Bei Marthe am Herd

„Franzose für einen Tag“ verspricht der Gutschein, den es zum Abschied aus Deutschland von Freunden gab. Wie wird man das? Am Herd einer Französin in Paris, bei einem Kochkurs. Die Köchin heißt auch noch so, wie man sich den Namen einer französischen Köchin vorstellt: Marthe. Marthe Brohan war einst Anwältin, merkte dann aber, dass ihr der Job nicht liegt. Sie lernte das Kochen an der Ecole Ritz Escoffier und führte mit ihrem Partner 25 Jahre ein eigenes Restaurant in Paris, wo sie auch Kochkurse gab. Heute öffnet die gebürtige Bretonin ihre eigene Wohnung und Küche – um darin Touristen ihre Kochkunst beizubringen.

Ein kleines Wohnzimmer geht über in die Küche. Ein Weinregal in der Ecke, Stuck an der Decke. Klein, aber fein, vier bis acht Gäste nehmen höchstens teil an Marthes Kursen, sonst wird es zu eng. Auf Marthes Sofa gibt’s am späten Vormittag erst mal eine Tasse Kaffee. Man plauscht ein wenig, sie verteilt eine Liste mit ihren Lieblingsrestaurants in Paris. Zwei große Bücherregale beherbergen eine Fülle von Koch- und Reisebüchern und Belletristik. Marthe reicht einige Kochbücher umher – eine kleine Vorspeise für die Augen. Sie schwärmt vom Markt und vom Bäcker um die Ecke in ihrem 15. Arrondissement in Paris, wo sie die Zutaten für das Menü gekauft hat.

Heute steht auf der Speisekarte: südfranzösischer Zucchini-Salat mit Zitronensaft, Kirschtomaten und Oliven. Dann gebratene Entenbrust mit Karotten und Schalotten. Und: Madeleines! „Die gehen schnell und halten eine Woche.“ Die kleinen Kuchen in Form einer Jakobsmuschel sind so berühmt, weil der französische Schriftsteller Marcel Proust sie unsterblich machte. In seinem Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist es der Geschmack einer in Tee getauchten Madeleine, der beim Erzähler eine Erinnerung an die glückliche Kindheit auslöst. Marthe erklärt, dass deswegen die Franzosen gerne sagen:  „Das ist meine petite madeleine“, und zwar auch zu allerhand Nicht-Madeleineigem. Es bedeutet für le Nachbar einfach: eine schöne Kindheitserinnerung. Oder es erinnert daran, wie gut Muttern einst gekocht hat.

Marthe

Drei Frauen, zwei Madeleines-Bleche, ein Teig: Marthe (rechts) gibt Anweisungen.

Genug geredet. Ran an den Teig. In Marthes Appartement (in Wirklichkeit hat sie auch noch ein anderes zum leben) steht ein großer Tisch, an dem die Teilnehmer das Essen zubereiten. Die drei Gäste werfen sich eine weiße Schürze um. Der Teig – Eier, Mehl, Zucker, Butter, Zitronenschale, etwas Salz, Backpulver – ist schnell gemacht. Zwei Bärentatzen-Bleche werden eingebuttert und leicht mit Mehl bestäubt. Es riecht nach geriebener Zitrone. Marthe ist streng, was die Mengen angeht. Man müsse bei den Madeleines sehr genau abmessen. „Ich verrate Euch den Trick, wie sie besonders gut werden“, sagt sie dann. Man müsse den eine Stunde lang gekühlten Teig in der Madeleine-Form direkt aus dem Kühlschrank in den Ofen schieben.

Ketty aus Australien betrachtet die werkelnden Köche lieber anstatt selbst anzupacken. Sie macht gerade zwei Wochen Urlaub in Paris und hat den Kurs gebucht, um mit „echten Franzosen“ zu tun zu haben. Das ist wohl das Erfolgsrezept für Marthes Kochkurse: Die Touristen wollen zwar auch Kochen lernen. Aber es geht ihnen vor allem auch darum, mal mit Einheimischen Zeit zu verbringen. „Die Leute mögen es, zu jemandem nach Hause zu gehen. Wir reden dann oft über Gott und die Welt“, sagt Marthe. Die Kurse finden auf Englisch oder Französisch statt. 80 Prozent ihrer Kursteilnehmer kommen aus den USA, viele aus Australien, aber auch aus Europa und Asien. „Die Japaner machen gerne Kurse, in denen man lernt, wie man die süßen Macarons backt.“

Draußen rauschen die Autos über den Boulevard in Richtung Gare de Montparnasse. Wenn das Essen auf den Tisch kommt, fühlt man sich wie bei Bekannten in Paris. Die Schürzen dürfen nun abgenommen werden. Marthe öffnet einen elsässischen Grauburgunder. Auch ein Käsegang fehlt nicht. Nach dreieinhalb Stunden ist der Kurs vorbei – und der Magen voll. Die übrigen Madeleines – außen knusprig, innen weich – darf man in einer Schachtel mitnehmen, wie auch Kopien der Rezepte der Gerichte. Nur den petit café, den gibt es nicht. Den kann man wunderbar in der nicht weit entfernten Tour Montparnasse einnehmen mit Blick auf die Stadt – im 56. Stock befindet sich das Restaurant Ciel de Paris. Da unten wohnt Marthe. Das hört sich fast schon an, als hätte man eine nette Tante in Paris.

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