Keine Blinklust

Unser Auto schnurrt gemütlich mit Tempo 130 dahin auf der Autobahn nach Paris. Ein Wagen überholt uns, zieht plötzlich ohne zu blinken zackig rüber, es fehlen nur wenige Zentimeter zwischen Karosserie und Karosserie. Schreck! Brems! Lenkrad nach rechts! Wir schlingern gefährlich. Der Typ rauscht davon. Auf einem Parkplatz kommen unsere vier Räder zum Stehen und die Nerven langsam zur Ruhe. Was war das denn?

So einen Verkehrsschreck mit glücklicherweise gutem Ausgang vergisst man eigentlich wieder – es sei denn, jemand macht zu dem Thema Verhalten im Straßenverkehr eine Umfrage. Die Zeitung Le Parisien hat eine Seite, die „Vie pratique“ heißt. Und weil im Leben das Autofahren nun mal was sehr Praktisches und Nützliches an sich hat, widmete das Blatt vor einiger Zeit diese Seite dem Fahrverhalten von le Nachbar. Grund: Umfrageergebnisse eines großen Versicherers.

Tenor der Umfrage: Ojeoje. Trotz unzähliger Kampagnen zur Verkehrssicherheit in den vergangenen Jahren würden die Franzosen auf der Straße machen, was sie wollten. Nur sechs von zehn Franzosen am Steuer sind der Umfrage zufolge gute, ordentliche Fahrer. Anarchie herrsche vor allem im Stadtverkehr – etwa beim Blinken: Jeder zweite Franzose am Steuer lässt das Blinken gerne sein. Viele würden es einfach oft vergessen, obwohl sie grundsätzlich wüssten, dass die anderen Fahrer ein bisschen Blinkblink beim Abbiegen und Überholen ganz sinnvoll finden.

Die Umfrage sagt auch noch: Vier von zehn Franzosen fahren im Ort schneller als 65 Stundenkilometer (50 sind erlaubt). Auf der Autobahn fährt jeder Fünfte gerne 160 bis 170 Stundenkilometer (erlaubt sind 130). Acht von zehn fahren noch schnell bei Gelb an der Ampel rüber – obwohl verboten. Mehr als ein Drittel telefoniert am Steuer mit dem Handy in der Hand. Fast zwei Drittel setzen sich noch ans Steuer, nachdem sie zwei Gläser Alkohol getrunken haben.

Heute bei der Fahrt im Westen von Paris habe ich mal Nichtblinker gesucht. Habe keinen gefunden. Entweder die Fahrer haben alle bei der Umfrage nicht mitgemacht. Oder die 51 Nichtblinker-Prozent fuhren immer hinter mir. Das kann gerne so bleiben.

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