Le moment

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Gare de Lyon, Paris, 12. arrondissement

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Paris-Tipp: Flanieren am Bassin

Langsam gleitet auf dem Bassin de la Villette ein Ausflugsboot vorbei. Boule-Kugeln klacken vor der „Bar Ourcq“ – zwei Teams spielen gegeneinander. Leihen kann man sich die Kugeln für das Pétanque-Spiel gratis in der Bar. Ihr Besitzer Jérôme Naccache sitzt an einem Tisch und sichtet Rechnungen. Beinahe 15 Jahre schon betreibt er die Bar, sie ist eine kleine Institution hier am Bassin im Nordosten von Paris. Naccache erinnert sich: Damals hatte diese Ecke die Pariser kaum interessiert. Erst als das beliebte Doppelkino MK2 an beiden Ufern erbaut wurde, lockte das die Leute hierher. „Heute haben wir hier den Ansturm der Bobos wie in den anderen Vierteln“, sagt Naccache. Bobos, Bourgois-bohèmes, so nennen die Franzosen die alternativen Wohlstandsbürger.

Boote am Bassin de la Villette

Am Bassin de la Villette ist eine der schönsten Promenaden der Stadt, hier findet man Ruhe vor Autolärm und auch vor Touristen. Naccache mag das Flair. „Jungs aus den nördlichen Vorstädten, orthodoxe Juden, Obdachlose, Künstler, Bobos – sie alle kommen hierher.“ Im August veranstaltet die Stadt auch einen Ableger der Strand-Aktion „Paris Plages“ hier am Wasser.

Ein paar Schritte weiter sitzen auf der Terrasse des „Pavillon des Canaux“ zwei Frauen bei Kuchen und Tee. Aus dem früheren Kanalwärterhäuschen ist ein hübsches Café geworden, manchmal gibt es Kinderprogramm, Pilates und Workshops. Schüler ziehen aus dem Bootshaus nebenan Kanus und damit auf dem Wasser ihre Bahnen. Auf der Terrasse des Brauhaus „Paname Brewing Company“ schauen ihnen Leute bei einem Nachmittagsbier zu.

Man kann das Bassin auch auf einem Fußgängersteg überqueren.

Das Bassin lässt sich schön umrunden vorbei an den zu Wohnhäusern umgebauten Lagerhallen auf die andere Uferseite – am besten über die letzte Hebebrücke von Paris in der Rue de Crimée. Dieser „pont levant“ grenzt das Bassin ab vom Canal de l´Ourcq, der hochführt zum Parc de la Villette mit seinen Konzerthallen, der bei Kindern beliebten Cité des Sciences et de l´Industrie und der neuen Pariser Philharmonie. Erbaut wurde die Hebebrücke 1884 von demselben Betrieb, der die Fahrstühle des Eiffelturms installierte. Zirka 9000 Mal im Jahr hebt und senkt sich die Stahlbrücke, von einer Fußgängerbrücke nebenan kann man das Spektakel gut beobachten.

Kleine Zwangspause: Warten an der Hebebrücke (gerade oben), bis die Boote durch sind.

Wenn man dann auf der anderen Seite zurückläuft kommt man bei der Rue Riquet an den Bars „Le Bellerive“ und „Le Bastringue“ vorbei, wo die Einheimischen am späten Nachmittag beim Aperitif sitzen und gen Wasser schauen, als läge Paris am Meer. Etwas weiter dann liegen fest vertäut zwei Péniches, zwei alte Kähne, die zur Bar bzw. Bar-Theater umfunktioniert wurden. Wer aktiver sein will und nicht nur beim Glas Wein sitzen will, kann beim benachbarten Bootsverleih sich ein Boot leihen und ein bisschen umherkurven auf dem Wasser. Sogar für Kinder gibt es eine Boote – nur die Preise fürs Leihen erinnern daran, dass man in Paris ist und nicht an einem Strand in der Provinz.

Bar Ourcq, 68, Quai de la Loire, in der kälteren Jahreszeit nur Do, Fr, Sa, So ab 15 Uhr; Pavillon des Canaux, 39, Quai de la Loire, täglich ab 10 Uhr; Métro: Jaurès

Paris-Tipp: Kleine Flucht vor Touristen

Louvre, Eiffelturm, Montmartre – irgendwann ist es gut mit dem Pariser Touristen-Pflichtprogramm. Dann will man einfach mal eine normale Straße entlanglaufen mit Einheimischen-Anteil von mindestens 80 Prozent. Bummeln, Bistro, Boutiquen, ein bisschen Normal-Paris.

Man nehme: die Rue du Château d´eau. Kommt man aus der gleichnamigen Metrostation ans Tageslicht, fallen die vielen Afro-Friseursalons auf mit Namen wie „African Queen“ oder „Senegal beauté“. Junge afrikanischstämmige Männer auf dem Gehsteig versuchen, weibliche Kundschaft in die Salons zu locken. „Ich hab doch schon woanders einen Termin“, sagt eine schwarze Frau, lacht und läuft weiter.

Ein Afro-Salon in der Rue du Château d´eau

Ab dem Rathaus des 10. Arrondissements wird die Rue du Château d´eau ruhiger. Vor dem Feuerwehrgebäude rollen die Pompiers ihre Schläuche für eine Übung aus. Gegenüber im überdachten Markt „Marché Saint Martin“ (Hausnummer 31-33, Di bis Sa 9 bis 20 Uhr, So 9 bis 14 Uhr) gibt es Käse und Wurst für ein Picknick, das man an einem warmen Tag am Ende dieses Spaziergangs am Canal Saint-Martin machen könnte.

Die Gentrifizierung ist längst auch in diesem Viertel voll im Gange, und dennoch hat so mancher traditionelle Metzger und Handwerker überlebt. Vorbei an Wein- und Spielzeugläden, den sich überall in Paris vermehrenden Coworking-Spaces, dem bei Anwohnern beliebten Bistro „Le Petit Château d´Eau“, wo es mittags eine Plat du jour für 13 Euro gibt (Hausnummer 34), erreicht man die Galerie L´oeil ouvert (1, Rue Lucien Sampaix), die meist erschwingliche Drucke, Bilder und Fotos von Pariser Künstlern verkauft. Man sollte unbedingt noch einen Abstecher machen in die Trésorerie, einem Laden mit allerhand Küchen- und Wohnaccessoires im schwedischen Design (11, Rue du Château d´eau). Und groß gewordene Mädchen werden schwärmen von den Taschen und Kettchen im kleinen Atelier des Couronnes (Hausnummer 6), in dem die beiden Pariserinnen Louise Damas und Claire Rischette ihre Schmuck- und Lederideen Wirklichkeit werden lassen.

Wer gen Osten blickt, sieht schon die Bäume auf der Place de la République, dem Platz, an dem sich die Pariser nach den Terroranschlägen versammelt haben – eine Gedenkplatte vor einem Baum erinnert dort daran. Aber halt, lieber wieder ein paar Schritte zurückgehen in die Rue de Lancry Richtung Canal Saint-Martin. Ein Schreibwarenladen, dann das Schild „Spaghettina“. Viele Franzosen denken, hier gibt es Spaghettigerichte. Aber es ist eine Deutsche, die hier leckeres Spaghetti-Eis verkauft (61, Rue de Lancry, Mi bis Sa 13h-19 Uhr, So 14h-18h. Im Winter oft geschlossen).

Schnecken schauen Dich verführerisch an… in der beliebten Boulangerie Du Pain et des Idées, die leider aber am Wochenende geschlossen ist.

Daneben ein koreanisches Restaurant, „Guabao Saam“, dem die Pariser geradezu die Bude einrennen. Statt gleich geradeaus zum Canal Saint-Martin zu gehen, sollte man abbiegen zur Bäckerei Du Pain et des Idees (34, Rue Yves Toudic, Mo bis Fr ), nicht nur wegen der wunderbaren Rosinenschnecken, auch wegen seines schönen Interieurs mit viel Gold und Spiegeln.

Wer Paris nicht verlassen will ohne ein neues Kleidungsstück, der findet in der nahen Rue de Marseille und Rue Beaurepaire eine hohe Boutiquendichte. Am Ende liegt am Canal das Szenecafé „Chez Prune“ (36, Rue Beaurepaire). Hier lässt es sich gut draußen sitzen bei einem Glas und Pariser beobachten – wie die Pariser es selber gerne tun.

Viele Geschäfte öffnen erst um 11 Uhr, am Sonntag und Montag haben die meisten geschlossen. Métro: Château d´eau

Paris + Schnee = problème

Das letzte Mal schneite es so viel in Paris vor fünf Jahren. Die Nachbarin warnte damals: „Fahren Sie um Gottes Willen nicht mit dem Auto!“ Ich erwiderte: „Keine Sorge, ich habe Winterreifen.“ „Ja, Sie vielleicht, aber alle andern nicht. Die Pariser sind das Problem, nicht Sie!“

Schnee auf Notre-Dame und Seine-Hochwasser davor

Jetzt ist es wieder passiert. Zwölf Zentimeter Schnee reichen aus, den Großraum Paris ziemlich lahm zu legen. Paris ist noch weißer also sowieso schon. Staurekord 740 Kilometer. Auf einer Landstraße südlich von Paris haben Menschen in ihren Autos überachten müssen, weil nichts mehr ging. Am Mittwoch fuhren keine Busse mehr, Schulen stellten den Unterricht ein, die Präfektur ruft auf, die Autos zu Hause stehen zu lassen. Die Abendnachrichten beginnen nicht mit der wichtigen Rede des Präsidenten auf Korsika, sondern mit dem Thema Schnee.

Spaßvögel fahren den Montmartre-Hügel mit Skiern runter, auf dem Marsfeld sind Langläufer unterwegs. Die Stadt ist herrlich ruhig wie nie. Horden von Fotografen schwirren aus, um diese seltene, einzigartige Stimmung einzufangen – Hochwasser ist ja auch noch. Paris liegt im Pariser Becken, das Klima ist gemäßigt, die Winter eher regnerisch und schneearm. Ein paar Flocken ja, aber ein paar Zentimeter? Damit kann Paris nicht umgehen.

Die Metro fuhr am Mittwoch, die Busse nicht mehr.

In den Zeitungen wird debattiert, warum das so ist. Weil so selten Schnee fällt, haben die Gemeinden nicht sehr viele Räum- und Streufahrzeuge, das rentiere sich nicht. Und die Fahrzeuge, die unterwegs sind, kommen nur langsam voran, weil der Verkehr in Paris so chaotisch ist.

In Frankreich herrscht normalerweise keine Winterreifenpflicht. Die Pariser wollen für diese extra Reifen zudem kein Geld ausgeben – das lohne sich nicht für die paar Durchschnitts-Flocken. Sie wüssten außerdem gar nicht, wo sie die Autoreifen in ihren kleinen Appartements lagern sollten. Kaum schneit es also ein bisschen mehr, beginnt das große Sommerreifen-Schliddern.

Fotos machen kann ja jeder…

Alle wissen: Dauert ja eh nur einen Tag. On s´adapte. Schneeschaufel? Gestern habe ich einen Kioskbesitzer gesehen, der mit einem Stück Plexiglas den Schnee vor seinem Zeitungskiosk wegräumen wollte. Andere werkelten mit Laubrechen und Besen rum.

Letzte Nacht hat es gefroren. Aus Schnee wurde Eis. Bald soll es weiter schneien. Damit hat Paris nicht gerechnet und einige Medien gehen der Fragen nach: Wie machen das eigentlich andere Metropolen wie London oder Moskau, wenn sowas tatsächlich mal im Winter passiert?

Paris-Tipp: Rauf aufs Dach

Wenn am Abend das Kaufhaus BHV im Marais-Viertel schließt, bildet sich am Hintereingang eine Schlange. Dann dürfen ihm nämlich die Pariser aufs Dach steigen. Der Aufzug saust in den 7. Stock, ein muffiger Kaufhausgang führt hinaus auf die Terrasse des „Le Perchoir“.

Das prächtige Hôtel de Ville und in der Ferne der Eiffelturm mit Laserstrahl

Eine Holzterrasse unter einem schützenden weißen Zeltdach, Olivenbäumchen, Holzhocker an niedrigen Tischen. Der Tresen ist mit Baumscheiben verkleidet, Lichterketten sorgen für angenehme Schummrigkeit. Wer in der kalten Jahreszeit den Plastikwindschutz zur Seite schiebt, der wird belohnt mit einem traumhaften Blick auf Paris.

Aliénor Bernardie hatte sich früh in der Schlange vor dem Kaufhaus angestellt und hat nun direkt am Rand der Terrasse einen Platz ergattert. Sie blickt auf das angestrahlte Rathaus, das Hôtel de Ville, in der Ferne leuchtet der Eiffelturm. Die 30-Jährige Pariserin ist mit ihrem Vater hier, weil sie ihm diese Aussicht zeigen will. „Wir Pariser lieben Rooftop-Bars“, sagt sie. „Wir steigen nicht auf den Eiffelturm, weil wir die Touristenecken meiden.“ Trotzdem sehne sie sich nach dem Blick von oben auf ihre Stadt. „Paris ist außerdem so eng, so dicht bebaut, und hier oben habe ich das Gefühl, dass ich Platz habe.“

Cocktails schlürfen über den Dächern der Stadt

„Le Perchoir“ hat auch auf einem Wohnhaus im Stadtteil Belleville und in den Sommermonaten auf dem Gebäude des Ostbahnhofs einen Ableger. Schöne Ausblicke, Beats vom DJ, Cocktails und das Gefühl, dem Pariser Himmel ein Stück näher zu sein: Das treibt die Franzosen auf die Dächer.

Auch einige Hotels laden ein nach oben – etwa das Terrass-Hotel auf dem Montmartre-Hügel. Einheimische und Hotelgäste teilen sich die Dachterrasse. Heizstrahler wärmen im Winter. „Ich freue mich jeden Tag über diesen Blick“, sagt der Kellner, „auch wenn er ein bisschen morbide ist.“ Denn wer nicht in die Ferne zum Eiffelturm blickt, sondern steil nach unten, der sieht direkt auf die Gräber des Friedhofs Montmartre, wo Berühmtheiten wie Heinrich Heine oder Jacques Offenbach bestattet sind.

Le Perchoir auf dem BHV im Marais, Mittwoch bis Samstag 20.15 bis 1.30 Uhr, im Sommer jeden Abend geöffnet, Eingang hinter dem BHV in der 37, rue de la Verrerie.

https://leperchoir.tv, Métro: Hôtel de Ville.

Dachterrasse des Terrass-Hotel, 12-14, Rue Joseph de Maistre, geöffnet ab 15.30 Uhr bis 1 Uhr. Das Personal an der Hotelrezeption zeigt Ihnen, wo der Aufzug nach oben in die 7. Etage ist. Es gibt dort auch ein Restaurant – dafür muss man aber reservieren.

http://www.terrass-hotel.com, Métro: Blanche, Abessess

Blick von oben auf die Gräber des Friedhofs Montmartre und auf den Eiffelturm – vom Terrass-Hotel

Paris-Tipp: Schöne Knochen

Gleich am Eingang bekommt man erst mal einen Schreck. Dutzende Skelette schauen einen an: von einem Seelöwen, einem Panda, einem Okapi. Eine 80 Meter lange Museumshalle voller toller Tiere. Allerdings nur ihre Knochen.

Schüler sitzen auf dem Boden und machen Skizzen von den Skeletten in ihre Zeichenblöcke, ihre Lehrerin blickt ihnen gelegentlich über die Schulter. Die Galerie de Paléontologie et d’Anatomie Comparée ist Teil des nationalen Naturgeschichtlichen Museums im Jardin des Plantes, dem bei den Parisern so beliebten Park neben dem Bahnhof Gare d´Austerlitz.

Die einen sammeln Briefmarken, andere Skelette.

Generationen von Franzosen staunten bereits über diese außergewöhnliche Wirbeltier-Sammlung von Fleisch- und Pflanzenfressern. Ein fünfjähriger Orang-Utan mit großer Zahnlücke, mehrere Schimpansen und Gorillas schauen die Besucher an mit ihren tiefen Augenhöhlen. Vitrinen sind voller Hundeschädel oder Gebisse von Bären. Fragile, zarte Skelette von Vögeln und Fröschen sind hier ausgestellt und nur wenige Meter weiter die kräftigen Knochen eines Elefanten aus Asien oder eines Wal-Skeletts. Auch wenn man eigentlich nur Knochen sieht: Man hat dennoch das ganze Tier vor Augen.

Bis zu 1000 Skelette, Eier und Organe sind hier im Erdgeschoss ausgestellt. Einer Riesenschildkröte kann man durch ihr Skelett auf ihr Panzerinneres sehen, und der Alligator vom Mississippi verliert auch nicht in abgespeckter Form seine Kraft, einem Angst einzuflößen.

Gruselig wird es bei den Vitrinen mit den Python- und Wildschweinherzen oder Lama- und Tiger-Lebern. Und es geht noch morbider: Gläser mit konservierten Gehirnen, Mägen und Zungen. Bei der Vitrine mit der Überschrift „monstres“ mit den Tier-Missgeburten drückt man auch mal gerne die Augen zu.

Der aufrechte Gang war bei diesen Exemplaren noch nicht angesagt.

Es ist das perfekte Museum für Regentage, wenn man den Touristenmassen im Louvre oder Musée d´Orsay aus dem Weg gehen will. In dieser Sammlung der vergleichenden Anatomie gehen die Pariser auch gerne mit ihren (freilich nicht zu jungen) Kindern, die dann meist völlig fasziniert sind. Nicht nur, weil sie hier das Skelett des Rhinozeros von Ludwig XV. anschauen können. Sondern weil im ersten Stock bei den Wirbeltier-Fossilien auch Skelette von Dinosauriern stehen.

Wer hier über das knarzende Parkett läuft, der ahnt: Eigentlich ist das Museum selbst reif für ein Museum. Nicht nur weil es bereits 1898 eröffnet wurde. Sondern weil es aus einem Jahrhundert stammt, wo man noch glaubte, alles in der Natur sammeln, mit Schreibmaschine und Zettelchen beschriften und somit die gesamte Tierwelt klassifizieren und bändigen zu können. Der Gang in dieses Museum ist eine Zeitreise – kein Wunder, dass es gerne genutzt wird für Film- und Interviewdrehs.

Fossilienfans werden jauchzen vor Glück, da die beiden oberen Stockwerke voll damit sind. Wer nach dem Besuch merkt, dass ihm die Skelette aufs Gemüt schlagen, der muss nur wenige Meter gehen zur anderen Seite des Jardin des Plantes: In die Manège, dem hübschen kleinen Zoo mit lebendigen Tieren.

Knochen, die auch Kinder begeistern.

Adresse: 2, rue Buffon, Metro: Gare d´Austerlitz

http://www.mnhn.fr/fr/visitez/lieux/galerie-paleontologie-anatomie-comparee

Warten auf die Supermetro

Eine provisorische blaue Metallbrücke führt über Bahngleise und eine große Baustelle. Manche Reisende bleiben stehen und blicken in die Tiefe. Auch Jean Delaroche beobachtet die Arbeiten für die neue Metro in seinem Ort Clamart bei Paris: das betonierte neue Gleisbett, auf Gerüsten liegende Stahlträger, die Bagger, die Erdreich wegschaufeln. „Die neue Metro wird unsere Pariser Vorstadt ein bisschen aus der Isolation befreien“, sagt der Rentner.

Der Vorort Clamart liegt wenige Kilometer südlich von Paris. Die neue Pariser Supermetro 15 soll hier vorbeiführen. Arbeiter legen Fundamente für einen neuen Bahnhof, an dem sich Metro und Vorortbahn kreuzen und täglich 50.000 Menschen ein- und aussteigen werden. „Als mein Sohn für sein Studium in den westlichen Pariser Vorort Noisy-Champs wollte, brauchte er von hier aus zwei Stunden“, erinnert sich Delaroche. „Mit dieser neuen Ring-Linie wird die Fahrt nur noch 30 Minuten dauern.“

Die Baustelle in Clamart ist Teil des größten stadtplanerischen Bauprojekts Frankreichs: Paris baut am „Grand Paris“ (Groß-Paris). Die Stadt will sich fit machen für die Zukunft, sich stärker als Großraum definieren, mit den Vorstädten stärker zusammenwachsen und das Nahverkehrsnetz den enormen Anforderungen anpassen.

Sie wird bereits groß angekündigt: Schilder bei Clamart

„Grand Paris Express“ ist zunächst ein großes Infrastruktur-Projekt. So soll in 15 Jahren das Metronetz fast verdoppelt werden von derzeit 220 auf 425 Kilometer. Geplant sind 18 statt bisher 14 Metrolinien sowie 68 neue Bahnhöfe. Drei bisherige Metrolinien sollen verlängert werden. Für besonderes Aufsehen sorgt dabei die Ringlinie 15: Diese regionale vollautomatische Supermetro umrundet Paris in einem Abstand von etwa fünf Kilometer. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen werden all diese neuen Linien täglich nutzen, sie bieten viele Übergangsmöglichkeiten zum bisherigen Metro-, RER-, Bus- und Tramsystem, aber auch zu TGV- und Nahverkehrsbahnhöfen.

1600 Zulieferer, 30 Architekturbüros, 15.000 Arbeitplätze auf Zeit: „Eine Baustelle von solchem Ausmaß hat es seit der Konstruktion der neuen Städte in den 1960er Jahren nicht mehr gegeben“, sagte Philippe Yvin, Präsident der Societé du Grand Paris, die für das Projekt verantwortlich ist. 200 Ingenieure, Beamte und private Experten überwachen den Kauf der 3000 Flächen, auf denen die Bahnhöfe oder Tunnel entstehen. Sie organisieren Bürgerversammlungen, kontrollieren die angelaufenen Arbeiten und deren Vergabe. Außerdem wachen sie über die geplanten Kosten von Grand Paris Express in Höhe von 28 Milliarden Euro.

Der Traum von einem Grand Paris wird schon lange geträumt. Einen wichtigen Anschub bekam das Projekt durch den früheren konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Er kündigte 2007 einen internationalen Architektenwettbewerb an, der Ideen für den zukünftigen Ballungsraum lieferte. Denn Paris ist stark zweigeteilt. Auf der einen Seite die Innenstadt, die am dichtesten bebaute Stadt der Welt. Auf der anderen Seite die Banlieue, die mal reicheren, mal ärmeren Vororte. Zwischen ihnen verläuft wie ein Graben die städtische achtspurige Ringautobahn „Boulevard Périphérique“. Sarkozy wollte, dass Kern-Paris und die Vorstädte wieder mehr miteinander verschmelzen. Immer wieder gab es Rückschläge und Anpassungen des Projekts. Seit dem vergangenen Jahr schürfen nun die Tunnelbohrer und lärmen die Abrissbagger. Grand Paris Express wird Wirklichkeit.

Paris investiert in seine Attraktivität. Im zentralistischen Frankreich ist der Ballungsraum mit seinen 12 Millionen Einwohnern (Kernstadt: 2,3 Millionen Einwohner) das bedeutendste Wirtschaftszentrum Frankreichs. In der Region Île de France werden 31 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, 944.000 Firmen sind hier vor Ort. Die meisten französischen Fernstraßen und Eisenbahnlinien starten oder enden in Paris. Konzerne und Mittelständler schätzen nicht nur die Nähe zu Wirtschaft und Politik, sondern auch die gute Erreichbarkeit in Europa, die beiden größten Flughäfen Frankreichs, gute Logistik-Möglichkeiten und nicht zuletzt auch die Metropole als Forschungsstandort. Doch Einwohner und Unternehmer klagen auch über Nachteile: etwa über überlastete S-Bahn- und Metro-Strecken, staugeplagte Autobahnen und lange Fahrtzeiten. Denn Paris hat ein großes Problem: Um mit der Metro und S-Bahn von einem Vorort in einen anderen zu gelangen, muss man fast immer erst einmal nach Paris hineinfahren. Die gigantische Baustelle sei ein deutlicher Schritt in eine neue Richtung, sagt Marcus Knupp von der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Deutschlands (GTAI). „Man verbindet jetzt nicht mehr nur die Vororte mit dem Pariser Zentrum, sondern die Vororte untereinander.“ Die Banlieue soll stärker ein Teil von Paris werden.

Metro-Baustelle: Oben ein provisorischer Fußgängerübergang, unten der Tunnel im Bau

Die Stadtplaner setzen dabei stark auf die Strahlkraft der neu entstehenden Bahnhöfe. Die Metro-Bahnhöfe sollen bisher eher verlassene Vorstadtareale plötzlich interessant machen. Ein Bauboom setzt ein: So sollen zum Beispiel über dem Bahnhof Clamart rund 100 Wohnungen, Geschäfte und Coworking-Büros entstehen. Auf einigen Brachen oder Feldern im Norden sind Wohn-, Freizeit-, Dienstleistungs- und Einkaufsviertel geplant. Bis 2030 sollen insgesamt 250.000 neue Wohnungen entstehen. Die Societé du Grand Paris rechnet damit, dass die neuen Wohnungen den Pariser Wohnungsmarkt entspannen werden und zweimal preiswerter sind als vergleichbare Appartements im Zentrum.

Grand Paris Express ist aber noch mehr als nur ein Immobilien- und Nahverkehrs-Schub für Frankreichs Metropole: eine Verwaltungsreform. Im Januar 2016 haben sich 131 Kommunen mit Paris zusammengeschlossen zum Verbund Métropole du Grand Paris (MGP). Sie wollen Entscheidungen beim Wohnungsbau, Umweltschutz oder bei der wirtschaftlichen Entwicklung besser koordinieren – das betrifft immerhin 7,5 Millionen Einwohner des Großraums.

Bis alle neuen Strecken in Betrieb gehen, vergehen fast 15 Jahre. Als letzte wird die zukünftige Metrolinie 18 im Südwesten der Stadt fertig werden. Sie soll unter anderem das künftige französische Silicon Valley besser an andere Umlandstädte, die RER und an den Flughafen Orly anbinden. Denn das Grand Paris will sich auch als Forschungsstandort mehr ins Bewusstsein rücken. Im Gebiet von Paris-Saclay im Südwesten entsteht ein Wissenschaftscluster für technische Innovation mit insgesamt 19 technischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Universitäten, was gerade auch für forschungsinteressierte High-tech-Unternehmen interessant sein könnte. Die Universität wurde 2014 gegründet, Frankreich will sie zu einer der 20 weltweit führenden Elite-Universitäten machen. Ob Luftfahrt- und Verteidigungstechnik, Energie, Informations- und Kommunikationstechnologie: Zahlreiche Unternehmen sind schon vor Ort, während die Metro noch auf sich warten lässt.

Ja, aber das wird noch dauern.

Grand Paris Express

Bisher gibt es in Paris 14 Metrolinien. Jetzt werden für das Projekt „Grand Paris Express“ vier neue Strecken für eine „vollautomatische regionale Supermetro“ gebaut (15, 16, 17 und 18). Zudem werden die bereits existierenden Linien 11, 12 und 14 wie auch die S-Bahn-Linie RER E verlängert. So wird zum Beispiel die schnelle bereits jetzt fahrerlose Linie 14 vom Bahnhof St. Lazare nicht mehr wie bisher im Pariser Chinatown enden, sondern am Flughafen Orly im Süden von Paris. Am spektakulärsten wird die komplett unterirdische Linie 15 sein, die auf 75 Kilometern Länge ringförmig um Paris herumführen und auch das Büroviertel La Défense anfahren wird. In den Stoßzeiten soll die vollautomatische Bahn im Zweiminutentakt fahren. Der südliche Teil der 15 soll als erste der neuen Strecken 2022 in Betrieb gehen. Die geplante Linie 17 wird im Norden die Flughäfen Le Bourget und Charles de Gaulle und das Messezentrum Parc des Expositions miteinander verbinden. Und im Südwesten entsteht bis 2030 die Linie 18 von Nanterre über Versailles bis zum Flughafen Orly. Hier kann man einen Plan mit den zukünftigen Strecken anschauen:

https://www.societedugrandparis.fr/projet/la-carte-du-projet