Vagina-Ärger in Versailles

„De droite, katho, tradi“ – so bezeichnen sich manche selbstbewusste Bürger aus Versailles selbst. Rechts, katholisch und der Tradition verpflichtet. Die 85000-Einwohner-Stadt vor den Toren von Paris galt zuletzt gar als Epizentrum in der Bewegung gegen die Homo-Ehe. Aus Versailles kam enormer Widerstand gegen das Gesetz der sozialistischen Regierung. Versailler zogen sämtliche Strippen und spendierten üppige Schecks für die Manif-pour-tous-Bewegung, die die Massendemos gegen die Homo-Ehe organisierte.

Wenn man jahrelang Ludwig XIV. als Nachbarn hatte, sehnt man sich vielleicht auch mehr nach der Vergangenheit als nach der Zukunft. Es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass jetzt ein berühmter Gegenwartskünstler den Zorn zahlreicher Bürger der Stadt zu spüren bekommt.

Spiegel-Installation von Versailles anders sehen - und sich selbst auch.

Spiegel-Installation „C-Curve“  von Anish Kapoor: Versailles anders sehen – und sich selbst auch.

Es handelt sich um den Briten   indischer Abstammung, Anish Kapoor, der seit dieser Woche in den Gärten des Schlosses von Versailles und im Jeu de Paume sechs seiner monumentalen Werke ausstellt. Da steht zum Beispiel an der Schlossfassade ein Spiegel, der den Betrachter auf den Kopf stellt. Nicht weit davon entfernt ist ein  weiterer gigantischer Spiegel, der aussieht wie eine Satellitenschüssel:  Er fängt den Himmel ein – als hätte sich der Sonnenkönig damit die Gestirne auf die Erde geholt. Dann ein dunkler Wasserstrudel, der im Gegensatz zu den barocken-beruhigenden Springbrunnen den Betrachter zu verschlingen scheint. Oder eine Kanone, die im symbolträchtigen Jeu de Paume (wo einst der Ballhausschwur geleistet wurde) rote Wachskugeln gegen eine weiße Wand geschossen hat. Kapoors monumentale Werke sind faszinierende Fremdkörper an diesem Ort, an dem normalerweise nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen wird.

Das Kunstwerk des Anstoßes ist allerdings ein monumentales Metall-Werk namens „Dirty Corner“  (schmutzige Ecke). Ein tunnelförmiger Metallkörper reißt den Garten von Versailles auf. Dort, wo sich der Tapis Vert, eine langgezogene Rasenfläche zwischen Schloss und Grand Canal befindet, liegt ein langes Rohr aus rostigem Stahl, zehn Meter hoch, mehrere Tausend Tonnen schwer. Wie ein Erd-U-Boot, das aufgetaucht ist. Große Steinblöcke liegen an seinem Eingang und daneben. Erde ist aufgeworfen. Das sich weit öffnende, trichterförmige Rohrende sieht aus wie eine Muschel, ein Blumenkelch, ein Ohr, ein Grammophon, eine Grotte, ein Tunnelende. In einem Interview hat Kapoor zudem von der Vagina der Königin gesprochen, die die Macht übernehme. Und seither ist man in Versailles in Erregung.

Hineingehen dürfen die Besucher nicht.

Die umstrittene „Dirty Corner“: Nur schauen, nicht hineingehen.

„Es ist eine Provokation, es ist hässlich“, sagt Alain Gottvalles über das Kunstwerk. Seit 18 Jahren wohnt der Mann in Versailles und hat eine Jahreskarte für das Schloss. Jetzt steht er vor der Installation und schüttelt den Kopf. Er habe ja nichts gegen Gegenwartskunst, aber Dirty Corner würde die schöne Sichtachse zum Schloss zerstören, „man muss doch die Schönheit bewahren“. Die Debatte über die Vagina sei ihm egal, „aber dieses Chaos soll der Künstler doch bei sich zu Hause veranstalten, nicht bei uns in Versailles“. Viele seiner Mitbürger sähen das ähnlich.

Der Künstler Kapoor spielt hier mit dem Thema der Macht, die am Schloss von Versailles überall spürbar ist. Er wolle mit seiner abstrakten Kunst den Garten nicht schmücken, sondern mit den Perspektiven des Gartenarchitekten von einst, Le Nôtre, in Dialog treten. Kapoor will im streng geordneten französischen Garten das Gleichgewicht zerstören, Chaos hineinbringen, den Garten gar öffnen, hineinschauen in das Innere. Direkt neben seinem Metallobjekt des Dirty Corner ist in den Rasen ein tiefes Loch gebuddelt, das mit roter Farbe angesprüht ist – wie eine Wunde. Die Gartenwächter, die hier in Versailles normalerweise sofort mit der Trillerpfeife pfeifen, wenn ein Tourist es nur wagt, auf den Rasen zu treten, müssen beim Anblick dieses Kunstwerks denken, ihre Alpträume seien wahr geworden.

Kapoor (61) muss sich nun ständig Vagina-Fragen gefallen lassen. Das sei doch nur eine Möglichkeit der Interpretation, betonte er in den französischen Medien. Das lange rostige Rohr könne einen ja auch an einen Phallus und an viel anderes denken lassen. Und was die Kritik an der Gegenwartskunst angeht, fragt er: Will man, dass Versailles unbeweglich bleibt, ohne Objekte der Gegenwart, also wie es immer gewesen ist? Gegenwartskunst an diesem Ort helfe doch vielmehr, zu verstehen, was Versailles ist.

Dirty Corner von weitem

Unordnung im französischen Garten: Der „Dirty Corner“ von weitem.

Das sehen gerade extrem konservativ-christliche Franzosen anders. Schon vor der Eröffnung der Ausstellung gab es heftige Kritik. Eine Politikerin der christlich demokratischen Partei schimpfte per Twitter über die Provokation, die die Königin Marie Antoinette  beleidige. Eine Vereinigung von Bürgern, die zur Verteidigung christlich-humanistischer Werte aufruft, verlangt in einer Petition, die Skulpturen des Künstlers abzubauen. Der sexuelle Charakter dieser Kunst würde den Ort Versailles entstellen sowie die Würde der Frau beleidigen. Viele der Kritiker haben das Kunstwerk nie vor Ort angesehen.

Auch Rechtsextreme, für die Versailles das Schmuckstück des nationalen Kulturerbes ist, machten in den sozialen Netzwerken mobil gegen die Ausstellung. Und der Bürgermeister von Fréjus, Mitglied des rechtsextremen Front National, wetterte auf seinem Blog über diese „vulgäre Provokation“ und sprach von einer Beleidigung aller Liebhaber des Kulturerbes.

Gegenwartskunst hat es nicht immer einfach in und um Paris. Schon früher gab es Kritik an Ausstellungen in Versailles. Etwa 2010, als der japanische Künstler Takashi Murakami von Mangas inspirierte Werke zeigte. Und 2008 wollten Kritiker eine Ausstellung von Jeff Koons verhindern.

Dirty Corner: Vagina oder Phallus? Kann jeder sehen, wie er will.

Dirty Corner: Vagina oder Phallus? Je nachdem, wo man steht.

Im vergangenen Herbst wurde in Paris eine aufblasbare Installation von Paul McCarthy auf der Place de Vendôme zerstört. Seine grüne, 25 Meter hohe Installation namens „Tree“ hatte Ähnlichkeit mit einem Sexspielzeug, einem Analplug. Ein Mann schlug den 69-jährigen amerikanischen Künstler beim Aufstellen des Werks sogar ins Gesicht und rief, er sei kein Franzose und sein Kunstwerk habe hier auf dem Platz nichts zu suchen.

 

Die Ausstellung dauert noch bis 1. November 2015.

http://www.chateauversailles-spectacles.fr/spectacles/2015/anish-kapoor-versailles

 

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Feinkost vom König

Heute aber. Mal auf den Tisch hauen, brüllen, sich das nicht mehr gefallen lassen. Das Leben ändern, Flagge zeigen, König sein. Längst ist Zeit dafür. Wenn nicht heute, wann dann?

Nur: Was isst man vor so einem kraftraubenden Moment, der dem Leben einen Dreh geben wird? Müsli? Nein! Lyonerbrötchen? Nicht doch. Wie gut hatte es die Comicfigur Popeye: Ein paar Büchsen Spinat reichten dem Matrosen, um ungeahnte Kräfte zu haben für Prügeleien und andere nötige Kraftakte. Ach gäbe es doch ein Gemüse, nach dessen Verzehr man heute ein König wär’.

Da erreicht uns eine Meldung aus Versailles. Das berühmte  Schloss verkauft in seinem Souvenirshop, aber auch in feinen Lebensmittelläden an Flughäfen und in Großstädten weltweit, ab sofort Bio-Feinkost unter dem Namen Château de Versailles. Angeboten  werden die Delikatessen unter den drei Labeln „Königlicher Garten“ für  eingelegtes Gemüse und Marmelade, „Leckerbissen der Königin“ für Süßigkeiten wie Honigbonbons und Sirup sowie „Freude des Königs“ für Gänseleberpastete, Trüffel und Suppen.

Die Leckereien richten sich nach den Vorlieben von  Sonnenkönig Ludwig XIV. (ein Erbsenfreund) und der Ehefrau von Ludwig XVI., Marie-Antoinette. Hergestellt werden die Lebensmittel von dem französischen Unternehmen „Oh! Légumes oubliés“ („Oh! Vergessene Gemüse“). Versailles verkörpere nun mal das Savoir vivre der Franzosen in der ganzen Welt – und mit der neuen Feinkost solle diese Ausstrahlung weiter genährt werden, hieß es bei der Vorstellung des Sortiments.

Das könnte funktionieren. Am Morgen den Toast bestreichen mit Versailles-Marmelade und im Großraumbüro „L’État c´est moi!“ rufen. Einen Schluck Versailles-Sirup schlürfen  und königlich selbstbewusst seinen Chefs Zitate hinwerfen aus dem Munde von Ludwig XIV.: „Ich habe nicht die Absicht, meine Autorität zu teilen.“ Bingo. Das sitzt. Versailles-Feinkost verleiht Flügel.

Touristenmassen in Versailles

Touristenmassen in Versailles

Kurze Nachfrage: Was kosten die Erbsen? Ein 220-Gramm-Einmachglas mit Koriandernote 7,35 Euro. Und das Fläschchen Lavendelsirup à la Vanille 11,90 Euro. Königliche Ware, königliche Preise!

Dann muss der Lebensdreh wohl doch noch ein wenig warten. Aber vielleicht wird Versailles ja bald auch preiswertere Revolutions-Schmankerl verkaufen?

Vorschlag: Guillotine-Schokoklingen und Bastille-Blutwurst.