Paris-Tipp: Kuchen bei La Bossue

Das Leben ist zu kurz, um keinen Kuchen zu essen. Nur essen die Franzosen ihn oft als Nachtisch zum Mittag- oder Abendessen und nicht wie wir Deutschen gerne gegen drei oder vier Uhr am hellerlichten Nachmittag. Kaffeekränzchen in Paris, das geht zwar, man muss nur wissen, wo.

Neulich sah ich in der blauen Stunde auf dem Montmartre durch ein Schaufenster in ein angenehm erleuchtetes Café. Ich ging näher ran, und entdeckte im Innern einen Tresen voller Rührkuchen, Madeleines, Financiers, Scones, und eine Art doppelte Ischler Törtchen mit zwei Löchern, „lunettes“ genannt.

Am Ende eines langen Nachmittags sind die Kuchen kürzer geworden (ich bekenne mich mitschuldig).

Am Ende eines langen Nachmittags sind die Kuchen kürzer geworden (ich bekenne mich mitschuldig).

„La Bossue“ heißt diese Pâtisserie, und das warme Licht lockte mich gleich ins Innere. Ein schmaler Vintage-Teesalon, runde Marmortische und ein länglicher Holztisch, alte Holzstühle und mit Fell überzogene kleine Hocker. Spiegel aus dem vergangenen Jahrhundert an den Wänden und Blumenampeln an der Decke, alte Schwarzweiß-Familienfotos, grüne Tapete mit Baummuster. Hier soll es sein wie bei Oma. Diese Retro-Orte lieben die Franzosen ja sehr. Wohl gerade auch in dieser Zeit, in der die Globalisierung – die le Nachbar „mondialisation“ nennt – es ihrer Wirtschaft schwer zu schaffen macht. Freundinnen führen hier Mädchengespräche, Väter spendieren am späten Nachmittag ihren Kindern das berühmte französische „goûter“, eben einen kleinen Kuchen, damit die Kleinen durchhalten bis zum Abendessen.

Viele Plätze gibt es hier nicht. Vorne am Tresen wird nach dem Eintreten erst mal Halt gemacht, gesichtet, was heute vernaschbar ist, und man wartet, dass man gesetzt wird. (Manche Besucher lassen sich Kuchen auch zum Mitnehmen einpacken.) Im hinteren Teil ist seitlich die Backstube, in der die junge Besitzerin Caroline gerade den Rührteig für einen Schokokuchen in eine Form streicht. „La bossue“ bedeutet die Bucklige. Dieses Oma-Kaffee mit großer Teeauswahl führt aber keine Oma, sondern eben zwei junge Franzosen, die auf saisonale und lokale Zutaten Wert legen.

Welcher Kuchen heute verdrückt werden kann, hänge von der Jahreszeit, vom Wetter und davon ab, wie die Sterne stünden, steht in der Karte. Das zeigt: Wer Kuchen liebt, hat auch Humor. Und wer Humor hat, der schneidet einem auch ein ordentliches Stück ab. Mein saftiges Pamplemousse-Kuchenstück ist fast fünf Zentimeter breit. 3 Euro dafür und für den Darjeeling 4,50 Euro, heissa, für den Montmarte sind das Preise, wo man sich doch gleich noch ein Stück am Tresen zu erbitten traut.

Am Ende der Rue des Abesses auf dem Montmartre: La Bossue

Am Ende der Rue des Abesses auf dem Montmartre: La Bossue

Hier verkehren Pariser. Denn die Touristen, die das Viertel ja gerne überrennen, biegen schon an der Kreuzung vorher ab, um in der Rue Lepic ins „Café des Deux Moulins“ zu stürmen, das durch den Amélie-Poulain-Film große Berühmtheit erlangte. Im Bossue dagegen wollen die Einheimischen Oma-Wärme tanken. Schon zum Frühstück, oder mittags bei Salaten, Quiches, Croque-Monsieurs oder Suppen. Am Wochenende drängt man sich hier zum Brunch, vor 15 Uhr kriegt man deswegen keinen Platz.

La Bossue, pâtisserie-comptoir

Mittwoch bis Freitag 8.30-19 Uhr, Samstag und Sonntag 10.30-19 Uhr

9, rue Joseph de Maistre, 75018 Paris, Metro: Blanche, Abesses

www.labossue.com, https://www.facebook.com/labossue/

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Alltag mit Patrouillen

In diesen Zeiten nach Frankreich reisen? Auch Familie Salge diskutierte diese Frage vor einigen Wochen. Jetzt stehen Mutter Stefanie, Vater Peter und ihre zwei Töchter im Pariser Ostbahnhof. Sie warten darauf, dass auf den Monitoren das Abfahrtgleis für ihren TGV nach Deutschland angezeigt wird, der Urlaub geht zu Ende.

Nach dem Anschlag in Nizza grübelte die Familie, ob Paris das richtige Reiseziel sei. Genau wie viele andere Touristen fragten sie sich: Was erwartet uns vor Ort? Was hat sich in Frankreich verändert? Sind wir dort wirklich sicher? Am Ende waren es die Töchter, die vehement für Frankreichs Hauptstadt plädierten und sich schließlich durchsetzten. „Ein Anschlag kann ja überall passieren, auch in Deutschland“, sagt Peter Salge.

Die Familie aus Hildesheim hat ihre Entscheidung nicht bereut. Ein schönes Hotel mit Roof-Top-Bar auf Montmartre, der Blick vom Eiffelturm auf das Pariser Häusermeer. In Niedersachsen hatte man ihnen noch empfohlen, die Eiffelturm-Tickets schon vorab im Internet zu buchen, um Zeit zu sparen. „Doch als wir nachmittags dort ankamen, war es ziemlich leer vor den Kassen“, erinnert sich Peter Salge. Beim späteren Flanieren durch die Gassen von Paris waren die Anschlagssorgen irgendwann fast verschwunden.

Soldaten am Jardin du Luxembourg

Soldaten am Jardin du Luxembourg

Und doch ist die Angst vor dem Terror im öffentlichen Stadtbild präsent. „Vor allem durch die vielen Polizisten und Soldaten, die patrouillieren“, sagt Stefanie Salge. Was in Frankreichs Städten für Sicherheit sorgen und Einwohner wie Touristen beruhigen soll, hat auf manche Touristen eher die gegenteilige Wirkung.  „Wenn ich die Maschinengewehre sehe, habe ich eher ein Gefühl von Bedrohung“, sagt Stefanie Salge.

Was für Franzosen längst Alltag ist, irritiert vor allem deutsche Touristen, schließlich ist der Einsatz des Militärs für Polizeiaufgaben in Deutschland nur in wenigen Ausnahmefällen erlaubt. In Frankreich sind dagegen 10.000 Soldaten für die sogenannte Opération Sentinelle mobilisiert worden – vor allem in den Städten, aber auch in den ländlichen Gebieten mit touristischen Highlights.

Frankreich, Patrouillenland. Manchmal sorgt das für skurrile Momente. Wer etwa im Urlaubsmonat August eine Kanufahrt auf der Dordogne machte, die Burgen am Flussufer bestaunte und langsam vorbeipaddelte an La Roque-Gageac, dem idyllischen 500 Einwohner-Dörfchen am Fuß einer hoch aufragenden Felsklippe, der sah an manchen Tagen am Ufer Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren im Anschlag.

Wer in Saint-Jean-de-Luz im Baskenland auf einer Terrasse seine moules marinières mit Fritten aß und aufblickte, auch der sah kräftige Soldaten in schusssicheren Westen und mit strengem Blick vorbeilaufen. Und wer in Paris durch die Gänge des Metrosystems irrt, trifft auch in diesem Herbst hin und wieder auf Grüppchen von bewaffneten Sicherheitskräften.

Manchmal werden sie sogar ins Showprogramm eingebaut. Straßenkünstler William bekommt Applaus von den Touristen, die seine Kopfstände und Akrobatik unterhalb der Basilika Sacré-Cœur betrachten, als drei Soldaten vorbeilaufen. „Das sind meine Bodyguards“, sagt er und die Leute lachen, selbst die Soldaten schmunzeln. Beatrix (59) und Roland (62) aus Saarbrücken sitzen auf den Stufen und blinzeln in die Nachmittagssonne. Sie sind schon zum achten Mal in Paris, übernachten in einer kleinen Ferienwohnung. Dieses Mal wollen sie sich das Weinfest Fête des Vendanges auf dem Montmartre anschauen. „Wir fühlen uns wie in jedem anderen Jahr auch und haben keine Angst“, versichert Beatrix. Roland ergänzt: „Und wir lassen uns das Reisen nicht vergällen.“

Straßenkünstler unterhalb von Sacré-Coeur - und seine "Bodyguards"

Unterhalb von Sacré-Coeur

Beide waren sogar zu Silvester 2015 zu Besuch in ihrer Lieblingsstadt, obwohl Paris noch traumatisiert war von den Anschlägen des 13. November. Damals schauten sie bei der Marianne-Statue auf der Place de la République vorbei, wo die Pariser all der Opfer gedachten, Kerzen aufgestellt hatten, gemeinsam trauerten. „Das hat uns sehr bewegt.“ Und sie sind dennoch wiedergekommen.

Mit dieser Jetzt-erst-recht-Haltung haben die beiden Deutschen viel gemein mit den Franzosen. Gelassenheit. Die lieb gewonnenen Freiheiten nicht einschränken lassen. Der Unkalkulierbarkeit des Lebens trotzen. Die Terroristen nicht gewinnen lassen. „Ich habe keine Angst“, sagen manche Pariser mit fester Stimme, wenn man sie fragt, ob sich etwas verändert hat nach den Anschlägen. „Il faut vivre avec“, man muss mit der Bedrohung leben.

Und doch ist Parisern wie Touristen klar: Frankreich ist nach wie vor Ziel Nummer eins der islamistischen Terroristen. Natürlich ist das ein Grund zur Sorge. Deswegen hört man von Franzosen, wenn man ein bisschen nachfragt, eben auch Sätze wie diese: „Ich schaue genau, wer neben mir in der Métro ist.“ „Mir ist mulmig, wenn ich einen herrenlosen Koffer sehe.“ „In Konzertsälen will ich wissen, wo die Notausgänge sind.“ Normalität hört sich anders an.

Seit Beginn des Sommers gab es laut France Info ein Dutzend Verhaftungen von Jugendlichen, die sich in kurzer Zeit radikalisiert hatten und angeblich Anschläge verüben wollten oder zumindest in Kontakt zum sogenannten „Islamischen Staat“ hatten. Drei Frauen planten, ein Auto voller Gasflaschen beim Bahnhof Gare de Lyon im Südosten von Paris zur Explosion bringen. Der Anschlag konnte – genau wie zahlreiche weitere seit 2015 – verhindert werden. Es gilt weiterhin der Ausnahmezustand, der Ermittlern weitgehende Befugnisse ermöglicht, ohne dass Richter ihre Zustimmung geben müssen.

Frankreichs Regierung erinnert immer wieder daran, dass sich das Land im Krieg befindet. Terrorexperten machen deutlich, dass es nicht die Frage ist, ob es wieder einen Anschlag geben wird, sondern wann und wo. Sie warnen vor Anschlägen mit Autobomben, aber auch vor „Low-Cost-Anschlägen“, solche mit einfachsten Mitteln. So wollte vor Kurzem ein Jugendlicher auf der Fußgängerpromenade Coulée verte – östlich der Bastille auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie – mit einem Messer auf Menschen einstechen. Er wurde verhaftet, bevor er die Tat begehen konnte.

An diesem Schild kommt man in Frankreich ständig vorbei: Es gilt der Plan Vigipirate

Typisches Dreieck in Frankreich: Im Land gilt der Plan Vigipirate

Sicherheit und Wachsamkeit sind Dauerthema in den Medien und in der Politik. Die Präfekten müssen vor allem kurz nach einen Attentat abwägen, welche große Veranstaltung abgesagt wird, weil die Sicherheit der Menschen nicht gewährleistet werden kann. So geschehen mit der beliebten Grande Braderie in Lille, einem der größten Volksfeste und Trödelmärkte des Landes, das normalerweise Anfang September von mehreren Millionen Menschen besucht wird.

Doch die meisten Veranstaltungen fanden bereits kurze Zeit nach dem Terroranschlag in Nizza wieder statt. Der Marathon du Médoc in der berühmten Weingegend Südfrankreichs etwa. Bei dieser Sportveranstaltung im September nahmen 8.500 Menschen aus über 70 Nationen teil. „Das war schwer zu organisieren, aber letztlich wurde alles gut gemeistert“, sagt Yasmine Delia Greifenstein vom Tourismusverband Aquitaine.

Genau wie das beliebte Straßenkunstfestival Fest‘ Arts in Libourne im Département Gironde. Zwischen Gauklern, Straßenkünstlern und Musikern standen auch vereinzelt Soldaten mit Maschinengewehren. Das sei zwar ein seltsamer Anblick gewesen, sagt Greifenstein. „Aber wer will sich von Daech (so nennt man in Frankreich den IS) das Lachen und Spaß haben verbieten lassen?“

Auch die Badesaison ist ohne große Zwischenfälle an den Stränden vorübergegangen – abgesehen von der Burkini-Debatte. In mehreren Badeorten am Atlantik zog man eine positive Bilanz, was die Zusammenarbeit von Police Nationale, Gendarmerie, Militärs und Rettungsschwimmern angeht. Zahlreiche Polizei-Bademeister trugen diesen Juli und August erstmals eine Waffe in einer Gürteltasche am Körper. Auch nächstes Jahr solle das so gehandhabt werden, fordern viele.

Eine offizielle Saisonbilanz lässt noch auf sich warten, doch viele Hoteliers klagen schon heute. Trotz der Fußballeuropameisterschaft im Juni und Juli kamen weniger Touristen nach Frankreich als noch im Jahr 2015. Vor allem Amerikaner, Asiaten und Russen verzichteten auf ihren Frankreichurlaub. All das sind Warnsignale für die Tourismusbranche. Allein im Großraum Paris hängen 500.000, an der Côte d’Azur immerhin 75.000 Arbeitsplätze vom Tourismus ab.

Nach dem Anschlag von Nizza blieben kurzfristig zehn Prozent der Touristen der Côte d’Azur fern, der Küstenstreifen verzeichnet seit Jahresbeginn einen Umsatzeinbruch von 20 bis 25 Prozent. Betroffen waren vor allem die Hotels der mittleren und höheren Preisklasse. Ein Krisenstab wurde eingerichtet, eine Million Euro für den Tourismus zur Verfügung gestellt. „Wir haben sehr schnell damit begonnen, ein positives Image von der Côte d’Azur zu vermitteln – etwa mit dem Hashtag #CotedAzurNow“, sagt Florence Lecointre vom Tourismusverband Côte d’Azur. Werbeplakate landesweit, TV-Spots, Sondertarife in ausgewählten Hotels.

Das Schloss Chambord an der Loire meldete gerade erst einen Besucherrückgang von 6 Prozent. Hier sind es vor allem Japaner, die nicht mehr anreisen. Die Deutschen hingegen halten ihrem beliebten Reiseland die Treue. „Allerdings sind Familien mit kleinen Kindern momentan etwas zögerlicher, nach Frankreich zu reisen“, sagt Monika Fritsch von der französischen Tourismus-Marketing-Organisation Atout France in Frankfurt am Main. Allen, die Sorgen um ihre Sicherheit haben, empfiehlt sie einen Urlaub in der französischen Provinz und verspricht: „Dort stellt sich ein ganz normales Urlaubsgefühl ein.“

Buchungsrückgänge von 50 Prozent direkt nach den Anschlägen verzeichnete auch Julie Fortney, die mit ihrem Mann seit sechs Jahren kulinarische Touren durch Paris anbietet. „Sind wir denn in Sicherheit, wenn wir kommen?“, fragen die Touristen in ihren Mails. Doch wer in westlichen Ländern kann in diesen Zeiten darauf schon mit einem sicheren Ja antworten? „Wir versuchen sie zu beruhigen und sagen, dass die Polizei viel präsenter ist als früher.“

Die Bevölkerung in den großen Städten hat sich mittlerweile an all die Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt, klaglos lässt sie unzählige Kontrollen an Eingängen über sich ergehen. Vor großen Kaufhäusern, Museen, Ämtern und Präfekturen, vor Konzerthäusern und Theatern schauen Sicherheitsleute in Handtaschen, Rucksäcke, Tüten. Der Blick ist jedoch oft so kurz und oberflächlich, dass man Zweifel an der Wirksamkeit solcher Kontrollen haben darf. „Wer sich weigert, seinen Koffer auf unseren Wunsch zu öffnen, dem können wir den Zutritt zum Einkaufszentrum Forum des Halles verwehren“, sagt ein Wachmann in der beliebten und frisch restaurierten Shoppingmall im Herzen von Paris.

Handtaschenkontrollen sind allerdings nicht die Folge der jüngsten Anschläge, sie haben nur deutlich zugenommen. Angeordnet wurden sie als Teil des Antiterrorplans Vigipirate. Ein schwarzes Dreieck mit roter Fläche und dem Hinweis „Alerte Attentat“ (Attentatswarnung) hängt an vielen Eingängen. Über 300 verschiedene Sicherheitsvorschriften umfasst dieser Plan. Er entstand Ende der 1970er Jahre als Reaktion auf einen palästinensischen Terroranschlag am Flughafen Orly. Seitdem und wurde der Plan immer wieder verschärft – etwa nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und 2005 in London.

Der Plan Vigipirate soll vor allem die Wachsamkeit der Bürger erhöhen. Durchsagen in Bahnhöfen und Flughäfen bitten die Reisenden, keine Gepäckstücke zu vergessen oder herrenlose Taschen und Koffer sofort zu melden. Werden dennoch herrenlose Gepäckstücke gesichtet, sogenannte colis suspects, rückt der Minenräumdienst an – und die Bahn bleibt erst einmal stehen. Wer in Paris mit der Métro oder der S-Bahn RER unterwegs ist, muss sich deshalb auf so manche Verzögerung einstellen.

All diese Maßnahmen zeigen Wirkung: Die Franzosen sind aufmerksamer als noch vor einem Jahr. Laut dem Metrobetreiber RATP meldeten sie im Juni 2016 sechs Vorfälle pro Tag, das sind 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch an Flughäfen und Bahnhöfen meldeten Franzosen seit 2015 viel häufiger herrenlose Gepäckstücke und Taschen. Die meisten entpuppten sich als harmlos. 2015 mussten lediglich zehn von rund 2.200 verdächtigen Fundstücken in den Pariser Flughäfen kontrolliert gesprengt werden.

Ticketkontrollen auf dem Bahnsteig an der Gare de Lyon: Nur wer einen Fahrschein hat, darf zum Zug

Ticketkontrollen auf dem Bahnsteig an der Gare de Lyon: Nur wer einen Fahrschein hat, darf zum Zug

Wer innerhalb Frankreichs den TGV etwa von Paris nach Lyon oder Marseille benutzt, muss sein Ticket den Mitarbeitern der Französischen Bahngesellschaft SNCF oft schon am Anfang des Bahnsteigs vorzeigen. Angehörige können also nicht mehr mit zum Zug gehen, um etwa an der Zugtür noch ein Abschiedsküsschen zu geben. „Die Police Nationale macht sporadisch auch Kofferkontrollen auf dem Bahnsteig vor dem Einsteigen“, sagt eine SNCF-Mitarbeiterin an der Gare de Lyon.

Jedes Gepäckstück muss zudem mit einem Adressanhänger versehen sein. Wer im Bahnhof Gare du Nord den Thalys in Richtung Belgien oder Deutschland nimmt, sollte mindestens 30 Minuten vor Abfahrt am Gleis sein. Seit dem vereitelten Anschlag in einem Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris im August 2015 gibt es eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Und zu guter Letzt sollen in manchen TGV-Zügen ab sofort auch zivile bewaffnete Zugbegleiter mitfahren, sogenannte train marshalls, die im Fall eines Amoklaufes eingreifen könnten.

Wegen solcher verstärkten Kontrollen ist es ratsam, einen Sicherheits-Zeitpuffer bei der Anreise zu französischen Flughäfen oder Bahnhöfen einzuplanen. Manchmal gibt es an den Flughäfen bereits an den Eingangstüren zu den Terminals Taschenkontrollen – ähnlich wie in anderen Ländern.

Der Plan Vigipirate hat manchmal auch Auswirkungen auf das Programm der Schulklassen, die ihre Austauschklassen besuchen. So dürfen Klassen im Großraum Paris nicht mit der RER nach Paris fahren. Schüler und Lehrer müssen oft selbst organisierte Reisebusse statt öffentliche Verkehrsmittel nehmen.

Die gute Nachricht: Das Leben wird weiter genossen.

Die gute Nachricht: Das Leben wird weiter genossen.

Natürlich trüben solche Sicherheitsmaßnahmen keinen Urlaub – sie kosten nur hin und wieder etwas Zeit und Nerven. In anderen westlichen Ländern erlebt man Ähnliches. Aber fragt man in französischen Office de Tourisme oder an Infoschaltern in Bahnhöfen nach einem offiziellen Faltblatt, auf dem solche Veränderungen und Verhaltenstipps zusammengefasst sind, schaut man bei den Mitarbeitern in verwunderte Gesichter. Frankreich scheint sich schwer damit zu tun, die Touristen offen über neue Sicherheitsvorkehrungen aufzuklären und ihnen Tipps zu geben, worauf sie sich während ihres Aufenthaltes einstellen müssen.

Hinweise zur Sicherheitslage und zu den Folgen des Plan Vigipirate sind auch auf Tourismuswebsites nur mit viel Geduld zu finden, meist richten sie sich an Reiseveranstalter oder Journalisten. Selbst die französische Botschaft in Berlin hat auf ihrer Website für Reisende nur einen Kurztext aus dem Jahr 2014 parat. Immerhin wird dort auch der Plan Vigipirate erläutert. Was er jedoch für konkrete Auswirkungen haben kann, bleibt unbeantwortet.

Vielleicht fürchten die zuständigen offiziellen Stellen und Ministerien, dass Ratschläge und Hinweise die Urlauber zu sehr verunsichern könnten. Dabei ist das Leben in Frankreich normaler, als es sich viele Touristen vorstellen. Während einer TV-Debatte nach dem Anschlag von Nizza erläuterte ein Sicherheitsexperte, wie die Franzosen den sogenannten Krieg gegen den Terror führen sollten: „Normal weiterleben, auf Terrassen ein Glas Wein trinken, in Konzerte gehen, seine Freiheit von den Terroristen nicht einschränken lassen.“ Genau daran halten sich die Franzosen. Und Millionen Touristen mit ihnen.

Plauschen über les migrants

Das Haus hat neue Farbe gekriegt, auch die Fensterläden. Die Handwerker sind fertig und ich frage, ob sie einen Kaffee trinken möchten. Volontiers, gerne. Wir plaudern ein bisschen und ein Handwerker merkt an meinem Akzent, dass ich kein Franzose bin. „Das ist wirklich toll, was Ihr Deutschen für die Muslime macht“, sagt er. Er meint die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Er zeigt Respekt für die Hilfsbereitschaft seitens der Deutschen, spricht über das Leid der Syrer und wettert gegen Länder wie Saudi-Arabien, die sich so wenig engagieren würden in dieser Flüchtlingskrise. Wir nippen an unserem Kaffee. Er selbst hat tunesische Eltern, er schimpft gegen Daech, wie der IS in Frankreich genannt wird. Diese Terroristen würden Tunesien schaden, der Stabilität des Landes, dem Tourismus. Und mit dem muslimischen Glauben hätten sie rein gar nichts zu tun. Wie wahr. Dann muss er weiterarbeiten.

Kurze Zeit später treffe ich meinen französischen Nachbarn auf der Straße. Sein Hund geht mit ihm Gassi, denn das Tier ist meistens der dominierende Part von den beiden und hat in der Hundeschule vermutlich richtig schlechte Noten bekommen. Während der Hund hechelt, kommen wir ins Gespräch. Auch le Nachbar spricht mich auf die Flüchtlinge an. Er habe im Fernsehen gesehen, dass Deutschland die Flüchtlinge aufnehme, weil das Land ein demografisches Problem habe. Weil die deutsche Gesellschaft so alt sei. Und die Wirtschaft Arbeitskräfte brauche. Zwischen den Zeilen höre ich das, was man immer wieder in Frankreich hört: dass die Deutschen das aus rein egoistischen, berechnenden Gründen machen.

Ich erzähle ihm von Freunden in Deutschland, die sich ehrenamtlich engagieren, die in den Flüchtlingsheimen helfen, Deutschunterricht geben. Dass es für sie wie für viele Deutsche zunächst einmal ein Gebot der Menschlichkeit ist. Er schaut mich erstaunt an, als ob ich etwas erzähle, was völlig unwahrscheinlich klingt. Dann zieht der Hund ihn weiter, und das Herrchen lässt es geschehen.

Paris-Tipp: Brache für kurze Zeit

Paris hat keine Freiräume mehr, keinen Platz, keine Brachen? Gut, im Vergleich zu Städten wie Berlin kann Paris einfach nicht mithalten. Das Paris innerhalb der Ringautobahn ist tatsächlich ein kleines Städtchen im Vergleich zu anderen Metropolen. Paris hat nur 87 Quadratkilometer Stadtfläche (mit den Stadtwäldern Bois de Boulogne und Bois de Vincennes sind es 105 Quadratkilometer). Zum Vergleich: Berlin hat 892 Quadratkilometer, London 1500. Auf einem Quadratkilometer drängen sich in Paris 21000 Einwohner – damit zählt die Stadt zu den am dichtesten besiedelten in Europa.

Biergarten mit Kirchenblick

Biergarten mit Kirchenblick

Und doch tun sich immer wieder mal unerwartete Flächen auf. Wer in diesen Tagen nach Paris kommt und bei einem der lauen, trockenen Abende einen ungewöhnlichen Ort erleben möchte, der sollte an den Boulevard Richard Lenoir ziehen ganz in der Nähe der Bastille und des Canal Saint-Martin. Dort ist „la friche (Brache) Richard Lenoir“. Zwischen den Häusern tut sich plötzlich eine Lücke auf. Ein Sicherheits-Mann checkt kurz die Tasche, dann darf man eintreten. Seit wenigen Tagen kann man hier auf Palettenmöbeln sitzen oder sich auf Liegestühlen niederlassen. Am Rand ein paar Stände mit Essen: Italienisch, Thai, Indisch, Flammkuchen. Mittags kommen die Leute zum Essen, abends fließt viel Bier. Hier kann man relaxen mit Blick in den Pariser Himmel, auf Feuerschutzwände der angrenzenden Häuser und Mauern voller Graffiti – und vor allem direkt auf die imposante Fassade der Kirche Saint-Ambroise.

Oui, Paris kann auch Berlin

Oui, Paris kann auch Berlin

Eine kleine Boule-Bahn, sogar ein Kinderspielecke und ein Kicker. Auf einer kleinen Bühne gibt es am Wochenende abends Konzerte, an den anderen Tagen Kleinkunst. Am Wochenende kann man hier sogar Hilfe kriegen beim Radreparieren. Die, die sich selbst in Paris fühlen müssen wie in Berlin, werden hier anfangen zufrieden zu schnurren.

All das ist vorübergehend, denn die Stadt wird die Fläche zu einem öffentlichen Garten umbauen. Deswegen soll es am 6. November mit diesem ephemeren Biergarten wieder vorbei sein. „Vielleicht können wir hier ein oder zwei Monate länger bleiben, wenn der Winter mild wird“, sagt der Mann hinter der Freiluft-Theke. Trotzdem: Es ist ein Biergarten mit Countdown, von dem nur der zweite Teil des Wortes übrigbleiben wird. Immerhin.

La Friche Richard Lenoir, 66, boulevard Richard Lenoir, 11. Arrondissement, Métro Richard Lenoir oder Saint-Ambroise, kein Eintritt, täglich 12-21 Uhr

Mit der Métro ins Mittelalter

Die Schöne hat für ihn einen großen Makel. „Es ist, als ob ihr ein Arm oder ein Bein amputiert wurde“, sagt Luc Fauchois. Der 65-Jährige steht vor der Kathedrale von Saint-Denis nördlich von Paris. Rechts ein Glockenturm, links aber Leere: Seit eineinhalb Jahrhunderten fehlt der Basilika der zweite, einst viel höhere Kirchturm samt seiner Spitze. Fauchois kämpft dafür, dass er wieder erbaut wird. Nicht irgendwie. Sondern mit Bau-Techniken wie im Mittelalter.

In der Innenstadt sind Plakate mit der Aufschrift „Folgen Sie der Kirchturmspitze“ zu sehen. Fauchois ist Vorsitzender des gleichlautenden Vereins „Suivez-la-flèche“, und diese Plakate werben für den Wiederaufbau. Wird der wahr, bekommt Frankreich eine der außergewöhnlichsten Kathedralenbaustellen.

Rechts die wahre Kathedrale ohne Nordturm, links auf dem Plakt der Traum von der Zukunft

Rechts die wahre Kathedrale ohne Nordturm, links auf dem Plakt der Traum von der Zukunft

Der frühere Leiter der Kommunikationsabteilung der 100.000-Einwohner-Stadt in der Banlieue von Paris setzt sich in die Bar Le Basilic und bestellt sich ein Bier. Dann schwärmt er von der historischen Bedeutung der Kathedrale. Geweiht ist sie dem heiligen Dionysius, dem ersten Bischof von Paris. Dionysius erlitt 250 den Märtyrertod. Die Legende erzählt, dass er in der Zeit der Christenverfolgung auf dem Montmartre in Paris enthauptet wurde. Danach soll er seinen Kopf genommen haben und bis zum Standort der heutigen Basilika marschiert sein, wo er tot umfiel und begraben wurde.

„Während des Mittelalters war Saint-Denis der Sitz der religiösen wie auch politischen Macht“, sagt Fauchois, der einst Geschichte studierte. Im 5. Jahrhundert war der Bau zunächst eine Klosterkirche und Teil einer mächtigen Benediktinerabtei. Im 12. Jahrhundert hat der einflussreiche Abt Suger die ersten spitzbogigen Kreuzrippengewölbe einbauen lassen – deshalb gilt die Kathedrale als eine der Gründungsbauten der Gotik. Zudem wurde sie zum bevorzugten Bestattungsort der französischen Herrscher. 42 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen und Prinzessinnen sind hier begraben. Es sei traurig, dass nur 160 000 Menschen im Jahr dieses außergewöhnliches Kulturerbe besichtigen, während 13 Millionen in die Pariser Notre-Dame strömten, meint Fauchois.

Er hofft, dass der Turmbau die Massen anlockt. Der nördliche Kirchturm war 1219 fertig gewesen, 86 Meter war er hoch. „Die Turmspitze war von weiten in der ganzen Pariser Region sichtbar“, erinnert Fauchois. Man wollte Notre-Dame in Paris Konkurrenz machen. Mehr als 600 Jahre später, 1837, schlägt ein Blitz in den Turm ein. Kurze Zeit später rütteln schwere Stürme am Bauwerk. Weil er dabei gefährlich beschädigt wird, lässt fast zehn Jahre später der berühmte Architekt Viollet-le-Duc den Turm abbauen. Sorgfältig lässt er die Steine nummerieren, macht genaue Skizzen vom Rückbau. Sein Plan: Der Turm soll wieder aufgebaut werden, wenn die Fassade und der Rest der Kathedrale restauriert und gefestigt wären. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Er kämpft für den Turm: Luc Fauchois vor dem Rathaus in Saint-Denis

Er kämpft für den Turm: Luc Fauchois vor dem Rathaus in Saint-Denis

Seit den 1970er Jahren träumen immer wieder zahlreiche Dionysiens, wie die Einwohner von Saint-Denis genannt werden, vom Wiederaufbau. Mal gibt es Petitionen, mal Briefe an die Regierung, mal Demonstration mit Lasershow vor der Kathedrale. 1989 gibt sogar der sozialistische Kultusminister Jack Lang sein Einverständnis – aber der Staat will keinen einzigen Franc dazugeben. Kein Geld, kein Turm.

Dann gerät die Kathedrale wieder aus dem Blickfeld, denn Saint-Denis bekommt eine neue Sehenswürdigkeit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht: das Stade de France. 1998 wird es zur Fußball-Weltmeisterschaft eingeweiht. Alle schauen auf das Endspiel in Saint-Denis. Frankreich wird Weltmeister.

Nun bekommt das Turmwunder eine neue Chance. Nicht nur, weil ein hochkarätiges Unterstützerkomitee für den Bau wirbt. „Sondern weil etwas Spannendes in den vergangenen Jahren in Frankreich passiert ist“, sagt Fauchois. Er meint damit die Lust der Franzosen auf Mittelalter-Baustellen.

Zum einen wird derzeit im Burgund eine mittelalterliche Burg erbaut namens Guédelon – mit den Techniken und Werkzeugen von früher. Mit Steinen aus dem Steinbruch von nebenan. Mit Ziegeln, die mit Tonerde vor Ort gebrannt werden wie im 13. Jahrhundert. Mit Arbeitern in Hamsterrädern, mit denen das Material nach oben gezogen wird. Finanziert wird das alles durch den Eintritt der Besucher. Und die kommen in Scharen: rund 300 000 im Jahr.

Einen ähnlichen Erfolg hatte der Wiederaufbau der französischen Fregatte „Hermione“ in Rochefort. Das Schiff, mit der einst Marquis de La Fayette 1780 nach Boston segelte, um den Unabhängigkeitskampf zu unterstützen, wurde 1997 bis 2014 nachgebaut.

Auch Saint-Denis setzt auf diese Zeitreisen-Lust der Franzosen. 20 Millionen Euro würde das Projekt in Saint-Denis kosten. Eine Anschubfinanzierung für die Projektstudien würden private Unternehmen sichern, den Rest komme durch die Eintritte herein, sagt Fauchois.

Die Métrolinie 13 bringt einen aus Paris ganz schnell nach Saint-Denis

Die Métrolinie 13 bringt einen aus Paris ganz schnell nach Saint-Denis

Geplant ist eine einzigartige Mittelalter-Baustelle mit Steinmetzen, Schmieden, Zimmermännern. Lastenkarren sollen rollen, Seilwinden schnurren. An der Kathedrale soll eine Atmosphäre herrschen wie damals – mit Händlern, Gauklern, geschäftigem Treiben. Anders als in Guédelon sollen sich die Handwerker und Arbeiter zwar nicht in mittelalterlicher Kleidung auf der Baustelle aufhalten. Aber für Schulklassen und andere Interessierte soll es genauso Workshops geben: Steinmetze erklären dann ihr Handwerk den Jugendlichen aus den Vierteln, Architekten sprechen über Statik und Geometrie. „Man kann von Paris aus mit der Métro ins Mittelalter fahren.“

Ein gigantisches Gerüst soll es den Besuchern ermöglichen, den Fortschritt des Turmbaus aus der Nähe mitzuverfolgen. Ein Aufzug brächte sie auf eine Höhe von 90 Metern: freier Blick auf Saint-Denis und gen Paris. Und dann kann man per Treppen rund um den Turm wieder nach unten laufen.

Der Staat ist Eigentümer der Kathedrale und entscheidet, ob der Turm Wirklichkeit wird oder nicht. Nach einem Besuch im vergangenen Herbst gab Staatspräsident François Hollande dem Projekt seine Zustimmung. Auch die offizielle Starterlaubnis aus dem Kultusministerium für die wichtigen finanziellen, juristischen und technischen Studien ist vor kurzem eingetroffen. Wunschtermin für den Baubeginn ist das Frühjahr 2017.

Doch es gibt heftigen Widerstand gegen das Projekt. Die Kunstzeitschrift „La Tribune de l’art“ etwa warnte vor Vandalismus und bezeichnete die Pläne als grotesk. Den Verantwortlichen gehe es nicht um das Bauwerk, sondern um eine Attraktion à la Disneyland. Die Kritiker berufen sich auf die Charta von Venedig, eine internationale Richtlinie zur Denkmalpflege aus dem Jahr 1964. Die verlangt unter anderem, dass Baudenkmäler nicht auf Vermutungen basierend oder willkürlich verändert werden sollen. Luc Fauchois wehrt sich dagegen: „Wir verstoßen nicht dagegen, denn wir haben schließlich noch die detaillierten Pläne von einst.“ Er verweist auf den erfolgreichen Aufbau der Dresdner Frauenkirche.

Frisch renoviert - aber ohne Nordturm: la basilique.

Frisch renoviert – aber ohne Nordturm: la basilique.

„Es ist schon eine sehr eine verrückte Idee“, sagt der Chef des Tourismusbüros der Stadt, Régis Cocault. Klar sei aber: Dieses Projekt würde Arbeitsplätze, Touristen und ein besseres Image bringen. Saint-Denis hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent, einen hohen Migranten-Anteil, viele soziale Probleme. Im November vergangenen Jahres wurde die Stadt doppelt traumatisiert. Erst hatten sich am Stade de France drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt , wenige Tage später stürmten Spezialkräfte bei einem Anti-Terror-Einsatz inmitten des Stadtzentrums ein Haus, in dem sich Terroristen verschanzt hatten. Der Kirchturmbau soll der ganzen Stadt Elan geben – und die Bewohner einen.

Internet: suivezlafleche.fr

Anreise von Paris: Mit der Métro (Linie 13) bis zu Haltestelle „Basilique de Saint-Denis“.

Der Dauer-Ausnahmezustand

Ausnahmezustand. Er wird nun weitere sechs Monate dauern bis Ende Januar 2017. Seit November 2015 lebt Frankreich bereits damit. Denn das Land befindet sich offiziell im Krieg. Auf den sogenannten Islamischen Staat, Staatsfeind Nummer eins, reagiert man nicht nur mit Jagdbombern über Syrien, sondern auch mit Maßnahmen an der Heimatfront.

Streetart in Paris.

Streetart in Paris mit Kritik am Ausnahmezustand

Vor den jüngsten Anschlägen in Paris war der „état d’urgence“ bereits einmal während der Vorstadtunruhen 2005 verhängt worden, damals jedoch nur in vereinzelten Départements. Den Ausnahmezustand für das gesamte Land rief der Präsident bereits in der Nacht nach den Anschlägen vom 13. November aus. Das gab es zuletzt während des Algerienkriegs vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Erst wurde der Ausnahmezustand am 19. November 2015, dann am 16. Februar 2016 verlängert, ab 26. Mai dann zum dritten Mal um zwei Monate bis zum Ende der EM und der Tour de France. Das müsse sein, um die Sicherheit bei diesen sportlichen Großereignissen gewährleisten zu können, sagte damals die Regierung. Die Gefahr ist, dass der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass die Regierung den Ausnahmezustand im Januar beenden wird: Dann befindet sich Frankreich nämlich inmitten des Wahlkampfs.

Das Gesetz des Ausnahmezustands stammt vom 3. April 1955: Wenn eine „unmittelbare Gefahr durch schwere Bedrohungen der öffentlichen Ordnung“ besteht oder „im Fall von Ereignissen, die wegen ihrer Art und ihrer Schwere eine öffentliche Katastrophe darstellen“, kann der Ministerrat zusammentreten und unter dem Vorsitz des Staatspräsidenten den Ausnahmezustand verhängen.

Im Alltag bekommen die Franzosen und die ausländischen Touristen die Folgen des Ausnahmezustands gar nicht so mit. Sie merken in diesen Tagen vor allem die zahlreichen Polizisten und Soldaten in den Straßen und die Taschenkontrollen an den Eingängen. All das sind aber Maßnahmen des Anti-Terror-Plans Vigipirate, der schon seit Jahren gilt, oder der Opération Sentinelle, bei der 10000 Soldaten im ganzen Land patrouillieren. Es sind vor allem die Sicherheitsbehörden, Geheimdienste und Ermittler, die durch den Ausnahmezustand mehr Spielraum bekommen. Sie erhalten bedeutende Sonderrechte, sie können die bürgerlichen Rechte und Freiheiten stark beschränken.

Bei der Bewegung "Nuit debout" wurde der Ausnahmezustand immer wieder kritisiert (Aufnahme vom Mai)

Bei der Bewegung „Nuit debout“ wurde der Ausnahmezustand immer wieder kritisiert (Aufnahme vom Mai)

Konkret heißt dies: Der Innenminister und die Präfekten können Veranstaltungssäle vorübergehend schließen lassen, Versammlungen sowie Demonstrationen verbieten. Nach dem 13. November 2015 fanden in Paris für einige Tage keine Theateraufführungen und Konzerte mehr statt, städtische Einrichtungen wie Schulen und Schwimmbäder hatten zu, Märkte fielen aus. Während der Klimakonferenz COP 21 wurden die geplanten Großdemonstrationen für den Klimaschutz in den französischen Städten verboten. Allerdings schritten die Behörden trotz des Ausnahmezustands nur selten ein bei der antikapitalistischen Protestbewegung „Nuit debout“, wo sich in ganz Frankreich wochenlang vor allem junge Leute auf Plätzen versammelten. Auch die Fanmeilen während der EM und die Demos gegen die Arbeitsmarktreform wurden nicht untersagt. Nach dem Anschlag in Nizza hat die Präfektur in Paris allerdings nun Freiluftkinos und einen autofreien Tag auf den Champs-Élysées absagen lassen, weil deren Sicherung nicht gewährleistet werden kann.

Die Präfekten können auch den freien Verkehr von Personen oder Fahrzeugen an bestimmten Orten und Uhrzeiten verbieten. Sie können Schutzzonen einrichten, zum Beispiel um Plätze und Gebäude. Sie können auch Personen verbieten, sich in bestimmten Regionen aufzuhalten, wenn vermutet wird, dass diese die „öffentliche Gewalt behindern wollen“.

Präfekten können während des Ausnahmezustands auch ohne richterliche Zustimmung Hausarreste verhängen. Hausdurchsuchungen am Tag und in der Nacht können ohne Beschluss eines Richters durchgeführt werden – dieses Sonderrecht war bei der dritten Verlängerung ausgeklammert worden, weil die meisten „identifizierten Orte“ bereits durchsucht wurden. Computer und Smartphones können nun auch beschlagnahmt und sofort ausgewertet werden. Neu ist auch, dass die Gendarmen den Kofferraum eines Autos und Gepäckstücke durchsuchen dürfen – ohne richterliche Anordnung. Das durften bisher nur Zöllner. Wer sich dagegen wehrt, muss mit einer Gefängnis- oder Geldstrafe rechnen (drei Monate oder 3750 Euro).

Die Ermittler machten von diesen enormen Möglichkeiten reichlich Gebrauch – vor allem in den ersten Monaten. Bei einer Bilanz zum Ausnahmezustand Ende Mai sprach der Innenminister von fast 3600 Hausdurchsuchungen. Sichergestellt wurden 756 Waffen (das können auch Säbel sein), darunter 75 Kriegswaffen. 400 „mutmaßliche Gefährder“ waren unter Hausarrest gestellt worden, heute sind es noch 77. Bei 950 Personen haben die Anti-Terror-Behörden Ermittlungen aufgenommen. Mehrere Moscheen wurden geschlossen. 28000 Personen wurden bei den Grenzkontrollen daran gehindert, nach Frankreich einzureisen.

Plakate auf der Place de la République im Mai bei Nuit debout

Plakate auf der Place de la République im Mai bei Nuit debout

Schon seit Anfang des Jahres gibt es Kritik am Ausnahmezustand. Amnesty International zweifelt an der Verhältnismäßigkeit der Vorgehensweise der französischen Regierung. Die französische ai-Sektion forderte in einem Bericht bereits im Februar die französische Regierung auf, den Ausnahmezustand zu beenden. Konkrete Ergebnisse zur Terrorverhinderung gäbe es nur wenige. Doch durch die Hausdurchsuchungen und Arreste würden viele Menschen stigmatisiert, diskriminiert, traumatisiert, einige von ihnen hätten sogar ihre Arbeit verloren. Menschenrechte würden verletzt, Polizei und Sicherheitsbehörden nur wenig kontrolliert, sagte der Europa-Chef von Amnesty International, John Dalhuisen.

Auch die Vereinten Nationen kritisierten vor Monaten bereits den Ausnahmezustand und das weitreichende Gesetz zur Überwachung der Telekommunikation in Frankreich als unangemessen. Selbst Umweltaktivisten seien unter Hausarrest gestellt worden. Die Mehrheit der Eingriffe betreffe zudem Franzosen muslimischen Glaubens, sagte Izza Leghtas von Human Rights Watch. Diese würden sich dadurch mehr und mehr Bürger zweiter Klasse fühlen. Anwälte kritisierten, dass Mandanten seit Monaten unschuldig unter Hausarrest stünden – weil den Nachrichtendiensten falsche Daten vorlägen.

Die Zeitung „Le Monde“ berichtete mehrmals darüber, wie einige der Durchsuchungsaktionen der Behörden abgelaufen sind – und welche zahlreichen „Kollateralschäden“ für Unschuldige sie mit sich zogen. Immer wieder gingen die Einsatzkräfte bei Hausdurchsuchungen brutal vor, verwüsten unnötig Wohnungen, beleidigen die Bewohner. Sind die Polizisten abgezogen ohne einen einzigen Beweis für eine Straftat, bleiben manche Betroffene nicht nur auf Reparaturkosten sitzen, sondern leiden unter Angstzuständen. Anwälte sprechen bereits von „Ausnahmezustands-Opfern“,  viele Aktionen führten zu keinem Ergebnis, sie wirkten vielmehr strategielos und willkürlich. Man erlebe eine Zeit, wo allein ein Verdacht ausreiche für eine Hausdurchsuchung.

Eine groß geführte Debatte über diesen monatelangen Ausnahmezustand gibt es in Frankreich kaum. Das liegt sicher an der Schockstarre nach den grausamen Attentaten und dem großen Bedürfnis nach Sicherheit. Immer wieder verkündet die Regierung ja auch, dass angeblich zahlreiche geplante Attentate vereitelt wurden – etwa auf eine Kirche bei Paris. „Die Regierung sagt, wir nehmen Euch ein paar Freiheiten, aber es geht um Eure Sicherheit. Die Umfragen bestätigen, dass die Leute damit einverstanden sind“, sagt der Pariser Soziologe Manuel Cervera-Marzal. Doch selbst Innenminister Cazeneuve sagte nach Nizza: Der Ausnahmezustand dürfe nicht zum Dauerzustand werden.