Paris-Tipp: Kleine Flucht vor Touristen

Louvre, Eiffelturm, Montmartre – irgendwann ist es gut mit dem Pariser Touristen-Pflichtprogramm. Dann will man einfach mal eine normale Straße entlanglaufen mit Einheimischen-Anteil von mindestens 80 Prozent. Bummeln, Bistro, Boutiquen, ein bisschen Normal-Paris.

Man nehme: die Rue du Château d´eau. Kommt man aus der gleichnamigen Metrostation ans Tageslicht, fallen die vielen Afro-Friseursalons auf mit Namen wie „African Queen“ oder „Senegal beauté“. Junge afrikanischstämmige Männer auf dem Gehsteig versuchen, weibliche Kundschaft in die Salons zu locken. „Ich hab doch schon woanders einen Termin“, sagt eine schwarze Frau, lacht und läuft weiter.

Ein Afro-Salon in der Rue du Château d´eau

Ab dem Rathaus des 10. Arrondissements wird die Rue du Château d´eau ruhiger. Vor dem Feuerwehrgebäude rollen die Pompiers ihre Schläuche für eine Übung aus. Gegenüber im überdachten Markt „Marché Saint Martin“ (Hausnummer 31-33, Di bis Sa 9 bis 20 Uhr, So 9 bis 14 Uhr) gibt es Käse und Wurst für ein Picknick, das man an einem warmen Tag am Ende dieses Spaziergangs am Canal Saint-Martin machen könnte.

Die Gentrifizierung ist längst auch in diesem Viertel voll im Gange, und dennoch hat so mancher traditionelle Metzger und Handwerker überlebt. Vorbei an Wein- und Spielzeugläden, den sich überall in Paris vermehrenden Coworking-Spaces, dem bei Anwohnern beliebten Bistro „Le Petit Château d´Eau“, wo es mittags eine Plat du jour für 13 Euro gibt (Hausnummer 34), erreicht man die Galerie L´oeil ouvert (1, Rue Lucien Sampaix), die meist erschwingliche Drucke, Bilder und Fotos von Pariser Künstlern verkauft. Man sollte unbedingt noch einen Abstecher machen in die Trésorerie, einem Laden mit allerhand Küchen- und Wohnaccessoires im schwedischen Design (11, Rue du Château d´eau). Und groß gewordene Mädchen werden schwärmen von den Taschen und Kettchen im kleinen Atelier des Couronnes (Hausnummer 6), in dem die beiden Pariserinnen Louise Damas und Claire Rischette ihre Schmuck- und Lederideen Wirklichkeit werden lassen.

Wer gen Osten blickt, sieht schon die Bäume auf der Place de la République, dem Platz, an dem sich die Pariser nach den Terroranschlägen versammelt haben – eine Gedenkplatte vor einem Baum erinnert dort daran. Aber halt, lieber wieder ein paar Schritte zurückgehen in die Rue de Lancry Richtung Canal Saint-Martin. Ein Schreibwarenladen, dann das Schild „Spaghettina“. Viele Franzosen denken, hier gibt es Spaghettigerichte. Aber es ist eine Deutsche, die hier leckeres Spaghetti-Eis verkauft (61, Rue de Lancry, Mi bis Sa 13h-19 Uhr, So 14h-18h. Im Winter oft geschlossen).

Schnecken schauen Dich verführerisch an… in der beliebten Boulangerie Du Pain et des Idées, die leider aber am Wochenende geschlossen ist.

Daneben ein koreanisches Restaurant, „Guabao Saam“, dem die Pariser geradezu die Bude einrennen. Statt gleich geradeaus zum Canal Saint-Martin zu gehen, sollte man abbiegen zur Bäckerei Du Pain et des Idees (34, Rue Yves Toudic, Mo bis Fr ), nicht nur wegen der wunderbaren Rosinenschnecken, auch wegen seines schönen Interieurs mit viel Gold und Spiegeln.

Wer Paris nicht verlassen will ohne ein neues Kleidungsstück, der findet in der nahen Rue de Marseille und Rue Beaurepaire eine hohe Boutiquendichte. Am Ende liegt am Canal das Szenecafé „Chez Prune“ (36, Rue Beaurepaire). Hier lässt es sich gut draußen sitzen bei einem Glas und Pariser beobachten – wie die Pariser es selber gerne tun.

Viele Geschäfte öffnen erst um 11 Uhr, am Sonntag und Montag haben die meisten geschlossen. Métro: Château d´eau

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Paris-Tipp: Kanal der Kuriositäten

Eigentlich ist er eine der größeren Touristenattraktionen in Paris. Aber seit Anfang Januar kann jeder deutlich sehen, dass er auch eine große Mülltonne ist: der Canal Saint-Martin. Er verbindet im Osten von Paris auf einer Länge von viereinhalb Kilometern das Bassin de la Villette mit der Seine. Momentan fehlt ihm sein Wasser. Der Grund: großes Reinemachen. Wer also in diesen Wochen nach Paris reist: Mit üblicher Canal-Romantik ist es gerade ein bisschen schwierig.

Canal Saint-Martin: kein Boot, nirgends

Canal Saint-Martin: kein Boot, nirgends. Dafür eine Toilette (links – zum Vergrößern klicken)

Trotzdem kommen viele Schaulustige her, stehen auf den Brücken und staunen. Es riecht wie im Watt, Möwen suchen im Schlamm nach Leckerlis. Derart  wasserlos ist dieser beliebte Pariser Kanal ein wahrer Kuriositätenkanal. Was da alles zum Vorschein kommt! Regenschirme, teils noch aufgespannt. Viele Motorroller. (Jeder Pariser Rollerbesitzer wird bei deren Anblick sich gut überlegen, ob er sein Gefährt noch einmal am Kanal abstellt.) Im Schlamm des Kanalbetts liegen zudem Stühle, Kinderwagen, Einkaufswagen, Koffer, Toiletten, Straßenschilder, Spritzen, Matrazen. Und Räder, Räder, Räder, vor allem viele Pariser Mietfahrräder, die beliebten Vélibs: Schon 100 Stück wurden aus dem Kanalschlick gezogen. Bergeweise Altglas sammeln sich im Kanalbett  – vor allem Bierflaschen. Und Dosen, Dosen, Dosen. Schon lange wird kritisiert, dass die betrunkenen Partypeople im Sommer am Rande des Kanals ihrem Müll einfach ins Wasser kicken.

Die Retter der Fische und ein Altglasberg in einer Schleuse

Die Retter der Fische und ein Altglasberg in einer Schleuse

Dass derzeit Tag für Tag viele Pariser zum Fotografieren herkommen, ist verständlich. So oft sieht man den Kanal nicht in diesem Zustand – und diese normalerweise verborgene Unterwasserwelt auch nicht. Das letzte Mal gab es die Säuberungsaktion im Jahr 2001. Damals wurden sogar zwei Granaten aus dem Ersten Weltkrieg, Goldstücke, leere Tresore und eine Parkuhr gefunden. Die Polizei wird bei den Arbeiten wegen der dubiosen Funde mit einbezogen – angeblich wurde bereits eine Waffe gefunden.

Zu Beginn der Aktion fischten Fischer mit Netzen aus dem Niedrigwasser noch Forellen  und bis zu 20 Kilo schwere Karpfen heraus. Mehr als vier Tonnen Fische retteten sie insgesamt, die jetzt eine kurze Kanal-Pause einlegen müssen. Sie werden gezählt und vom Fischdoktor inspiziert. Dann werden sie wieder frei gelassen – am Anfang oder am Ende des Kanals, wo jedenfalls wieder normaler Wasserstand ist.

Fast zehn Millionen Euro kostet der Frühjahrsputz. Auch acht der neun Schleusen werden restauriert und die Brücken überprüft. Die Pariser Wasserwege sind wichtig für die Stadt: 90 Prozent der Baumaterialien wie Sand und Kies – aber auch der Schutt nach Abrissarbeiten – werden über diese Wasserwege in die Stadt oder hinaus geschafft. Auf dem Canal Saint-Martin tuckern aber normalerweise vor allem Privatboote und Ausflugsschiffe mit Touristen, während am Ufer viele einen Spaziergang unter Platanen oder ein Picknick machen. An den Sommerabenden ist hier oft Party und Apéro angesagt. Auch wegen der vielen Bars und Boutiquen des In-Viertels drumherum.

Am Grund des Kanals verschlammten 100 Vélibs

Am Grund des Kanals verschlammten 100 Vélibs

Fast zehn Millionen Euro kosten die Bauarbeiten und der Abtransport des Schlamms sowie des Mülls. Und Anfang April soll das Wasser dann wieder hineinfließen dürfen, ganze 90000 Kubikmeter, was 36 Füllungen olympischer Schwimmbäder entspricht.

Es war Napoléon, der den Canal Saint-Martin Anfang des 19. Jahrhunderts bauen ließ. Einerseits für den Warentransport, andererseits um Paris mit Wasser zu versorgen. Die Einweihung fand 1825 statt. Seit Anfang der 1990er Jahre kann sich der Canal sogar Monument historique nennen. Die Hälfte des Kanals verläuft übrigens unterirdisch.