Bei Rot gehen

„Frais“ steht da auf dem Kontoauszug, Gebühren, acht mal 9,90 Euro. Weshalb das denn bitte? Ich maile der Bank, und mein Bankberater mailt zurück, ich solle doch einfach kurz vorbeischauen, er wird mir das erklären. Also auf zu Monsieur L. Er erklärt mir, dass jede „Opération“, etwa eine Überweisung, 9,90 Euro extra kostet, wenn das Konto im Minus ist. Dass man da aufpassen müsse. Kleiner Unterschied zu deutschen Konten. Wäre nett gewesen, wenn er beim Kontoabschluss auf diese mächtigen Strafgebühren hingewiesen hätte… Aber charmant fügt er dann hinzu: Er werde veranlassen, dass sie mir für dieses Mal erlassen werden.

Monsieur L. will noch ein wenig über Deutschland sprechen. „Ich war mal vor vielen Jahren in Berlin, das war interessant“, sagt er. Ich frage ihn, was ihm denn so gefallen habe. Ach, das sei lange her, kurz nach dem Mauerfall. Vor allem eines hätte sich ihm stark eingeprägt, sagt er. Ich bin gespannt. Die Mauerreste? Das Brandenburger Tor? Nein.  „Die Deutschen bleiben immer an der roten Ampel stehen – auch wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist.“ Als er damals einfach bei Rot über die Straße lief, hätten ihn alle anderen böse angeschaut.

Le Nachbar hat ein anderes Verhältnis zur Ampel. Neulich stand ich an einer roten Fußgängerampel, gegenüber eine Mutter mit ihren drei kleinen Kindern. Nie und nimmer wäre ich bei Rot rübergelaufen – was wäre ich für ein miserables Vorbild für die Kleinen! Tja – ich stand immer noch, da waren Maman und ihre Kleinen längst rüber.

Ich will wissen, wie Herr L. sich die Lust an der Ampelmissachtung erklärt. „Naja, wir machen halt gerne, was wir wollen“, sagt er. Man wolle sich nicht reinreden lassen. Er sagt nicht das, was auch gerne als Grund genannt wird: dass wir Deutschen eben obrigkeitshörig seien oder zu diszipliniert. Dass eine Ampel nun mal ein Ding sei ohne Autorität – wer könne das schon übermäßig ernst nehmen. Und es stimmt ja auch: Viele Fußgängerampeln zeigen Rot, obwohl kein Auto kommt. Die machen einfach ihren Job nicht richtig. Wozu also respektieren?

Etwas mehr Respekt vor der roten Ampel, bitte

Etwas mehr Respekt vor der roten Ampel, bitte (Suchbild)

Nein, Herr L. bleibt höflich und sagt, dass es ja nicht schlecht sei, sich an Regeln zu halten. Die Franzosen würden leider auch öfter als die Deutschen ihren kleinen Abfall einfach auf die Straße werfen oder auf der Autobahn mal rechts überholen. Nicht so oft wie die Italiener, aber schon ab und zu.

Beim Hinausbegleiten sagt er, dass er eigentlich gerne mal wieder nach Berlin reisen möchte. Als hätte er sein Ampeltrauma langsam überwunden.

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