Zaun an der Schule

Bing – eine Mail trudelt ein von einem früheren Kollegen aus Deutschland. Seine zwölfjährige Tochter hat gerade einen Frankreichaustausch mit einem Gymnasium bei Paris hinter sich. Er schreibt: „Sie war entsetzt, dass die Schule eingezäunt ist, ein Tor hat und bewacht wird. Man darf nur zu Beginn rein, wer zu spät kommt, hat Pech gehabt, raus kann man auch nicht. Ich hatte nie das Gefühl, dass in Frankreich so viele Verbrecher frei rumlaufen. Oder sind wir hier in Deutschland einfach nachlässig?“

Tatsächlich sind die Eingänge vieler Stadtschulen in Frankreich oft gut beaufsichtigt. Ein Gardien wacht am Eingang und schaut, wer rein und rausgeht. Er schreibt die Schüler auf, die zu spät kommen. Schüler sind es gewohnt, dass sie zu unüblichen Zeiten das Schulgelände nur dann verlassen dürfen, wenn sie ihr Schulheft vorzeigen, das Cahier de Correspondance. Darin müssen die Eltern bestätigt haben, dass das frühere Verschwinden aus der Schule in Ordnung ist.

Sicherheit in der Schule ist bei le Nachbar ein wichtiges Thema. Im französischen Schulsystem wird sehr darauf geachtet, dass die Schüler gut beaufsichtigt sind. Auch die Eltern legen Wert darauf. Wer in Frankreich am späten Nachmittag vor manchen Grundschulen vorbeikommt, der sieht nicht selten ein Verkehrschaos und ein Fußgängergewimmel: Mütter, Väter oder Nannys holen die Kinder von der Schule ab. Für manche deutsche Eltern wirkt diese Vorsicht sonderbar: Wird durch so viel Behütung und Aufsicht nicht verhindert, dass die Kinder Verantwortung und Eigenständigkeit lernen?

Später Nachmittag vor einer Grundschule in Paris: große Kinderabholung

Später Nachmittag vor einer Grundschule in Paris: große Kinderabholung

Absolute Sicherheit kann es trotz Personal am Eingang und trotz Mauern und Zäunen natürlich nie geben. Erst Mitte Mai hatte sich ein Mann in einer privaten Grundschule mitten in Paris vor den Augen von zwölf Kindern in den Kopf geschossen. Er betrat die Schule, wurde vom aufmerksamen Personal gleich angesprochen – aber er schaffte es noch, sich mit einem Jagdgewehr in der Eingangshalle umzubringen.

Die Sorge um die Sicherheit der Kinder hat wohl auch mit verschiedenen Zwischenfällen in den vergangenen Jahren zu tun, sagt Nicolas François, Direktor einer Grundschule im Pariser Vorort Fourqueux. „Vielen Eltern sind Sicherheitsvorkehrungen sehr wichtig, denn sie erinnern sich zum Beispiel noch an die Geiselnahme an einer Vorschule.“ Das passierte 1993: Ein Geiselnehmer hielt 21 Grundschüler und ihre Lehrerin zwei Tage lang fest, bis ein Elitekommando das Klassenzimmer stürmte und den Bewaffneten erschoss. Kinder und Lehrerin blieben unverletzt.

Auch das Jahr 2010 war geprägt von einer großen Debatte über die Sicherheit an den Schulen: Damals wurde in einer Pariser Vorstadtschule ein 18-jähriger Schüler von einem Mitschüler erstochen. In zwei andere Schulen drangen Jugendbanden ein, sie verprügelten ihre Opfer vor den Augen der Lehrer, es gab Verletzungen durch Messer. Obwohl diese Vorfälle eher an Schulen in sogenannten sensiblen Vororten passierten, hatten viele Eltern Angst um ihre Kleinen. Obwohl es keine Beweise gab, dass die Zahl der Fälle von Gewalt an Schulen tatsächlich zunahm.

Die Vorfälle führten sogar dazu, dass die Gesetze verschärft wurden. Seit 1994 kann das Eindringen in eine Grundschule ohne Grund oder Erlaubnis mit einer Geldstrafe oder mit der Pflicht zu gemeinnütziger Arbeit belegt werden. Schulen seien eben keine Orte wie Bahnhöfe und Flughäfen mit öffentlichen Publikumsverkehr, so die Begründung. Und seit 2010 gilt: Wer in eine Schule eindringt, um dort vorsätzlich die Ruhe oder den geregelten Ablauf zu stören und Dinge zu beschädigen, kann bestraft werden mit bis zu einem Jahr Gefängnis und 7500 Euro.

Seitdem Frankreichs Armee zu Jahresbeginn in Mali intervenierte, müssen die Schulen verstärkt auf Sicherheitsregeln achten – es gilt der Sicherheitsplan Vigipirate (siehe Le-Nachbar-Beitrag vom 15. Februar). Auch an der Grundschule von Nicolas François muss deswegen zurzeit zu bestimmten Zeiten das Tor immer geschlossen sein – wer zu spät zur Schule kommt, muss läuten.

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