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Boulevard Haussmann, Paris, 9. Arr.

Boulevard Haussmann, Paris, 9. Arrondissement

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Paris-Tipp: Kuppel über der Warenwelt

Paris. Wir schreiben den 12. November. Temperatur 11 Grad Celsius. Dunkle Regenwolken kommen vom Atlantik. Weihnachten ist noch gefühlt weit weg. Doch bereits seit einer Woche fahren die großen Kaufhäuser Galeries Lafayette und Printemps ihre Weihnachtsbäume und ihren Weihnachtsglanz auf.

Weihnachtsbaum unter der Jugendstilkuppel mit Uhren dran und Plüschtieren drunter: Swatch durfte dieses Jahr den Baum schmücken

Weihnachtsbaum unter der Jugendstilkuppel mit Uhren dran und Plüschtieren drunter: Swatch durfte dieses Jahr den Baum schmücken

42 Meter unter ihr wimmelt es von Menschen in einem Labyrinth von Kosmetikständen. Zwischen Lippenstiften und Flacons drängeln sich Touristen – Kopf im Nacken, gezückte Fotoapparate, klick. Sie wollen ein Bild von ihr mit nach Hause nehmen: von der prächtigen Jugendstilkuppel in den Galeries Lafayette.

2013 ist „la coupole“ erst einhundert Jahre alt geworden. Sie scheint über der Warenwelt zu schweben. Seitlich in dem Lichthof befinden sich auf drei Etagen die Balkone, verziert mit Bronzeblättern. Die Decken der Galerien sind geschmückt mit Blütenpracht aus Stuck. „Ich habe wohl einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt“, sagt die Verkäuferin am Givenchy-Stand. „Aber vor lauter Trubel schaue ich leider nur selten nach oben.“

Pracht, die geschaffen wurde für den „Luxusbasar“.  Im 19. Jahrhundert  setzte Paris mit dieser Warenhausarchitektur Maßstäbe für die „Grands Magasins“, die großen Warenhäuser, die sich schließlich auch in anderen Ländern ausbreiteten.

Ihre Geschichte beginnt bereits im Jahr 1893. Der Kaufmann Théophile Bader eröffnet in der Rue La Fayette gemeinsam mit seinem Cousin Alphonse Kahn – beide sind Elsässer –  ein Wäschemodegeschäft. Die Ladenfläche hatte gerade mal 70 Quadratmeter. Das Geschäft wird etwas später „Aux Galeries Lafayette“  getauft – nach der Straße und den Galerien, also den engen Gängen im Kaufhaus. Es wächst und wächst, zieht um an den Boulevard Haussmann. 1912 wird die famose Kuppel fertig (sein Glasdach stammt von Jacques Gruber). Eine große dreiflügelige Treppe hinauf ersten Etage wird zu einem weiteren zentralen Element in diesem Lichthof – gemacht hat sie Louis Majorelle, wie Gruber Jugendstil-Künstler aus Nancy. Die Treppe existiert heute nicht mehr: Weil in den 70er Jahren, in denen Supermärkte und Massenproduktion es den Kaufhäusern das Leben schwer machten, plötzlich jeder Quadratmeter Verkaufsfläche zählte, wurde sie abgerissen.

Pracht, Pracht, Pracht: Man man möchte ewig nach oben schauen

Pracht, Pracht, Pracht im Kaufhaus

Die Galeries wollten ein Ort des Lebens sein, eine Stadt in der Stadt, ein Monument. Auch heute noch gibt es hier Teesalons und Restaurants – und auch einen McDonalds. Die Werbeslogans des vergangenen Jahrhunderts zeugen von Selbstbewusstsein: „Ja,  ständig ist was los in den Galeries Lafayette“ oder „Wenn Sie die Galeries Lafayette nicht gesehen haben, kennen Sie Paris nicht“. Um dem gerecht zu werden, musste man sich immer wieder in Szene setzen – nicht nur mit Ausstellungen und Modeschauen. 1919 landet Jules Védrines mit einem Flugzeug auf dem Kaufhausdach. An Weihnachten begeistert das Lichterspiel an der Fassade – das ist auch heute noch so. Edith Piaf singt vor den Galeries im Jahr 1951. Und das Kaufhaus arbeitet stetig mit Künstlern und Modeschöpfern zusammen und förderte sie – die Namen reichen von Yves Saint-Laurent, Agnès B., Jean-Paul Gaultier, Robert Wilson, Sonia Rykiel oder David Lynch. Für viele Franzosen sind die großen Kaufhäuser gerade in der Weihnachtzeit ein magischer Anziehungspunkt. „Als ich ein Kind war, sind meine Eltern dann mit mir immer hergekommen, um die sich bewegenden Marionetten und Teddys in den Schaufenstern, anzuschauen“, sagt der Franzose Olivier Gandolfo. Auch in diesen Tagen drücken sich die Menschen an den Schaufenstern die Nasen platt.

Die Kuppel von außen -  wie ein Ufo

Die Kuppel von außen – wie ein Ufo

„Unsere Kuppel ist das Symbol der Galeries Lafayette“, sagte einst Philippe Houzé, Vorstandspräsident der Firmengruppe Galeries Lafayette, zu der auch die Kaufhauskette Monoprix gehört. Sie verkörpere das Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne. Um dem Untergang zu entgehen, setzte man verstärkt auf Luxus. Jeden Tag betreten den Warentempel  im Durchschnitt bis zu 100 000 Menschen. Die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland – vor allem aus China. „Die Grands Magasins wurden von vielen Fachleuten als Dinosaurier betrachtet – ich habe ihnen das Fliegen beigebracht“, wird Houzé zitiert. Doch manche Pariser schimpfen inzwischen, dass ihr Kaufhaus nur noch auf die betuchten Eliten aus dem Ausland schiele.

Die erste Etage heißt „Luxus und Kreation“. Während in den Galeries der Verkauf von Mode leicht rückläufig ist, wächst die Nachfrage nach Accessoires jährlich um 40 Prozent. Wer  auf dieser Etage einkauft, gibt im Durchschnitt 350 Euro aus. Wer will, bekommt auch eine Uhr für 40 000 Euro oder eine Chanel-Tasche für nur 4000. Wer das nicht hat, der kann bei einem Glas Champagner (zwischen 12 und 45 Euro) die Kuppel bestaunen. Oder ihr aufs Dach steigen: Ganz oben sieht sie von außen ganz unscheinbar aus – Metallstreben und Glas neben den Abluftschächten. Doch wer sich umdreht, dem wird ein Traumblick geschenkt auf die Opéra Garnier und auf ganz Paris.

Blick vom Dach auf die Opéra Garnier

Mit Schirmen über Paris: Blick vom Dach auf die Opéra Garnier

Die Grands Magasins in Paris

Die „Galeries Lafayette“ gelten als jüngste der Grands Magasins in Paris und bestehen seit 1894. Bereits vorher eröffnet wurde „Le Bon Marché“ auf dem linken Seine-Ufer. Das „Grand Magasin du Louvre“ gibt es nicht mehr, daraus ist inzwischen eine Passage mit Antiquitätengeschäften geworden, der „Louvre des Antiquaires“. Am Pariser Rathaus gibt es noch das BHV und direkt neben den Galeries Lafayette das „Printemps“. Das einst so berühmte „La Samaritaine“ ist seit sechs Jahren geschlossen. Investoren wollen dort Büros und ein Luxushotel eröffnen.