Le moment

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Canal St. Martin, Quai de Calmy, Paris, 10. arrondissement

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Notre-Dame, Erinnerung

Fast genau vor einem Jahr wollte ich von oben auf Paris schauen. Mal nicht vom Eiffelturm aus, lieber von hier, dem Ursprung und Herzen der Stadt, der Île de la Cité. Ich stieg auf den Südturm der Notre-Dame. Was für ein Ausblick in 69 Metern Höhe: auf den schlanken Spitzturm, auch Dachreiter genannt, auf die Seine, in der Ferne Sacré-Cœur, das Centre Pompidou. Auf der Turmgalerie begrüßten mich die steinernen Fabelwesen, die Chimären aus dem 19. Jahrhundert. Manche strecken die Zunge heraus und gucken böse – der saure Regen spielt ihnen schon lange übel mit.

Das Centre Pompidou ist nicht weit entfernt.

Von der Turmgalerie aus sehen die Touristen auf dem Vorplatz aus wie Stecknadelköpfe.  Auf diesem Platz ist ein Metallstern eingelassen, der den Kilometer Null anzeigt: Alle Entfernungen nach Paris auf den Straßenschildern Frankreichs werden bis hierher gemessen.

Der Vorplatz der Kathedrale

Fabelwesen blicken über die Stadt.

Die Türme von Notre-Dame begleiten jeden Paris-Besucher beim Streifen durch die Stadt. Denn man sieht sie immer wieder, etwa wenn man an den Seine-Ufern entlangspaziert. Oben auf dem Turm, erinnerte ich mich: 2013 wurde die Kathedrale ein ganzes Jahr lang gefeiert. Denn Notre-Dame beging ihr 850-jähriges Bestehen. Sie bekam neun neue Glocken, was viele Pariser sehr bewegte. Sie kamen aus der berühmten Glockengießerstadt Villedieu-les-Poêles in der Normandie. Zunächst wurden sie im Innenraum zum Bewundern aufgestellt, dann geweiht und montiert.

Beim Blick auf die Stadt erinnerte ich mich auch an das Gedenken an die Terroropfer in der Kathedrale in den düsteren Anschlagsjahren 2015 und 2016: Schon immer war dieses Gotteshaus für die Pariser ein Anker in schweren Stunden. Weil Notre-Dame eben ein Ort ist, der alles überdauert.

Das glaubte man zumindest, bis Mitte April das Feuer ausbrach.

Der Dachreiter auf dem Dach der Kathedrale: Er stürzte ein beim Brand, der auch das Dach zerstörte.

Paris-Tipp: Flanieren am Bassin

Langsam gleitet auf dem Bassin de la Villette ein Ausflugsboot vorbei. Boule-Kugeln klacken vor der „Bar Ourcq“ – zwei Teams spielen gegeneinander. Leihen kann man sich die Kugeln für das Pétanque-Spiel gratis in der Bar. Ihr Besitzer Jérôme Naccache sitzt an einem Tisch und sichtet Rechnungen. Beinahe 15 Jahre schon betreibt er die Bar, sie ist eine kleine Institution hier am Bassin im Nordosten von Paris. Naccache erinnert sich: Damals hatte diese Ecke die Pariser kaum interessiert. Erst als das beliebte Doppelkino MK2 an beiden Ufern erbaut wurde, lockte das die Leute hierher. „Heute haben wir hier den Ansturm der Bobos wie in den anderen Vierteln“, sagt Naccache. Bobos, Bourgois-bohèmes, so nennen die Franzosen die alternativen Wohlstandsbürger.

Boote am Bassin de la Villette

Am Bassin de la Villette ist eine der schönsten Promenaden der Stadt, hier findet man Ruhe vor Autolärm und auch vor Touristen. Naccache mag das Flair. „Jungs aus den nördlichen Vorstädten, orthodoxe Juden, Obdachlose, Künstler, Bobos – sie alle kommen hierher.“ Im August veranstaltet die Stadt auch einen Ableger der Strand-Aktion „Paris Plages“ hier am Wasser.

Ein paar Schritte weiter sitzen auf der Terrasse des „Pavillon des Canaux“ zwei Frauen bei Kuchen und Tee. Aus dem früheren Kanalwärterhäuschen ist ein hübsches Café geworden, manchmal gibt es Kinderprogramm, Pilates und Workshops. Schüler ziehen aus dem Bootshaus nebenan Kanus und damit auf dem Wasser ihre Bahnen. Auf der Terrasse des Brauhaus „Paname Brewing Company“ schauen ihnen Leute bei einem Nachmittagsbier zu.

Man kann das Bassin auch auf einem Fußgängersteg überqueren.

Das Bassin lässt sich schön umrunden vorbei an den zu Wohnhäusern umgebauten Lagerhallen auf die andere Uferseite – am besten über die letzte Hebebrücke von Paris in der Rue de Crimée. Dieser „pont levant“ grenzt das Bassin ab vom Canal de l´Ourcq, der hochführt zum Parc de la Villette mit seinen Konzerthallen, der bei Kindern beliebten Cité des Sciences et de l´Industrie und der neuen Pariser Philharmonie. Erbaut wurde die Hebebrücke 1884 von demselben Betrieb, der die Fahrstühle des Eiffelturms installierte. Zirka 9000 Mal im Jahr hebt und senkt sich die Stahlbrücke, von einer Fußgängerbrücke nebenan kann man das Spektakel gut beobachten.

Kleine Zwangspause: Warten an der Hebebrücke (gerade oben), bis die Boote durch sind.

Wenn man dann auf der anderen Seite zurückläuft kommt man bei der Rue Riquet an den Bars „Le Bellerive“ und „Le Bastringue“ vorbei, wo die Einheimischen am späten Nachmittag beim Aperitif sitzen und gen Wasser schauen, als läge Paris am Meer. Etwas weiter dann liegen fest vertäut zwei Péniches, zwei alte Kähne, die zur Bar bzw. Bar-Theater umfunktioniert wurden. Wer aktiver sein will und nicht nur beim Glas Wein sitzen will, kann beim benachbarten Bootsverleih sich ein Boot leihen und ein bisschen umherkurven auf dem Wasser. Sogar für Kinder gibt es eine Boote – nur die Preise fürs Leihen erinnern daran, dass man in Paris ist und nicht an einem Strand in der Provinz.

Bar Ourcq, 68, Quai de la Loire, in der kälteren Jahreszeit nur Do, Fr, Sa, So ab 15 Uhr; Pavillon des Canaux, 39, Quai de la Loire, täglich ab 10 Uhr; Métro: Jaurès

Paris-Tipp: Kleine Flucht vor Touristen

Louvre, Eiffelturm, Montmartre – irgendwann ist es gut mit dem Pariser Touristen-Pflichtprogramm. Dann will man einfach mal eine normale Straße entlanglaufen mit Einheimischen-Anteil von mindestens 80 Prozent. Bummeln, Bistro, Boutiquen, ein bisschen Normal-Paris.

Man nehme: die Rue du Château d´eau. Kommt man aus der gleichnamigen Metrostation ans Tageslicht, fallen die vielen Afro-Friseursalons auf mit Namen wie „African Queen“ oder „Senegal beauté“. Junge afrikanischstämmige Männer auf dem Gehsteig versuchen, weibliche Kundschaft in die Salons zu locken. „Ich hab doch schon woanders einen Termin“, sagt eine schwarze Frau, lacht und läuft weiter.

Ein Afro-Salon in der Rue du Château d´eau

Ab dem Rathaus des 10. Arrondissements wird die Rue du Château d´eau ruhiger. Vor dem Feuerwehrgebäude rollen die Pompiers ihre Schläuche für eine Übung aus. Gegenüber im überdachten Markt „Marché Saint Martin“ (Hausnummer 31-33, Di bis Sa 9 bis 20 Uhr, So 9 bis 14 Uhr) gibt es Käse und Wurst für ein Picknick, das man an einem warmen Tag am Ende dieses Spaziergangs am Canal Saint-Martin machen könnte.

Die Gentrifizierung ist längst auch in diesem Viertel voll im Gange, und dennoch hat so mancher traditionelle Metzger und Handwerker überlebt. Vorbei an Wein- und Spielzeugläden, den sich überall in Paris vermehrenden Coworking-Spaces, dem bei Anwohnern beliebten Bistro „Le Petit Château d´Eau“, wo es mittags eine Plat du jour für 13 Euro gibt (Hausnummer 34), erreicht man die Galerie L´oeil ouvert (1, Rue Lucien Sampaix), die meist erschwingliche Drucke, Bilder und Fotos von Pariser Künstlern verkauft. Man sollte unbedingt noch einen Abstecher machen in die Trésorerie, einem Laden mit allerhand Küchen- und Wohnaccessoires im schwedischen Design (11, Rue du Château d´eau). Und groß gewordene Mädchen werden schwärmen von den Taschen und Kettchen im kleinen Atelier des Couronnes (Hausnummer 6), in dem die beiden Pariserinnen Louise Damas und Claire Rischette ihre Schmuck- und Lederideen Wirklichkeit werden lassen.

Wer gen Osten blickt, sieht schon die Bäume auf der Place de la République, dem Platz, an dem sich die Pariser nach den Terroranschlägen versammelt haben – eine Gedenkplatte vor einem Baum erinnert dort daran. Aber halt, lieber wieder ein paar Schritte zurückgehen in die Rue de Lancry Richtung Canal Saint-Martin. Ein Schreibwarenladen, dann das Schild „Spaghettina“. Viele Franzosen denken, hier gibt es Spaghettigerichte. Aber es ist eine Deutsche, die hier leckeres Spaghetti-Eis verkauft (61, Rue de Lancry, Mi bis Sa 13h-19 Uhr, So 14h-18h. Im Winter oft geschlossen).

Schnecken schauen Dich verführerisch an… in der beliebten Boulangerie Du Pain et des Idées, die leider aber am Wochenende geschlossen ist.

Daneben ein koreanisches Restaurant, „Guabao Saam“, dem die Pariser geradezu die Bude einrennen. Statt gleich geradeaus zum Canal Saint-Martin zu gehen, sollte man abbiegen zur Bäckerei Du Pain et des Idees (34, Rue Yves Toudic, Mo bis Fr ), nicht nur wegen der wunderbaren Rosinenschnecken, auch wegen seines schönen Interieurs mit viel Gold und Spiegeln.

Wer Paris nicht verlassen will ohne ein neues Kleidungsstück, der findet in der nahen Rue de Marseille und Rue Beaurepaire eine hohe Boutiquendichte. Am Ende liegt am Canal das Szenecafé „Chez Prune“ (36, Rue Beaurepaire). Hier lässt es sich gut draußen sitzen bei einem Glas und Pariser beobachten – wie die Pariser es selber gerne tun.

Viele Geschäfte öffnen erst um 11 Uhr, am Sonntag und Montag haben die meisten geschlossen. Métro: Château d´eau

Paris + Schnee = problème

Das letzte Mal schneite es so viel in Paris vor fünf Jahren. Die Nachbarin warnte damals: „Fahren Sie um Gottes Willen nicht mit dem Auto!“ Ich erwiderte: „Keine Sorge, ich habe Winterreifen.“ „Ja, Sie vielleicht, aber alle andern nicht. Die Pariser sind das Problem, nicht Sie!“

Schnee auf Notre-Dame und Seine-Hochwasser davor

Jetzt ist es wieder passiert. Zwölf Zentimeter Schnee reichen aus, den Großraum Paris ziemlich lahm zu legen. Paris ist noch weißer also sowieso schon. Staurekord 740 Kilometer. Auf einer Landstraße südlich von Paris haben Menschen in ihren Autos überachten müssen, weil nichts mehr ging. Am Mittwoch fuhren keine Busse mehr, Schulen stellten den Unterricht ein, die Präfektur ruft auf, die Autos zu Hause stehen zu lassen. Die Abendnachrichten beginnen nicht mit der wichtigen Rede des Präsidenten auf Korsika, sondern mit dem Thema Schnee.

Spaßvögel fahren den Montmartre-Hügel mit Skiern runter, auf dem Marsfeld sind Langläufer unterwegs. Die Stadt ist herrlich ruhig wie nie. Horden von Fotografen schwirren aus, um diese seltene, einzigartige Stimmung einzufangen – Hochwasser ist ja auch noch. Paris liegt im Pariser Becken, das Klima ist gemäßigt, die Winter eher regnerisch und schneearm. Ein paar Flocken ja, aber ein paar Zentimeter? Damit kann Paris nicht umgehen.

Die Metro fuhr am Mittwoch, die Busse nicht mehr.

In den Zeitungen wird debattiert, warum das so ist. Weil so selten Schnee fällt, haben die Gemeinden nicht sehr viele Räum- und Streufahrzeuge, das rentiere sich nicht. Und die Fahrzeuge, die unterwegs sind, kommen nur langsam voran, weil der Verkehr in Paris so chaotisch ist.

In Frankreich herrscht normalerweise keine Winterreifenpflicht. Die Pariser wollen für diese extra Reifen zudem kein Geld ausgeben – das lohne sich nicht für die paar Durchschnitts-Flocken. Sie wüssten außerdem gar nicht, wo sie die Autoreifen in ihren kleinen Appartements lagern sollten. Kaum schneit es also ein bisschen mehr, beginnt das große Sommerreifen-Schliddern.

Fotos machen kann ja jeder…

Alle wissen: Dauert ja eh nur einen Tag. On s´adapte. Schneeschaufel? Gestern habe ich einen Kioskbesitzer gesehen, der mit einem Stück Plexiglas den Schnee vor seinem Zeitungskiosk wegräumen wollte. Andere werkelten mit Laubrechen und Besen rum.

Letzte Nacht hat es gefroren. Aus Schnee wurde Eis. Bald soll es weiter schneien. Damit hat Paris nicht gerechnet und einige Medien gehen der Fragen nach: Wie machen das eigentlich andere Metropolen wie London oder Moskau, wenn sowas tatsächlich mal im Winter passiert?

Paris-Tipp: Rauf aufs Dach

Wenn am Abend das Kaufhaus BHV im Marais-Viertel schließt, bildet sich am Hintereingang eine Schlange. Dann dürfen ihm nämlich die Pariser aufs Dach steigen. Der Aufzug saust in den 7. Stock, ein muffiger Kaufhausgang führt hinaus auf die Terrasse des „Le Perchoir“.

Das prächtige Hôtel de Ville und in der Ferne der Eiffelturm mit Laserstrahl

Eine Holzterrasse unter einem schützenden weißen Zeltdach, Olivenbäumchen, Holzhocker an niedrigen Tischen. Der Tresen ist mit Baumscheiben verkleidet, Lichterketten sorgen für angenehme Schummrigkeit. Wer in der kalten Jahreszeit den Plastikwindschutz zur Seite schiebt, der wird belohnt mit einem traumhaften Blick auf Paris.

Aliénor Bernardie hatte sich früh in der Schlange vor dem Kaufhaus angestellt und hat nun direkt am Rand der Terrasse einen Platz ergattert. Sie blickt auf das angestrahlte Rathaus, das Hôtel de Ville, in der Ferne leuchtet der Eiffelturm. Die 30-Jährige Pariserin ist mit ihrem Vater hier, weil sie ihm diese Aussicht zeigen will. „Wir Pariser lieben Rooftop-Bars“, sagt sie. „Wir steigen nicht auf den Eiffelturm, weil wir die Touristenecken meiden.“ Trotzdem sehne sie sich nach dem Blick von oben auf ihre Stadt. „Paris ist außerdem so eng, so dicht bebaut, und hier oben habe ich das Gefühl, dass ich Platz habe.“

Cocktails schlürfen über den Dächern der Stadt

„Le Perchoir“ hat auch auf einem Wohnhaus im Stadtteil Belleville und in den Sommermonaten auf dem Gebäude des Ostbahnhofs einen Ableger. Schöne Ausblicke, Beats vom DJ, Cocktails und das Gefühl, dem Pariser Himmel ein Stück näher zu sein: Das treibt die Franzosen auf die Dächer.

Auch einige Hotels laden ein nach oben – etwa das Terrass-Hotel auf dem Montmartre-Hügel. Einheimische und Hotelgäste teilen sich die Dachterrasse. Heizstrahler wärmen im Winter. „Ich freue mich jeden Tag über diesen Blick“, sagt der Kellner, „auch wenn er ein bisschen morbide ist.“ Denn wer nicht in die Ferne zum Eiffelturm blickt, sondern steil nach unten, der sieht direkt auf die Gräber des Friedhofs Montmartre, wo Berühmtheiten wie Heinrich Heine oder Jacques Offenbach bestattet sind.

Le Perchoir auf dem BHV im Marais, Mittwoch bis Samstag 20.15 bis 1.30 Uhr, im Sommer jeden Abend geöffnet, Eingang hinter dem BHV in der 37, rue de la Verrerie.

https://leperchoir.tv, Métro: Hôtel de Ville.

Dachterrasse des Terrass-Hotel, 12-14, Rue Joseph de Maistre, geöffnet ab 15.30 Uhr bis 1 Uhr. Das Personal an der Hotelrezeption zeigt Ihnen, wo der Aufzug nach oben in die 7. Etage ist. Es gibt dort auch ein Restaurant – dafür muss man aber reservieren.

http://www.terrass-hotel.com, Métro: Blanche, Abessess

Blick von oben auf die Gräber des Friedhofs Montmartre und auf den Eiffelturm – vom Terrass-Hotel