Dringend gesucht: 150 Wagons

Tagtäglich gehen viele Dinge auf unerklärliche Weise verloren. Kleine Dinge wie Socken, größere wie Koffer, aber auch sehr große wie Eisenbahnwagons.

Am Anfang dachten die französischen Eisenbahner, das sei ein Scherz. Frankreichs Bahn SNCF veröffentlichte kürzlich ein Plakat mit der Aufschrift „Wanted – 150 Wagons gesucht“. Das war wie im Western, und es war ernst gemeint. Die Frachtsparte der Bahn hat nämlich Inventur gemacht und gemerkt, dass in den vergangenen zehn Jahren über 150 Frachtwagons in Frankreich verschwunden sind. Weg, unauffindbar. Aber immerhin entladen.

Ein Bahngewerkschafter versuchte, diesen Verlust zu erklären: Man bewege in Frankreich nun mal im Jahr zwei Millionen Frachtwagons auf 30 000 Schienenkilometern – da komme schon mal was abhanden. In der Dunkelheit, bei schlechtem Wetter, durch einen falschen Eintrag im der zentralen Datei. So ein Wagon rolle schon mal aus Versehen auf Abstellgleis 17 statt 9.

Damit nun die „Operation Wanted“ ein Erfolg wird, hat die Bahn die Wagennummern der sich versteckenden Fahrzeuge aufgelistet samt  Ort und Datum des Verschwindens. Und natürlich ein Kopfgeld ausgesetzt: 80 Euro Belohnung bekommt ein Eisenbahner für jeden wiedergefundenen Wagon, ob kaputt oder lebendig. Sie sollen einfach ein Beweisfotos einschicken. Bei der Gewerkschaft findet man das alles nicht so lustig. Die Bahner hätten anderes zu tun, als Wagons zu jagen. Die Operation Wanted zeige vielmehr, wie das Management das Unternehmen herunterwirtschafte.

Für die SNCF gibt es aber einen guten Grund, die Wagons nicht einfach zu vergessen. Sie gehören ihr nämlich gar nicht. Sie hat sie gemietet bei einer Firma in der Schweiz – und die jährliche Miete für die 150 Phantomwagons beträgt insgesamt 900 000 Euro.

Socken sind manchmal einfach in der Waschmaschine hängengeblieben. Koffer tauchen von alleine wieder auf. Und Eisenbahnwagons? Im Internet scherzt Le Nachbar schon, dass die Franzosen doch froh sein können: Immerhin handelt es sich bei den verlorenen Wagons nicht um Personenwagons voller Fahrgäste.

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