Der unsichtbare Tischnachbar

Cécile ist meine Tandempartnerin, ich treffe sie in einem Café in den Tuilerien. Wir bekommen vom Kellner einen Tisch zugewiesen – direkt neben dem Tisch zweier junger Mütter, die ihre frischen Babys dabei haben. Cécile grüßt sie nicht, aber wir lächeln guttsiguttsimäßig die Babys samt Mamis kräftig an.

Abstand unserer Tische: 15 Zentimeter. Themen der Mütter: Muttersein, Jobs der Väter, Urlaubspläne. Kein Problem, das alles mitzubekommen. Schon eher ein Problem, sich auf unser Tandem zu konzentrieren. Ich erzähle Cécile, dass ich neulich in einem Restaurant auch so eng neben ein anderes Paar gesetzt wurde. Dass ich freundlich bonjour gesagt hätte. Dass ich bon appétit gewünscht hätte, als deren Essen kam. Entsetzt schaut sie mich an: „Was hast du?“ Cécile kann streng sein. Ich spüre, dass ich jetzt erst einmal eine Portion Landeskunde verpasst bekomme.

Restaurants in Frankreich – für Deutsche sowieso eine andere Welt voller Fettnäpfe. Sie stürzen sich gerne wie zu Hause einfach auf einen freien Tisch, anstatt am Eingang auf den Kellner zu warten, der ihnen einen Tisch zuweist. Schon gar nicht setzt man sich an einen Tisch, an dem bereits Franzosen sitzen. Man zahlt am Ende nicht getrennt, sondern legt zusammen, so dass auf dem kleinen Tellerchen die Gesamtsumme liegt. Den Kellner ruft man nicht mit „Garçon“, sondern dezent mit Monsieur oder Madame begleitet von einem  „s´il vous plaît“.

Nicht selten kommt es vor, dass man im Restaurant und in der Brasserie ganz nah dran sitzt am Nachbartisch. Die Restaurants bestuhlen und betischen ihre Terrassen und Säle nun mal so eng, weil sie möglichst viele Gäste unterbringen wollen. Gerade in Paris sind die Mieten teuer, da wird gerne gequetscht. „Das macht man aber nicht, damit die Leute leichter ins Gespräch kommen“, sagt Cécile und seufzt. Platzmangel – die Pariser leiden darunter. Man müsse ständig seinen persönlichen Platz und sein persönliches Leben verteidigen, schützen, freikämpfen, sagt Cécile. Nervige Enge überall: in der eigenen kleinen Wohnung. In der Métro. Und dann auch noch in den Restaurants die Mini-Abstände zum Nachbar-Paar.

Halt, da ist ein Spalt: Und da durch, zwischen zwei Tischen,  soll man zu seinem Platz kommen?

Halt, da ist ein Spalt: Und da durch, zwischen zwei Tischen, soll man zu seinem Platz kommen?

Zugegeben: Das kann natürlich auch sehr spannend sein. Etwa als ich einst dabeisein durfte, als ein Paar seine Beziehung diskutiert hat. Neulich besprach ein Paar Mitte 50 einen Wohnungskauf, es ging um enorme Summen. Deren Menü war nicht lang genug, um letztlich zu einer Entscheidung zu kommen, was ich sehr bedauerte, denn ich hatte mich schon längst für das Haus entschieden.

Cécile sagt: „Jeder weiß bei diesen Mini-Abständen doch, dass er den anderen eigentlich stört.“ Et alors? Was ist die Lösung? „Man ignoriert sich!“ Le Tischnachbar, er existiert einfach nicht. Eine kurze Begrüßung und ein kurzes Verabschieden sind in Ordnung, aber selbst das lassen viele Franzosen sein. Keinesfalls wünsche man dem Nachbar einen guten Appetit. „Ich finde das einfach nur höflich“, verteidige ich mich. Cécile entgegnet: „In einem edlen Restaurant wäre das ein absoluter Fauxpas. Du würdest damit ja zugeben, dass Du die Nachbarn beobachtest oder schaust, was oder wann sie essen. Was geht’s dich an? Was mischt du dich ein? Willst Du denn nicht, dass sie einen schönen, ungestörten Abend verbringen?“ Verstehe: Zwischen Tisch und Tisch gibt es unsichtbare Mauern, die respektiert werden.

Bleibt eine technische Frage: Wie schafft man es, durch die Tische hindurch zu kommen, wenn gerade mal zehn Zentimeter Platz dazwischen ist? Ungern schiebt man schließlich seinen Po in le plat du jour des Nachbarn. Doch ein guter Kellner zieht schon mal den Tisch vor, damit der Gast durchschlüpfen kann auf die Sitzbank, vor allem wenn es sich um eine Frau handelt. Oder man muss selbst den Tisch bewegen. Oder den Bauch kräftig einziehen – und hoch auf die Zehenspitzen.

P.S.: Dieses Gespräch haben wir übrigens nicht gleich geführt, sondern später auf einer Parkbank. Die Mütter brauchten das ja nicht mitbekommen.

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