Pétain verliert seine letzte Straße

Als kleiner Ort ist man froh, wenn man etwas Besonderes zu bieten hat. Belrain in Lothringen, nicht weit entfernt von Verdun, hatte bis vor kurzem so ein Alleinstellungsmerkmal. Wer durch das 47-Seelen-Örtchen inmitten der Pampa spazierte, stieß auf eine Marschall-Pétain-Straße. Kein anderer Ort in Frankreich ehrte mit einem Straßennamen noch den Mann, der einst Nazi-Kollaborateur war.

Dutzende Orte in dieser Region haben dem früheren Helden des Ersten Weltkriegs und der Schlacht von Verdun einst mit einer Straße gehuldigt. Auch Belrain, das Mitte der 30er Jahre eine Gasse nach ihm benannte. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Marschall Philippe Pétain führte als Staatsoberhaupt in der nicht besetzten Zone Frankreichs mit der „Hauptstadt“ Vichy ein autoritäres Regime ein, das mit Hitler-Deutschland kollaborierte. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde ihm wegen Kollaboration und Hochverrat der Prozess gemacht, er wurde zum Tode verurteilt. General Charles de Gaulle begnadigte den alten Mann, er wurde im Gefängnis auf der französischen Atlantikinsel Île d’Yeu eingesperrt und starb 1951 in der Verbannung.

Mit Blick auf die dunkle Geschichte dieses Mannes wollten viele Gemeinden im Laufe der Zeit ihre Pétain-Straße loswerden. Nur Belrain nicht. Vor Jahren schon hatte Bürgermeister Patrick Gondouin den Vorstoß gemacht, Pétain aus dem Ort zu verbannen. „Ich wusste, das würde einmal Probleme geben“, sagte er der Zeitung L´Est Republicain. Doch der Stadtrat lehnte das ab – teils aus Gleichgültigkeit, teils aus Ideologie, so der Bürgermeister. Und manchen Anwohnern ist ihr Straßenname sowieso egal: „Ich könnte in der Mein-Hintern-Straße wohnen, das ließe mich genauso kalt“, sagte eine Anwohnerin.

Doch dann tauchten Journalisten, Kameras und Mikrofone auf. Berichteten, wie der Ort Widerstand leistet gegen ein aktuelles Geschichtsbewusstsein. Belrain kam mit Pétain in die Medien. Dem Ort wurde bewusst, dass das Alleinstellungsmerkmal seinem Ruf nicht so gut tut. Seit kurzem ist der Straßenname Vergangenheit: Die Gemeinderäte stimmten nun für einen neuen Namen und den Austausch der blauen Straßenschilder. Acht stimmten für, einer gegen die Umbenennung.

Wie wird die Straße bald heißen? Man überlegt, ob sie in Zukunft nach dem französischen Widerstandskämpfer Stéphane Hessel benannt werden soll, der im Februar 2013 starb. Oder nach Lucie Aubrac, die ebenfalls während des Vichy-Regimes Mitglied der Résistance war. Manche wollen aber lieber einen Namen, der nie mehr für Schlagzeilen sorgen wird – und liebäugeln mit „Brunnenstraße“.

Nachtrag am 25. Mai: Es ist entschieden: Der neue Name lautet Brunnenstraße.

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