Gedenken am Mittelmeer

Frankreichs Region Okzitanien ist beliebt bei Touristen – vor allem die Küste an der spanischen Grenze. Nur wenige wissen, dass die Gegend im vergangenen Jahrhundert Hundertausende von Flüchtlingen aufgenommen hat. Lange Zeit herrschte Schweigen darüber, denn nicht immer haben die Franzosen die Flüchtlinge gut behandelt. Doch inzwischen werben die Tourismusverbände im Département Pyrénées-Orientales damit, sich Zeit zu nehmen für dieses schwierige Kapitel der französisch-spanischen Geschichte. Die Ausstellungen haben in Zeiten der Flüchtlingskrise eine große Aktualität. Hier eine Auswahl von  Gedenkstätten – auch mit einem Blick über die Grenze nach Spanien:

ARGÈLES-SUR-MER / LAGER AM STRAND

Noch ist es ruhig am Strand von Argelès-sur-Mer, die Saison geht erst noch los. Ein kühler Wind kommt vom Meer, Wolken ziehen über die Pyrenäen, die Grenze zu Spanien ist nur 30 Kilometer entfernt. Der französische Ort am Mittelmeer unweit von Perpignan ist beliebt bei Campern. 60 Campingplätze gibt es hier. Wenn die alle voll sind im Hochsommer, zählt der Ort 250 000 Menschen statt der üblichen 11 000.

Hier lebten einst Flüchtlinge in unwürdigen Zuständen: Der Historiker Grégory Tuban am Strand von Argelès-sur-Mer.

Grégory Tuban steht am Strand und zeigt nach Norden. „Hier zog sich das Lager entlang, aber es gibt keine Spuren mehr davon“, sagt der Historiker aus Perpignan. Dort, wo sich bald wieder die Urlauber sonnen, wurden einst spanisch-republikanische Flüchtlinge in ein Lager gepfercht.

Der Bürgerkrieg in Spanien (1936 bis 1939) löste mehrere Flüchtlingswellen nach Frankreich aus. Als Barcelona fiel und die Republikaner vor den Truppen des faschistischen Generals Franco flüchteten, überquerte im Februar 1939 fast eine halbe Million Menschen die Grenze in La Jonquera und Portbou.

Die Behörden waren völlig überfordert von dieser „Retirada“ (Rückzug), wie dieser Flüchtlingsstrom genannt wird. Sie brachten die Menschen zunächst an Stränden unter, zu allererst in Argelès-sur-Mer. Die ersten, die hier im kalten Februar 1939 ankamen, schliefen im Sand. Sie schützten sich mit Decken oder Planen vor Regen und Sturm. Das Meer war ihre Toilette, sanitärähnliche Einrichtungen gab es erst später. „Es waren unwürdige Bedingungen“, sagt Tuban. Heute erinnert ein Gedenkstein direkt am Strand an dieses Ereignis.

Der Gedenkstein in Argelès, nur wenige Meter vom Strand

100 000 Menschen lebten zeitweise in diesem Internierungslager. Viele Spanier, die für Demokratie und die Republik gekämpft hatten, waren verletzt, ausgehungert und krank. Erst nach und nach wurden Baracken errichtet. Frauen und Kinder wurden getrennt von den Männern. Für sie begann ein tristes Leben in hinter Stacheldraht, bis sie nach Monaten woanders in Frankreich untergebracht wurden.

Nicht weit entfernt von dem früheren Lagerort steht Jacqueline Payrot auf einem kleinen Grundstück zwischen den Strandhäusern neben einem Grabstein. 240 Flüchtlinge sind hier begraben. Payrot ist Vorsitzende des Vereins Ffreee, der sich für das Gedenken an die Retirada einsetzt. „Vermutlich hat es im Lager von Argelès Tausende Tote gegeben“, sagt sie. Ein kleines Museum in der Stadt erinnert mit Fotos und Zeugenaussagen an den Lageralltag. Urlauber und auch viele Spanier kämen immer wieder hierher, um sich an das Schicksal dieser Menschen damals zu erinnern.

LA JONQUERA / VON BÜRGERKRIEG UND KÜNSTLERN

Nur sechs Kilometer hinter der Grenze liegt La Jonquera. Ein spanisches Grenzgänger-Einkaufsparadies, etwa für preiswerte Alkohol und Schokolade. Während der Retirada marschierten 200000 Republikaner durch diesen Ort über die Grenze nach Frankreich. Heute befindet sich mitten im Ort das Museum „Memorial de l’Exili“ mit einer ständigen Ausstellung zu dieser schwierigen spanisch-französischen Geschichte.

Eine Fotowand aus dem MUME in La Jonquera

Die Decke des Saals sieht aus wie aus Sand – mit Abdrücken von Fußspuren. Eine Anspielung auf die Flüchtlinge an den französischen Stränden. Zahlreiche Fotos – etwa von dem berühmten Fotografen Agustí Centelles – zeugen von dem Alltag während des Spanischen Bürgerkriegs und dem der Flüchtlinge. „Diese Flüchtlingsbewegung war die erste, die derartig intensiv fotografiert wurde“, sagt Museumsdirektor Jordi Font. Eine ganze Wand ist voller Zeichnungen von Lagerinsassen. In Lagern wie in Gurs oder St. Cyprien lebten viele Künstler, die Alltagsmomente festhielten. Etwa Josep Franch Clapers, der Tintenzeichnungen von Beerdigungen machte.

Das Museum zeichnet die Wege der vertriebenen Republikaner nach, die von Südfrankreich bis nach Nordafrika, Kolumbien, in die Sowjetunion oder die Schweiz und nach Großbritannien flüchteten und um Asyl baten. Oder die sich in Frankreich der Résistance anschlossen. Ein Teil der Ausstellung erzählt auch von der Deportation der 8000 bis 10000 Menschen in das KZ Mauthausen. Manche Republikaner sind in das Spanien Francos zurückgekehrt, wo sie verfolgt, ermordet oder ins Gefängnis geworfen wurden.

COLLIOURE / AM GRAB VON ANTONIO MACHADO

Jemand hat mit Kieselsteinen auf dem Grab ein Herz geformt. Rosen und eine Flagge der spanischen Republik schmücken die Stätte. Auf dem Friedhof des idyllischen französischen Mittelmeerstädtchens Collioure kurz vor der spanischen Grenze befindet sich das Grab des spanischen Dichters Antonio Machado. Ein kleiner Briefkasten steht am Grab, hier werfen seine Verehrer immer noch Zettelchen und Briefe ein.

Pilgerstätte für Spanier und Literaturliebhaber: Grab von Antonio Machado in Collioure

Lange gab es keinen Gedenkort für die Menschen, die die Retirada erlebt hatten. Sie pilgerten also zum Grab des Lyrikers und machten es zu einem symbolischen Ort für die Exilanten. Ab 1931 hatte er die Republikaner unterstützt, im Januar 1939 floh er mit seiner Mutter nach Collioure. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft starb er am 22. Februar 1939 – vermutlich aus Erschöpfung.

Nur wenige Schritte vom Friedhof entfernt sitzen die Touristen in der idyllischen Hafenbucht der Stadt, essen gegrillten Hummer und trinken Weißwein. Über ihnen erhebt sich die Königsburg von Collioure. Wer die Treppen hinaufsteigt, findet im Inneren des Schlosses eine kleine Ausstellung zur Retirada. Mehr als 900 ausländische Flüchtlinge, die als besonders gefährlich galten, waren hier zwischen März und Dezember 1939 in diesem „Camp spécial“ untergebracht. Unter menschenverachtenden Bedingungen, etwa in dunklen Kerkern in den dicken Mauern der Burg, wurden sie interniert. Es gab Hungerstreiks, viele Häftlinge starben. Unter dem Vichy-Regime wurden hier schließlich auch „Verdächtige“ und Kriegsgefangene inhaftiert – auch deutsche.

ELNE / EINE ZUFLUCHT FÜR FLÜCHTLINGSFRAUEN

In den Lagern der Gegend gab es zahlreiche schwangere Frauen. Für sie waren die extremen Wetterbedingungen und die schlimmen hygienischen Zustände besonders unerträglich.

Manche dieser Frauen hatten Glück und erhielten Zuflucht bei Elisabeth Eidenbenz. Die Schweizerin gründete im Dezember 1939 in Elne, nur wenige Minuten vom Flüchtlingslager Argelès gelegen, ein Entbindungsheim, die Maternité suisse d’Elne. Mit der Erlaubnis der Behörden nahm sie schwangere Frauen aus den Internierungslagern auf, aber auch unterernährte Kinder.

Ein Ort der Hoffnung in dem damaligen Flüchtlingselend: Das Entbindungsheim in Elne

Viele Schwangere kamen in Elne völlig erschöpft an, hatten Flöhe, die Krätze oder Tuberkulose. Eidenbenz und ihre Helferinnen pflegten die Flüchtlinge, gaben ihnen ein sauberes Bett. Hier bekamen sie im Gegensatz zu den Lagern sauberes Wasser, Seife und Medikamente. Die meisten Frauen wurden hier gesund gepflegt.

In Elne wurden fast 600 Babys geboren, die meisten Mütter waren Spanier, aber insgesamt waren 15 Nationalitäten vertreten, auch einige Deutsche. Tausend Frauen und tausend Kinder erhielten hier Fürsorge.

Waren die Frauen stark genug, halfen sie bei der Arbeit im Garten und in der Küche mit, sie fühlten sich wieder nützlich – und als Frau und Mutter.

Elisabeth Eidenbenz (1913-2011) hatte ein Herz und missachtete Vorschriften der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung. 1944 merkten die Nationalsozialisten, dass Eidenbenz auch jüdischen Müttern half. Die Klinik musste schließen. 50 Jahre lang verfiel das Gebäude, niemand sprach darüber. Heute kann das restaurierte Gebäude besichtigt werden. Eine kleine Ausstellung mit bewegenden Fotos zeigt den Alltag von damals und erinnert an die mutigen Frauen, die den Flüchtlingsfrauen deren Würde zurückgaben.

RIVESALTES / LAGER DER UNERWÜNSCHTEN

Nur wenige Kilometer weiter liegt Rivesaltes, die Stadt, wo der bekannte süße Muskatwein herkommt. Am Rande des Ortes drehen sich Windräder bei einem kleinen Industriegebiet. Dahinter befindet sich ein weites Gelände voller Ruinen. Auf einem asphaltierter Rundweg laufen Touristen durch eine verfallene Baracken-Landschaft. Unkraut erobert die zerbröselnden Betonböden und Latrinen. Auch hier war ein Lager – mit einer einzigartigen Geschichte der Flüchtlingsbewegung in Spanien, des Zweiten Weltkriegs und der Folgen des Algerienkrieges.

Rundgang durch die Lager-Ruinen neben dem Mémorial in Rivesaltes

Heute liegt inmitten dieser Ödnis eine Gedenkstätte, das Mémorial du Camp de Rivesaltes. „Die Lagerinsassen hier hatten eines gemeinsam: Sie alle waren unerwünscht“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte, Agnès Sajaloli. Architekt Rudy Ricciotti hat den imposanten rechteckigen Flachbau zwischen die verfallenden Lagerbauten gesetzt. Ein Monolith, 220 Meter lang und 20 Meter breit, liegt quasi im Erdreich, er beginnt unter Bodenniveau und erhebt sich langsam nach oben. Nie ist der orangebraune Bau höher als die Lagerruinen.

Angelegt wurde das Lager von Rivesaltes einst als Militärlager. Doch während der Retirada wurde es zum Durchgangslager für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge. 1941 wurden Hunderte Sinti und Roma aus Elsass-Lothringen hier interniert, und schließlich deutsche Juden, darunter auch badische Juden, die vorher im südfranzösischen Gurs waren. Schließlich wurde das Camp ab 1942 zum überregionalen Sammellager für Juden und der französische Staat begann unter dem Vichy-Regime mit der Deportation: Von Rivesaltes aus fuhren neun Deportationszüge mit 2289 Männern, Frauen und Kindern über Drancy bei Paris nach Auschwitz.

Nach dem Krieg wurde dieser Ort des Elends weiter genutzt: für Vichy-Kollaborateure, und von 1945 bis 1948 für deutsche und österreichische Kriegsgefangene. Nach dem Algerienkrieg wurde das Camp ein Auffanglager für Harkis – so nennt man die algerischen Hilfssoldaten, die sich während der Unabhängigkeitskriege auf die Seite Frankreichs gestellt hatten. Kurz vor der endgültigen Schließung des Lagers 2007 war es zuletzt noch ein Abschiebegefängnis. Noch heute grenzt die Gedenkstätte an ein Militärgelände.

„Die lokalen und regionalen Widerstände gegen dieses Mémorial waren groß“, erinnert sich Agnès Sajaloli. 18 Jahre haben Politiker und Vereine dafür gekämpft, dass diese Erinnerungsstätte Wirklichkeit wird, 2015 wurde sie endlich eröffnet. Es ist eine Stätte gegen das Vergessen.

Die Gedenkstätte – wie eingegraben im Erdreich. Drumherum die Lagerbaracken.

Die Besucher erwartet die Dauerausstellung „Die Unerwünschten“ über das Lager und das Leben der Internierten und Flüchtlinge. Sie ist in Zeiten der Flüchtlingskrise von bedrückender Aktualität. „Was sich damals hier ereignet hat ist ein Spiegel dessen, was wir auch heute erleben“, sagt Sajaloli.

Besucher finden Standtafeln mit der Geschichte des Lagers vor, aber auch kleinere Bildschirme mit Berichten von Zeitzeugen sowie eindrucksvolle Fotos und Gegenstände von damals. Karten zeigen europäische Flüchtlingsbewegungen von 1914 bis 2015 und erinnern daran, dass bereits das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Flüchtlinge war.

 

Exponate im Mémorial du Camp de Rivesaltes

 

Mémorial du camp d’Argeles-sur-Mer

26, avenue de la Libération, 66700 Argelès-sur-Mer (Neueröffnung Mitte Juni). Der Gedenkstein findet sich am Strand in der Rue des Dunes, der Friedhof der Spanier in der Avenue de la Retirada.

Museu Memorial de l’Exili (MUME)

Calle Major 43-47, 17700 La Jonquera / Spanien, Di bis Sa 10 bis 18 Uhr (im Sommer bis 19 Uhr), So 10 bis 14 Uhr. http://www.museuexili.cat

Château royal de Collioure

Im Ortszentrum von 66190 Collioure. Geöffnet 10 bis 19 Uhr (Hochsaison, 15. und 16.8. geschlossen). http://www.ledepartement66.fr/98-chateau-royal-de-collioure.htm

Maternité Suisse d´Elne

Château d’en Bardou, Route de Montescot, 66200 Elne. Täglich 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr (Hochsaison). http://www.maternitesuissedelne.com

Mémorial du Camp de Rivesaltes

Avenue Clément Ader, 66600 Rivesaltes. Von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, danach Di bis So 10 bis 18 Uhr. http://www.memorialcamprivesaltes.eu

Die meisten Texte in den Museen sind in französischer und englischer Sprache, im Mume auch auf Spanisch, im Mémorial von Rivesaltes teils auf Deutsch.

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Plauschen über les migrants

Das Haus hat neue Farbe gekriegt, auch die Fensterläden. Die Handwerker sind fertig und ich frage, ob sie einen Kaffee trinken möchten. Volontiers, gerne. Wir plaudern ein bisschen und ein Handwerker merkt an meinem Akzent, dass ich kein Franzose bin. „Das ist wirklich toll, was Ihr Deutschen für die Muslime macht“, sagt er. Er meint die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. Er zeigt Respekt für die Hilfsbereitschaft seitens der Deutschen, spricht über das Leid der Syrer und wettert gegen Länder wie Saudi-Arabien, die sich so wenig engagieren würden in dieser Flüchtlingskrise. Wir nippen an unserem Kaffee. Er selbst hat tunesische Eltern, er schimpft gegen Daech, wie der IS in Frankreich genannt wird. Diese Terroristen würden Tunesien schaden, der Stabilität des Landes, dem Tourismus. Und mit dem muslimischen Glauben hätten sie rein gar nichts zu tun. Wie wahr. Dann muss er weiterarbeiten.

Kurze Zeit später treffe ich meinen französischen Nachbarn auf der Straße. Sein Hund geht mit ihm Gassi, denn das Tier ist meistens der dominierende Part von den beiden und hat in der Hundeschule vermutlich richtig schlechte Noten bekommen. Während der Hund hechelt, kommen wir ins Gespräch. Auch le Nachbar spricht mich auf die Flüchtlinge an. Er habe im Fernsehen gesehen, dass Deutschland die Flüchtlinge aufnehme, weil das Land ein demografisches Problem habe. Weil die deutsche Gesellschaft so alt sei. Und die Wirtschaft Arbeitskräfte brauche. Zwischen den Zeilen höre ich das, was man immer wieder in Frankreich hört: dass die Deutschen das aus rein egoistischen, berechnenden Gründen machen.

Ich erzähle ihm von Freunden in Deutschland, die sich ehrenamtlich engagieren, die in den Flüchtlingsheimen helfen, Deutschunterricht geben. Dass es für sie wie für viele Deutsche zunächst einmal ein Gebot der Menschlichkeit ist. Er schaut mich erstaunt an, als ob ich etwas erzähle, was völlig unwahrscheinlich klingt. Dann zieht der Hund ihn weiter, und das Herrchen lässt es geschehen.

Jagd auf Flüchtlinge

Die Attacken spielen sich meist ähnlich ab: Ein dunkles Fahrzeug taucht auf, bewaffnete, schwarz gekleidete Männer steigen aus und gehen auf Flüchtlinge los. Verprügeln sie mit Eisenstangen, Schlagringen und Schlagstöcken, manchmal stechen sie auch mit Messern zu.

Diese Angriffe geschehen in Nordfrankreich, bei Calais und dem sogenannten Dschungel.  In diesem Slum-Lager voller Zelte und Hütten aus Spanplatten und Plastikplanen hausen immer noch Tausende Flüchtlinge unter elenden Zuständen – ein Teil des Camps soll nun geräumt werden. Die meisten Flüchtlinge und Migranten aus dem Lager wollen durch den Eurotunnel nach Großbritannien: entweder mit Hilfe von Schleppern oder indem sie auf einen der Laster aufspringen, der als Ziel die britische Insel hat.

Vereinzelte rassistische und rechtsextreme Übergriffe in und um Calais gab es in den vergangenen Jahren immer wieder, aber in jüngster Zeit nahmen die Angriffe zu. In Loon-Plage bei Dunkerque nahm die Polizei sieben Männer im Alter von 24 bis 44 Jahren fest, die vermummt und mit Eisenstangen bewaffnet auf vier irakische Kurden losgegangen waren. Es war wohl nur eine Bande von mehreren.

Einige der Angreifer sollen aus Calais und Umgebung stammen, manche sollen einer ausländerfeindlichen Gruppe namens Calais idéoscope angehören – sie bezeichnen sich als Patrioten und Widerstandskämpfer. Mitglieder dieser Gruppe wurden Anfang Februar während einer verbotenen Pro-Pegida-Demonstration in Calais festgenommen. Etwa 150 Unterstützer der deutschen Vereinigung Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) waren vor den Bahnhof von Calais gekommen – trotz eines Demonstrationsverbots. Sie riefen Parolen wie „Migranten raus!“ und schwenkten französische Flaggen.

Am 12. Februar haben neun Flüchtlinge bei der Staatsanwalt von Boulogne-sur-Mer Anzeige erstattet: gegen fünf Polizisten wegen gewalttätiger Übergriffe – wobei unklar ist, ob die Täter wirklich Polizisten waren oder sich die Täter als Beamte verkleidet hatten. Vier Anzeigen gab es gegen unbekannte Zivilisten. Eine Anlaufstelle für juristische Hilfe im „Dschungel“ unterstützte die Flüchtlinge dabei. Deren Mitarbeiter sprachen von insgesamt 50 Flüchtlingen, die allein Anfang Januar angegriffen wurden. Auch die Ärzte in Calais stellen immer wieder fest, dass viele Verletzungen von gewalttätigen Übergriffen stammen. Manche Opfer hatten schwere Knochenbrüche erlitten und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die „Médecins du monde“ protokollieren Zeugenaussagen. Es scheint, dass organisierte Gruppen Flüchtlinge manchmal mehrmals pro Woche angreifen würden. Und das, obwohl Calais einer der überwachtesten Orte Frankreichs ist: 1700 Polizisten und Gendarmen sind dort derzeit eingesetzt.

Oben Cocktails, unten Asylantrag

Die Blondine im Bikini hält sich am Plastikdelfin fest. Ihre Freundin steckt im Schwimmreifen und kichert. Ahmed M. schaut den Frauen zu, wie sie in dem Mini-Pool auf dem Restaurant-Schiff „Playtime“ ihren Spaß haben. Er kann sie sehen von seinem Zelt aus am Kai an der Seine. Gerade mal 30 Meter ist das vertäute Schiff entfernt vom illegalen provisorischen Flüchtlingscamp im Osten von Paris, in dem Ahmed lebt. „Das da ist eine andere Welt“, sagt er.

Oben das grüne Thekendach des Clubs Wanderlust, unten Flüchtlingszelte

Oben das grüne Thekendach des Clubs Wanderlust, unten Flüchtlingszelte

Jogger traben hier an den sogenannten Docks vorbei, wo aus früheren Lagerhallen die schicke „Cité de la Mode et du Design“ entstanden ist. Studenten studieren hier Mode, Pariser amüsieren sich. Flanierende Touristen fotografieren die eng platzierten grünen und blauen Zelte der Flüchtlinge. Ahmeds Zelt steht auf zwei roten Holzpaletten am Kai, davor ein Kehrbesen und eine Plastikwanne, in der er gerade T-Shirts einweicht. Er zieht die Zeltplane seines kleinen, von Hilfswerken gekauften Quechua-Zelts beiseite: drinnen eine Matratze, zwei Schlafsäcke – er teilt das Zelt mit einem anderen Flüchtling.

Eine Freitreppe führt mitten in seinem Camp hinauf auf die erste Etage des Gebäudes – in den Szene-Club namens Wanderlust. Laute Pop-Musik dröhnt aus dem Getränkesstand unter freiem Himmel. „Die da oben sind schon o.k.“, sagt Ahmed, „aber leider läuft die Musik oft bis morgens um 6 Uhr, dann liege ich die Nacht wach.“ Nicht nur wegen der Lautstärke. Gegen vier Uhr sind manche Club-Gäste ziemlich betrunken, und sie vergessen, dass Flüchtlinge auch Menschen sind: „Dann werfen sie Kippen und Bierflaschen auf unsere Zelte.“ Oder spucken sogar hinunter.

Ein Notlager inmitten einer Partymeile. Fast 20 Monate gibt es dieses Flüchtlingscamp schon. Ahmed (28) lebt seit drei Monaten hier. Er floh aus dem Sudan. Er sagt nur: „Darfur“. Ein Wort, das für ihn nicht weiter erklärt werden muss. Eine Region mit Bürgerkrieg, Rebellen, Milizen, Gewalt, Tod, Vergewaltigung, Vertreibung. Ahmed hat eine Wunde an der Schläfe, eine am Kinn, sie sind gut verheilt. „Kämpfe“, sagt er. Soldaten attackierten seine Familie, „Mama, Papa, zwei Brüder, drei Schwestern – sie sind alle noch dort.“ Er floh.

Takeaway nur für zahlende Gäste auf der ersten Etage

Takeaway nur für zahlende Gäste auf der ersten Etage

Ahmeds monatelanger Weg nach Europa gleicht dem vieler Flüchtlinge, die derzeit in Paris auf der Straße leben: erst nach Libyen. 1500 Dollar kostete ihm der Platz auf dem Schleuserschiff übers Mittelmeer. Dann Italien, bei Ventimiglia über die Grenze nach Nizza. Mal Bus, mal Bahn, mal stundenlange Fußmärsche. Immer die Angst, von der Polizei aufgegriffen zu werden. Dann Paris. Ahmed fuhr zunächst weiter über Straßburg nach Hannover. Sein Asylantrag wurde aber vor einem Jahr abgelehnt, also fuhr er zurück nach Paris. Jetzt versucht er hier, Papiere zu bekommen.

Viele der 140 Flüchtlinge am Quai d`Austerlitz sind von der Reise erschöpft. Baschir aus dem Tschad erzählt von der Überfahrt übers Mittelmehr, wo er sich auf den überfüllten Booten tagelang kaum rühren konnte. Daniel aus Eritrea vom Kentern seines Bootes, so dass 41 seiner Mitflüchtlinge starben. Jetzt hoffen diese Männer in Paris auf Hilfe und Schutz in Europa. Und warten unterm Wanderlust.

Paris, die Stadt der Flüchtlinge. Die Metropole zieht sie an, und es werden immer mehr. Über 500 würden derzeit unter freiem Himmel leben, schätzt das Rathaus. Für einen Teil von ihnen ist Paris nur ein Transit-Ort. Sie wollen weiter nach Calais und dort sich an Laster klammern, die durch den Tunnel nach Großbritannien fahren. Andere wollen nach Schweden, in die Niederlande und Deutschland. Paris ist mit der Situation längst überfordert. Aufsehen sorgte im Juni die Räumung des Flüchtlingscamps unter der Hochbahn-Station La Chapelle im Norden der Stadt. Bereits seit dem Sommer 2014 lebten dort 380 Flüchtlinge – darunter Frauen und Kinder – unter unwürdigen Zuständen: zwischen Ratten, Uringestank und dem ständigen Rattern der Métros. Schließlich schickten die Behörden Busse und Polizisten, um das Camp aufzulösen. Danach wurde ein Teil der Flüchtlinge von Stadt und Staat gut betreut. Andere jedoch irrten bereits kurz danach wieder durch die Metropole.

An der Halle Pajol im 18. Arrondissement ein neues Camp unter freiem Himmel - ein erstes wurde von der Polizei geräumt

An der Halle Pajol im 18. Arrondissement ein neues Camp unter freiem Himmel – auch dieses wurde inzwischen geräumt.

Als kurze Zeit danach die Polizei ein Flüchtlingslager bei der Jugendherberge in der Pajol-Halle im Norden der Stadt auflöste, kam es zu Gewalt. Sympathisanten der Flüchtlinge bildeten eine Schutzkette um die Flüchtlinge, manche attackierten die Polizisten, die Beamten setzten Tränengas ein. Linke und Hilfsvereine warfen der Regierung Brutalität und Planlosigkeit vor. Die Behörden wiederum sprachen von Demagogie und einer Instrumentalisierung der Migranten. Die grüne Ex-Ministerin Cécile Duflot nannte die derzeitige Flüchtlingspolitik gar „moralisches Waterloo“.

Ein klappriger weißer VW-Bus hält am Quai. Médecins sans frontieres, steht darauf, Ärzte ohne Grenzen. Pierre Blanc steigt aus, geht auf die Flüchtlinge zu und sagt bonjour, wer krank sei, der könne zum Bus kommen. Jeden Tag macht der Bus hier Station. 20 bis 35 Flüchtlinge betreut der Ärztewagen durchschnittlich an einem Nachmittag an zwei Camps in Paris. „Viele haben Stress-Krankheiten von ihrer langen Reise, vom Auf-der-Straße-Leben, Magen- und Atemprobleme“, weiß Blanc. „Viele leiden unter psychischen Problemen und Erschöpfungszuständen, einige unter Hautkrankheiten wie Krätze.“ Es bildet sich eine kleine Schlange vor der rollenden Praxis mit einer Ärztin und einer Helferin.

Für die Flüchtlingsorganisation France Terre d´Asile sind diese Lager unter freiem Himmel in Frankreichs Hauptstadt menschenunwürdig. Die Flüchtlinge mit positivem Asylbescheid hätten Recht auf eine Unterkunft, andere, die den sehr komplexen Asylantrag stellen wollten, müssten dies tun können in würdigen Umständen und bräuchten Begleitung. Das französische Asylbewerbungssystem hat aber enorme Mängel: durchschnittlich dauert es vier bis sechs Monate, bis ein Flüchtling überhaupt einen Termin bei der Präfektur bekommt – mindestens so lang lebt er auf der Straße. Asylverfahren in Frankreich beanspruchen zuviel Zeit – im Durchschnitt dauert es 19 Monate.  Seit Jahren werden sie hin und hergeschickt, schlecht behandelt, gar verscheucht, kritisiert France Terre d’Asile.

Ehrenamtliche geben Französischunterricht für Flüchtlinge

Ehrenamtliche geben Französischunterricht für Flüchtlinge

In Frankreich fehlt es auch an Unterkünften für die Flüchtlinge. Bisher gibt es 25000 Betten in Aufnahmelagern, 20000 Plätze in Notunterkünften. Doch für mindestens 25000 Menschen fehlt es an Schlafplätzen. Als Reaktion auf die sich zuspitzende Lage und die zahlreichen wilden Lager in Paris kündigte Innenminister Bernard Cazeneuve vor kurzem an, dass fast 10000 neue Unterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber geschaffen werden sollen. Gleichzeitig werden aber verstärkt Wirtschaftsflüchtlinge abgeschoben. 65000 Flüchtlinge haben 2014 in Frankreich einen Asylantrag gestellt (Deutschland: 203000).

Viele Pariser wollen nicht mehr wegsehen. So wie Olivier Mesnil. Er hat mit anderen Anwohnern ein Hilfskomitee gegründet. „Ich konnte einfach nicht zusehen, wie die Flüchtlinge auf dem Gehsteig vor meinem Haus schlafen und ich gleichzeitig selbst im warmen, weichen Bett liege“, sagt er. Manchmal nehmen er und seine Helfer Flüchtlinge mit zu sich nach Hause, damit sie duschen können. Bis vor Kurzem hat er in der Halle Pajol im Norden von Paris Flüchtlinge mit Lebensmitteln versorgt, hier hatte sich ein neues Lager gebildet. Inzwischen wurde es friedlich geräumt.

Der 39-Jährige schaut regelmäßig bei den kleinen Parks an der Metrostation La Chapelle vorbei, wo viele Flüchtlinge übernachten und Kinderrutschen zum Regenschutz und Stauraum für ihr wenige Hab und Guts herhalten. Er warnt Flüchtlinge vor Dealern und aggressiven Crack-Abhängigen. Touristen auf dem Weg zu Montmartre bekommen von der Metrolinie 2 aus einen Blick auf dieses Flüchtlingsparis. Mesnil hat den Eindruck, dass die Behörden die Situation verschlimmern lassen, damit die Flüchtlinge von sich aus verschwinden. „Das sind doch keine Hunde, sie haben ein Recht auf Asyl“, sagt Mesnil. Sie hätten ihr Land nicht aus Lust und Laune verlassen, sondern weil sie sonst dort sterben würden.

Oben Cocktails für 12 Euro, unten Elend

Oben Cocktails für 12 Euro, unten Elend

Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagte, sie sei stolz auf die Pariser und die Vereine, die eine beachtliche Solidarität zeigten. Jede Nacht finanziere die Stadt Paris bereits Notunterkünfte für 30000 Obdachlose und Flüchtlinge. Sie drängt aber darauf, dass sie auch verstärkt auf andere Départements verteilt werden. Hidalgo will, dass Paris Flüchtlinge besser empfängt und hat zwei Vorschläge gemacht: entweder ein Transit-Zentrum mit Unterkunftsmöglichkeiten für 250 bis 300 Flüchtlinge, die Asyl beantragen wollen. Oder ein Informationsbüro, wo die Flüchtlinge von den Vereinen eine erste Beratung bekommen und dann auf bestehende Unterkünfte verteilt werden. „Ich will niemanden mehr draußen auf den Pariser Gehsteigen in absolut unwürdigen Umständen schlafen sehen.“

Das Thema spaltet das Land. Nach einer Umfrage der Zeitung Libération ist die Hälfte der Franzosen der Meinung, Frankreich solle weniger Flüchtlinge aufnehmen. Der rechtextreme Front National nutzt das Flüchtlingsthema für sich. Auch die konservative Opposition schürt Ängste: mehr Hilfe und weitere Unterkünfte würden nur noch mehr Flüchtlinge anziehen. Das Wort Sangatte macht auch in Paris die Runde: So heißt der kleine Ort direkt am Ärmelkanal in der Nähe des Eurotunnels, wo 1999 das Rote Kreuz ein Notlager für 200 Flüchtlinge errichtete, die nach Großbritannien wollten. Aus dem Provisorium wurde ein immer größer werdendes Lager mit 1600 Menschen, so dass es Innenminister Sarkozy 2002 auflösen ließ. Eine Lösung war das nicht: Es entstanden einfach anderswo neue Sangattes.

Am Quai d’Austerlitz ist Aperitif-Zeit – in der ersten Etage. Im Wanderlust trinken die Gäste gekühlten Rosé und 12-Euro-Cocktails. Mitarbeiter stellen Liegestühle für das Freiluftkino auf. Aus den benachbarten Büroglastürmen des Neubauviertels im Osten kommen die Angestellten und genießen von der Club-Terrasse den Blick auf die Seine, die vorbeifahrenden Frachtkähne und das mächtige Finanzministerium Bercy auf der anderen Uferseite.

Victor Chevalier sitzt mit seinem Kumpel in der Sonne und trinkt sein Corona-Bier. Er kann die Flüchtlinge gut unter ihm beobachten. Die störten ihn nicht, sagt der 25-Jährige. „In Paris ist man dieses nebeneinander sowieso gewohnt“, es gebe ja auch viele Obdachlose. Chevalier wird nachdenklich. „Ich oben, wo alles ok ist – die unten, im Elend“, sagt er. Er fände es aber toll, dass die da unten gerade Französisch lernen. Tatsächlich stehen zwei Frauen vor Tafeln, auf dem Boden sitzen Flüchtlinge mit Schreibheften und hören ihnen aufmerksam zu. Unter ihnen ist auch Ahmed. Auf der Tafel stehen die Sätze „Ich habe Hunger, ich habe Durst“.

Der Minipool auf dem Schiff wenige Schritte vom illegalen Camp entfernt

Der Minipool auf dem Schiff wenige Schritte vom illegalen Camp entfernt