall sitzen Leute zwischen 18 und 30 mit ihren Macs. Die Idee: Das Anticafé soll ein gemeinsamer Ort sein, um zu arbeiten und sich zu amüsieren. „Hier fühlt man sich wie zu Hause“, steht auf dem Flyer. Und vor allem: Hier wird nach Zeit gezahlt, nicht nach Konsum! Eine Stunde kostet vier Euro, jede weitere drei Euro, der Tag 14 Euro. Getränke und Essen sind umsonst (Homer Simpson hätte seine Freude): Es gibt Früchte, Kekse, Madeleines, Chips, Kuchen, Sirup, Tee und eine Kaffeemaschine. Wifi ist ebenso gratis. So wenig bezahlt man in dieser Ecke von Paris selten, wenn man sich eine Stunde lang im Café herumtreibt.

Wie in einer WG: Bitte sich selbst bedienen im Anticafé.

Ein Ort zum Arbeiten mit WG-Feeling: Bitte sich selbst bedienen im Anticafé.

Es ist ein wenig wie in einem großen Wohnzimmer. Oder wie in einem Jugendtreff. Zwei Mädchen hören mit Ohrenstöpseln gemeinsam Musik. Viele schauen in die Mailbox. Studenten einer nahe gelegenen Multimudia-Schule erstellen auf ihren Laptops Landkarten zur Übung. Alle Plätze sind belegt. Am Büffet machen sich Leute Sandwichs mit dem Toaster – jeder holt sich die Sachen selbst. Man kann sogar sein eigenes Essen und Trinken mitbringen. Sogar ein Kopierer und Drucker steht hier. Man muss auf die Laptop-Kabel aufpassen, die sich auf dem Boden umherschlängeln. Wer zum Arbeiten allerdings viel Ruhe braucht, der wird sie hier – wie auch im KB – nicht finden. Der muss im Hotelzimmer bleiben.

AntiCafé, 79 rue Quincampoix, 75003 Paris, http://www.anticafe.fr. Auch beim Louvre gibt es seit März eine Filiale.

(P.S.: Wer hier vormittags fleißig war und mittags woanders essen gehen will: Am südlichen Ende der Rue Quincampoix ist das einfache Bistro Beaubourg. Für zehn Euro bekommt man dort mittags oft schon eine Plat du jour – trotz der 100-Prozent-Touristengegend ist in diesem Restaurant die Franzosendichte manchmal erstaunlich hoch.)

Nachtrag am 4. Juni 2014

Ha, noch was Hübsches entdeckt: das Café Craft. Schöne Lage wenige Meter vom Canal Saint-Martin entfernt in der Rue des Vinaigriers im 10. Arrondissement. Guter Kaffee, sehr gute Arbeitsatmosphäre, Kleinigkeiten zu essen, für drei Euro pro Stunde muss man was essen oder trinken, Wifi gratis. Publikum eher 30 aufwärts. Relaxte Arbeitshöhle:

http://www.cafe-craft.com

 

Paris-Tipp: Abends ins Museum

Am späten Nachmittag setzt der Regen ein. Es wird ungemütlich in Paris. Man hat erst ein großes Stück Kuchen gegessen und möchte jetzt am liebsten noch ein paar Stunden ins Museum. Lohnt sich das am frühen Abend noch?

Mais oui. Viele Pariser Museen haben einen Tag in der Woche, an dem sie abends länger geöffnet haben – das Centre Pompidou einmal sogar bis 23 Uhr oder der Louvre bis 21.45 Uhr. Es lohnt sich also, auf die Website des jeweiligen Museums zu schauen, ob es eine „Nocturne“ gibt, eine längere Öffnungszeit am Abend.

Einen schönen Überblick über die Nocturnes gibt diese Site: http://quefaire.paris.fr/articles/162

Ein Ort für Foto- und Videokunst: das  Jeu de Paume

Ein Ort für Foto- und Videokunst: das Jeu de Paume bei der Place de la Concorde

Übrigens: Sehr viele Museen haben am Dienstag geschlossen! Und: Die meisten staatlichen Museen verlangen am ersten Sonntag im Monat keinen Eintritt für ihre Dauerausstellungen – ebenso die nationalen Gedenkstätten wie etwa der Triumphbogen. An diesen Sonntagen ist dann freilich oft die Hölle los.

In den Museen der Stadt (Ville de Paris) ist der Eintritt zu den ständigen Sammlungen an allen Tagen kostenlos – etwa im Musée de Carnavalet oder im Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris. Wer jung ist, darf sich außerdem freuen: Seit 2009 ist der Besuch der staatlichen Museen und der nationalen Gedenkstätten in Frankreich für Jugendliche unter 26 Jahren kostenlos. Das gilt auch für alle Jugendlichen aus der EU – und für die Lehrer der Primar- und Sekundarstufe.

Paris-Tipp: Im Winter nach Paris

EINS // AUF DEM EIS

Die Wolken reißen auf, die Sonne scheint mitten auf das Eis.  „Attention!“, ruft ein Franzose und gleitet knapp an seinem Nachbarn vorbei. Schüler mit Mützen und dicken Wollschals stehen auf Schlittschuhen an der Seitenwand und plauschen, bevor sie weiter ihre Runden drehen.

Auf dem Platz vor dem Hôtel de Ville, dem Pariser Rathaus, ist eine große Eislaufbahn aufgebaut. Am frühen Nachmittag sind noch nicht viele hier. Anfänger wackeln, versuchen, sich auf den Kufen zu halten. Liebespaare fahren Händchen haltend, aber das hält nur bis zur nächsten Kurve. Gleichzeitig rasen Profis an ihnen vorbei, die zeigen wollen, wer der Eis-König ist. Das Hôtel de Ville, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Stil der Neorenaissance erbaut, bietet ihnen für ihre Show die perfekte Kulisse.

Dahingleiten inmitten von Paris

Dahingleiten inmitten von Paris (Foto vom Januar 2013)

Manche stehen kaum auf dem Eis, da müssen sie wieder runter: „Bitte zum Ausgang gehen“, sagen Mitarbeiter. Eine schwere Maschine fährt auf das Eis, um die Bahn zu präparieren. Nach einer halben Stunde strömen alle wieder auf die Fläche – drehen ihre Kreise, schauen zu den Türmen der nahe gelegenenen Kathedrale Notre-Dame. Sie gleiten gedankenverloren dahin, während auf der Rue Rivoli die Autos ihren gewohnten Stau fabrizieren.

Fröstelfröstel. Irgendwann kriecht die Kälte die Beine hoch. Sehnsucht nach einer Tasse Tee und einem Stück Kuchen. Wie schön, dass auf der anderen Seite der Rue Rivoli das Marais-Viertel beginnt – eine beliebte Shoppinggegend voller Brasserien und Cafés. Während am Ende der Rue des Rosiers Falafelstände um die Hungrigen werben, versteckt sich in der Hausnummer 3 das Tagescafé „Le Loir dans la Théière“. Ein Schild im Fenster verbietet Laptops und Handys. Drinnen hängen Plakate von Galerien an den Wänden, auf Sofas und alten Stühlen sitzen die Gäste. Auf einem Schränkchen mit Marmorplatte warten Kuchen darauf, in Mündern zu verschwinden. „Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt die Bedienung, während die blaue Stunde beginnt.

ZWEI // VOM REGENWALD IN DEN HIMMEL

Raureif am Morgen. Die Pariser joggen trotzdem. Schon am Vormittag ist der Jardin des Plantes im Südosten der Stadt voller sportlicher Großstädter. Aber man kann hier auch anders warm werden. Nämlich in den Gewächshäusern des Jardin.

Palmen ganz nah: Gewächshaus im Jardin des Plantes

Palmen ganz nah: Gewächshaus im Jardin des Plantes

Von draußen sieht man schon, wie die großen Bäume und Palmen ihre Blätter an die Scheiben und die Stahlkonstruktion drücken. Drinnen begrüßen einen Bananenstauden. Im ersten Gewächshaus ist es warm – und feucht. Dampfdüsen sorgen für Tropenklima. Ruhe inmitten der Großstadt, nur das Geräusch einiger auf die Blätter herabfallender Wassertropfen ist zu hören. Farne, Orchideen, ein kleines Bächle. „Den Winter überstehe ich nur, weil ich hier drin arbeiten kann“, sagt der Mitarbeiter des Gewächshauses und grinst.  Auch Wüstenpflanzen aus Südafrika, Mexiko oder der Sahara stehen in den Gewächshäusern.

Wieder draußen, will man sich noch von innen wärmen. Die Große Pariser Moschee ist gleich nebenan. Ein Glas süßer Tee und ein süßes orientalisches Stückchen kosten hier nicht die Welt. Die hohen Pflanzen aus dem Gewächshaus machten Lust auf Höhe. Auf Paris blicken? Im Winter bringt einen das Riesenrad an der Place de la Concorde in den Himmel. Mit der Métro ist man schnell dort. Langsam nimmt einen das Rad mit nach oben. Immer wieder bleibt es stehen, damit neue Leute einsteigen können. La Grande Roue besteht aus 400 Tonnen Stahl und ist 60 Meter hoch.

Blinkblink in der Nacht: La grande roue in Paris

Blinkblink in der Nacht: La grande roue in Paris

Grand Palais, Eiffelturm, Opéra Garnier, Nationalversammlung – Paris liegt einem zu Füßen. Unten kreist der Verkehr um den Obelisken auf der Place de la Concorde. In den Tuilerien reiten zwei Parkaufseher –  von hier oben sehen sie ganz klein aus. Vor einem liegen die Champs-Elysées und am Ende der Triumphbogen. Während sich auf der weihnachtsbeleuchteten Prachtallee die Massen auf dem Weihnachtmarkt drängen, schieben sich hier oben nur die Wolken vorbei. Wer nach oben schwebt, wenn es schon dunkel ist, sieht zur vollen Stunde für ein paar Minuten den Eiffelturm funkeln und glitzern.

Nach ein paar Runden hat einen die Erde wieder. Direkt nebenan, das Jeu de Paume. Ein Museum für Fotografie, Film- und Videokunst, das in diesen Tagen Photos und Zeichnungen von Erwin Blumenfeld (1897-1969) zeigt. Zu sehen sind Blumenfelds Modefotos, die einst die Titelbilder der Vogue zierten. Aufnahmen aus Berlin, New York und Paris. Seine Arbeiten für die Werbung. Aber auch seine kritischen Fotomontagen, die er nach der Machtergreifung Hitlers gemacht hat.

Schon wieder Zeit, sich zu stärken. Nur wenige Meter weiter, in der noblen Rue Royale, glitzert die Weihnachtsbeleuchtung. Bei Ladurée in der Nähe der Place de la Madeleine weist einem die Bedienung den Platz zu. Weicher Teppich unter den Füßen. Macarons-Liebhaber sind hier richtig. Die runden, bunten Doppeldeckerkekse zergehen einem auf der Zunge. Und draußen, auf der Rue Royale, schmelzen ein paar erste Schneeflocken.

DREI // NEUJAHR IM FEBRUAR

Rein in die Métrolinie 14. Kein Zugführer, nirgends. Die Züge der 14 werden ferngesteuert. Wer es schafft, in dem langen Zug ganz vorne am Fenster zu sitzen, kann hineinschauen in den dunklen Tunnel. Unheimlich und aufregend. Eine Touristin nimmt die ganze Fahrt durch den Bauch von Paris mit dem Handy auf.

Die 14 rauscht schnell durch die Stadt in den Südosten von Paris. Endstation Olympiades. Willkommen im größten asiatischen Viertel Frankreichs. Chinatown. Ein Block voller Hochhäuser. Vor 30 Jahren wurden sie errichtet, um jungen französischen Familien Wohnungen zu bieten. Doch die wollten da nicht einziehen. Stattdessen kamen viele Asiaten – Flüchtlinge aus den Kriegsländern Vietnam, Laos und Kambodscha.

Es ist ein Sonntag Anfang Februar. Vorne an der Avenue d´Ivry stehen Tausende dicht gedrängt am Straßenrand und warten schon lange, dass der Umzug losgeht. Eltern kaufen ihren Kindern große bunte Luftballons mit der Aufschrift „Bonne année“. Paris feiert einen Monat nach Silvester noch einmal Neujahr – dieses Mal das chinesische.

Plötzlich knallt und knattert es eine halbe Minute lang – ein Paar schreit vor Schreck. Leute weichen zurück, halten sich schützend die Arme vors Gesicht: Eine Kette voller Knallfrösche geht in Rauch und roten Papierfetzen auf. Heute muss man darauf aufpassen, ob der nächste Baum mit Krachern garniert ist.

Paris? Paris!

Paris? Paris!

Chinesische Musik ertönt. Fahnen schmücken die Straßen und wünschen alles Gute fürs neue Jahr. Es geht los. Männer tragen rote Laternen vorbei. Knallrote Drachen rasen auf die Zuschauer zu, goldene Pappschlangen winden sich nach oben und unten. Jugendliche tragen rote Fische vorbei, andere haben weiße Pferde umgeschnallt und tragen farbenfrohe Umhänge. Die Zuschauer klatschen und jubeln. Es ist ein Fest für die Augen.

Endlos scheint dieser Zug der Farben, Vereine, schrillen Wesen. „Das ist unser großes Fest im 13. Arrondissement“, sagt Ly Pheng, der einen Laden mit Winkekatzen, Teeservice und asiatischem Krimskram in der Avenue de Choisy hat. 1975 kam er aus Kambodscha hierher. „Das ganze Viertel ist bei dem Umzug auf den Beinen.“ Wem plötzlich die Füße eiskalt werden, der kann sich in den „Supermarkt Asiens“ flüchten mit dem Namen Tang Frères. Eine andere Lebensmittelwelt: Vietnamesisches Nougat, Sprossen, Kräuter. Nem, Nudeln in allen Formen, asiatische Saucen. Man kann das Konservendosenratespiel machen – was ist da wohl drin? Litschies? Kokosmilch? Man ist in Paris. Und irgendwie auch nicht. Klar, dass jetzt der Magen zu knurren beginnt. Ein Blick durch die Fensterscheiben der vielen asiatischen Restaurants in Chinatown hilft bei der Auswahl: Sitzen dort viele Asiaten, wird man dort sicher sehr lecker essen können. Und billiger als  inmitten von Paris sowieso. Die Métro bringt einen wieder zurück an die Seine. An den Schuhen Konfetti und Kracherreste.

Nix Sesamstraße, sondern Avenue d´Ivry

Nix Sesamstraße, sondern Avenue d´Ivry

INFORMATIONEN UND ÖFFNUNGSZEITEN

Eislaufen vor dem Hôtel de Ville: 21. Dezember 2013 bis 2. März 2014, wochentags 12 bis 22 Uhr, am Wochenende und Feiertagen 9 bis 22 Uhr, gratis für Leute mit eigenen Schlittschuhen oder 5 Euro Leihgebühr. Handschuhe sind Pflicht. Weitere Eisbahnen im Dezember und Anfang Januar auf den Champs-Elysées und am Trocadéro.

Riesenrad Place de la Concorde bis 16. Februar 2014, 11 Uhr bis Mitternacht. Erwachsene 10 Euro, Kinder bis 12 Jahre 5 Euro.

Jahrmarkt mit Riesenrad unter der großen Kuppel im berühmten Grand Palais, 21. Dezember 2013 bis 5. Januar 2014. http://www.grandpalais.fr

Weihnachtsmärkte  zum Beispiel auf den Champs-Élysées und auf der Place du Trocadéro, beide bis 5. Januar.

Chinesisches Neujahrsfest: Termine der Umzüge (Anfang Februar) werden bald auf www.paris.fr und auf http://www.chine-informations.com veröffentlicht. Umzüge gibt es sowohl in Chinatown (13. Arrondissement), als auch im Marais (Rue du Temple,  Rue au Maire, Rue du Turbigo) sowie im Viertel Belleville.

Nachtrag am 16. Januar 2014: Die Termine für 2014 sind nun bekannt – siehe http://quefaire.paris.fr/programme/76484_nouvel_an_chinois_2014

Asien-Supermarkt Tang Frères, 44, avenue d´Ivry. Métro Tolbiac oder Porte d´Ivry.

Gewächshaus im Jardin des Plantes: Öffnungszeit im Winter von 10 bis 17 Uhr. Dienstags geschlossen. www.jardindesplantes.net. Métro Jussieu oder Place Monge.

Jeu de Paume, Ausstellung Erwin Blumenfeld, bis 26. Januar 2014. Montags geschlossen. http://www.jeudepaume.org

Paris-Tipp: Kuppel über der Warenwelt

Paris. Wir schreiben den 12. November. Temperatur 11 Grad Celsius. Dunkle Regenwolken kommen vom Atlantik. Weihnachten ist noch gefühlt weit weg. Doch bereits seit einer Woche fahren die großen Kaufhäuser Galeries Lafayette und Printemps ihre Weihnachtsbäume und ihren Weihnachtsglanz auf.

Weihnachtsbaum unter der Jugendstilkuppel mit Uhren dran und Plüschtieren drunter: Swatch durfte dieses Jahr den Baum schmücken

Weihnachtsbaum unter der Jugendstilkuppel mit Uhren dran und Plüschtieren drunter: Swatch durfte dieses Jahr den Baum schmücken

42 Meter unter ihr wimmelt es von Menschen in einem Labyrinth von Kosmetikständen. Zwischen Lippenstiften und Flacons drängeln sich Touristen – Kopf im Nacken, gezückte Fotoapparate, klick. Sie wollen ein Bild von ihr mit nach Hause nehmen: von der prächtigen Jugendstilkuppel in den Galeries Lafayette.

2013 ist „la coupole“ erst einhundert Jahre alt geworden. Sie scheint über der Warenwelt zu schweben. Seitlich in dem Lichthof befinden sich auf drei Etagen die Balkone, verziert mit Bronzeblättern. Die Decken der Galerien sind geschmückt mit Blütenpracht aus Stuck. „Ich habe wohl einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt“, sagt die Verkäuferin am Givenchy-Stand. „Aber vor lauter Trubel schaue ich leider nur selten nach oben.“

Pracht, die geschaffen wurde für den „Luxusbasar“.  Im 19. Jahrhundert  setzte Paris mit dieser Warenhausarchitektur Maßstäbe für die „Grands Magasins“, die großen Warenhäuser, die sich schließlich auch in anderen Ländern ausbreiteten.

Ihre Geschichte beginnt bereits im Jahr 1893. Der Kaufmann Théophile Bader eröffnet in der Rue La Fayette gemeinsam mit seinem Cousin Alphonse Kahn – beide sind Elsässer –  ein Wäschemodegeschäft. Die Ladenfläche hatte gerade mal 70 Quadratmeter. Das Geschäft wird etwas später „Aux Galeries Lafayette“  getauft – nach der Straße und den Galerien, also den engen Gängen im Kaufhaus. Es wächst und wächst, zieht um an den Boulevard Haussmann. 1912 wird die famose Kuppel fertig (sein Glasdach stammt von Jacques Gruber). Eine große dreiflügelige Treppe hinauf ersten Etage wird zu einem weiteren zentralen Element in diesem Lichthof – gemacht hat sie Louis Majorelle, wie Gruber Jugendstil-Künstler aus Nancy. Die Treppe existiert heute nicht mehr: Weil in den 70er Jahren, in denen Supermärkte und Massenproduktion es den Kaufhäusern das Leben schwer machten, plötzlich jeder Quadratmeter Verkaufsfläche zählte, wurde sie abgerissen.

Pracht, Pracht, Pracht: Man man möchte ewig nach oben schauen

Pracht, Pracht, Pracht im Kaufhaus

Die Galeries wollten ein Ort des Lebens sein, eine Stadt in der Stadt, ein Monument. Auch heute noch gibt es hier Teesalons und Restaurants – und auch einen McDonalds. Die Werbeslogans des vergangenen Jahrhunderts zeugen von Selbstbewusstsein: „Ja,  ständig ist was los in den Galeries Lafayette“ oder „Wenn Sie die Galeries Lafayette nicht gesehen haben, kennen Sie Paris nicht“. Um dem gerecht zu werden, musste man sich immer wieder in Szene setzen – nicht nur mit Ausstellungen und Modeschauen. 1919 landet Jules Védrines mit einem Flugzeug auf dem Kaufhausdach. An Weihnachten begeistert das Lichterspiel an der Fassade – das ist auch heute noch so. Edith Piaf singt vor den Galeries im Jahr 1951. Und das Kaufhaus arbeitet stetig mit Künstlern und Modeschöpfern zusammen und förderte sie – die Namen reichen von Yves Saint-Laurent, Agnès B., Jean-Paul Gaultier, Robert Wilson, Sonia Rykiel oder David Lynch. Für viele Franzosen sind die großen Kaufhäuser gerade in der Weihnachtzeit ein magischer Anziehungspunkt. „Als ich ein Kind war, sind meine Eltern dann mit mir immer hergekommen, um die sich bewegenden Marionetten und Teddys in den Schaufenstern, anzuschauen“, sagt der Franzose Olivier Gandolfo. Auch in diesen Tagen drücken sich die Menschen an den Schaufenstern die Nasen platt.

Die Kuppel von außen -  wie ein Ufo

Die Kuppel von außen – wie ein Ufo

„Unsere Kuppel ist das Symbol der Galeries Lafayette“, sagte einst Philippe Houzé, Vorstandspräsident der Firmengruppe Galeries Lafayette, zu der auch die Kaufhauskette Monoprix gehört. Sie verkörpere das Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne. Um dem Untergang zu entgehen, setzte man verstärkt auf Luxus. Jeden Tag betreten den Warentempel  im Durchschnitt bis zu 100 000 Menschen. Die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland – vor allem aus China. „Die Grands Magasins wurden von vielen Fachleuten als Dinosaurier betrachtet – ich habe ihnen das Fliegen beigebracht“, wird Houzé zitiert. Doch manche Pariser schimpfen inzwischen, dass ihr Kaufhaus nur noch auf die betuchten Eliten aus dem Ausland schiele.

Die erste Etage heißt „Luxus und Kreation“. Während in den Galeries der Verkauf von Mode leicht rückläufig ist, wächst die Nachfrage nach Accessoires jährlich um 40 Prozent. Wer  auf dieser Etage einkauft, gibt im Durchschnitt 350 Euro aus. Wer will, bekommt auch eine Uhr für 40 000 Euro oder eine Chanel-Tasche für nur 4000. Wer das nicht hat, der kann bei einem Glas Champagner (zwischen 12 und 45 Euro) die Kuppel bestaunen. Oder ihr aufs Dach steigen: Ganz oben sieht sie von außen ganz unscheinbar aus – Metallstreben und Glas neben den Abluftschächten. Doch wer sich umdreht, dem wird ein Traumblick geschenkt auf die Opéra Garnier und auf ganz Paris.

Blick vom Dach auf die Opéra Garnier

Mit Schirmen über Paris: Blick vom Dach auf die Opéra Garnier

Die Grands Magasins in Paris

Die „Galeries Lafayette“ gelten als jüngste der Grands Magasins in Paris und bestehen seit 1894. Bereits vorher eröffnet wurde „Le Bon Marché“ auf dem linken Seine-Ufer. Das „Grand Magasin du Louvre“ gibt es nicht mehr, daraus ist inzwischen eine Passage mit Antiquitätengeschäften geworden, der „Louvre des Antiquaires“. Am Pariser Rathaus gibt es noch das BHV und direkt neben den Galeries Lafayette das „Printemps“. Das einst so berühmte „La Samaritaine“ ist seit sechs Jahren geschlossen. Investoren wollen dort Büros und ein Luxushotel eröffnen.