Paris-Tipp: Schlaaaand im Titon

Halbfinalspiel Deutschland-Frankreich. Mitten in Paris viel Schland in Sicht. Eine kleine Café-Bar, Mega-Andrang. Das germanophile Titon ist ein kleiner Zufluchtsort für Deutsche mit plötzlicher Sehnsucht nach deutschem Fußball (WM oder Bundesliga live), Bier (Tannenzäpfle und Lagerbier) und Essen (Sauerbraten und Haxen) im 11. Arrondissement östlich von der Place de la Bastille.

Körperverletzungswahrscheinlichkeit: Gering. Ein Bekannter sagte zwar vorher zu mir: Geh lieber zu Bier und Würstchen in die Deutsche Botschaft, da bist Du sicher. Na was denn, gilt der deutsch-französische Freundschaftsvertrag denn nicht während der WM? Beim Spiel Algerien-Deutschland gab es allerdings nach dem Match vor dem Café Titon anscheinend ein paar Handgreiflichkeiten…

Bildschirmgröße: Bei diesem besonderen Spiel ein Fernseher vor der Kneipe. Zwei Beamer drin, die das Spiel schön groß auf die Wand werfen. Hier läuft ZDF.

Andrang vor dem Titon auf der Kreuzung. Lahm ist auch da.

Andrang vor dem Titon auf der Kreuzung. Lahm ist auch da.

Die Zuschauer: 60 Prozent Deutsche, 30 Prozent Franzosen und ein internationaler Rest. Mutige Deutsche, die beim Eintreten in die Bar bereits die Deutschlandhymne singen. Selbstbewusste Franzosen, die beim Reinkommen „Allez les Bleus“ rufen. Französische Maß-Trinker neben deutschen Menthe-à-l´eau-Süfflern.

Fanfreundschaften: Viel Bussibussi und Bisesbises. Hier sind allerhand binationale (Ehe-) Paare… So ein Spiel ist sicher eine harte Prüfung für so ein Paar, aber das muss man sich halt vorher überlegen. „Wir sind letztlich für den, der gewinnt – ganz einfach“, sagt ein Franzose, der eine deutsche Frau im Arm hat. Man kann das auch konfliktscheu nennen.

Der lauteste Moment: Na klar: Hummels Tor. Aber auch der Fastausgleich der Franzosen kurz vor Schluss. Und das schadenfreudige deutsche „Ohhhhhhhhhhh-Gebrüll“ kurz vor Abpfiff, als die Kamera traurige Franzosengesichter im Stadion zeigt.

Wie die Sardinen. Bei solchen Top-Spielen werden Tische und Stühle rausgeräumt.

Wie die Sardinen. Bei solchen Top-Spielen werden Tische und Stühle rausgeräumt.

Alkoholpegel: Im Titon gibt es viel deutsches Bier!!! Kein Heineken- oder Stella-Dünnbier, sondern Tannenzäpfle und als „Bière du Moment“ Erdinger. Die Pariser Preise verhindern jegliche Exzesse: halber Liter Erdinger: 7,10 Euro. Ein Fläschchen „Tannen Zapfl“: 5,90 Euro. Draußen auf dem Gehsteig steht eine Zapfanlage. Die Straßenkreuzung ist voller gut gelaunter Leute.

Fanoutfit: Eher zurückhaltend. Viele deutsche Trikots. Die Bedienungen mit Deutschland-T-Shirts und „Weltmeisterschaft 2014“-Aufdruck. Hawaii-Ketten vor allem bei den deutschen Ladys. Einige Damen mit F-D-Wangen. „Hoffentlich haut mir hier keiner auf’s Maul“, sagt ein Franzose mit einer Frankreichfahne über der Schulter.

Nervfaktor: Die Bierpreise. Und die Leute, die beim Bestellen über die Bierpreise jammern. Paris ist halt Paris. Und: Die zu leistende Aufklärungsarbeit während des Spiels. „Bedeutet der Name Schweinsteiger wirklich, dass jemand auf ein Schwein steigt?“, fragt der Franzmann neben mir.

Zitate des Abends: Ein Franzose: „Allez les boches“. (Boches sagen die Franzosen herablassend für Deutsche.) Eine Deutsche: „Ich bin wegen der WM hier und wegen Europa.“

Viel Bussibussi und Bisoubisou

Viel Bussibussi und Bisoubisou

Publikumsliebling: Die vier Ventilatoren. Denn drinnen wird es so warm wie auf dem Spielfeld in Brasilien. Und: Neuer. Neuer. Neuer. Die Deutschen brüllen seinen Namen nicht nur in der 34 Minute bei seiner Glanzparade. „Benzema“- und „Aux armes“ (zu den Waffen) schreiende Franzosen kommen nicht dagegen an.

Trauerfaktor: Bei den Franzosen geringer als gedacht. Nach Abpfiff und auch noch in der Viertelstunde danach stimmen sie immer wieder die Marseillaise an. Man ist stolz auf les Bleus, trotzdem. Der restliche Frust wird ertränkt im deutschen Bier.

Fazit: Ein Ort in Paris, wenns halt mal deutsch zugehen muss (Heimweh, Sauerbratensehnsucht, Bundesliga). WM im Stehen (alle Tische und Stühle werden rausgeräumt) und mit großer Tuchfühlung. Bei einem Spiel wie am 4. Juli ist eine Deutsch-französische Sause garantiert. Identitätsschwierigkeiten auf beiden Seiten: Lust einiger Deutscher, die französische Hymne mitzusingen. Und Franzosen rufen auch mal „Schweinsteiger“. Hoher Angrins- und Flirt-Faktor. Aber ob das bei einem WM-Finale auch noch so nett gewesen wäre?

Café Titon, 34 Rue Titon, 75011 Paris, Métro Rue des Boulets , www.cafetiton.com/

Le couple franco-allemand

Le couple franco-allemand

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Paris-Tipp: Fußball schauen

Der Franzose algerischer Abstammung will, dass Dortmund das Champions-League-Finale gegen Bayern gewinnt. „Die haben die Farben Gelb und Schwarz, und mein Lieblingsclub in Algerien hat die auch“, sagt er und grinst. Gebannt schaut er auf den Bildschirm, schüttelt den Kopf und stammelt immer wieder: „Was für Top-Mannschaften, was für Fußball, das ist europäische Klasse.“

Wer Fußballnarr ist und seine Parisreise gebucht hat zu Zeiten, in die gerade so ein Top-Spiel fällt, der wird sich fragen: Wo kann man das unter Franzosen anschauen mit der Sicherheit, auch wirklich alles mitzukriegen? Natürlich haben die zig Brasserien und Bars in Paris meistens mindestens einen Bildschirm und zeigen solche Spiele – manchmal in familiärer Atmosphäre. Aber wer in einer größeren Gruppe unterwegs ist und sicher gehen will, dass alle einen Platz bekommen, wo man gut sieht, unter Gleichgesinnten ist und was essen kann, der sollte sich Sportbars wie „Le Players“ in der Rue Montmartre anschauen.

Obacht, klein und familiär geht es hier nicht zu. Man muss so was mögen: Ein riesiger Laden auf drei Etagen, Tische in verschiedenen Größen, in Nischen, aber auch in einem größeren, restaurantähnlichen Saal, mehrere Tresen, und das Wichtigste: über 30 Bildschirme. Wer hier rechtzeitig (!) einen Tisch reserviert (heißt: Man muss hier während des Spiels auch essen), wird am Eingang gleich eingelassen; alle anderen müssen leider lange anstehen. Es fließt das Bier, und die Bedienungen in Weiß nehmen massenweise Burger-Bestellungen auf. Beim ersten Bayern-Tor springen jubelnd Männer an mehreren Tischen auf, beim Elf-Meter-Treffer der Dortmunder wird in der anderen Ecke gebrüllt. Jede Aktion von Franck Ribéry wird von den Franzosen gebührend diskutiert.

Die Lage der Sportbar ist recht zentral im 2. Arrondissement (Métro Grands Boulevards – man darf bei der Adresse nicht die Rue Montmartre mit dem Boulevard Montmartre verwechseln). Und nach dem Spiel kann man ein paar Schritte Richtung Les Halles laufen – in der schönen, zum Teil autofreien Ausgehstraße Rue Montorgueil oder auch am Anfang der Rue Montmartre lässt sich dann in vielen Kneipen diskutieren, wie gerecht oder ungerecht der Sieg ist.

http://www.leplayers.com