Leben mit Vigipirate

Die Lehrerin an einem Collège im Westen von Paris sagt: „Wir sind ein Land, das gerade Krieg führt – heute habe ich das mal wieder gemerkt.“ Sie wollte mit ihrer Schulklasse eine Fahrt in den Louvre machen – mit der Schnellbahn RER und der Métro. Doch ihre Schulleitung hat es verboten: Klassenausflüge mit diesen Verkehrsmitteln sollen derzeit vermieden werden, man solle lieber einen Bus bestellen. Eine Anweisung der Präfektur.

Das zeitweise RER-Verbot hängt mit dem „Plan Vigipirate“ zusammen. Der Name klingt ein wenig nach einem Computerspiel, bei dem man Piraten jagen muss. Es ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „vigilance“ (Wachsamkeit) und „pirate“.

Der Begriff steht für einen Sicherheitsplan zum Schutz vor Terrorismus. Ausgearbeitet wurde er schon im Jahr 1978 unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing. Der Plan wurde immer wieder verschärft – vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Heute sieht er verschiedene Stufen vor, die mit Farben gekennzeichnet sind: Sie reichen von gelb, orange, rot bis scharlachrot („écarlate“). Er sieht über 400 verschiedene mögliche Sicherheitsmaßnahmen vor, die in das Leben der Franzosen eingreifen können.

Le Nachbar kennt diese Farben und hat sich längst an Vigipirate gewöhnt. Derzeit gilt zwar die Stufe rot. Aber sie gilt bereits durchgehend seit den Anschlägen in London im Juli 2005: Damals ereigneten sich während des Berufsverkehrs vier Explosionen. Die Attentäter zündeten ihre Bomben in drei U-Bahnen und in einem Doppeldeckerbus. Viele Menschen starben. Im Laufe der Jahre drohte die islamistische Terrororganisation al-Qaida im islamischen Maghreb immer wieder mit Anschlägen gegen französische Einrichtungen und bekannte sich auch zur Entführung von Franzosen. Es blieb also über die Jahre bei dieser Wachsamkeits-Farbe. Die Stufe rot wird in der offiziellen Erklärung  erklärt mit Sätzen wie „die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um dem konkreten Risiko eines oder mehrerer schwerer Anschläge vorzubeugen“. Man bleibt vage.

Seitdem die französischen Truppen in Mali in Afrika gegen die Islamisten kämpfen, herrscht zwar weiterhin in Frankreich Stufe rot – aber man hat die Stufe im Januar 2013 von „rot aktiv“ auf „rot verstärkt“ erhöht. (Das machen die Behörden auch an Festtagen wie Weihnachten oder zum Jahreswechsel, wenn viele Menschen unterwegs sind.) In Paris sieht man in diesen Tagen vor allem auf Bahnhöfen und Flughäfen wie auch am Eiffelturm und beim Louvre schwer bewaffnete Soldaten – es sollen 700 zusätzlich unterwegs sein. Hin und wieder werden Personen oder Gepäckstücke kontrolliert (von Zugreisenden wird schon lange verlangt, dass sie ihr Gepäck mit einem Adressschild versehen). An vielen Eingängen gibt es Handtaschenkontrollen. Man lässt es über sich ergehen. Wegen der vielen roten Jahre tritt ein wenig ein Vigipirate-Gewöhnungseffekt ein.

Sollte der „Plan Vigipirate écarlate“, also dunkelrot ausgerufen werden, erwartet die Regierung unmittelbar bevorstehende größere Anschläge. Seit es den Plan gibt, wurde diese höchste Alarmstufe aber nie landesweit ausgerufen, sondern nur regional: Und zwar im März 2012 von Präsident Nicolas Sarkozy für den Großraum Toulouse. Damals hatte ein Attentäter einen Anschlag auf eine jüdische Schule verübt.

Dass jüngere Schulklassen die RER derzeit meiden sollen, hängt wohl auch mit der Erinnerung an die Anschlagserie im Jahr 1995 auf Züge der RER und der Métro zusammen (unter anderem in den Stationen Saint-Michel und Musée d´Orsay). Acht Menschen starben. Zu den Anschlägen bekannten sich damals algerische Fundamentalisten der „Bewaffneten islamischen Gruppen“ (GIA). Es war eine Zeit, in der manch einer in der Métro erst nach einer Bombe unter dem Sitz schaute, bevor er sich darauf niederließ. Damals setzte die Regierung landesweit 20 000 Polizisten, 2500 Soldaten und 9000 Zöllner an Flughäfen, Bahnhöfen, Grenzen und Museen zusätzlich zur Überwachung ein. Und in Paris begann man, 7000 Abfalleimer zuzuschrauben oder abzubauen, damit sie nicht als Sprengstoffversteck dienen konnten. Auch heute werden in französischen Städten oft durchsichtige Abfallsäcke verwendet.

Die S-Bahn RER fährt tief in der Erde, noch unterhalb der Métro. Sie bringt sehr viele Menschen aus den Vorstädten ins Zentrum nach Paris. Die RER A zum Beispiel gilt mit einer Million Fahrgäste pro Tag als die am meisten befahrene S-Bahn-Linie in Europa.

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